Zusammenfassung:
Post-Monster aber mit Rosa statt Nora.
Jan kommt an seine körperlichen und mentalen Grenzen. Rosa is there to help.
Triggerwarnung: Übelkeit, Erbrechen, Infusionen, Drogenmissbrauch, Kindesmissbrauch
Calm down
Die Übelkeit trifft Jan Pawlak völlig unvorbereitet und schnell lässt er sich auf seinen Schreibtischstuhl zurücksinken. Obwohl Mia sofort neben ihm eingeschlafen war und die ganze Nacht über tief und ruhig geatmet hatte, war seine Nacht bestenfalls unruhig gewesen. Die betäubende Fassungslosigkeit des Vortages war von ihm abgefallen, sobald seine Tochter neben ihm unter die Decke des Ehebettes gekrochen war und war einer überwältigenden Bandbreite an Emotionen gewichen, die ihn mitzureißen drohte. Seitdem fühlte er sich in etwa so ruhig wie Jan Ullrich auf dem Spinning Bike. Aufgekratzt, hektisch, einem Wechselbad der Gefühle ausgeliefert. Wie ein Ertrinkender hatte er sich an die Matratze unter sich geklammert, nach Luft ringend zwischen Tränen der Erleichterung, blinder Wut, panischer Angst, unendlicher Fassungslosigkeit und nackter Verzweiflung, ob des nahezu erdrückenden Was-wäre-wenns, welches wie ein fettes Monster hämisch grinsend auf seiner Brust hockte. Die bodenlose Erschöpfung hatte ihn schließlich übermannt und er war in einen leichten Schlaf gefallen war. Zumindest solange bis ihn Herzrasen und im Halbschlaf aufblitzende Horrorbilder schweißgebadet hatten hochschrecken lassen, und er sich immer wieder hatte vergewissern müssen, dass sie noch neben ihm lag. Danach hatte er beschlossen, wach zu bleiben.
Natürlich war gestern Abend direkt ein Kriseninterventionsteam bei ihnen erschienen, doch er hatte sie weggeschickt. Dafür war später noch genug Zeit.
Heute morgen hatte Ellas Mutter auf der Türschwelle gestanden. Nachdem sie ihn kurz gemustert hatte, hatte sie darauf bestanden, Mia heute zu sich zu nehmen. Er hatte nicht die Kraft gefunden zu protestieren und schweren Herzens zugestimmt, nur um sich dann trotz vor Müdigkeit schreiendem Körper ins Präsidium zu schleppen.
Viel zu früh, wie ihm erst auffällt, als er da ist, aber da ist es auch schon zu spät.
Müde fährt er sich mit der Hand übers Gesicht und bemerkt erstaunt, dass diese zittert. Verwirrt beobachtet er, wie sich die kleinen Muskeln seiner Hand völlig unabhängig von seiner eigenen Willkür verkrampfen und wieder entspannen. Er runzelt die Stirn.
Plötzlich bemerkt er, wie staubtrocken sein Mund ist. Wann hat er eigentlich das letzte mal was getrunken? Wäre vielleicht keine schlechte Idee.
Jan senkt die Hand, nimmt einen tiefen Atemzug und drückt sich zum zweiten Mal aus dem Stuhl hoch. Er kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, als sich sein Magen verkrampft, und ihm Speichel in den Mund schiesst. Krampfhaft versucht er, zu schlucken.
Fuck, was soll das denn jetzt?
Er konzentriert sich, und entdeckt die Wasserflasche auf dem Regal neben der Tür, die er vor den Wochenende dort abgestellt hat.
„Jan?"
Er hebt den Blick, erkennt Rosa, die in der Tür steht und ihn fragend mustert, aber überraschenderweise nur verschwommen.
Bitte nicht ausgerechnet jetzt. Bitte nicht vor ihr. Er mag die neue Kollegin. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb will er sich keine Blöße geben.
„Was machst du denn hier?"
„Arbeiten", hört er sich selbst sagen und versucht krampfhaft die Übelkeit im Zaum zu halten.
