Lord Vetinari hatte sich inzwischen vollständig angezogen. Mumm, Charlotte und Lilian warteten im rechteckigen Büro auf das Oberhaupt der Diebesgilde.

Charlotte brach das eisige Schweigen und murmelte: „Es ist nur… mein Vater vergibt keine Lizenzen an Mädchen und ich wollte so gerne als Dieb arbeiten. Ich habe alle Bücher gelesen, die ich finden konnte und habe geübt. Ich bin gut. Ich kann es mit allen Dieben der Gilde aufnehmen. Trotzdem gab man mir keine Chance. Also habe ich auf eigene Faust versucht mein Talent unter Beweis zu stellen.".

„Du warst es also doch.", entgegnete Mumm.

„Naja… Ich hab es dann aufgegeben, als sich in der Wache aufgenommen wurde. Als die Einbrüche weitergingen, musste Lilian dahinter stecken, aber ich konnte sie doch nicht der Wache ausliefern.".

„Natürlich nicht.", murmelte der Hauptmann, „Du wolltest dich nicht selbst belasten.".

„Lilian war meine beste Freundin.".

„Vor dem Gesetz sind alle gleich. Du hast die Ermittlungen bewusst behindert. Hinzu kommt Deckung und Förderung kriminelle Machenschaften, sowie Hausfriedensbruch.".

Charlotte schwieg.

„Ich werde dich unehrenhaft aus der Wache entlassen müssen.", sagte Mumm leise.

„Das hatte ich erwartet. Aber ich hoffe, das hat keine persönlichen Konsequenzen.", Charlotte blinzelte.

Mumm schwieg und über dem Büro hing die unangenehme Stille vor dem Sturm, der ohne Zweifel ausbrechen würde, wenn Charlie Freemont im Palast eintreffen würde.

Das Oberhaut der Diebesgilde hatte die letzten Wochen in einem nervösen Zustand der Likörseligkeit verbracht, schwebte auf – nein stolperte durch eine dunstige Alkoholwolke, die ihm kurzfristige Gewissheit gab, dass alles gut würde. Geschlafen hatte er schon lange nicht mehr.

Als der Bote des Patriziers in seinem Büro im Gildenhaus eintraf fand er Charlie Freemont auf seinem Schreibtisch zusammengesungen, dösend, murmelnd und eine kleine Pfütze aus Speichel langsam vergrößernd.

Als man ihn weckte, war Freemonts Reaktion ein erschrockenes: „W-w-was? Wer? Wieso? Ich war es nicht! D-die Gilde… arbeitet daran!".

Man erklärte ihm schnell die Situation und beschwor ihn so schnell wie möglich zum Palast zu kommen, doch Charlie Freemont war ein Mann der seiner Panik nicht traute und bestand darauf wenigstens einen äußerlich guten Eindruck bei Lord Vetinari hinterlassen zu wollen. Er rasierte sich, wusch sich und zog sauberer, eines Diebes von Rang angemessene Kleidung an, ehe er zum Palast des Patriziers eilte, im Stillen überlegend, wie er sich, seine Familie und die Gilde vor schlimmerem Übel schützen konnte.

Höchstwahrscheinlich hatte er diesbezüglich kaum noch Chancen. Vetinari hatte sicherlich bereits sein Urteil gefällt. Vetinari ließ sich nicht von einem wohlriechenden Rasierwasser nicht beeindrucken, wenngleich es Freemont ein beruhigendes Gefühl vermittelte, fast so als wäre er der Mann von Welt, der er gerne gewesen wäre.

Am Tor des Palastes erwartete man ihn bereits. Nachtwächter und Palastwächter hatte sich zu einem Kartenspiel zusammengesetzt. Während Fred Colon einige Bedenken geäußert hatte, glaubte Nobby, es sei nichts dabei, solange der Hauptmann nichts davon erfahren würde. Karotte gab sich seinem schlechten Gewissen hin die Kollegen im Palast vorhin nicht mit den notwendigen Informationen versorgt zu haben.

„Ah, Charles Freemont! Ich denke, man erwartet dich bereits da drin!", sagte Nobby, als er von seinem Blatt aufblickte und den Dieb fröhlich anlächelte, „Möchte jetzt nicht in deiner Haut stecken, Mann.", flüsterte er, „Wie man hört, sieht es nicht gut für die Gilde aus und wenn das meine Tochter wäre…". Eine gewisse Süffisanz in Nobbys Tonfall ließ sich nicht von der Hand weisen.

