Planung für den nächsten Tag
Bellas Sicht
Das Schweigen hielt auch weiterhin an. Edward behielt mich dennoch trotzdem im Auge. Er prüfte jede Bewegung, die ich machte. Jeden Bissen, den ich zu mir nahm kamen mir irgendwie äußerst peinlich vor. Ich hatte Angst, eine falsche Bewegung zu machen, mich zu blamieren, mich irgendwie zu bekleckern oder so. Normalerweise wurde mir nie solche große Aufmerksamkeit geschenkt, noch nicht einmal annähernd. Der ruhige und tiefe Blick Edwards versetzte mir immer und immer wieder einen seltsamen Stich. Mein Hals schlug mir bis zum Hals, und ich fühlte, wie meine Wangen allmählich heißer wurden …
Zu meiner Enttäuschung hielten diese Blicke von ihm nicht mehr länger an, da er schon aufstand, und damit begann, den Tisch abzuräumen. Ich sah auf meinen Teller – er war noch bis zur Hälfte hin voll. Ihm schien es auch aufzufallen.
„Bist du fertig?", fragte er freundlich.
„Ja", murmelte ich schnell und stand ein wenig ungeschickt auf. Edward sah mir erneut direkt in die Augen, stellte seinen Teller langsam wieder ab, beugte sich über den Tisch und drückte mich wieder sanft auf den Stuhl. „Bleib sitzen, ich mach das schon", sagte er und zog seinen rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln hoch. Es verschlug mir die Sprache, und als er dann wegging und ich fühlte, wie mir schlecht wurde, merkte ich, wie ich die Luft angehalten hatte. Seufzend atmete ich wieder auf. Als er dann wiederkam funkelten seine Augen. Er stellte sich neben mich und fasste mich an der Schulter.
„Bella", er stockte. War er etwa aufgeregt?
„Ja?", hauchte ich wieder atemlos. Ich saß wie versteinert auf meinem Stuhl, während Edwards Hand auf meiner Schulter lag. Ich drehte meinen Kopf ein wenig nach rechts, und sah, dass seine Hand zitterte.
„Ich wollte dich fragen, ob du mir nicht beim Klavierspielen zuhören möchtest … Natürlich nur, wenn du willst." Die Art, wie er mich dabei anschaute, war so schön, dass es mir fast das Herz zerriss. Sein Blick wirkte schüchtern und süß zugleich. Dabei waren die meisten Jungs, die ich kannte eher Aufreißer. Edward war anders.
„Und?" Es war unmöglich bei ihm nein zu sagen …
„Ja klar!"
Er lachte unsicher, drehte sich um, ich folgte ihm ins Wohnzimmer, wo der Konzertflügel stand. Wieder bestaunte ich den Glanz des Klaviers. Wer auch immer dieses große Haus in Form hielt, der leistete wirklich gute Arbeit.
Edwards Sicht
Bella kam näher und strich nachdenklich über die Tastatur.
„Er ist so schön.", murmelte sie, „Schade nur, dass ich selbst nicht spielen kann." Sie drehte sich ruckartig um, damit sie mich ansehen konnte. Ihre langen Haare streiften dabei meine Wange.
„Spiel mir doch etwas vor. Bitte." Sie schaute zu mir hoch. Sie sieht so süß aus, wenn sie so schüchtern wirkt!
„Das hatte ich eh vor.", erwiderte ich schlechthin, meine Stimme sackte in der Mitte des Satzes ab. Ich ging an ihr vorbei und setzte mich auf die Bank. Und ohne nachzudenken nahm ich ihre Hand und sie ließ sich neben mich fallen. Schnell entzog ich meine Hand wieder.
Verlegen räusperte ich mich. Bella blickte auf meine Hände, die wieder anfingen zu zittern.
Was war bloß los mit mir? Das kenne ich ja überhaupt nicht an mir. Es war so neu …
Langsam setzte ich meine Finger an, meine Augen huschten schnell zu Bella, die mich erwartungsvoll anblickte. Ich atmete tief durch und begann auch schon zu spielen. Meine Finger flogen fast förmlich über die Tastatur und füllten den Raum mit meiner selbst komponierten Musik. Es war das Lieblingsstück von Esme. Bella blieb vor Staunen der Mund offen, schloss ihn aber schnell wieder. Ich lachte leise.
Es machte mich glücklich, einem Mädchen imponieren zu können. Schweigend lauschte sie der Melodie und schloss dabei die Augen. Ich betrachtete sie. Mit geschlossenen Augen sah sie so friedlich aus – jetzt lächelte sie sogar. Es faszinierte mich. Ich wusste nicht, warum.
Sie hielt die Augen bis zum Ende des Stückes geschlossen. Ich ließ die Melodie ausklingen, dann öffnete sie langsam ihre Augen.
„Vielen Dank.", sagte sie und lächelte mich an. „Das war wirklich sehr schön, du bist ein exzellenter Spieler, wirklich." Ihr Lächeln wurde breiter. Meine Antwort fiel etwas gedehnt aus. „Naaa jaaa."
„Doch! Ich meine es wirklich ernst!"
„Ich auch."
„Du fängst doch nicht schon wieder an, oder?", zog sie mich auf.
„Nee, eigentlich nicht."
„Schön zu wissen." Schweigend starrten wir uns an. Dann fing ich an zu lachen, sie lachte ebenfalls.
„Überdrehter Spinner", sagte sie halbherzig und lächelte.
„Das gleiche könnte ich auch von dir behaupten." Ich grinste.