„Die haben dich heute allen Ernstes zur Arbeit kommen lassen?"
Wasser. Er braucht Wasser.
Mittlerweile hat er es trotz flimmerndem Blickfeld geschafft, aufzustehen und macht ein paar unsichere Schritte Richtung Tür.
„Alles ok? Du bist weiß wie ne Wand", er hört die Skepsis seiner Kollegin, obwohl er sie nicht klar fokussieren kann.
Plötzlich packt ihn eine Welle der Übelkeit und bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Er spürt, wie er sich instinktiv an der Wand abfängt, wie sich gleichzeitig sein Herzschlag verdoppelt und Schweiß auf seine Stirn tritt. Sein Magen krampft sich erneut schmerzhaft zusammen.
Das wärs ja noch, Rosa vor die Füße kotzen, denkt er, und wundert sich über seinen eigenen Zynismus.
„Scheisse, Jan", hört er Rosas Stimme, ganz dicht an seinem Ohr, und außerdem ein lautes Rauschen.
„Mülleimer", hört er sich hervorstoßen und eine hektische Bewegung von Rosa, aber da ist er bereits auf allen Vieren und kann nur fassungslos wahrnehmen, dass sich sein Magen ruckartig seines Inhaltes entledigt.
Rosa Herzog sitzt der Vortag noch tief in den Knochen. Zu heftig hatten sie die Entführung der 6-jährigen Tochter ihres Kollegen und die Bilder der verängstigten Kinder getroffen, zu präsent der Gedanke an all diejenigen, die sie nicht gefunden hatte. Sie konnte sich nur vorstellen, wie es Jan gehen musste, das beinahe-Schicksal der eigenen Tochter so deutlich vor Augen, wenn bereits sie selbst heute Nacht kein Auge zugetan hatte. Sie hatte sich wiederholt gefragt, warum Faber ihn hatte ermitteln lassen. Und dann auch noch die Überdosis seiner Frau. Mit welch brutaler Routine er das Notfall-Kit benutzt und ihr damit ungewollt einen schonungslos ehrlichen Einblick in seinen Alltag gewährt hatte. Sie fragte sich welche Stürme wohl unter der kontrollierten Fassade ihres Kollegen tobten.
Sie hatte das dringende Bedürfnis verspürt, mit ihm sprechen wollen, auch weil sie wusste, wie sie selbst sich gefühlt hatte. Nachdem er sofort mit seiner Tochter ins Krankenhaus gefahren war, hatte sich jedoch keine Gelegenheit ergeben. Umso erstaunter ist sie, eben jenen bereits am Schreibtisch sitzen zu sehen, als sie als eine der ersten das Büro betritt.
Ihr fällt sofort der glasige Blick und die Fahlheit seines Gesichts auf, aber erst als er schwankend mit leerem, offenbar kaum sehendem Blick Richtung einige Schritte in ihre Richtung macht, weiss sie, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.
Fassungslos beobachtet sie, wie ihr Kollege sich erst auf ihre Füße übergibt, dann totenbleich wird und reglos in sich zusammensackt.
Das war doch jetzt ein schlechter Scherz.
„Scheisse! Jan!"
Panisch rüttelt sie ihn an der Schulter, bekommt aber keine Antwort, dann zerrt sie ihn mit aller Kraft auf den Rücken, beugt sich über ihn.
Er kommt in einem weißen Raum zu sich und im ersten Moment durchzuckt es ihn eiskalt. Ist er im Krankenhaus? Er muss doch heute Abend zu Mia und Ella.
Sein Schädel dröhnt und in seinem Mund ist ein bitterer Geschmack. Galle.
Fuck.
Vorsichtig hebt er den Kopf, gegen das Schwanken seines Blickfeldes anblinzelnd. Der Sanitätsraum, Gottseidank. Krankenhaus kann er jetzt echt nicht gebrauchen. Das weiße Plastik der Liege ist kalt unter seiner Haut, und er braucht einen Moment bis er den Schlauch und die Nadel in seiner Ellenbeuge einordnen kann. Eine Welle der Scham lässt ihm das Blut in den Kopf schiessen. Dann ist er also echt zusammengeklappt.
