Entgegen Thorins Befürchtungen verlief die Nacht ruhig. Als er und die anderen erwachten, war Gandalf bereits fort, und Dori hatte ihn auch während seiner Wache nicht gehen sehen. Thorin dachte schon nach wenigen Minuten nicht mehr an Gandalf. Es war typisch für den Zauberer, einfach zu verschwinden und irgendwann wieder aufzutauchen, hatte er es vorher angekündigt oder nicht.
Sie hatten das Feuer gelöscht und waren gerade dabei ihre Sachen wieder einzupacken, als Thorin plötzlich seinen Kopf in Richtung des bewusstlosen Mannes drehte. Etwas hatte sein Interesse geweckt, und so ging er auf den Mann zu und kniete sich neben ihn. Kili und Fili traten zu ihm, und auch Balin und Dwalin wirkten interessiert, blieben aber wo sie waren und schauten lediglich zu den dreien.
Thorin hatte ein Geräusch gehört, da war er sich sicher, und es stammte definitiv von diesem Mann. Er sah Kili und Fili an, und diese nickten nur, als wollten sie ihn in seiner Vermutung bestätigen. Wieder das gleiche Geräusch, und die drei sahen wieder zu dem Mann runter.
Thorin traute seinen Augen nicht, er schien seinen Kopf zu bewegen! Kili und Fili hatten es auch gesehen und beugten sich ein wenig runter. Erneut bewegte er seinen Kopf, drehte ihn erst in die eine, dann in die andre Richtung, und als er in ihre Richtung zu blicken schien, öffnete er langsam die Augen.
Das erste, dass Thorin bemerkte war die Augenfarbe des Mannes. Im ersten Moment ähnelten sie sehr den blauen Augen der Elben, doch auf den zweiten Blick waren sie eher grau. Zuerst lag Verwirrung in diesen Augen, doch nur Sekundenbruchteile später lag Angst darin. Er wollte sich aufrichten, doch plötzliche Schmerzen in Bein und Rücken hielten ihn davon ab. Nun lehnte er auf seinen Unterarmen und wollte zurückweichen, wenn er schon nicht aufstehen und fliehen konnte.
Thorin versuchte, ihn zu beruhigen.
„Kein Grund zur Angst.", sagte er. „Ich bin Thorin, Sohn des Thrain, und das sind meine Neffen Kili und Fili. Meine Freunde und ich haben dich auf dem Schlachtfeld gefunden. Wie ist dein Name?"
Misstrauisch sah er den Zwerg an. Er schien abzuwägen, ob er ihm trauen konnte. Kili und Fili lächelten ihn schief an. In Thorins Gesicht lag so etwas wie Sanftmut, aber auch Verständnis für die Reaktion des Mannes.
„Keine Sorge, wir beißen nicht.", versuchte Thorin ihn aus der Reserve zu locken.
„Mein Name ist Derin, und ich bin Soldat.", begann er langsam und betrachtete die drei Zwerge immer noch. „Läuft die Schlacht noch?"
„Nein, als wir dich gestern fanden waren auf dem Feld nur Leichen.", antwortete Thorin.
„Gibt es noch überlebende meiner Familie?", fragte er nun und schaffte es doch, sich ein wenig aufzurichten. Der Schmerz in seinem Rücken hatte nachgelassen. „Wer hat gewonnen?"
„Darüber kann ich dir keine Auskunft geben.", erwiderte Thorin. Er hatte das Gefühl, dass hinter Derin mehr steckte als ein bloßer Soldat. „Treib einen Schluck Wasser für ihn auf, Kili."
Dieser gehorchte sofort, während Thorin und Fili Derin halfen, sich vernünftig hinzusetzen. Dwalin und Balin waren ebenfalls dazu gekommen, die anderen hatten sich in einiger Entfernung niedergelassen und beobachteten die Szene.
Als Kili mit dem Wasser zurückkehrte setzte Thorin seine Befragung fort.
„Warum habt ihr gegen die Orks gekämpft?"
„Sie haben unser Königreich angegriffen.", erklärte Derin. „Hätten wir nicht dort gegen sie gekämpft, wären hunderte Frauen und Kinder in der Stadt gestorben."
Thorin hielt einen Moment inne. Er überlegte, welche Stadt er meinen könnte und ob schon vor 170 Jahren Menschen in diesen Ebenen siedelten.
„Wie alt bist du?"
„18.", erwiderte Derin knapp.
Wie Thorin vermutet hatte. Gerade so aus dem Kindesalter raus und den Kopf vermutlich immer
noch voller Unsinn. Genau wie Fili und vor allem Kili. Nun schwieg der Zwerg. Derin sah ihn an.
„Darf ich etwas fragen?"
Thorin nickte nur.
„Seid Ihr der Thorin, von dem mein Vater immer Geschichten erzählt hat? Der Erbe Durins?"
„Ja, aber..."
„Thorin, wir müssen aufbrechen, wenn wir heute noch möglichst nah an den Wald heran kommen wollen.", unterbrach Balin ihn. Thorin sah in die Runde. Alle waren abmarschbereit und warteten auf seine Anweisungen.
„Dwalin, du bildest die Nachhut. Balin bildet mit mir die Spitze, dahinter Kili und Fili und Bilbo und Derin in der Mitte.", sagte er und stand auf. Er hielt Derin eine Hand hin, die er dankend entgegen nahm. Aufgrund des Größenunterschieds erwies es sich als etwas schwierig, Derin auf zu helfen, doch diese Hürde war schnell überwunden.
Das rechte Bein entlastend stand er nun da, Thorin ging ihm allerhöchstens bis zum Bauchnabel. Er hatte langes braunes Haar und war schlank, jedoch schien er auch ziemlich muskulös zu sein. Er trug ein einfaches, an einigen Stellen löchriges Kettenhemd mit einem zerfetzten Waffenrock darüber, der auf Hüfthöhe durch einen schmalen Gürtel zusammengebunden war. An diesem Gürtel hing eine leere Schwertscheide.
„Kannst du laufen?", fragte Thorin.
Zaghaft versuchte der Mensch einen Schritt zu machen. Das ging jedoch gehörig nach hinten los. Ein stechender Schmerz fuhr durch sein Bein, sodass er zu stürzen drohte, was Fili verhinderte, indem er ihn festhielt.
„Tut mir leid, aber ich glaube, das wird nichts. Ich kann mein Bein nicht belasten.", brachte er hervor. Der Schmerz hielt immer noch an.
„Hm, wir müssen uns etwas einfallen lassen, sonst brauchen wir zu lange.", überlegte Thorin laut.
