It´s Your Choice

Bella

Edward schien überrascht über meine Frage, doch Verzweiflung flackerte kurz über sein Gesicht. Er schien etwas verbergen zu wollen.

„Kontaktlinsen?", fragte er verwundert.

„Ja. Also, ich meine, topas ist eine sehr ungewöhnliche Augenfarbe, findest du nicht?"

„Nun ja", Er zögerte. „Ihnen scheint diese Farbe zu gefallen.", sagte er schließlich und schob seine Augenbrauen zusammen.

„Und warum hast du dann keine?" Zuerst schwieg er, dann schaute er mich aus seinen Augenwinkeln an.

„Wahrscheinlich werde ich auch bald welche bekommen.", murmelte er. Er war in seinen Gedanken versunken. Hatte ich etwas Falsches gesagt?

„Du klingst ja nicht sehr begeistert."

„Carlisle überlässt mir die Wahl." Er runzelte die Stirn.

„Oh, na dann. Ich würde mich schon fragen, wie du dann aussehen wirst.", erwiderte ich.

„Anders", sagte er tonlos. „Sehr anders." Sein Ton war so, als hätte er damit auch etwas anderes gemeint.

„Also, ich finde dies interessant, ehrlich." Ich versuchte die Stimmung aufzuhellen. Edward lächelte leicht, doch dann wurde er wieder ernst.

„Es ist schon interessant. Aber das alles hat auch seine negativen Seiten." Sein Blick war auf die Fahrbahn gerichtet und seine Finger erstarrten; seine Hände umklammerten mit aller Gewalt das Lenkrad, als hätte er versehentlich zu viel gesagt. An Edwards Gesichtsausdruck sah ich, dass er das Thema auch schon wieder fallen lassen wollte, doch ich konnte mich nicht bremsen. Meine Neugierde war einfach nicht zu unterdrücken.

„Was für negative Seiten?"

„Alle haben einen etwas anderen Ernährungsplan." Er versuchte so gelassen wie möglich zu klingen, doch ich merkte, dass ihn etwas verunsicherte.

„Hm? Meinst du etwa, sie sind Vegetarier?" Ich wusste nicht warum, aber irgendwas daran fand er irre komisch. Für kurze Zeit umspielte ein Lächeln seine Lippen.

„Ja."

„Was ist denn daran so schlimm?"

„Es macht sie zu Außenseitern, sozusagen. Ich weiß nicht, aber andere Menschen meiden ihre Nähe. Aus irgendeinem Grund, den ich nicht kenne." In seinen Augen trat auf einmal ein grüblerischer Ausdruck und er presste seine Lippen zu einer harten Linie zusammen. Was er wohl jetzt dachte? Aber irgendwas war anders. Ich konnte es mir nicht erklären. Aber ich spürte, dass etwas mit dem Rest der Cullens ganz und gar nicht stimmte. Doch im Moment kam ich einfach nicht drauf.

„Nun ja, eine Sache wurmt mich", platzte es aus mir heraus. Ich schaute kurz zu Edward, der mireinen schnellen Blick zu warf, doch dann gleich wieder auf die Straße blickte; er sah ziemlich mutlos aus.

„Ja?" Seine Stimme klang auf einmal neugierig.

„I-ich weiß nicht, wie ich das erklären soll …", stammelte ich und wurde rot. Um nichts in der Welt wollte ich ihm preisgeben, was ich über seine Familie dachte. Zumindest nicht, wenn meine Gedanken dabei so aussehen …

„Du willst es mir nicht sagen?", fragte er mich, legte seinen Kopf schief und setzte eine Unschuldsmiene auf. Ich verzog das Gesicht.

„Nein, zu peinlich." Er grinste.

„Was?"

„Dein Gesicht ist so rot wie eine Tomate.", spottete er. Das half jetzt auch nicht gerade, ich wurde nur noch röter.

