Gedankenverloren und frustriert blickte Elizabeth Bennet abends aus dem Fenster des Salons in Longbourn während sie auf die Rückkehr der Gentlemen nach dem Dinner wartete. Frustration war ein Gefühl, dass für sie eher fremd war, da sie von Natur aus eine positive Veranlagung hatte. Nicht, dass sie nicht glücklich war, ganz im Gegenteil, seit ihrer Verlobung mit Mr. Darcy fühlte sie sich glücklicher denn je. So ein Gefühl hatte sie in ihren 21. Jahren noch nie empfunden.

Trotzdem gab es etwas, dass diesem vollkommenen Glück störte. Und das war Mr. Darcys reservierte Art, die ihn daran hinderte, seine Zuneigung ihr gegenüber deutlich zu zeigen. Elizabeth zweifelte nicht an seine Liebe, sie wusste, dass Darcy starke Gefühle für sie empfand, genauso war ihr bewusst, dass ihr Verlobter reserviert und zurückhaltend war, besonders unter Fremden. Diese Kenntnis hinderte sie aber nicht daran, sich zu wünschen, dass er manchmal etwas offener mit seiner Zuneigung wäre, wenn sie allein waren. Diese trüben Gedanken begleiteten sie, bis die Rückkehr von Mr. Bennet mit seinen zwei zukünftigen Schwiegersöhnen, sie dazu zwang ein Lächeln aufzusetzen und sich so heiter wie üblich zu geben damit die Gentlemen nicht bemerkten, dass etwas mit ihr nicht stimmte.

„Ich freue mich schon auf die Ankunft von Georgiana, Fitzwilliam," sagte sie ihrem Verlobten strahlend, als dieser ihr gegenüber Platz nahm, „weiß sie schon, wann sie aus London abreisen kann?"

Ein Lächeln huschte über Darcys Gesichts, als er antwortete: „Georgiana hat ihre Ankunft für Anfang nächster Woche angekündigt. Sie freut sich ebenfalls darauf eure Bekanntschaft zu vertiefen auch wenn, bei dem Gedanken, so viele neue Leute kennenzulernen, ein wenig nervös wird."

„Das kann ich verstehen. Es muss nichtleicht sein für ein schüchternes Mädchen wie Georgiana Fremde kennenzulernen, noch dazu so überschwängliche wie meine manchmal sein kann. Aber sei beruhigt! Ich und Jane werden uns um sie kümmern und werden sorgen, dass meine Familie Georgiana nicht sehr überwältigt."

„Danke, Elizabeth," antwortete Darcy und aus seinen Augen konnte Elizabeth herauslesen, wie ungemein erleichtert er über ihre Zusicherung war.

Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, als Jane und Mr. Bingley sich zu ihnen gesellten um mit Elizabeth und Mr. Darcy über ihre Vermählung zu sprechen, ein Thema das den beiden Paaren sehr am Herzen lag, war doch die Hochzeit nur wenige Wochen entfernt. so vergingen die Stunden und ehe Elizabeth sich versah, war es schon an der Zeit für die Herren nach Netherfield zurückzukehren und für die Bewohner von Longbourn sich für die Nacht zurechtzumachen.

So wie jede Nacht vor dem Schlafen gehen treffen sich Jane und Elizabeth in Elizabeths Zimmer, um über den vergangenen tag zu sprechen. Während ihrer jüngeren Schwester beim Haare kämmen half bemerkte Jane, dass Elizabeth in Gedanken ganz woanders zu sein schien.

„Lizzy, ist etwas nicht in Ordnung?"

In Janes Stimme konnte Elizabeth die Sorge heraushören, die ihr Verhalten bei ihrer sensiblen Schwester verursacht hatte, also bemühte sie sich zu lächeln und antwortete: „Nein, Jane, es ist alles gut, ich habe nur gerade über etwas nachgedacht, was mir schon lange im Kopf herumschwirrt, das ist alles."

Es folgte ein kurzer Moment des Schweigens, das schließlich von Jane unterbrochen wurde, die zögernd fragte: „Hat es mit der Hochzeit zu tun? Bist du dir vielleicht nicht mehr sicher, Mr. Darcy zu heiraten?"

Elizabeth drehte sich verblüfft zu Jane um. Sie wusste nicht wie ihre Schwester auf so eine Idee gekommen war und sagte es ihr auch

„Tut mir leid, Lizzy. Ich wollte dich nicht beleidigen, es ist nur…" Jane unterbrach sich, schien nach den richtigen Worten suchen zu wollen und fuhr dann fort: „Ich zweifle nicht an deine Gefühle für Mr. Darcy. Schließlich kenne ich dich gut genug, um zu wissen, dass du seinen Antrag sonst nie angenommen hättest. Nur, als du so ernst aussahst, dachte ich mir, du könntest dich vielleicht noch nicht bereit fühlen für einen so gewaltigen Schritt." Bei diesen Worten blickte Jane verlegen zu Boden. Eine tiefe Röte durchzog ihr Gesicht, offenbar war es ihr peinlich mit Elizabeth über so etwas Persönliches zu reden.

Plötzlich spürte sie, wie Elizabeth langsam ihr Kinn hochzog um ihr in die Augen sehen zu können. „Liebste Jane," sagte sie, „du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich weiß deine Sorge um mich wirklich zu schätzen. Aber mach dir keine Sorgen. Noch nie war ich mir etwas so sicher, wie dass ich die Frau von Fitzwilliam werden will." Einen kurzen Augenblick lang überlegte Elizabeth ob sie Jane erzählen sollte, was sie beschäftigte, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. Zum einen wollte sie ihre Schwester nicht unnötig belasten, und zum einen hätte sie auch nicht gewusst, wie sie ihr die Sache hätte erklären können.

