Der Umzug
„Ja, ein bisschen weiter nach vorne! Nein, noch ein Stückchen nach hinten! Ja, genau so!", brüllte mein Vater Charlie als er versuchte, den Umzugswagen in die richtige Position zu bringen. Mein Name ist Isabella Swan und ich bin die Tochter eines Polizisten, namens Charlie Swan. Auch genannt Chief Swan. Ich hatte einen Umzug vor. Nach Alaska, wo ich dann aufs College gehen würde. Mir war schon jetzt ein bisschen mulmig …
„So, Bella. Nun beginnt der Ernst des Lebens." Er wandte sich mir zu.
„Ja, Dad, ich weiß."
„Das College in Alaska … bist du dir sicher, dass du unbedingt dorthin willst? Ich weiß doch, dass du die Kälte nicht magst und …" Ich fiel ihm ins Wort.
„Dad, was meinst du, wie ich es hier in Forks überlebt habe?", fragte ich sarkastisch.
„Das stimmt auch wieder." Er lächelte und lauter kleine Fältchen traten unter seinen warmen, braunen Augen.
Die Zeit verging und so langsam waren meine Sachen im Wagen.
„So, Chief Swan, jetzt bräuchten wir noch eine Unterschrift.", rief einer der Angestellten, der Block und Kugelschreiber schon in der Hand hielt.
„Sofort!", rief Charlie. „Bella, nutz doch schon mal die Zeit, und mach dich für den Flug fertig, wir brechen bald auf."
„In Ordnung."
Ich ging ins Haus, nach oben in mein Zimmer. Das Zimmer war so leer, wie ich es bei der Ankunft in Forks vorgefunden hatte. Das Bett in der Ecke, der Schreibtisch, der neben dem Fenster stand und der Kleiderschrank neben der Tür. Alles bis auf das war im Umzugswagen. Ich seufzte. Ein weiterer Schritt im Leben: Aufs College gehen. Die Zeit verging so schnell. Davor war ich noch auf der Highschool. Ich werde die Nässe hier in Forks vermissen – sie war immerhin besser, als die eisige Kälte, die mich in Alaska erwarten würde.
„Bella!" Dad riss mich aus meinen Gedanken.
„Komme!"
Ich blickte noch einmal in den Raum, bevor ich hinaustrat und die Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ.
Charlie wartete schon mit seinem Handgepäck am Fuße der Treppe.
„Können wir?", fragte er.
„Ja."
Charlie schloss die Haustür ab und ging mit mir rüber zu seinem Wagen – er hat einen weiteren Wagen gemietet, da ich keine Lust hatte, in seinem Streifenwagen durch die Stadt zu düsen …
„Ich werde dir deinen Transporter nach Alaska schicken, oder möchtest du dir lieber ein anderes Auto besorgen?" Da ich mir hier in Forks so gut wie nichts gegönnt hatte, hatte ich immer noch genug Geld zur Verfügung. Und zur Not war ja noch Charlie zur Stelle.
„Mal sehen. Ich werde es mir auf den Flug hin überlegen."
„Na ja, ich werde ja ein paar Tage dort bleiben, ich könnte mich ja auch für dich umschauen.
„Danke, Dad."
Und so fuhren wir zum Flughafen. Heute war es warm in Forks und ich kurbelte das Fenster runter. Wir waren schon beim Check In und bei der Gepäckabgabe und warteten nur darauf, das Flugzeug betreten zu können. Ich holte meinen CD-Player aus der Tasche hervor, nahm eine CD raus, legte sie ein, und drehte auf mittlerer Lautstärke auf und stopfte den CD-Player zurück in die Tasche. Die Musik war beruhigend.
Claire de Lune von Debussy war eines meiner Lieblingsstücke. Es war Boarding Time und so betraten wir das Flugzeug, ich saß am Fenster und Charlie neben mir. Ich war aufgeregt. Ich war noch nicht so häufig geflogen und es war immer ein tolles Erlebnis in die Lüfte zu steigen.