„Sagst du's mir? Bitte?" O Gott, nicht so diese flehende Stimme! Ich konnte einfach nicht anders und verriet es ihm.

„Nun ja, also"

„Ja?" Mit einem Mal war sein Gesicht wieder Ernst.

„Mir ist aufgefallen, dass deine Geschwister sich sehr ähneln, in gewisser Weise. Das geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Sie sehen irgendwie Carlisle und Esme ähnlich, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind. Sie haben die gleichen Augen, die Blässe … Die Art wie sie sich bewegen." Verwundert und zugleich verärgert darüber, was ich gesagt hatte, schüttelte ich nur den Kopf und ich traute mich nicht, in sein wunderschönes Gesicht zu schauen. Ich hatte Angst, er wäre nun verärgert oder traurig, doch stattdessen lachte er. Es klang unsicher.

„Was? Du bist ja sehr aufmerksam, oder?"

„Mhm, das soll hin und wieder vorkommen." Wieder lachte er.

„Mach dir nicht so viele Gedanken darüber. Es ist wahr – sie sehen sich alle in gewisser Weise ähnlich, aber damit hat es nichts Besonderes auf sich."

„Aber du unterscheidest dich von den anderen. Das wundert mich." Wieder formten sich seine Lippen zu einer harten Linie.

„Das war bestimmt nur ein Zufall", murmelte er. Ich war einfach nur vertieft in sein Mienenspiel, das immer zu wechseln schien. Wieder spürte ich, dass er etwas verheimlichen wollte. Aber ich war mir sicher. Carlisle und Esme konntenEdward damals nicht zurücklassen. Ich wusste nicht, wie ich darauf kam, aber es huschten eigenartige Bilder durch meinen Kopf, in dem Edward als kleiner Junge abgebildet war. Ich sah, wie Carlisle ihn in den Arm nahm, und wie geborgen Edward sich bei den Cullens fühlte. Ich sah sogar, so vermutete ich, Edwards Eltern. Die Haare seiner Mutter hatten ebenfalls diesen seltsamen bronzeton. Ihre Augen flackerten noch mal kurz auf; sie waren grün. Edwards Vater hatte braune Haare. Seine Augenfarbe konnte ich nicht deuten, da seine verschlossen waren. Wieso bekam ich aber diese Bilder zu sehen?

„Und was ist, wenn Carlisle deine Eltern kannte?", fragte ich leise. Ich war mir nicht sicher, ob er es hören sollte. Wieder umklammerten seine Hände das Lenkrad und er blickte stur geradeaus. Ich wollte ihn nicht kränken und ich wäre am Liebsten aus dem Auto verschwunden. Schließlich seufzte er.

„An meinem vierzehnten Geburtstag", begann er, „kamen meine Eltern in einem Autounfall ums Leben. Es zerriss mir das Herz und ich sah keinen Grund mehr, um selbst weiterzuleben. Was hätte ich auch tun sollen?" Er schaute mich an, tiefer Schmerz lag in seinem Blick. Er richtete seinen Blick zurück auf die Straße.

„Carlisle kannte in der Tat meine Eltern. Sie waren gut miteinander befreundet und verstanden sich prächtig. Damals war er aber noch allein. Esme hatte er damals noch nicht gefunden. Er war Anwalt und kam bestens mit Carlisle, der Chefarzt war, aus. Eigentlich hätte dieser genauso gut als Model durchgehen können." Bei dem Gedanken musste er grinsen. „Hin und wieder kam er zu uns Nachhause. Ich fand ihn gleich sympathisch, er war ein guter Geschichtenerzähler. Ich wurde älter und mein vierzehnter Geburtstag kam damit auch immer näher." Er seufzte erneut. „Ich wollte meinen Geburtstag mit Carlisle feiern, also luden meine Eltern ihn ein. Es war ein heißer Sommertag und wir wollten ans Meer fahren. Damals wohnten wir noch in Chicago." Edwards Blick wurde mit jedem Wort immer trauriger. Dennoch schien er weiter erzählen zu wollen, also hielt ich ihn nicht davon ab. Es schmerzte nämlich auch mich, ihn so traurig zu sehen.