Sein Kopf ist wie Watte gepackt. Tut trotzdem scheisse weh.
Die Übelkeit überkommt ihn wieder aus dem Nichts, und hektisch versucht er sich hochzudrücken, aber seine Gliedmaßen gehorchen ihm nicht.
Plötzlich spürt er eine kräftige Hand, die ihn ruckartig auf die Seite dreht und sieht Rosas dunkle und überraschend besorgte Augen, bevor sie ihm einen schlauchförmigen Beutel unter den Mund hält.
Er würgt und würgt, aber außer ein bisschen Magensäure bleibt der Beutel leer.
Entkräftet lässt er sich nach Abebben der Übelkeit auf die Liege zurücksinken.
„Fuck", murmelt er atemlos, und Rosa sieht an dem zusammengepressten Lippen und dem gequälten Ausdruck seines Gesichts, dass nichts besser ist.
Wie telepathisch gerufen geht die Tür auf und eine blonde Frau betritt den Raum. Er erkennt die Polizeiärztin des Präsidiums.
Streng avisiert sie ihn, bevor sie routiniert nach der Blutdruck-Manschette und dem Stethoskop greift und zur Liege tritt:
„Wie fühlen Sie sich?", fragt die Ärztin, während sie die Blutdruckmanschette um den Arm legt und das Stethoskop in die Armbeuge des infusionsfreien Arms.
„Besser", murmelt Jan, vermeidet aber den Blicktontakt.
„Lügner", entfährt es Rosa dafür umso klarer, und die Frau mit dem strengen Zug um den Mund zieht eine Augenbraue hoch, bevor sie sich das Stethoskop ins Ohr steckt und die Manschette aufzupumpen beginnt.
Für einen Moment sind alle still, während das Blut in seinen Arm schmerzhaft pulsiert, dann löst sie die Manschette wieder und legt alles auf den Tisch.
„100 zu 70. Besser, aber mit Sicherheit noch nicht gut. Jetzt aber mal ehrlich, wie geht es Ihnen?"
„Kopfschmerzen, schlecht, schwindlig", murmelt Jan zur Wand. Er hat das Gefühl, in einem Albtraum der ganz anderen Art aufgewacht zu sein.
„Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte mal etwas gegessen oder getrunken haben?"
Jan zögert. Dann sagt er schließlich: „Gestern morgen? Keine Ahnung, ehrlich."
Die Ärztin nickt knapp.
„Keine Einnahme von illegalen Substanzen oder Alkohol, ein Sturz oder ein Schlag auf den Kopf?"
Er schüttelt den Kopf.
„Gut. Einen weitere hiervon brauchen wir noch." Sie nickt in Richtung Infusionsbeutel.
„Und Sie bekommen noch etwas gegen die Übelkeit. Ich schaue nachher noch einmal nach Ihnen, dann gehen Sie nach Hause und bleiben da mindestens noch morgen. Sie sind aktuell nicht dienstfähig. Haben Sie jemanden, der Sie abholen und heute bei Ihnen bleiben kann? Sie sollten heute weder Autofahren, noch alleine sein."
Jan presst die Lippen zusammen und nickt schließlich.
Die Ärztin zieht die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts.
Als sie die Tür des Sanitätsraums hört, springt Rosa auf und folgt Jan zum Auto.
Natürlich steuert er die Fahrertür an.
„Wir nehmen mein Auto", sagt sie bestimmt, und er sieht überrascht auf. Kurz sieht er so aus, als wolle er protestieren, dann scheint er sich anders zu entscheiden und lässt sich erschöpft auf den Beifahrersitz sinken.
Schweigend startet Rosa das Auto, aus dem Augenwinkel Jan genau beobachtend, der sich mit geschlossenen Augen und aschfahlem Gesicht in den Sitz hat fallen lassen.
„Du sagst Bescheid, wenn ich anhalten muss?"
