Der Nebel über dem Ankh hob sich, als der Morgen graute und das Sonnenlicht in interessanten Farben vom „Wasser" reflektiert wurde.

Da das Licht der Scheibenwelt durch das dichte magische Feld, nur vergleichsweise langsam vorankriecht, bietet sich über der Stadt allmorgendlich ein Schauspiel unvergleichlicher Schönheit.

Der Kunstturm der Unsichtbaren Universität bildete die Kulisse für einen geradezu dramatischen Sonnenaufgang.

Am Rande des Hide Parks schlich sich eine dunkle Gestalt durch das Unterholz der verwilderten Zierbüsche, um sich schließlich auf einer Parkbank niederzulassen.

Sie atmete erschöpft aus und blickte verträumt in Richtung des vielfarbigen Farbenspiels des Morgens.

Nur einige Augenblicke später erschien eine zweite Gestalt. Sie beherrschte eine sonderbare Gangart, die gleichzeitig Energie sparte und eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Watscheln einer Ente aufwies. Die Gestalt schleppte sich müde und abgekämpft zu ebendieser Parkbank und setzte sich neben die erste morgendliche Parkbesucherin.

„Ich werde zu alt hierfür.", stöhnte Mumm und zog sich den Helm vom Kopf.

„Und ich bin zu jung um es aufzugeben.", erwiderte Charlotte, „Wie war deine Nacht Hauptmann?".

„Nicht besser und nicht schlechter als jede andere.", antwortete Mumm, „Irgendwann wird alles zum Alltag, selbst wenn er aus permanente Gefahr besteht.".

„Es ist umso gefährlicher, sich an Gefahr zu gewöhnen.", sagte Charlotte, „Ich für meinen Teil genieße sie.".

„Siehst das Positive an dem Job, was?", erwiderte Mumm sarkastisch.

„Ich sehe den ganzen Job positiv.".

„Warte erst bis du so lange dabei bist wie ich.", sinnierte der Hauptmann, „Deinem Vater gefällt der Ruhestand, wie ich höre.".

„Er hat sich nie so sehr… begeistern können wie ich.", behauptete Charlotte.

„Für dich ist das alles romantisch. Das ist mir unbegreiflich.".

„Ein Diebstahl ist wie ein Liebesakt.", erklärte die Dieben trocken.

„Und ein Liebesakt wie ein Diebstahl, was?", Mumm lachte auf.

„Ein Diebstahl ohne schlechtes Gewissen.", ergänzte Charlotte.

„Wo wir davon sprechen: Wie geht es deinem Mann? Erholt er sich? Schon eine ziemlich dumme Geschichte… Bricht er sich doch glatte das zweite Bein.".

„Er ist selbst Schuld. Ich wollte unbedingt Dinge in den Menschen sehen, die nicht da waren.".

„Und du beziehst dich selbst da mit ein?".

„Natürlich.", sagte Charlotte, „Ich glaube er erholte sich gut in Quirm. Ich hab seit Wochen nichts von ihm gehört. Vielleicht hat er eine Freundin gefunden.".

„Wäre ihm zu wünschen.".

„Er kann so ein guter Junge sein.".

„Und das passte nicht so ganz zu dir…".

„Er hat eine eher direkte Art an die Dinge heran zu gehen und dann verliert er den Mut, wenn er merkt, dass seine Muskelkraft ihn nicht weiterbringen wird und sein Verstand versagen wird.", Charlotte seufzte, „Ach ja, Quirm! Das waren noch Zeiten. Dort habe ich auch meine ersten Erfahrungen gesammelt. In Quirm erfährt jeder seine Bestimmung, so heißt es.".

„Du warst schon mal in Quirm?", fragte Mumm erstaunt.

„Auf der Schule, ja. Aber dann habe ich mich anders entschieden und sie haben mich… des Instituts verwiesen.", erklärte Charlotte.

„Wieso das denn?", fragte Mumm und glaubte, sich die Antwort selbst geben zu können.

„Sie glaubte, ich könnte etwas gestohlen haben. Aber sie hätten es mir nicht nachweisen können, wenn ich nicht ohnehin die Schule hätte verlassen wollen.".