„Wir hatten die Musik laut aufgedreht und alberten herum. Mein Vater steuerte auf eine Straße oberhalb einer Klippe zu. Es folgte eine scharfe Linkskurve – mein Vater hatte nicht damit gerechnet – das Auto stürzte in die Tiefe. Ich kann mir nicht erklären, wie ich das überlebt hatte, aber meine Eltern waren bereits tot. Carlisle war komischerweise auch unversehrt. Der ganze Schock und alles war mir einfach zu viel und ich wurde ohnmächtig. Später wachte ich wieder bei Carlisle Zuhause auf. Ich wuchs bei ihm auf, und liebte ihn wie meinen zweiten Vater. Später fand er Esme und heiratete sie. Auch sie liebte ich wie meine zweite Mutter. Sie war so liebevoll und kümmerte sich um mich als wäre ich … ihr eigener Sohn. Ich war sehr glücklich, und doch hatte ich Sehnsucht nach meinen richtigen Eltern. Carlisle und Esme hatten natürlich vollstes Verständnis dafür. Sie dachten, ich wäre einsam, und das war ich auch. Also kamen nacheinander meine Adoptivgeschwister hinzu. Und seitdem leben wir zusammen." Wieder blickte er zu mir und lächelte.

„Du hast großes Glück", flüsterte ich und war wie gefesselt von seiner Geschichte. Ich war erleichtert, mehr über ihn und seine Familie wissen zu können, und auch darüber, dass er mir meine Fragerei nicht allzu übel nahm.

„Ja, ich weiß", sagte er leise und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Wie gern hätte ich ihm leicht auf die Schultern geklopft, oder leicht über seine Oberarme gestrichen – der Drang ihn zu berühren war überwältigend. Ich konnte mir dies nicht erklären. Ich schaute aus dem Fenster und sah, dass wir schon fast da waren. Bald würde ich aus diesem Auto steigen und wieder in meine Welt zurückkehren. Der Abschied schmerzte ein wenig – es war unvorstellbar für mich, ihn nicht mehr zu sehen. Wieder verlieh mir dieser Gedanke einen seltsamen Stich. Edward fuhr langsam über die Landstraßen und stoppte schließlich vor meinem Haus. Ich sah Emmett, wie er mit einem Arm meinen Kleiderschrank trug – Moment, hatte ich auch schon Halluzinationen? Ich blinzelte kurz und plötzlich stand da auch schon Jasper, der kräftig mit anpackte. Ah, vielleicht hatte mir mein Verstand nur einen miesen Streich gespielt. Na ja, wäre nicht das erste Mal … Ein schwarzer Stachelkopf hüpfte auf und ab, verschwand, und kam in weiter Entfernung wieder in Sicht. Ich schaute genauer hin und erkannte Alice. Wie schnell konnte sie denn dorthin kommen? Verwirrt schüttelte ich den Kopf, und ich hoffte nur, dass mein Hirn sich bald wieder normal verhalten würde.

„Hey Bella", sagte eine Stimme ein wenig belustigt. Es war Edwards Stimme, sie kam von nebenan. Er stand mittlerweile neben mir und hielt mir die Tür auf. Anscheinend war ich so sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, so dass ich alles andere überhaupt nicht wahrnahm. Langsam stieg ich aus und hörte, wie Edward die Tür zuschlug. Carlisle kam mir sofort entgegen.

„Hallo, Bella. Das Haus ist fertig eingerichtet. Es ging alles schneller als erwartet." Ich blickte auf die Uhr und sah, dass es erst kurz nach eins war – Edward und ich waren vor drei Stunden schon auf der Eisbahn.

„Wow, so schnell?", fragte ich Carlisle verwundert.