Freemont ignorierte die Wächter und passierte das Tor – ein wenig verunsicherter als zuvor.

Niemand wartete im Vorzimmer des Patriziers. Es bedeutete, dass Freemont nicht erst auf eine Aufforderung einzutreten warten musste.

Er klopfte.

Er trat ein.

„Ah, Freemont. Da bist du ja.", sagte Vetinari ohne aufzublicken.

In dem kleinen, rechteckigen Büro saßen um den Schreibtisch des Patriziers vier mehr oder weniger verdrießlich dreinschauende Personen.

Vetinari blickte mit höflichem Interesse auf den neuen Gast. Mumm versuchte den inneren Triumph gegen den Ärger über die vertane Zeit abzuwägen.

Charlotte starrte stumm auf den Fußboden.

Lilian geradewegs an Lord Vetinari vorbei an die Wand, als versuchte sie angestrengt die Anwesenheit anderer Personen in diesem Raum zu ignorieren.

„Meine Tochter? Was soll meine Tochter angestellt haben? Es handelt sich sicher um ein Missverständnis! Charlotte, was tust du hier? Und in diesem Aufzug?".

Charlotte seufzte und wollte zu einer Antwort ansetzen. Da kam ihr Lord Vetinari zuvor: „Nun, bei deiner Tochter handelt es sich offensichtlich um den unlizenzierten Dieb, den du nicht fassen konntest.".

„Sie? Eine Diebin? Aber…".

„Sie scheine eine talentierte, junge Dame zu sein.", fuhr Vetinari fort.

„Aber… Wieso? Sie hat es gar nicht nötig irgendwo einzubrechen! Es muss sich um ein Missverständnis…".

„Sie hat bereits gestanden.", knurrte Mumm, „Charlotte Freemont und Lilian Crane waren ein Team, bis sie sich zerstritten haben. Irgendwann macht jeder Dieb einen Fehler!".

„Sie kann doch gar nicht…".

„Sie hat die Diebesgilde monatelang zum Narren gehalten, nicht wahr!", führte Vetinari an.

„Nein.", entfuhr es Freemont, „Sie ist ein…".

„Ein Mädchen? Zweifellos!", mischte sich Charlotte ein, „Tut es irgendetwas zur Sache? Ich habe Talent, warum willst du das nicht wahrhaben?".

„Du wolltest mir auf diese Weise beweisen, dass du eine besserer Dieb bist, als ich?", rief Freemont entsetzt, „Und jetzt erwartest du womöglich noch, dass ich dich in der Gilde aufnehme, was?".

Bevor Charlotte etwas antworten konnte, schaltete sich Lilian ein, die bisher stumm an die Wand gestarrt hatte: „Wenn du sie nicht aufnimmst, wäre das eine nicht unerhebliche Ungerechtigkeit, die sich die Frauen von Ankh-Morpork nicht gefallen lassen würden.".

„Es gab noch nie Frauen in der Diebesgilde.", argumentierte das Gildenoberhaupt.

„Nun, ich habe mir vorhin die Satzung eurer Gilde noch einmal durchgelesen und fand bestätigt, was ich bereits vermutet hatte.", begann Vetinari.

Mumm blickte auf. Er kannte diesen Tonfall. Er bedeutete in den meisten Fällen nichts Gutes, vor allem nicht für ihn.

„Ich verstehe nicht, Herr.", sagte Freemont.

„Hier steht: „Zum Oberhaupte der Gilde der Diebe, Räuber, Einbrecher und verwandter Berufe solligt berufen sein, der beste jener Zunft.".", verkündete der Patrizier und schob Freemont ein altes Stück Pergament über den Schreibtisch, das das Siegel der Diebesgilde trug.

„Was willst du damit sagen, Herr?", fragte Freemont vorsichtig.

„Es tut mir sehr Leid für dich, aber ich fühle mich gezwungen, dich deines Amtes zu entheben.".

„Ähm… Ich glaube, ich verstehe immer noch nicht.", gab Freemont zu vernehmen.

