Es dauerte wirklich nicht lange, bis Kili und Fili das Lager wieder betraten, jeder mit einem Büschel von besagtem Kraut in der Hand. Thorin machte sich sofort mit ihnen an die Arbeit, während Balin die Schichten der Wache den Zwergen und Bilbo zuteilte. Gandalf hatte sich ein wenig entfernt und schien über etwas nachzudenken oder etwas zu planen, aber Thorin interessierte das weniger.
Er sah seine momentan wichtigste Aufgabe, natürlich neben seinem Entschluss, so schnell es ging den Erebor zu erreichen, darin, dass sie den jungen Mann schnellstmöglich zum Elbenkönig brachten.
Während er einen kleinen Topf Wasser vom Feuer holte, sortierten Kili und Fili das Kraut und rupften es in kleine Stücke, die sie dann, sobald ihr Onkel sich wieder zu ihnen setzte, in den Topf werfen würden.
Die Feinarbeit überließen sie Thorin, und nur wenige Minuten später saßen sie alle, ausgenommen Gandalf, um das Feuer und warteten darauf, dass Thorin ihnen sagen würde, wie es genau weitergehen sollte.
Zunächst nahm er sich etwas zu Essen und zu Trinken und schwieg, ebenso wie Kili und Fili, während die anderen sie gespannt beobachteten. Erst, als er seine Schüssel zur Seite stellte, begann er zu sprechen.
„Für manch einen mag es vielleicht komisch klingen, aber da wir so oder so durch den Wald müssen, um unser Ziel zu erreichen, werden wir dem Elbenkönig einen kleinen Besuch abstatten."
Von Dwalin kamen schon Einwände, doch durch einen simple Handbewegung und einen leicht grimmigen Blick brachte Thorin seinen langjährigen Freund zum Schweigen.
„Lasst mich erst ausreden, bevor ihr eure Bedenken äußert."
Die anderen nickten nur.
„Wir können ihm nicht wirklich helfen, und zum Sterben zurück lassen können wir ihn auch nicht.", argumentierte Thorin. „Außerdem habe ich das Gefühl, dass er sich noch als nützlich erweisen könnte. Wir sind gut in der Zeit, also können wir unser Glück bei den Elben versuchen und unsere Vorräte aufstocken und unseren Weg neu planen."
Erwartungsvoll sah er in die Runde, doch die anderen schienen nicht recht zu wissen, was sie sagen sollten. Letztlich war es Balin, der das Schweigen brach.
„Ich denke, du hast Recht.", sagte er. „Wir haben ihn vorhin nicht zum Sterben zurückgelassen, also können wir es jetzt auch nicht tun."
Nun war es Dwalin, der seinem Ärger Luft machte.
„Willst du wirklich zu diesem Elbenpack gehen? Sie waren es, die uns damals im Stich ließen, als Smaug unsere Heimat zerstörte und hunderte Zwerge erbarmungslos tötete!"
„Ich weiß.", erwidere Thorin nur ruhig. „Doch wir müssen unsere Vergangenheit in diesem Fall
hinten anstellen. Wir tun es nicht für uns, sondern für diesen Menschen."
„Weise gesprochen, Thorin, Thrains Sohn.", mischte sich nun auch Gandalf in das Gespräch ein. „Ich werde bei Morgengrauen vorausgehen und sehen, was ich tun kann."
Damit war das Gespräch beendet, und nach und nach legten sich die Zwerge zur Ruhe, außer Thorin, denn dieser hatte die erste Wache.
Er starrte ins Feuer, dachte nach. Der Tag, an dem Smaug in ihre Heimat einfiel, das Königreich zerstörte, dass er regieren sollte, Zwerge tötete, die es zu großen Persönlichkeiten gebracht hätten, Thranduil, der einfach nur zusah, statt zu helfen. Dwalin hatte Recht, was hatten die Elben schon für sie getan? Hatten sie ihnen in der Not beigestanden? Sollten er und seine Begleiter tatsächlich diejenigen sein, die die Wogen zwischen Elben und Zwergen glätteten?
Er stellte sich noch weitere Fragen, zweifelte an seiner Entscheidung, während seine Wache zu Ende ging.
„Alles in Ordnung, Onkel?"
Thorin zuckte zusammen und sah auf. Kili stand vor ihm und sah ihn ein wenig verwirrt an. Er hatte Thorin aus seinen Gedanken gerissen.
„Ja, Kili, ich habe nur nachgedacht.", erwiderte er und bedeutete seinem Neffen, sich einen Moment zu ihm zu setzen. „Weißt du, wenn du mal Führer einer Truppe wirst oder auf einem Thron sitzt, darfst du nie an dir und deinen Entscheidungen zweifeln."
Kili sah ihn etwas fragend an.
„Ich bin deiner Meinung.", sagte er. „Es mögen Dinge passiert sein, die die Feindschaft zwischen Elben und Zwergen rechtfertigen, aber wenn nicht eine Seite auf die andere zugeht und andersrum, wird das nie enden und es wird immer Krieg herrschen."
Nun war es Thorin, der Kili überrascht ansah, während dieser ein paar vertrocknete Grashalme ausrupfte.
„Weise gesprochen für einen Grünschnabel wie dich.", sagte Thorin und klopfte Kili lächelnd auf die Schulter. „Du wirst bestimmt mal ein guter Anführer."
Kili sagte darauf nichts, und nur wenige Augenblicke später erhob sich Thorin.
„Sei wachsam, Neffe, ich habe das Gefühl, dass noch einiges auf uns zukommen wird, bis wir den Düsterwald erreichen."
