Charlotte erreichte das Fenster und schwang sich auf den Sims. Ein Blick nach unten verriet ihr, dass sie einen Vorsprung von etwa 30 Sekunden hatte.

Sie überlegt, ob sie ihn nicht ins Unendliche ausdehnen sollte, indem sie das Seil etwas kürzte.

Es war mehr ein theoretischer Gedanke. Sie hätte ich ihren eigenen Fluchtweg zerstört und außerdem war die Sache den Tod des Hauptmanns nicht wert.

Sie stieg in das Zimmer hinein und versuchte sich zu orientieren. Die Stille war mit Händen zu greifen und die Dunkelheit spielte Charlottes Augen geisterhafte Streiche. Schatten und Schemen, allesamt statischer Natur, bildeten bei Tageslicht sicherlich Möbel und Gerümpel, bei Nacht jedoch handelte es sich um potentielle Gefahren.

Immer in Bewegung zu bleiben, was das Erfolgsrezept eines guten Diebes, konnte ihn aber auch in auswegsame Situationen treiben.

Charlotte wägte ab: Sie hatte keine Ahnung von der Architektur des Palastes, hatte nie einen Grundriss gesehen und konnte nur ahnen, wo sich Lilian herumtreiben musste. Auf der anderen Seite lauerte der Hauptmann der Stadtwache, der die Situation völlig falsch einschätzte und sie festnehmen würde, ehe sich Lilian in Sicherheit befand.

Charlotte entschied sich für dir Tür ins Innere des Palastes. Mumm würde ihr folgen und es bestand die Gefahr, dass sie ihn geradewegs zu Lilian führte, doch es war die einzige Möglichkeit nicht noch in diesem Zimmer erwischt zu werden.

Der Flur wies ein gräuliches Dämmerlicht auf. Es roch nach Staub und feuchtem Gemäuer. Die Wände waren nicht dekoriert, wiesen keine Tapete oder Bilder auf, nicht einmal Kerzenständer. Sie waren einfach nur verputzt und mit einer dünnen Lage weißer Farbe getüncht worden.

Niemand befand sich auf dem Gang. Charlotte zögerte, da sie nicht wusste, in welche Richtung sie laufen sollte. Hinter ihr rasselte ein Kettenhemd. Mumm war vom Fensterbrett gesprungen.

Charlotte rannte los und wählte die Richtung, in der der Flur nicht zu einer Treppe führte, sondern zu einem Zimmer, dessen Tür verschlossen war. Durch das Schlüsselloch und an den Rändern des Rahmens fiel Licht.

Charlotte argwöhnte, dass sie darin eine Mädchenstimme gehört hatte. Eine zweite Stimme sagte etwas. Es klang unbeschwert, auch wenn die Worte nicht zu verstehen waren.

Charlotte sah sich in eine Sackgasse gedrängt. Jeder Schritt konnte eine knackende Bodendiele zur Folge haben, die man drinnen hören konnte. Auf der anderen Seite des Flurs tauchte der Schemen namens Sam Mumm auf. Er bewegte sich langsam und selbstgefällig.

Verdammt! Sie hätte die Treppe nehmen sollen, dachte Charlotte und überlegte, was geschehen wäre, wenn sie einem Palastwächter begegnet wäre.

Vielleicht war es so am besten, überlegte sie. Was hatte sie sich überhaupt dabei gedacht, in ein Haus einzubrechen, deren innere Struktur sie nicht kannte?

Rechts neben ihr befand sich ein Geländer, an dem man hinunter sehen und ein stattliches Treppenhaus begutachten konnte.

Der Flur war mehr eine Galerie, als ein Flur. Nur an einer Seite befanden sich Türen, die zu Räumen führten, auf der anderen ging es senkrecht hinunter bis ins Erdgeschoss.

Mumm musste sich ruhig verhalten. Am liebsten hätte er triumphierend gelacht, doch eher er die Diebin nicht mit Handschellen versehen hatte, beging er akuten Hausfriedensbruch.

Seine Knie zitterten etwas von der Anstrengung des Kletterns. Doch wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, brachte ihm ein Hochgefühl, das niemand nachvollziehen kann, der noch nie in fünfzehn Metern Höhe ohne Sicherung an einem schwingenden Seil gehangen hat.

Für diese Situationen war er Polizist geworden: Den Verbrecher in die Enge gedrängt und dann das langsame, hochkonzentrierte auf ihn zu Schreiten. Instinktiv griff eine rechte Hand nach seinem Schwert. Er wusste, dass er es nicht benutzen würde. Er wusste, dass ihm keine Gefahr drohte. Charlotte war unbewaffnet so weit er es beurteilen konnte. Kleine versteckte Messer zählten in Ankh-Morpork nicht zur Bewaffnung.