„Ja, wir haben schließlich kräftige Jungs, die richtig mit anpacken. Mich natürlich eingeschlossen." Er lachte und zeigte dabei seine blendend weißen Zähne. Ich musste ebenfalls lachen.

„Wie war's denn auf dem Eis?", fragte Emmett mich, als er auf mich zugesprintet kam.

„Wohltuend.", erwiderte ich und grinste breit. Er hatte immer so gute Laune!

„Bist du auch nicht hingefallen?", spottete er.

„Ein paar Mal vielleicht …", antwortete ich mit gespielter grimmiger Miene und kniff die Augen zusammen.

„Das war wenn dann auch nur Standard. Ich bin mir sicher, das geht öfter." Edward, der wieder neben mir stand, prustete los und auch Jasper konnte sich nicht zusammenreißen.

„Benimmt euch, Jungs.", sagte eine Frauenstimme tadelnd. Sie kam von Alice. Wie sie auf uns zukam – nein, sie kam nicht zu uns, sie tänzelte auf uns zu. Erstaunt betrachtete ich die Anmut ihrer Bewegungen und mich überkam ein tiefer Anflug von Neid. Warum konnten sie sich alle so unbeschwert von einer Stelle zur anderen bewegen, ohne einen Nasenbruch zu riskieren?

„Nun ja. Jedenfalls ist jetzt alles fertig.", sagte Carlisle und lächelte. Wie nett sie alle waren! Hatte ich das wirklich verdient?

„Vielen Dank euch allen.", sagte ich herzlich und bedankte mich bei jedem Einzelnen. Und somit verabschiedeten sie sich von mir, alle nacheinander, und gingen wieder zurück zu ihrem Haus. Alice drückte mir noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange, ehe sie verschwand und Rosalie winkte mir noch kurz zu. Und dann waren sie weg. Oder vielleicht auch nicht.

„Buh!" Ich schreckte hoch. Einer von ihnen war also noch da. Hätte ich mir ja denken können.

„Edward!" Ruckartig drehte ich mich zu ihm um. „Musstest du mich so erschrecken?", fragte ich ihn mit gespieltem Entsetzen.

„Tut mir leid", sagte er unschuldig, „aber es ist manchmal echt so einfach, dich zu ärgern." Ihm tat es wohl überhaupt nicht leid, und ein amüsiertes Grinsen breitete sich nun auf seinem Gesicht aus. Beleidigt schaute ich weg. Machte er sich auch noch über mich lustig?

„Sei mir nicht böse.", bat er und legte eine Hand auf meine Schulter. Obwohl er mit Sicherheit wusste, dass mein Benehmen eigentlich nur gespielt war, schien er es ernst zu meinen. Sanft drehte er mich zu sich um und ich blickte direkt in sein Gesicht, das immer näher kam, und mich mit seinen wunderschönen grünen Augen anschaute. Sein Blick war so intensiv, dass meine Knochen schon zu schmelzen schienen. Als ich spürte, wie mir schwindelig wurde, merkte ich, dass ich nicht mehr atmete. Ich schnappte nach Luft, er lachte in sich hinein. Sanft, aber bestimmt nahm er seine Hand wieder weg.

„Vielleicht sollten wir jetzt mal dein Haus anschauen?", fragte er, ich nickte und folgte ihm.

„Sag mal Bella" Er drehte sich halb zu mir um.

„Ja?"

„Wie lange hast du eigentlich vor, hier in Alaska zu bleiben?" Er schien wirklich neugierig zu sein.

„Weiß nicht genau … Aber ich denke, sobald ich mit dem College fertig bin, ziehe ich wohl wieder nach Forks zurück."

„Oh. Schade. Ich hatte gehofft, du würdest vielleicht länger bleiben wollen." Verlegen schaute er weg. Er wollte also, dass hier blieb? Ich dachte noch mal kurz über seine Worte nach, ehe ich etwas sagte.

