Der Armbrustbolzen schwang hin und her in der Art wie sich das Pendel einer Uhr Sekunde um Sekunde verlässlich und gleichmäßig, unabänderlich hin und her bewegt.

Mumm konnte nicht sehen, wo er hin schießen musste. Er wusste nicht einmal, welche Umstände einen Schuss rechtfertigt hätten. Doch er fühlte sich überlegen, wenn er derjenige mit der größeren Waffe in der Hand war.

Normalerweise erfüllte ihn einer derartige Gewissheit mit Erleichterung und Sicherheit, doch diesmal mischte sich etwas wie Scham hinzu, was er sich nicht erklären konnte.

Wie dem auch sei, es musste jetzt schnell gehen, bevor hier jemand anders auftauchte. Also versuchte er es mit der hohen Kunst der polizeilichen Überredung: „Charlotte, sei vernünftig und komm vor!".

Es kam keine Antwort.

„Es ist vorbei. Mach es nicht noch schlimmer!".

Die Spitze des Bolzen strich langsam über die Fläche eines Halbkreises, bestehend aus tausenden, imaginären Schusslinien.

„Was kann schon passieren?", sagte Mumm und fügte zerknirscht hinzu: „Was kann dir schon passieren?".

Charlotte hockte immer noch hinter ihrem Schreibtisch und wartete. Auf irgendetwas. Eine Idee? Dass sich die Lösung ihrer Situation von allein fand? Dass Mumm aufgab?

Das alles würde nicht passieren, wusste sie. Trotzdem verharrte sie.

„Ah, Hauptmann Mumm.".

Mumm schreckte zusammen, als er hinter sich die Stimme von Lord Vetinari vernahm.

„Herr?", entfuhr es ihm und wand sich um. Der Bolzen wies nun genau auf die Brust des Patriziers und als Mumm das realisierte lies er die Armbrust widerwillig sinken.

Es kam zu keinem weiteren Gespräch. Vetinari baute auf die Wirkung seines Auftritts. Hinter ihm stand eine schmale, in schwarz gekleidete Gestalt. Ohne Zweifel… ein Dieb!

„Was zum…", stotterte er und fasste sich kurzdarauf und einen entsetzten Schrei loszuwerden: „Was wird hier eigentlich gespielt? Es ist ein Spiel! Aber wer wird hier von wem zum Narren gehalten?".

„Ich weiß nicht, was du meinst, Hauptmann.", sprach Vetinari amüsiert.

„Da drin…", Mumm zeigte mit einem zitternden Finger in das dunkle Büro hinter ihm und verzerrte sein Gesicht zu einem irren Grinsen, „… sitzt die Diebin, nicht wahr? Da drin! Ich hab sie verfolgt! Charlotte Freemont! Und du…", Mumms Finger schwang herum und wies binnen Sekunden unter die Nase der schwarzen Gestalt neben Vetinari, „… bist die Komplizin. Lilian Crane, wenn ich mich nicht irre! Und du…", Mumms Finger bedrohte nun Lord Vetinari, „… wusstest von alle dem! Ich verschwende meine Zeit! Das ist es! Ihr haltet mich zum Narren! Mich! Lustig! Haha!".

„Oh nein, Mumm. Ich weiß nicht viel mehr als du. Aber ich bin neugierig auf die Aufklärung. Ich denke, die beiden jungen Damen werden uns bereitwillig Auskunft geben. Ich bin immer für eine gute Geschichte zu haben. Miss Freemont, ich denke, du solltest herauskommen.".

„Ich verlange, dass man mich anhört, bevor man mich verhaftet!", kam es von drinnen.

„Wir leben in einem Rechtssystem. Hat Karotte dich nicht darauf hingewiesen? Ich werde nicht für dich eine Ausnahme machen!", rief Mumm zornig.

„Wir werden dich anhören.", bestätigte Vetinari und warf Mumm einen aufmunternden Blick zu.

Eine ebenfalls schwarz gekleidete Gestalt trat aus dem alten Büro ins Licht des Flurs.