Jan nickt kurz, sagt aber nichts und wirkt so, als hätte er Angst, den Mund aufzumachen.
„Wer hat das alles mitbekommen?", fragt er schließlich, als sie in seine Straße einbiegen.
„Bönisch hat später mal reingeschaut. Sei froh, dass ich nicht den RTW gerufen hab und Schilling dich nicht direkt in die Klinik geschickt hat. Wäre bei einem Blutdruck von 70 zu 50 nicht abwegig gewesen."
Jan sagt nichts und schaut aus dem Fenster.
Schließlich: „Ja, war alles etwas viel gestern."
Sie wirft ihm einen mitfühlenden Blick zu.
„Waren die vom Kriseninterventionsteam schon da?"
„Jop", sagt Jan knapp.
„Hab sie wieder weggeschickt."
„Was?", entfährt es Rosa, sie blickt ihren Kollegen ungläubig an.
„Wieso das denn?!"
Ruckartig und zum ersten Mal heute fixiert er sie direkt, und Wut schwingt in seiner Stimme.
„Ich komme gut alleine zurecht", knurrt er.
Natürlich, denkt sie.
„Das sieht man", faucht sie zurück und tritt ruckartig auf die Bremse. Sie sind da.
Durch das ruckartige Abbremsen entfährt ihm ein Stöhnen, und sofort tut es Rosa Leid.
Bevor sie etwas sagen kann, hat er sich aus dem Sitz geschält und ist aufgestanden.
„Danke", sagt Jan kurz angebunden, bevor er die Tür hinter sich zuschlägt.
-
Nach Feierabend muss sie Sturm klingeln bis Jan ihr endlich die Tür öffnet. Er sieht sogar noch beschissen aus als nur wenige Stunden zuvor.
„Was zur Hölle machst du hier?", er gibt sich redlich Mühe, wütend zu klingen, aber Rosa ignoriert den halbherzigen Versuch. Zu viel Kopfzerbrechen hatte ihr ihr Kollege heute tagsüber bereitet. Sogar so viel, dass es aufgefallen war.
„Nach dir schauen. Du bist ein so schlechter Lügner, ehrlich", sagt Rosa und drängt sich ohne Einladung an ihm vorbei ins Haus. Das Wohnzimmer ist bis auf eine einzelne Lampe dunkel. Auf dem Sofa liegt eine Decke und auf dem Boden eine noch fast volle Wasserflasche. Von Essen oder anderen Menschen keine Spur. Wie sie es vermutet hatte. Von wegen, ich komm alleine zurecht.
Jan schließt die Haustür und folgt ihr ins Wohnzimmer.
„Gut, dass du da bist. Kannst du mich fahren?"
Vor lauter Überraschung muss Rosa laut loslachen, und ihr Schlüssel gleitet ihr aus der Hand und fällt mit einem Klirren zu Boden. Jan zuckt zusammen, als hätte sie einen Schuss abgefeuert.
Irritiert hält Rosa inne, bevor sie ihn mustert. Er hat tiefe Ringe unter den Augen, wirkt aber wie unter Strom.
„Mein Auto steht ja noch beim Präsidium. Ich muss Mia abholen und Ella besuchen."
Sein geschäftsmäßiger Ton steht in starkem Kontrast zu seiner sich überschlagenden Stimme und dem Zittern seiner Hände, die ihr plötzlich auffallen. Also hatte ihm alleine sein wirklich nicht gut getan.
Ihr Blick wird weich.
„Ey, Jan, du musst mal runterkommen!"
Er reißt die Augen auf und tritt einen Schritt auf sie zu und fixiert sie durchdringend und von oben herab. Er ist wirklich groß. Sie bleibt stehen, uneingeschüchtert.
„Ich fahr dich ganz bestimmt nirgendwo mehr hin".
„Fuck, Rosa, ich muss aber!", in seiner Stimme liegt plötzlich eine Art von Dringlichkeit, die Rosa kennt. So war das, wenn man viel Verantwortung trug und plötzlich mit eigener Schwäche konfrontiert war. Kontrollverlust par excellence.