„Na ja, aber vielleicht werde ich ja noch ein paar Jährchen länger bleiben. Das Haus gefällt mir einfach zu gut." Als er mich dieses Mal wieder ansah, lächelte er. Und zwar auf diese Art, die mein Herz zum auf und ab hüpften brachte. Doch dann fiel mir alles wieder ein, ich schaute mich um, und es traf mich wie ein Schlag. War ich wirklich umgezogen?

Die Wände und Böden hatten zwar eine andere Farbe, doch die Einrichtung war wie bei mir Zuhause in Forks. Ich konnte mich aber nicht erinnern, so viele Möbel mitgenommen zu haben … Edward antwortete auf meine unausgesprochene Frage.

„Dein Vater hat bei deinem Umzug noch ein paar weitere Möbel besorgt und sie zu deinen hinzugefügt, deine Mutter hat ihm dabei geholfen. Carlisle hat mir davon erzählt.", verriet er mir. „Anscheinend", fuhr er fort, „hat Charlie sich schon gedacht, dass dir dieses Haus so gut gefallen würde und vielleicht dachte er auch, dass du vielleicht vorhattest, länger zu bleiben." Das war die Antwort auf meine zweite Frage, die ich ihm eben gerade noch stellen wollte. Ich blickte mich im Haus um. Es war alles so, wie ich es in Forks kannte. Außer vielleicht, dass die Möbel hier ein wenig anders aussahen. Ich fühlte mich pudelwohl, doch wie wussten die Cullens eigentlich, wie sie die Möbel hinzustellen hatten? War das vielleicht eine Anordnung meines Vaters gewesen, oder war das nur ein Zufall? Aber Möglichkeit zwei hielt ich für ausgeschlossen.

Edward unterbrach meine Gedanken, indem er einfach zur Tür ging. Wollte er etwa schon gehen?

„Musst du los?" Die Traurigkeit in meiner Stimme war unüberhörbar.

„Ja. Tut mir leid. Ich würde gerne länger bleiben, aber meine Eltern erwarten mich. Außerdem", fügte er mit einem breitem Grinsen hinzu, „sind meine Geschwister sicher neugierig darauf, wie unser Ausflug war." Mit funkelnden Augen schaute ich ihn noch ein letztes Mal an, ehe er mir noch ein schiefes Lächeln schenkte, hinaustrat, und mich dann verdattert stehen ließ.

Edward

Verunsichert ging ich wieder zurück zu meinem Haus. Wie sollte ich ihnen das allen beichten? Aber ich konnte mir die Lügen sparen, denn Alice hatte bestimmt schon alles vorausgesehen und ihr konnte ich bestimmt nichts vormachen. Sie kannte bereits die Wahrheit, und wenn sie davon wusste, dann wussten es auch die anderen. Fragte sich einer nur, was sie davon hielten. Ich schluckte. Sie alle hörten mich bereits: Meine Schritte, meinen Atem, meinen Herzschlag. Es war für sie überhaupt kein Problem, mich aufzuspüren; den Geruch meines Blutes kannten sie alle. Doch einige mussten sich wirklich zusammenreißen, um mir nichts anzutun.

Ich trat durch die Tür und blickte in die Gesichter meiner Familie.

„Und, wie war dein Ausflug?", fragte Carlisle ruhig. Auch die anderen wirkten gelassen – Jasper beeinflusste sie mit seiner Fähigkeit: Er konnte Gefühle manipulieren. Ein ausgesprochen raffiniertes Talent.

„Super." Ich wusste nicht, ob ich jetzt lügen sollte, oder nicht. Aber das würde wahrscheinlich eh nichts bringen – Alice wusste doch über alles Bescheid.

„Edward, erzähl es uns doch einfach.", sagte Esme, die mich musterte; Sorgenfalten bildeten sich auf ihrer Stirn. „Es wäre das Beste für uns alle. Wir müssen schließlich wissen, ob wir flüchten müssen."

