Lord Vetinari saß im Nachthemd auf seiner schmalen Pritsche, die er als Bett benutzte.
Er schlürfte eine Tasse Tee und bedachte sein Gegenüber mit einem argwöhnischen, aber nicht unhöflichen Blick.
„Es ist eine Art... Spiel, nicht wahr?", fragte er argwöhnisch, aber nicht unhöflich.
Die Gestalt ihm gegenüber nickte und setzte ihr Teetasse ab, „Ich wäre wirklich froh, wenn du mitmachen würdest. Es ist für einen guten Zweck.".
„Du musst entschuldigen, aber mein Amt erlaubt es mir nicht, an derartigen Scherzen teilzunehmen. Mein Palast ist keine Spielwiese und ich kein Statist in einem Kasperletheater.".
Vetinari hielt einen Augenblick inne.
Er war tatsächlich kein Statist. Er war für gewöhnlich der Puppenspieler.
Ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel verriet, dass er es vielleicht doch interessant finden könnte, einmal die andere Seite zu sehen. Immerhin konnte auch er noch etwas dazu lernen.
„Und worum genau geht es, wenn ich fragen darf?", er blinzelte und auch wenn es niemandem sonst aufgefallen wäre, einem geübten Auge, das sich auf das Beobachten und Analysieren menschlicher Mimik und Gestik spezialisiert hatte, offenbarte der Patrizier damit den Zugang zu seiner komplexen und scheinbar undurchdringlichen Gedankenwelt.
„Du weißt es, Herr. Ich muss es dir nicht erklären.", sagte die Gestalt und nahm noch einen Schluck Tee, „Du weißt, was heute Nacht passiert. Und du tust nichts dagegen, weil du hoffst, dass die Probleme sich von alleine lösen.".
„Nein. Ich weiß, dass es gar kein Problem gibt. Ich habe Wächter, die sich um Einbrecher kümmern, ob ich nun von ihren Plänen weiß oder nicht. Es ist nach wie vor die Aufgabe der Wächter sie aufzuhalten.", erwiderte Vetinari und lächelte süffisant.
„Nun, ich bin hier. Kein einziger Wächter hat mich aufgehalten.", entgegnete die Gestalt.
„Bist du ein Einbrecher?", fragte der Patrizier.
„Nun, ich hätte einer sein können. Aber natürlich wusstest du es vorher...", sagte der vermeintliche Einbrecher seufzte.
„Ach, nimm es nicht so schwer!", sagte der Patrizier tröstend, „Du sitzt ja gewissermaßen an der Quelle und Spione sind immer im Dienst. Ich habe die Arbeit deines Vater immer zu schätzen gewusst.".
„Es ehrt meine Familie.", sagte die schwarze Gestalt und schlürfte die Tasse aus.
„Wie lange, glaubst du, werden sie brauchen?".
„Sie waren nicht weit hinter mir. Ich weiß nicht, warum es so lange dauert, bis sie hier auftauchen. Sie müssen doch das Licht unter der Tür gesehen haben.".
Vetinari lachte: „Du denkst wirklich nicht wie ein Einbrecher! Natürlich wird sie die Tür meiden, hinter der Licht scheint und aus der Stimmen dringen.".
„Ich bin ja auch keiner.", behauptete die Gestalt, „Was willst du jetzt unternehmen?".
„Abwarten. Irgendetwas wird geschehen. Der Hauptmann ist hier. Dinge neigen dazu zu geschehen, wenn er in der Nähe ist.".
„Und was wird dann passieren?".
„Ich schätze, es wird zu einer... Festnahme kommen. Vermutlich werden zwei junge Damen eine ordentliche Geldstrafe und einige Monate Hausarrest erhalten.", Vetinari grinste und das machte seine Erscheinung plötzlich unheimlich.
„Du willst uns eine Lektion erteilen, stimmt's?", sagte die Gestalt verdrießlich.
„Was hast du dir gedacht, das ich tun würde?".
Er bekam keine Antwort. Es war dumm gewesen auf den Humor und das Verständnis von Lord Vetinari zu bauen.
Eine Geldstrafe, hatte er gesagt. Vermutlich war diese milde Strafe den Verdiensten ihres Vaters zu verdanken. Mehr konnte man vom Patrizier nicht erwarten.
Trotzdem war es einen Versuch wert: „Wenn du nicht mitspielst... Hier habe ich ein Mes...".
„Mach dich doch nicht selbst unglücklich!", sagte Vetinari geduldig und das kleine Assassinenmesser verschwand wieder im Gewand des nächtlichen Besuchers, „Wo, glaubst du, führt es hin, den Patrizier zu bedrohen?".
„Bleibt es unter uns?".
„Wenn das Messer unter deinem Umhang bleibt.".
„Ja, Herr.".
„Also wirklich... Wegen so einer Sache... Du bist dir der Tragweite eines Messer in diesem Raum nicht bewusst...".
„Ist ja schon gut. Schweigen wir davon! Bitte!", zischte die Gestalt.
Vetinari lächelte hintergründig.
Und da, mitten durch die nächtliche Stille bahnte sich das Geräusch einer zerberstenden Tür in einem unteren Stockwerk.
„Ich glaube, es ist soweit, Miss. Wollen wir nachsehen, was geschehen ist?".
Das Mädchen richtete sich widerstrebend auf und folgte Lord Vetinari durch dir Tür, auf den Gang und die Treppe hinunter. Ein bohrendes Gefühl der Angst begleitete sie.
So hatte sie das alles nicht geplant.
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