Hinter Mumms Schädel zuckte etwas. Nervosität war normalerweise keine seiner Schwächen, doch eine wage Vorahnung und seine Vorstellung über die zukünftige Zusammenarbeit mit der Diebesgilde bewirkten einen eiskalten Schauer auf seinem Rücken.

„Ich muss gestehen, dass ich schon seit einiger Zeit nicht mehr ganz so zufrieden mit er Arbeit der Diebesgilde bin. Bitte fasse das jetzt nicht als persönlichen Angriff auf, aber deine Interessen scheinen eher in anderen Bereichen als in der Verbrechensbekämpfung zu liegen. Ein Dieb, der dich jedoch überlistet, ist zwangsläufig ein besserer Kandidat für deinen Posten. Meine Stadt kann es sich nicht leisten, den zweitbesten Dieb zum Oberhaupt über die Verbrechensbekämpfung zu machen, während der beste Dieb kriminalisiert wird.".

„Herr, ich möchte darauf hinweisen, dass Charlotte keinerlei Erfahrungen mitbringt.", sagte Mumm schnell, um dem unausweichlichem auszuweichen. Natürlich hatte er keinen Erfolg.

„In diesem Job ist Erfahrung eher hinderlich. Es kommt auf die Flexibilität an, Mumm.", erwiderte Lord Vetinari, „Ich bin überzeugt Charlotte wird eine gute Gildenpräsidentin sein.".

„Ähm… Wenn ich auch etwas dazu sagen darf…", meldete sich Charlotte, „Ich hatte es nicht darauf angelegt, meinem Vater den Posten wegzunehmen. Ich wollte nie der Gilde wirklich schaden.".

„Ich glaube, du hast ihr sogar sehr geholfen.", sagte Vetinari, „Du hast die mit einem Schlag ins Jahrhundert des Flughundes katapultiert.".

„Nun…".

„Es ist nicht so, als hättest du eine Wahl!", fuhr der Patrizier fort.

„Was ist mit ihrer Strafe? Die beiden Damen sind in den Palast eingebrochen mit der Absicht…", begann Mumm.

„Ja, mit welcher Absicht eigentlich?", wollte Freemont wissen. Er knirschte mit den Zähnen und ließ keinen Zweifel daran, dass seine Tochter etwas erleben konnte, wenn die sich die beiden unter vier Augen befanden. Mumm zweifelte nicht, wer dabei den kürzeren ziehen würde.

„Ich wollte Lilian davon abhalten…".

„Ich wollte Charlotte hierher…".

Die beiden Freundinnen unterbrachen sich.

„Schon gut.", wand Vetinari ein, „Ich kenne die Gildengesetze und weiß, wann ich mich ihnen beugen muss. Nun, ich denken, eine Strafempfehlung steht in meiner Macht.".

Freemonts Nerven lagen bar am Boden und mit jedem Wort vollführte Lord Vetinari einen Tanz darauf: „Ankh-Morpork ist eine Demokratie und in einer Demokratie ist niemand ein Dieb, solange er nicht überführt ist. Ich kann den Mädchen keinen Diebstahl nachweisen, wenngleich einige Indizien gegen sie sprechen. Ich denke eine Strafe im Bereich von Hausarrest dürfte ausreichend sein.".

„Ich bin verheiratet.", warf Charlotte ein.

„In dem Fall hast du deine Strafe wohl bereits abgesessen.", erwiderte Vetinari trocken.

„Wo steckt die Beute?", wollte Mumm plötzlich wissen.

Charlotte antwortete niedergeschlagen und blickte dem Hauptmann gefährlich in die Augen: „Im Sumpf. Das waren Verbrechen aus Leidenschaft, nicht aus Habgier.".

„Das absurde Verbrechen ist wie Religion: Unglaublich aber faszinierend.", schloss Vetinari, „Es ist spät und ich will nicht noch mehr eurer Zeit beanspruchen. Einige von euch haben morgen früh eine neue Arbeitswelt zu erkunden. Aber bevor ich es vergesse, Miss Crane. Würdest du deinem Vater dieses Empfehlungsschreiben aushändigen?".

„Worum geht es?", fragte Lilian.

„Ich würde mich freuen, dich in meinen Dienst zu stellen.", erwiderte Vetinari zwinkernd, „Ein paar Dinge musst du noch lernen, aber ich erkenne Potential.".

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