„Was genau hat sie gesagt?", fragte Emmett. Ausnahmsweise war er mal nicht am Grinsen. Also erzählte ich vom Gespräch mit Bella. Carlisles Gesicht verwandelte sich kurz in Missbilligung, dann in Ungläubigkeit und schließlich in Erstaunen.

„Das ist nicht besonders gut, aber eigentlich ist es nicht so schlimm wie ich es am Anfang befürchtet hatte.", sagte Carlisle und runzelte die Stirn.

„Was meinst du?"

„Nun ja. Noch weiß sie ja nicht alles, und ich sehe ja, dass du dir Mühe gegeben hast, es ihr nicht zu verraten. Dennoch müssen wir sie weiterhin im Auge behalten."

Alice erstarrte plötzlich und alle richteten ihre Blicke auf ihre statuenhafte Gestalt. Für kurze Zeit stand sie versteinert da, ihre Augen verschlossen – sie hatte gerade eine Vision.

„Das wird alles nicht so einfach sein, Carlisle.", murmelte sie, als sie wieder ihre Augen öffnete.

„Bella ist ein Mensch, der über bestimmte Dinge einfach anders denkt als andere Menschen. Sie sieht die Welt mit ihren eigenen Augen. Und außerdem ist sie sehr aufmerksam." Sie schob ihre Augenbrauen zusammen und starrte zu Boden. Jasper meldete sich zu Wort.

„Als sie uns neulich besucht hatte, habe ich etwas in ihr gespürt. Ich konnte mir nicht erklären wie, aber ich habe das Gefühl, als wüsste sie über alles Bescheid. Wenn auch nur teilweise. Sie hat ein sehr empfindliches Gespür für merkwürdige Dinge und ihr menschlicher Instinkt, vor uns zurückzuweichen existiert beinahe gar nicht. Im Gegenteil – sie empfindet unsere Nähe als angenehm und beruhigend." Also lag ich mit meiner Vermutung vielleicht doch nicht so falsch: Sie könnte tatsächlich bereits alles wissen.

„Carlisle, und wenn sie von uns wüsste – Bella würde es nicht weitererzählen. Ich denke, sie hat sehr großen Respekt vor uns, und wir könnten eh nichts machen. Wenn es wirklich so ist, wie Jasper und Alicesagen, dann können wir nichts anderes tun, als abwarten.", sagte Esme nachdenklich.

„Und was ist mit mir?" Alle richteten ihre Augen auf mich. „Wenn einer von euch mich verwandeln würde, wäre ich dann weiterhin imstande, Bella sehen zu können?" Auf diese Frage hatte Carlisle bereits gerechnet.

„Das müssen wir sehen, Edward. Und du hast doch noch dein ganzes Leben vor dir, du hättest die Wahl, selbst entscheiden zu dürfen. Wir alle zum Beispiel hatten diese Chance nicht. Meinst du nicht auch, du solltest dein Leben genießen, solange du kannst?"

„Es ist ja noch nichts entschieden.", antwortete ich trocken.

„Das ist wahr. Es liegt an dir, diese Entscheidung zu treffen. Aber wenn du es wirklich willst", er seufzte, „dann werde ich es für dich machen. Dennoch solltest du aufpassen. So einen Menschen wie Bella bin ich noch nie begegnet. Wir sollten die ganze Sache also nicht überstürzen. Ihr würde es sicher auffallen, sobald du ein Vampir bist und auf einmal anders aussehen würdest."

Damit war die Diskussion beendet und ich zog mich auf mein Zimmer zurück. Konnte es vielleicht sein, dass Bella von unserem Geheimnis wusste? Und was wäre wenn? Unruhig warf ich mich auf dem Sofa hin- und her, bis ich schließlich einschlief.