„Warum?", fragt sie, und hält seinem Blick mühelos stand.
„Sie brauchen mich."
„Glaub mir, das Letzte was deine traumatisierte Tochter oder deine schwerkranke Frau brauchen, ist, dass du vor ihren Augen vor Erschöpfung zusammenbrichst."
Er starrt sie an, offenbar angestrengt auf der Suche nach einem Gegenargument. Er ringt mit Worten, würgt schließlich ein
„Ich kann nicht", hervor. Natürlich weiß sie, worum es geht. Schwäche anzuerkennen. Schwäche zu zeigen.
„Gib mir dein Handy."
Nachdem sie zwei kurze aber ehrliche Telefonate erst mit der mittlerweile auf Normalstation verlegten Ella Pawlak und dann mit ihrer Mutter geführt hat, die Jan sichtlich unangenehm sind, lässt sich ihr Kollege aufs Sofa fallen.
„Ehrlicherweise bin ich zu Fuß nicht weiter als bis zur Ecke gekommen, bevor ich in die Hecke gekotzt habe", sagt er nach einer Weile.
Ach sag bloß, verkneift sie sich.
„Noch nichts drin geblieben?", fragt sie stattdessen und ihr Kollege schüttelt erschöpft den Kopf.
„Kühlschrank ist aber eh leer."
„Gut, dass ich was leicht Verdauliches dabei hab. Könnte nur fast ein bisschen kalt geworden sein. Hast du eine Mikrowelle?" Sie hält die Plastikbeutel in die Höhe. Dass sie auch Schlafzeug und Isomatte in einer Tasche im Auto hat, verschweigt sie lieber noch.
Wider Erwarten leistet Jan keinen Widerstand sondern setzt sich brav an den Küchentisch, auf den Rosa die dampfenden Suppenteller voller Pho gestellt hat. Nach einer Weile lässt seine Unruhe sichtlich nach und er scheint sich etwas zu entspannen.
„Danke", sagt er und dieses Mal klingt es aufrichtiger.
„Tut mir Leid wegen vorhin", durchbricht er schließlich das schweigende Essen. Sie nickt knapp und bildet sich ein, so etwas wie Dankbarkeit auf seinem Gesicht zu sehen.
„Ach übrigens. Ich schlafe heute hier", sagt Rosa nach einer Weile so beiläufig wie sie nur kann.
Jan lässt den Löffel sinken und starrt sie an, als hätte sie ihm verkündet, dass sie den heiligen Geist getroffen habe.
„Auf gar keinen Fall", stammelt er. „Das geht nicht. Ich hab eine Frau."
„Jan, beruhige dich. Ich schlafe hier, auf der Isomatte. Nur für den Fall. Niemand wird davon erfahren. Außerdem meinte die Ärztin, dass du nicht alleine sein sollst, bis dein Kreislauf wieder stabil ist. Mia hat nichts davon, wenn ihr Papa heute Nacht aufsteht und sich aus Sturheit den Schädel einschlägt."
Totschlagargument Kind. Funktionierte immer.
Er starrt sie ausdruckslos an, und öffnet mehrmals den Mund um etwas zu sagen. Kein Ton kommt heraus. Nur in seinen Augen sieht Rosa den Kampf der in ihm tobt. Ego & Angst. Schein wahren & dem Schmerz ausgeliefert sein. Rosa weiß genau, worum es geht. Sie hatte immer alle weggeschickt. Und sich im Nachhinein so sehr gewünscht, dass jemand geblieben wäre, der ihr Nein nicht akzeptiert hätte.
Nach einer halben Ewigkeit sagt er: "Gut. Du kannst auf die Couch."