Jane blickte Elizabeth lange in die Augen, als ob sie sich vergewissern wollte, dass sie die Wahrheit sprach, und offensichtlich beruhigte sie, was in ihnen sah, denn sie nickte mit einem Lächeln und wechselte das Thema. Eine halbe Stunde später gab Jane Elizabeth einen Kuss auf die Wange, wünschte ihr eine gute Nacht und verließ dann das Zimmer. Als sie endlich allein war, bemerkte Elizabeth wie müde sie doch war, also blies sie schnell die Kerze auf ihrem Nachttisch aus, zog die Decken auf dem Bett weg, legte sich hin und schlief innerhalb weniger Sekunden ein.

Am nächsten Morgen wachte Elizabeth frisch und munter auf. Da es noch früh war und ihre Familienmitglieder alle noch im Bett lagen, schlich sich Elizabeth in den Garten hinaus, um noch ein bisschen Zeit für sich haben zu können, bevor das alltägliche Chaos in Longbourn begann. Sie nutzte diese Zeit auch um über ihr Dilemma vom Vortag nachzudenken. Dabei kam sie zu dem Schluss, dass sie am besten die Sache selbst in die Hand nehmen musste. Sie wusste zwar noch nicht wie sie das tun sollte, aber irgendetwas würde ihr schon einfallen. Wie sagte man so schön: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Diesen Entschluss gefasst, blieb sie noch eine Weile im Garten um einen Plan zurechtzulegen.

Das Ganze durfte nicht zu offensichtlich sein, denn schließlich wollte sie nicht wie eine Kokette erscheinen. Zunächst einmal war es wichtig den richtigen Moment zu finden. Ganz so schwer müsste es nicht sein, denn Mrs. Bennet war eine eher nachlässige Aufpasserin, die ihren Töchtern gestatte mit ihren Verlobten allein im Garten von Longbourn spazieren zu gehen. Und auch wenn sich Elizabeth normalerweise über die Nachlässigkeit ihrer Mutter aufregte, war sie in diesem Fall froh über diesen ihren Charakterzug.

Noch eine Weile legte sich Elizabeth ihren Plan zurecht, bis ihr Magen sie daran erinnerte, dass es Zeit zum Frühstücken war und machte sich dann, derart ermuntert, auf den Weg zurück ins Haus, wo inzwischen alle schon um den Frühstückstisch versammelt waren.

Später an diesem Tag, sobald Darcy und Bingley ankamen, war es endlich für Elizabeth soweit ihren ausgedachten Plan in die Tat umzusetzen.

Wie üblich verließen die beiden Pärchen kurz nach der Ankunft der Gentleman das Haus für ihren täglichen Spaziergang im Garten. Bald waren Jane und Bingley so damit sich beschäftigt, sich gegenseitig anzulächeln und miteinander zu reden, dass sie Elizabeth und Darcy kaum nicht mehr wahrnahmen. Elizabeth, die nur auf diese Gelegenheit gewartet hatte, nutzte diese sofort und führte ihren Verlobten unauffällig in Richtung einer Bank, die gut versteckt vor neugierigen Blicken lag.

Als sie dort ankamen, meinte Elizabeth unschuldig: „Fitzwilliam, macht es dir etwas aus, wenn wir uns kurz hinsetzen. Ich bin nämlich ein bisschen müde."

Als sie auf der Bank Platz genommen hatten war für Elizabeth endlich der Moment gekommen, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Sie holte tief Luft, flüsterte seinen Namen und wartete, bis er ihr das Gesicht zuwandte. Dann legte sie einfach ihre Lippen auf seine. Der Kuss war zärtlich und voller Leidenschaft, und Elizabeth konnte fühlen, wie Darcy den Kuss mit gleicher Leidenschaft erwiderte. Sie wusste, dass es für ihn überraschend kam, aber sie hoffte, dass er es genießen würde und nicht böse auf ihre Kühnheit werden würde. Doch nach dem Enthusiasmus nach zu urteilen, den er in den Kuss legte, brauchte sie sich darüber keine Sorgen zu machen. Darcy schien diesen Austausch von Zärtlichkeiten genauso zu genießen wie sie selbst. Nach ein paar Minuten lösten sie sich voneinander und schauten sich in die Augen.

Zunächst war Darcy sprachlos und blickte Elizabeth einfach nur an. Dann sagte er: „Ich wusste nicht, dass du so mutig bist."

Elizabeth lächelte und erwiderte: „Nun, ich habe es schon lange geplant, und ich dachte, es wäre jetzt die perfekte Gelegenheit. Ich hoffe, es hat dir gefallen."

Darcy erwiderte das Lächeln und sagte: „Es war unglaublich. Ich liebe dich, Elizabeth."

Elizabeth spürte, wie ihr Herz vor Freude hüpfte. Sie hatte gehofft, dass er es sagen würde, aber es war immer noch unglaublich, es zu hören. Sie erwiderte: „Ich liebe dich auch, Fitzwilliam."

Sie saßen noch eine Weile auf der Bank und genossen den Moment, bis sie beschlossen, zu den anderen zurückzukehren, bevor sie vermisst wurden.

Als Elizabeth später nachts in ihrem lag und über die Geschehnisse des Tages dachte, entschied sie, dass es ein Moment war, den sie nie vergessen würde, egal wie viele Küsse sie in Zukunft noch tauschen würden, dieser eine würde immer einen besonderen Platz in ihrer Erinnerung und ihrem Herzen haben.