Etwas Hartes drückte mir im Kreuz und ich schlug meine Augen auf. Ich lag auf dem Boden – ich musste wohl mitten in der Nacht vom Sofa gefallen sein. Langsam stand ich auf. Mit einem Schlag fiel mir alles wieder ein: Heute war wieder Schule! Schnell eilte ich ins Bad und machte mich fertig. Das hatte ich ja völlig vergessen, ich war kaum auf den Unterricht vorbereitet. So ein Mist. Ich hoffte nur, dass mir das die Lehrer nicht übel nahmen.

Ich rannte die Treppe hinunter, niemand außer Esme war noch da. Schönen Dank auch, dass alle gewartet haben …

„Edward, du bist spät dran. Die anderen haben versucht, dich aufzuwecken, aber du schläfst wie ein Stein." Sie versuchte, mich ein wenig aufzumuntern, ich versuchte zu lächeln.

„Ach ja – sie sind mit deinen Volvo gefahren. Da Rosalies Kabrio im Moment nicht funktioniert, haben sie einfach dein Auto genommen. Ich weiß, das ist nicht gerade sehr nett."

Ich brummelte irgendetwas vor mich hin. Der Tag fing ja wirklich gut an!

„Esme, hast du etwas dagegen, wenn ich dann mit meinem Motorrad fahre?" Sie verharrte in ihrer Bewegung und schaute mich mit einem tadelnden Blick an und verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust.

„Du weißt ganz genau, was ich davon halte, Edward." Mit einer Predigt hatte ich bereits gerechnet.

„Ja …"

„Aber da deine Geschwister einfach dein Auto geklaut haben, werde ich es dir ja wohl kaum verbieten können … Außerdem: Wozu ein Motorrad haben, wenn man nicht damit fahren darf?" Sie lächelte mich an. „Ich denke, du bist ja immerhin alt genug, um auf dich selbst aufzupassen. Aber: Sobald du im Krankenhaus landest, trägst du die Verantwortung dafür."

„Geht klar! Danke, Esme." Ich wollte schon zur Tür hinauseilen, aber sie funkte dazwischen.

„Oh, Edward?"

„Hm?"

„Nimm Bella mit. Ich glaube, sie hat noch kein Auto, und weiß nicht, wie sie zum College kommen soll." Sie schielte zum Fenster. „Ah, sag ich doch. Sie kommt schon um vor Verzweiflung. Ich würde sagen, du solltest dich beeilen."

„Ja Ma'am." Schnell verabschiedete ich mich von ihr und rannte zur Garage. Und da stand es: mein silbernfarbenes Motorrad. Ich hatte es nur einmal benutzt. Ich zog mir meine schwarze Lederjacke mit der silbernen Aufschrift „Bad Boy" an und meinen schwarzen Helm und schob vorsichtig das Motorrad auf die Straße. Meine Tasche verstaute ich im Kofferraum unterm Sitz, ließ anschließend den Motor aufspringen und fuhr zu Bellas Haus.

Bella

Oh Gott! Was machte ich nun? Ich würde zu spät kommen. Und ich hatte ja noch nicht einmal ein Auto! Wie sehr ich jetzt meinen Transporter vermisste … Der war zwar nicht ganz so schnell, wie ein Turbo-Auto, aber immerhin. Aber ich hatte ja noch nicht mal irgendein Fahrzeug! Und zu Fuß laufen konnte ich ja schlecht … Ich wusste ja noch nicht einmal, wo das College war! Ich musste mich noch später daran erinnern, Charlie den Hals umzudrehen, sobald ich ihn wieder sah …

In weiter Ferne hörte ich ein lautes Brummen. Es kam vom Haus der Cullens. Ich kniff die Augen zusammen und erkannte eine Gestalt auf einem Motorrad. Die Person kam immer näher, und ich erkannte, wer es war: Edward! Meine Rettung! Jedenfalls hoffte ich das, er könnte mich ja auch einfach so stehen lassen … Doch zu meiner Erleichterung blieb machte er Halt. Mein Mund klappte auf. Sah der … ich konnte es einfach nicht in Worten fassen. Wie er dasaß auf seinem schicken Motorrad und mich anblickte. Einfach sexy. Ja, genau. Das Wort passte. Er nahm seinen Helm ab, lächelte das schiefe Lächeln, das ich so liebte und winkte mich zu sich, er zwinkerte. Ich musste mir mein Kichern unterdrücken, schnell eilte ich zu ihm.