„Nochmals vielen Dank."
„Bitte gern geschehen." Bella blickte auf ihre Uhr.
„Oh … Ich glaub, ich muss gehen." Sie stand auf.
„Hast du etwas dagegen, wenn ich dich begleite?", fragte ich schnell. Sie drehte sich um.
„Äh, nein, eigentlich nicht." Wieder wirkte sie verlegen. „Wenn du willst." Sie hob fragend ihre Augenbrauen.
„Ich will immer!", sagte ich scherzhaft. Wieder lachte sie. Mir ist vorhin nie aufgefallen, wie schön ihr Lachen klang. Es klang einfach glücklich und sorgenfrei.
Sie ging zur Tür, ich blieb direkt hinter ihr. Als ich die Tür öffnete, blies uns ein eiskalter, starker Wind entgegen, sodass Bella nach hinten flog, und direkt in mich hinein.
„Oh", murmelte sie. „Ganz schön kalt." In der Tat. Die Nacht war kühl und frisch. Bella fröstelte heftig neben mir. Ich schaute zu ihr herunter und mir fiel auf, dass sie nur eine dünne Strickjacke trug – und es waren gute fünfzig Meter bis zu ihrem Haus. Warum müssen die Häuser auch so weit auseinander liegen?!
Schnell zog ich meine Jacke aus, und legte sie auf ihre Schultern. Mir war es egal, ob ich selbst fror, ich merkte es kaum. Mir war auf einmal so warm. Als sie mir ins Gesicht blickte, färbten sich ihre Wangen leicht rosa.
Wieder wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Mir fiel kein passendes Gesprächsthema ein. Ich gab es auf, Smalltalk zu machen.
Wir liefen auf dem steinernen Boden, vorbei an den wenigen Bäumen, die dafür die schöne Landschaft freigaben, vorbei an einer Katze, die ruhig auf einem Stein saß und uns beobachtete, vorbei an dem großen See mit den vielen Bergen drumherum.
Und schon waren wir an ihrem Haus angekommen.
Bella wendete sich mir zu. Ihre Augen glänzten im schwachen Mondlicht, dann lächelte sie wieder. Sie reichte mir die Jacke.
„Danke, Edward. Der Nachmittag hat mir großen Spaß gemacht."
„Ja, mir auch." Ich zögerte. „Hast du vielleicht Lust, mal wieder etwas mit mir zu unternehmen?"
„Ja, gerne. Aber morgen gibt es so viel zu tun. Das mit dem Morgen und so. Und" Schnell fiel ich ihr ins Wort. Ich hatte da so eine Idee …
„Wann kommen die Umzugshelfer?"
„Ähm, morgen, denk ich. Wieso?"
„Na ja … Ich dachte mir, du könntest ein wenig Hilfe brauchen? Vielleicht könnte ich dir ja Gesellschaft leisten …"
„Das ist keine schlechte Idee."
„Ja? Also, ginge das? Weil, ich könnte den Rest meiner Familie ja überreden, auch mitzuhelfen."
(A.N.: Wenn ihr versteht, was ich meine mit „helfen".)
„Das wäre super! Dann hab ich das so schnell wie möglich erledigt."
„Das hatte ich auch gedacht …"
„Ich glaub, du hattest noch etwas anderes im Sinn?" Ich zögerte.
„Na ja, schon. Wir könnten doch dann Schlittschuhlaufen, oder so." Sofort erstarrte sie. War wohl doch keine so gute Idee, Edward.
„Nur wenn du willst.", sagte ich schnell.
„Ich würd ja gerne, nur"
„Du kannst kein Schlittschuhlaufen?"
„Ja, das auch …" Sie druckste ein wenig herum.
„Die Sache ist, aber lach mich bitte nicht aus, ja?" Sie wurde knallrot.
„Nein, ich versprechs."
„Also gut. Es ist so, dass ich ziemlich, aber wirklich ziemlich ungeschickt bin. Bei sportlichen Aktivitäten sowieso. Ich kann ja noch nicht einmal über eine gerade Oberfläche laufen, ohne zu stolpern. Ziemlich armselig, findest du nicht?"
„Ach, nein. Finde ich nicht. Ich kann doch auch nicht alles. Außerdem", Ich zwinkerte, „hast du dich auf dem Weg hierhin sehr gut geschlagen."
Wieder lachte sie.
„Wie wärs, würdest du, wenn wir mit der Umzugssache fertig sind, mit mir Schlittschuhlaufen? Ich werde dir auch helfen. Wirklich, es macht Spaß."
„Wenn du dabei bist … Na gut. Warum nicht. Viel hab ich ja nicht zu verlieren."
„Außer dass du stolpern könntest." Sie guckte mich grimmig an. Was natürlich nur gespielt war.
„Aber natürlich fang ich dich dann auf." Ich grinste sie an.
„Ok."
„Also, dann. Wir sehen uns dann schon morgen, oder?"
„Jep."
Ich zögerte, beugte mich zu ihr hinunter, nahm ihre Hand und hauchte einen Kuss auf. Dann drehte ich mich um. Sie winkte schüchtern und wendete sich der Tür zu. Die Tür war schon aufgeschlossen, als ich mich wieder umdrehte.
„Ach, Bella?" Mit einem Ruck drehte sie sich um.
„Ja?"
„Schlaf gut.", hauchte ich, sie war noch nah genug, um es noch hören zu können.
„Du auch."
Schnell lief ich davon. Ich glaubte, sie noch lächeln gesehen zu haben.