Mia schreit gellend, als ihr der Mann mit dem verschwommenen Gesicht die Kleider vom Leib zerrt und sie aufs Bett drückt, und der Schrei fährt Jan durch Mark und Bein. Jan sieht das Entsetzen auf Mias Gesicht, und die grausame Vorfreude, die das Gesicht des Mannes verzerrt. Er hört sich selbst brüllen, toben, aber so sehr er sich auch abmüht, er kommt nicht vom Fleck. Plötzlich verwandelt sich das Bett in eine Tischplatte und der Raum in den Vernehmungsraum, und Jan prallt mit aller Wucht gegen die Glasscheibe, aber das Glas hält stand. Plötzlich steht Ella mit im Raum, und Mia und der Mann starren sie an, während er vor Erleichterung aufschreit.
Doch plötzlich sieht er voller Entsetzen, dass seine Frau sich nicht schützend auf ihre Tochter stürzt, sondern stattdessen drohend den Arm hebt und Schritt für Schritt auf die beiden zukommt. Eine Spritze blitzt auf und Jan wird eiskalt. Plötzlich tauschen Ella und der Mann einen verschwörerischen Blick und der Mann packt Mias Arm und zerrt an ihm, bevor Ella die Nadel im Arm ihrer Tochter versenkt.
Er fährt mit rasendem Herzen aus den Schlaf und knipst mit zitternden Fingern das Licht an.
Ein Traum, nur ein Traum, nur ein Traum.
Er weiß nicht, wann er sich das letzte Mal so beschissen gefühlt hat.
Sein Geist fühlt sich so wund und roh an, als lägen alle Nervenenden offen, überempfänglich für jede kleinste Stimulierung und gleichzeitig so bleiern, so müde und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Und dann war er allen Ernstes im Präsidium zusammengeklappt. Alleine der Gedanke daran löst verlässlich überwältigende Scham in ihm aus. Er hätte nicht gedacht, dass sein Körper ihn jemals so im Stich lassen würde. Er fühlt sich wie ein Versager, ein Hochstapler. Welches Recht hatte er, sein Kind und seine Frau im Stich zu lassen, nachdem sie es gewesen waren, die durch die Hölle hatten gehen müssen? Nicht er. Und dennoch war er irgendwie erleichtert gewesen, als Rosa aufgetaucht war. Erleichtert, weil sie sich vor die Wand gestellt hatte, gegen die er heute immer und immer wieder gerannt war. Als er Mia hatte abholen wollen, als er das Haus hatte verlassen wollen. Dann schließlich, als er eingesehen hatte, dass kein Weg an den beiden Anrufen vorbeiführte.
„Ich kann nicht."
Die ihn in lähmender Schwere aufs Sofa gedrückt hat, mit kreisenden Gedanken und pochendem Herzen.
Sie wird wach von einem Geräusch im Stock über ihr.
Sie findet Jan im Bad vor der Toilette knien, das weiße Schlafshirt klebt ihm schweissnass am Rücken. Sie sieht wie sich die Muskeln seines Rückens und seiner nackten Beine zusammenziehen als ihn ein nahezu lautlos Würgen schüttelt. Das nachfolgende Schluchzen brennt sich in ihr Trommelfell, und sie wartet kurz um ihm die Blöße zu ersparen, bevor sie sich bemerkbar macht.
Vermutlich ist er zu erschöpft, denn die heftige Reaktion die Rosa erwartet hat, als sie das Bad betritt und sich neben ihn auf den Boden setzt, bleibt aus.
„Scheisse, mein Körper spielt verrückt. Jedes Mal wenn ich die Augen zumache, seh ich sie vor meinem inneren Auge. Wie sie da sitzt auf dem Bett. Und was die mit ihr gemacht hätten. Und dann kommt's mir hoch."
Die Worte kommen einfach so aus ihm heraus, als ob ein Filter weggefallen wäre.
Er erschauert, und beugt sich erneut stöhnend über die Kloschüssel und besorgt sieht Rosa, dass er nur Galle in die Schüssel spuckt.
Zögerlich hebt Rosa die Hand und legt sie ihm auf den Rücken.
Er lässt es geschehen und sie nimmt sich fest vor, ihn morgen zur Psychotherapeutin des Präsidiums zu schicken.
