Die Kunst des Diebstahls ist eine weibliche.
Sie erfordert nur wenig körperliche Kraft, wenn man es richtig anzustellen versteht, doch benötigt sie stattdessen ein gewisses Fingerspitzengefühl.
Diebstahl ist Leidenschaft. Diebstahl ist das Spiel mit Gefahr, Risiko, Tarnung und dem Erkennen des richtigen Augenblicks.
Die Diebesgilde Ankh-Morporks wurde binnen kurzer Zeit einer Metamorphose unterzogen, die noch für lange Zeit die Handschrift von Charlotte Freemont verraten würde.
Zunächst einmal wurden Mädchen für die Diebesausbildung zugelassen.
Auch wenn die Hauptaufgabe der Gilde nach wie vor die Bekämpfung von unlizenzierten Diebstählen war, legte Charlotte größten Wert darauf ihren Schülern das Handwerk der ehrwürdigen Diebestradition beizubringen. Wer einen Dieb fangen wollte musste denken können wie ein Dieb, musste ein Dieb sein.
Das Markenzeichen der Diebesgilde wurde langsam zu einer Legende. Der Galgen unter dem Glockenturm des Gildenhauses, war nur noch besonders hartnäckigen Gaunern vorbehalten, die es vorzogen einer Unterredung mit Charlotte aus dem Weg zugehen, die folgende Vorgehensweise mit Verfahren mit lizenzlosen Dieben eingeführt hatte: Der aufgegriffene, lizenzlose Dieb wurde in einem offenem Gespräch mit Charlotte vor die Wahl gestellt. Er konnte sich für das konventionelle Verfahren entscheiden, in dessen Folge er der Stadt einen nicht zu verachtenden Dienst als Wetterfahne bot, oder dafür der Diebsgilde eine Aufwandsentschädigung für die entstandenen Mühen im Zusammenhang mit der eigenen Ergreifung, in der Höhe von etwa 100 Prozent der eingeheimsten Beute, zu zahlen und eine gewisse Zeit eine Zwangsmitgliedschaft ohne Bezahlung und Urlaub in der Diebesgilde auf sich zu nehmen. Das Geld, das die Diebesgilde zusätzlich zu den festgesetzten Quoten einnahm, wurde der Stadt wieder für caritative Zwecke zur Verfügung gestellt und wurde verwendet in Programmen zur Resozialisierung von Verbrechern, der Unterstützung von Witwen und Waisen, als Opfer von Überfällen und unlizenzierter Kriminalität.
Die zwangsverpflichteten Mitglieder der Gilde engagierten sich in der Verbrechensbekämpfenden Arbeit der Gilde und konnten hoffen bei guten Ergebnissen früher in die Freiheit entlassen zu werden.
Lord Vetinari selbst hatte diese Neuerung gebilligt und die entsprechenden Gesetze unterzeichnet. Er war nicht unbedingt begeistert, doch Charlottes Argumente ließen sich nicht von der Hand weisen und waren auch für den Patrizier nicht zu ignorieren.
In Wahrheit schwitzte er Blut und Wasser, als die junge Diebin in seinem Büro neben ihren abstrusen Ideen außerdem ein ungeheuer weit ausgeschnittenes Kleid zur Schau stellte.
Einmal kurz fragte der Patrizier sich, ob er ein Monster geschaffen hatte, dem er selbst nicht gewachsen war.
Er verwarf den Gedanken, denn die ausgleichende Kraft der scheinbar selbstständigen Gilden bestand in seinem schier unerschöpflichen Vorrat an Spionen überall, in allen Institutionen der Stadt.
Die wichtigen Persönlichkeiten Ankh-Morporks hätten sich sehr gewundert, wenn sie gewusst hätten, dass einige ihrer engsten Vertrauten und Freunde, in Wahrheit Mitglieder der Spionagegilde waren.
Charlotte wusste zwar von Lilians Engagement. Jedoch hatte sie keine Ahnung, was ihre beste Freundin dem Patrizier zu berichten bereit war.
Man konnte Lilian tatsächlich als eine Art Streber in Sachen Spionage bezeichnen. Lord Vetinari wusste bald jede noch so scheinbar unwichtige Kleinigkeit aus dem Leben der Gildenpräsidentin und war bereit unter Umständen diese Informationen gegen Charlotte zu verwenden, wenn diese zu übermütig werden würde.
Lord Vetinari lächelte deshalb genüsslich, als Charlotte eine Anhebung der Diebesquote verlangte, nachdem die Gilde um einiges angewachsen war und größere Unkosten im Zusammenhang mit Unterbringung und Verpflegung von Zwangsmitgliedern zu tragen hatte. Er bewilligte sie im Hinblick auf die hervorragende Arbeit der Diebesgilde, wies jedoch darauf hin, dass sein Budget damit erschöpft war und die beiden, verbrechensbekämpfenden Institutionen, die Gilde und die Wache, sich fortan eine einzige Pfeilwurfscheibe teilen müssten. Wie man so höre, sei es jedoch nicht weiter schlimm, herrsche doch ohnehin ein reger Austausch zwischen Wächtern und Dieben.
Vetinari hatte den befriedigenden Eindruck, dass Charlotte nach diesem Hinweis einige Mühe hatte, zu verhindern rot anzulaufen.
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