Charlie kramte eine Zeitung raus und begann darin zu lesen. Wir mussten nicht immer miteinander reden. Es war ganz angenehm, dass wir uns auch so gut verstanden. Ganz anders wäre es aber, wenn ich bei meiner Mutter in Phoenix sein würde. Sie würde bei jeder Gelegenheit ein Gespräch mit mir suchen, sobald mein Stiefvater auf Reisen war. Und auch sonst war es so.
Meine Eltern haben sich vor vielen Jahren getrennt. Sie haben sehr früh und auch überstürzt geheiratet. Und mein Dad ist immer noch nicht darüber hinweg. Und es machte mich traurig. Außer mir hatte er nichts mehr. Er lebt ganz allein in Forks.
Als er spürte, dass ich zu ihm hinblickte, drehte er seinen Kopf zu mir und schaute mich an.
„Was ist denn los, Bella?", fragte er besorgt. Trotz der Stöpsel in den Ohren verstand ich ihn bestens.
„Och, es ist … nichts." Ich schaute wieder weg, so peinlich war mir das ganze irgendwie. Ich konnte es mir nicht erklären.
Irgendwann war ich eingenickt und träumte vor mich hin. Es war ein unangenehmer und seltsamer Traum.
Ich sah einen jungen Mann. Sein Gesicht konnte ich nur schemenhaft erkennen. Es war blass, und hatte grüne Augen. Eine schöne Augenfarbe, dachte ich. Der Junge hatte bronzene Haare. Nun grinste er mich an.
Plötzlich saß ich mit ihm in einem Auto, es war silberfarben. Er war am Steuer. Doch dann blendete mich ein grelles Licht und es war plötzlich dunkel.
Was war das? Rief jemand mich. In meinem Traum piepte es. Anscheinend war ich in einem Krankenhaus. Wieder rief jemand mich.
„Bella!", schrie jemand. Die Tür sprang auf und derselbe Junge von vorhin kam ins Zimmer gestürmt. Mir fiel etwas auf. Ich betrachtete sein Gesicht. Seine Augen waren nun golden …
Jemand schrie nun in meinem Traum und ich riss die Augen auf. Mein Herz trommelte gegen meinen Brustkorb. „Bella? Ist alles in Ordnung?", fragte Charlie mich besorgt.
„Ja … mir … geht es gut, keine Sorge. Ich hatte nur einen seltsamen Traum."
Er ließ es unkommentiert und sagte nur, dass das Flugzeug gleich landen würde. Ich nickte.
Wirklich sehr seltsamer Traum. Wie kann eine Augenfarbe so stark wechseln? So eine Farbe habe ich noch nie gesehen, und allein den Jungen kenne ich doch überhaupt nicht. Na ja, es war halt ein Traum …
Das Flugzeug landete und Charlie und ich stiegen aus. Wir durchquerten den langen Gang, auf dem Weg zur Gepäckausgabe. Unsere Koffer kamen leider erst mit Verspätung an. Genervt – wir warteten fast zwei Stunden – riss ich meinen Koffer vom Fließband. Charlie schaute mich überrascht an, denn normalerweise war ich die Ruhe selbst. Nur heute schien das wohl eine Ausnahme zu haben. Liegt wohl an der Aufregung, redete ich mir zur Beruhigung ein.
Ich machte den schlimmsten Slalomkurs meines Lebens, denn der Flughafen, auf dem ich mich gerade befand war klein, im Gegensatz zu dem in Phoenix. Allein der in Forks war schon klein genug, so dass man sich den Weg zum Ausgang erkämpfen musste – und hier war das noch viel schlimmer.
Als wir draußen an der frischen Luft standen, atmete ich auf. Hier fiel es mir leichter, klar zu denken.