„Hast du überhaupt schon wirklich geschlafen seit gestern?", fragt sie schließlich und sieht sein Kopfschütteln.
Rosa ist inzwischen davon überzeugt, dass ihr Kollege nicht hätte mitermitteln dürfen. Nicht, bei der Aufdeckung eines Pädophilennetzwerks das seine Tochter entführt hatte.
„Hey", sagt sie schließlich in die Stille. Jan lehnt mit halbgeschlossenen Augen an der Badewanne. Der letzte Würgreiz ist schon eine ganze Weile her und auch die Flüssigkeit, die sie ihm eingeflößt hat, ist drin geblieben.
„Du gehst jetzt ins Bett. Ich hab was, das dir beim Schlafen hilft."
Jans Augen verengen sich, er sagt jedoch nichts.
Sie begleitet ihn zur seiner Schlafzimmertür und drückt ihm eine einzelne Tablette in die Hand.
„Was ist das?"
„Ich glaube Tavor, meinte die Ärztin."
„Ein Benzo? So ‚nen Scheiss nehm ich nicht", sagt er heftig.
Mit der Reaktion hat sie gerechnet.
„Jan. Ich seh doch wie's dir geht. Du kommst doch gar nicht zur Ruhe so drin bist du noch im fight-or-flight-Modus. Kein Wunder, dass du nicht schlafen kannst und nix drin behältst", sagt sie so ruhig wie möglich.
Und die Schreckhaftigkeit. Sie will ihn fragen, ob er auch Albträume oder Flashbacks hat, aber tut es nicht.
Er starrt auf die weiße Pille in seiner Hand.
„Ich hab das Gefühl, mein Kopf hängt fest", flüstert er mit heiserer Stimme.
„Manchmal ist es verdammt schwer, da alleine rauszukommen", sagt sie mitfühlend.
Sie atmet einmal tief durch, dann setzt sie alles auf eine Karte.
„Wovor hast du Angst?"
Er hebt den Blick, starrt jetzt sie an.
„Ganz ehrlich? Allem. Rational: Abhängig zu werden. Nicht Herr meiner Sinne zu sein. Aber in Wirklichkeit vor allem den Bildern ausgeliefert zu sein."
Sie weiß, wie viel Überwindung ihn so viel Ehrlichkeit kosten muss.
Jetzt nur nichts kaputt machen.
„Und was würde dir dabei helfen?", fragt sie schließlich, und fürchtet sofort, mit ihrer Frage zu weit in seinen Abwehrmechanismus eingedrungen zu sein.
Er zuckt ratlos die Achseln, und zum ersten Mal heute sieht sie seine Angst. Nicht die elementare Angst eines Vaters, der um das Leben seines Kindes fürchtet. Sondern die eines kleinen Jungens, der nur sein darf, wenn er keine Schwäche zeigt.
„Und wenn ich da bleibe, bis die Wirkung einsetzt?", sagt sie vorsichtig und ist sehr erleichtert, als er nickt.
Erst, als seine Augen gänzlich zugefallen sind und er ruhig und gleichmäßig atmet, steht Rosa vorsichtig auf. Sie hatten sich noch eine ganze Weile über Belanglosigkeiten unterhalten bis Jans Augen immer wieder zugefallen waren und seine Aussprache immer undeutlicher geworden war. Schließlich war sein Kopf auf seine Brust gesunken. Sie atmet auf. Für sein Anspannungslevel hatte er erstaunlich gut auf die Zuckerpille, die sie ihm gegeben hatte, angesprochen. Aber nur zu gut hatte sie gewusst, dass er ihre Anwesenheit ohne ihre kleine Notlüge nie zugelassen hätte.
Als sie an der Tür angekommen ist, wirft sie einen letzten, sonderbar zärtlichen Blick zurück. Sie kann sich im Nachhinein nicht erklären, wieso sie sich entschieden hat, Jans wiederholte Ablehnungen zu ignorieren und die Nacht nicht einfach im eigenen Bett zu verbringen. Aber sie bereut es nicht.