Der Palast war einige Augenblicke eingetaucht in nächtliche, tiefschwarze Stille. Vier Personen starrten sich auf dem Gang des zweiten Stocks gegenseitig an. Spannung lag in der Luft, doch zerriss sie rech bald, als Lilian unverhofft ihrer Freundin um den Hals fiel.

Charlotte stieß sie weg: „Was soll das alles, Lilli? Weißt du in was für Schwierigkeiten wir sind?".

Lilian lachte gezwungen. Sie hätte gerne befreiend gelacht, aber den Gedanke an die bevorstehende Strafe trübte ihre Stimmung.

„Ich…", Charlotte wand sich an Lord Vetinari, „Ich bin nicht hier, um etwas zu stehlen. Ich in nicht eingebrochen in dem Sinn. Ich wollte Lilian aufhalten und sie davor bewahren, festgenommen zu werden. Ich wollte den Einbruch verhindern. Ich…".

„Wieso lachst du?", fragte Mumm nervös, während er wie gebannt auf Lilian starrte, „Wieso lachst du?".

„Sie ist wahnsinnig.", flüsterte Charlotte.

„Du weißt es wirklich nicht?", fragte Lord Vetinari.

„Was soll ich wissen?", fragte Charlotte nervös.

„Nein, was soll sie angeblich nicht wissen?", fügte Mumm hinzu.

„Ich weiß überhaupt nicht, was hier los ist!", verteidigte sich Charlotte und warf Mumm einen Blitz von einem Blick zu, der dafür hätte sorgen können, dass vom Hauptmann nichts weiter als ein dampfendes Gasgemisch in zwei Sandalen übrig geblieben wäre, doch sie wand sich sofort wieder an Lilian: „Du hast diesen Einbruch allein geplant! Ich wollte dich abhalten! Sag es ihnen!".

„Du bist nicht so unschuldig, Lotte. Aber ich gebe zu, du hattest hiermit nichts zu tun. Mal davon abgesehen, dass du eigenmächtig in den Palast eingedrungen bist.", Lilian lachte.

„Das sind die Fakten!", knurrte Mumm, „Erklär uns die Hintergründe!".

„Es sollte ein… eine Art… Hochzeitsgeschenk sein. Was schenkt man jemandem wie Charlotte? Sie hat alles. Sie kann alles. Und alles langweilt sie. Sie ist fasziniert von Verbrechern, aber noch faszinierter vom Jagen jener Verbrecher. Ich wollte ihr… ein wenig die Langweile nehmen, ihr ihren eigenen Krimi basteln. Sie in der Hauptrolle. Charlotte ist eine begnadete Diebin und ich konnte viel von ihr lernen, da dachte ich, ich könnte sie ein wenig das Fürchten lehren. Sie hat sich immer Spannung in ihrem Leben gewünscht. Sie wollte ihr Leben wie einen Kriminalroman gestalten und…".

„Ein Kriminalroman?", Mumm geriet außer sich, „Du hast einen Kriminalroman inszeniert? Damit Charlotte hier ein paar aufregende Tage verlebt?".

„Im großen und ganze… ja.", erklärte Lilian kleinlaut, „Aber Lord Vetinari kam mir zuvor. Er erwartete mich auf dem Flur und…".

„Ich kann es mir nicht erlauben, dass ein paar Mädchen ihre Streiche in meinen Palast verlegen!", sagte der Patrizier, „Ich dacht mir schon, dass du dich der Sache annehmen würdest, Mumm. Deshalb ist die Palastwache heute Nacht nicht auf ihrem Posten. Manchmal sind sie ein wenig zu… engstirnig.".

„Du hast die ganze Zeit geplant, dass ich hier auftauche und die Sache auflöse?", fragte Mumm.

„Nun, in dieser Sache bist du mir lieber, als einer der stumpfsinnigen Draufschläger, die sonst die Einbrecher in meinen Palast erledigen. Immerhin haben wir es hier mit den Töchtern zweier Gildenpräsidenten zu tun.", sagte Vetinari, „Man muss vorsichtig sein, wenn man das Machtverhältnis der Stadt nicht ins Ungleichgewicht bringen will. Ich werde nach Miss Freemonts Vater schicken lassen. Wenn ihr so lange warten möchtet?".

„Natürlich, Herr.", sagte Charlotte niedergeschlagen.

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