Es war zwar eisig hier in Alaska, aber die Luft hier war angenehm – und das genoss ich nur zu gern. Dieser Ort hier hatte bei mir schon mal einen Pluspunkt.
„Kalt, nicht?", stellte Charlie fest, und rieb sich mit seinen Armen um seinen Körper.
„Ja, aber nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte." Er lächelte.
„Das freut mich." Ich erwiderte sein Lächeln. Es war etwas verkrampft, da mein Gesicht schon ganz steif vor Kälte war, er schien es wohl nicht zu bemerken.
Mit einem Taxi fuhren wir rüber zu meinem Haus. Die Miete fürs Erste Charlie und Renée finanziert, damit ich erstmal mit dem College klarkam – schließlich musste das ja auch noch bezahlt werden.
Es war ein schönes, kleines Haus. Es stand in der Nähe von Bergen, die einen großen, klaren See umgaben. Rings um das Haus standen Bäume. Wenn ich mich nicht täuschte, dann befanden wir uns in der Nähe vom „Denali National Park".
Charlie reichte noch dem Taxifahrer Geld, und dann stiegen wir aus. Hier war es weniger kalt, als am Flughafen, doch die Luft war hier sogar noch besser.
„Hier lässt sich's leben!", rief ich begeistert. Charlie lachte in sich hinein.
Das Türschloss klickte zweimal und die Tür sprang auf. Ich trat ein. Das Haus war auch innen sehr schön. Die Wand war weiß gestrichen, genau wie die äußere Seite des Hauses. Der Boden war mit Linoleum bedeckt. Ich befand mich im Flur, der direkt ins Wohnzimmer überging. Zu meiner linken war die Küche. Rechts vom Flur war eine kleine, aus hellem Holz gefertigte Wendeltreppe, die ins zweite Geschoss führte.
„Wow", brachte Charlie heraus. „Das Haus hier ist ja noch viel schöner als meins in Forks." Er zögerte. „Ich bin sogar ein bisschen neidisch.", gab er zu. Ich kicherte.
„Na los, schauen wir uns den Rest des Hauses an!"
Wir gingen nach oben. Hier war es genau wie im Erdgeschoss, so hell und offen. Ich mochte das Haus sofort! Zu meiner Rechten war ein gelb bestrichenes Zimmer, ich beschloss, es als mein Schlafzimmer zu nehmen, denn daneben war ein etwas kleineres Zimmer, das für mich nur als Arbeitszimmer Infrage kam. Auf der anderen Seite der Treppe war das Badezimmer – es hatte eine Dusche und eine Badewanne. Ziemlich gut ausgestattet, das musste ich zugeben.
Ich ging in mein Zimmer und stellte meinen Koffer ab. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ihn die ganze Zeit mir mit mitgeschleppt hatte. Oh, super! Ich hatte hier noch einen kleinen Balkon.
„Dad" Ich drehte mich zu ihm um.
„Ja, Bells?"
„Ich danke dir und Mom, dass ihr mir dieses Haus ausgesucht habt, es ist wundervoll!"
„Dann schau die erstmal den Garten an." Er zwinkerte mir zu. „Der wird dich erstrecht umhauen." Einen Garten? Sofort spurtete ich nach unten, mit der Vorsicht, nicht zu stolpern, oder gar hinzufallen. Ich war ja bekannt für meine nichtsportlichen Begabungen und meinen Koordinationsproblemen, und die hatte ich immerhin nicht von Mom …
Ich war bereits hinter dem Haus und ich konnte meinen Augen nicht trauen! Es war einfach zu schön, um wahr zu sein!
Hier hatte man eine noch bessere Sicht auf den See und auf die Berge. Alles war so nah, als müsste ich mich nur ausstrecken, um das alles zu erreichen. Die Sonne reflektierte das Licht auf dem Wasser, ich stand auf dem Stück rasen und genoss die Atmosphäre.
„Na, was hab ich gesagt? Einfach klasse, oder?" Charlie lächelte übers ganze Gesicht.