Sie schwiegen einige Augenblicke, dann fuhr Charlotte fort: „Meiner Mutter gefiel das gar nicht. Sie wollte nicht, dass ich in Ankh-Morpork zu viel Zeit verbringe. Der schlechte Einfluss, hieß es, könnte ein junges Mädchen verderben.".

„Wie unrecht sie hatte!", fügte Mumm hinzu und war sich nicht sicher, ob er es sarkastisch meinte oder nicht.

„Ach, ich hatte gar keine Gelegenheit unter schlechten Einfluss zu geraten!", winkte Charlotte ab, „Die meisten Jugendlichen in meinem Alter mochten mich nicht sehr. Ich war ihnen wohl zu ehrgeizig oder zu gut angezogen.".

„Und das nennst du eine schwere Kindheit?", fragte Mumm argwöhnisch.

„Nein, nicht unbedingt, aber sie war doch etwas… einsam.", verteidigte sich Charlotte, „Wo bist du aufgewachsen?".

„Die Straße kennst du sicher nicht. Niemand kennst sie. Schon gar nicht die Leute deines Standes.", knurrte Mumm.

„Jetzt mach kein solches Geheimnis draus!", beharrte Charlotte.

Der Hauptmann seufzte und sagte: „Unbesonnenheitsstraße?".

„Natürlich kenne ich sie! In der Nähe der Schatten. Was wäre ich für eine Diebin, wenn ich die Straßen der Stadt nicht kennen würde? Keine schöne Gegend, muss ich zugeben.", erwiderte die Diebin.

„Mir wäre es fast lieber, du würdest die Straße nicht kennen. Die Leute dort können sich nämlich keine Diebe leisten.", murmelte Mumm.

„Hmm… Die Zahlen habe ich natürlich nicht im Kopf, aber normalerweise lässt die Diebesgilde zumindest soviel Vermögen zurück, damit der Kunde sich eine neue Existenz aufbauen kann. Was hätten wir davon, wenn wir die Leute mit einem Mal ruinieren würden?".

„Schon gut. Ist ja nicht der Rede wert! Die Leute dort… sind zumeist auch nicht der Rede wert. Klein. Unbedeutend. Rechtschaffen. Deshalb sind sie vergleichsweise arm, um nicht zu sagen… dumm!".

„Ich nehme an, das ist eine der Aussagen, die nur du allein treffen darfst. Wenn ich so etwas behaupten würde…".

„Müsste ich dir den Schlagstock in den Magen rammen, ganz recht!", bestätigte Mumm und nickte bedeutsam.

„Schon gut. Danke für die Warnung! Aber sie nur, wie weit wir es gebrach haben!".

„Wie weit?", fragte Mumm höflich interessiert.

„Wir sitzen hier, und der Morgen graut und niemand ist hier. Dieses Bild gehört nur uns.".

„Die ganze Nacht gehört ebenfalls uns. Da reißt es der Sonnenaufgang nicht unbedingt 'raus!", erwiderte Mumm knapp.

„Kannst du dir etwas anderes vorstellen, als die Nacht, die dir ganz allein gehört?", fragte Charlotte.

„Womöglich würde ich eingehen, wenn es eines Tages nicht mehr so sein sollte.", gab der Hauptmann zu und stand auf.

Die Sonne war nun fast vollständig aufgegangen und der Parkt lag voll im Licht.

„He, Hauptmann! Hattest du als Kind einen Spitznamen?", fragte Charlotte plötzlich.

„Nicht, dass ich wüsste. Nein. Wieso?".

„Mein Vater nannte mich immer Füchschen und ich habe es gehasst.", sagte Charlotte und lachte.

„Da fällt mir ein. Im Wachhaus gibt es einen neuen running gag. Karotte hat ihn eingeführt. Ich denke wir sollten unsere „Besprechungen" zukünftig etwas weniger… offensichtlich gestalten, Füchschen.", der Hauptmann zeigte ein erstaunliches Maß an Selbstbeherrschung, als er es zu verhindern wusste, zu grinsen.

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