Normalerweise baute sich eine Spannung zwischen ihm und dem gestellten Verbrecher auf, die gleichzeitig aus bevorstehendem Triumph und Panik bestand.

Doch da war keine Panik und das machte Mumm fast sicher, dass es keinen Triumph geben würde. Er kannte Charlotte. Er kannte sie besser als er selbst geglaubt hätte, denn tief in seinem Inneren wusste er, dass es nicht so leicht sein würde, diese Frau zu fassen, wenngleich seine Hoffnung ihm etwas anderes weißmachen wollte.

Die Galerie führte einmal um den Innenriss des Palastes herum, ein Treppenabgang befand sich darin.

Die Treppe konnte Charlotte nicht mehr erreichen, Mumm schnitt ihr den Weg ab und einmal und das Caret zu laufen, nur um am Ende an einem Geländer festzusitzen, machte keinen Sinn.

Sicherlich waren die unteren Stockwerke genauso aufgebaut wie dieses hier. In diesem Fall müsste sich unter dieser Galerie...

...ebenfalls eine Galerie befinden.

Da haben wir's, dachte Mumm, sie ist gesprungen!

Der Hauptmann seufzte. Charlotte hatte sich soeben über das Geländer geschwungen und sich in die Tiefe fallen lassen. Jedoch sicher nicht, um einen Boden anvisiert zu haben, auf dem sie möglichst ohne längere Fallzeiten erreichen konnte.

Sicherlich erwartete man jetzt von ihm, dass er ihr folgte. Er selbst verlangte es von sich und zwang seine Knochen und Gelenke zu einem waghalsigen Manöver, einem Sprung über das Geländer und hinter das, welches sich etwa zweieinhalb Meter unter ihm befand.

Das Kettenhemd, das von innen gegen den Brustharnisch schlug, schepperte verräterisch.

Charlotte war verschwunden. Ihre schwarze Gestalt im düsteren Dämmerlicht der unbelebten Flure zu erkennen, war ohnehin schwierig, doch selbst bei höchster Konzentration, musste Mumm feststellen, dass Charlotte verschwunden war.

Charlotte kauerte hinter einem Schreibtisch. Sie hatte die Tür zu einem Büro unverschlossen gefunden und sich in den kleinen Raum geflüchtet, in dem offensichtlich nicht gearbeitet, sondern nur verwaltet - das heißt Akten gestapelt - wurden.

Der kleine Schreibtisch, der darin stand dienste hierbei nicht als Arbeitsplatz, sondern als Ablage für Blätter und Mappen und Abfall und nicht mehr benötigte Notizen.

Den Schreibtischstuhl hatte Charlotte von innen gegen unter den Türgriff geklemmt.

Sie atmete tief durch.

Sie saß in der Falle, wenn er es schaffte die Tür zu öffnen. Ein scheuer Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass das Seil irgendwo dort hinten baumelte und der einzige Weg hinaus, ein beherzter Sprung ins Ungewisse sein würde - wobei sich das Ungewisse in diesem Fall als ein Blumenbeet in 12 Meter tiefe entpuppen dürfte.

Es klickte.

Der Hauptmann glaubte nicht, dass Charlotte noch eine Etage weiter gesprungen war. Je länger sie sich auf den Fluren aufhielt, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass ein verirrter Palastwächter sie aufgabeln würde, auch wenn von denen derzeit seltsamerweise keiner in der Nähe zu sein schien. Als hätte es jemand darauf angelegt, dass es zu diesem Katz-und-Mausspiel allein zwischen Mumm und Charlotte kommen würde.

Ein schlechter Scherz?

Vielleicht, doch wer steckte dahinter? Wer war der Komplize? Und konnte er plötzlich mit einer Keule in der Hand hinter dem Hauptmann auftauchen?

Mumm probierte die Türen aus.

Er musste zu dem Schluss kommen, dass die Tür verschlossen war, betete Charlotte.

Mumm war lange genug Wächter um ein verriegeltes Schloss von dem Stuhllehnentrick unterscheiden zu können.

Ein breites Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

Jetzt war es egal, ob man ihn hörte, bis die Palastwächter dem Lärm gefolgt waren, würde er die Diebin dingfest gemacht haben.

Mit voller Wucht trat er gegen die morsch anmutende Tür des kleinen Büros. Sie splitterte aus den Angeln.

*