Ich schaute ihn mit leuchtenden Augen an, und nickte. Vielleicht sollte ich mir mal gleich überlegen, dauerhaft hier zu bleiben, aber damit hatte ich ja noch Zeit.
Das Wohnzimmer und mein Schlafzimmer waren mit dem Blick auf den See gerichtet, sodass ich ihn mir immer anschauen konnte. Es gab zu meiner Überraschung sogar eine Veranda. Ich fragte mich nur zu gut, wie viel das hier alles kostete …
„Sag mal, Dad?", setzte ich an. „Wie viel kostet das alles?"
„Nicht viel, du brauchst dir also keine Sorgen zu machen."
„Noch nicht.", Ich schluckte. Er lachte.
„Nein, im Ernst, Bella. Deine Mutter und ich haben schon dafür gesorgt, dass du ein haus bekommst, in dem du dich einfach nur wohl fühlen kannst und dazu auch noch sehr billig ist. Außerdem." Er tippte mir auf die Nasenspitze. „Das habe ich dir nämlich noch nicht erzählt, aber als nachträgliches Geburtstagsgeschenk haben Renée und ich beschlossen, dir das Haus zu schenken. Damit haben wir auch gleich die Miete ein wenig runtergesetzt. Du hast nun volle Verfügung über das Haus." Ich stand mit offenem Mund da. Meinte er das wirklich ernst? War heute etwa mein Glückstag? Ja, anscheinend. Glücklich fiel ich Charlie um den Hals.
„Oh, danke vielmals, Dad! Das ist einfach unglaublich! Ich kann es einfach nicht fassen …"
„Vergiss nicht, dich auch noch bei deiner Mutter und Phil" – er blickte zerknirscht, als er den Namen nannte. – „zu bedanken. Er hat auch ein wenig dazu beigetragen."
„Ja, klar Dad, mach ich. Weißt du eigentlich, wann der Umzugswagen kommt?"
„Ähm, ja. Der kommt morgen. So gegen Mittag." Ich beäugte ihn skeptisch.
„So schnell?"
„Ja, deine Sachen werden mit einem Flugzeug nach Alaska gebracht und dann werden sie hergefahren."
„Ach so. Na dann … aber ähm, wo soll ich denn schlafen?"
„Ich hab dir eine Matratze mitgebracht. Die liegt bereits im Wohnzimmer, die Pumpe steht auch schon da. Ich miete mir ein Zimmer in der Innenstadt. Ich habe da etwas zu erledigen. Es ist eine Überraschung." Noch eine? Ich stöhnte auf.
„Dad … du weißt ganz genau, dass ich keine Überraschungen mag!", jammerte ich.
„Tja, das wirst du wohl in Kauf nehmen müssen…", scherzte er. Ich blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen an, nickte aber.
„So, Bells. Ich muss auch schon los. Ich bin morgen früh wieder da."
„In Ordnung." Er lächelte mir noch kurz zu, dann verschwand er um die Ecke. Ich blickte zurück zum See, aber ich spürte, dass mich jemand beobachtete. Ich drehte mich nach rechts – ich hatte gar nicht bemerkt, dass neben meinem Grundstück sich noch ein Nachbarhaus befand. Ich hatte es wohl nicht gesehen, weil lauter Bäume um es standen.
Neugierig blickte ich zu einem der Fenster, hinter dem eine männliche Figur stand. Grüne, leuchtende Augen blickten zu mir herunter. Diese Augen … sie kamen mir bekannt vor. Doch in diesem Moment kam ich einfach nicht drauf, woher.
Noch immer schaute mich die Person an. Mir war nicht besonders wohl, also ging ich ins Haus. Ich beschäftigte mich damit, die Matratze aufzupumpen, dann plötzlich klingelte jemand bei mir an der Tür. Wahrscheinlich die Nachbarn.
Bingo.