„Ich dachte mir, du wolltest nicht gerade zu spät kommen, an deinem ersten Tag. Das macht keinen guten Eindruck." Er grinste. Dann reichte er mir einen anderen schwarzen Helm, den er an seinem Lenker hatte. „Setz ihn auf.", kommandierte er. Ich gehorchte ihm und setzte mir den Helm auf dem Kopf, er passte perfekt. „Sieht gut aus.", sagte er. Ein Glück, dass er nicht sehen konnte, wie ich errötete. „Komm, setz dich hinter mich." Das war nicht so einfach, mit so einem Klotz auf dem Kopf den Sitz zu finden, schließlich nah er meine Hand, ich hob mein Bein und saß dann plötzlich auch auf dem Motorrad. Ich erschrak, als er meine Arme um seine Hüften legte. Vorsichtig rutschte ich näher zu ihm heran, damit ich mich festhalten konnte. „Halt dich gut fest.", befahl er. Ich nickte kurz und klammerte mich mit aller Kraft an ihm fest. Dann ließ er den Motor an und düste los. Meine Haare flogen nach hinten, und es fühlte sich an, als würde man daran ziehen. Aber es war das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht hatte. Zumindest, wenn er dabei war. Ich spürte, wie er sein Motorrad in eine Kurve legte, und sich seinen Bewegungen anpasste, ich tat es ebenfalls. Wir rasten durch die Straßen von Alaska, und ich fragte mich, wie weit das College war. Ohne darauf zu achten was ich tat, legte ich meinen Kopf auf seine Schulter. Ihm schien es zu gefallen, denn ich hörte, wie er leise vor sich hinlachte. Nach einer Weile hielt er an. Wir waren da. Ich nahm meinen Helm ab und blickte auf seinen Rücken: Er trug eine schwarze Lederjacke mit der Aufschrift „Bad Boy". Wow, sehr … Schnell schaute ich weg. Ihm stand diese Jacke äußerst gut, und alle Mädchen auf dem Campus im Radius von sechs Metern drehten sich zu ihm um und starrten ihn an. Ich konnte sehr gut verstehen, weshalb sie ihn anschauten. Er war einfach zu unwiderstehlich und könnte jedes Mädchen haben. Diese Vorstellung machte mich traurig. Ich selbst war doch nur ein dummes, tollpatschiges Mädchen, dazu war ich auch noch durchschnittlich und kein einziger Junge würde sich je für mich interessieren …

Ich wusste nicht, wie lange ich noch so dasaß, aber plötzlich nahm man mich an der Hand und führte mich zum Gebäude. Es war Edward, der sich durch die vielen Mädchen zwängte und sie alle ignorierte. Das verstand ich nicht – ich dachte, er würde zumindest einen von ihnen seine Aufmerksamkeit schenken. Doch stattdessen zog er mich neben sich her, indem er meine Hand hielt, fest in seinem eisernen Griff. Die eifersüchtigen Blicke vieler Mädchen durchbohrten mich. Das erinnerte mich an unserem Ausflug, wo Edward die Kassiererin einfach hatte abblitzen ließ. Er blickte zu mir hinunter und lächelte mich an, ich lächelte zurück.

Und dann waren wir im Gebäude, wo er direkt aufs Sekretariat zusteuerte, immer noch meine Hand haltend. Er öffnete die Tür und ließ mich vor. Die Frau hinter den Tresen begrüßte mich freundlich und reichte mir die nötigen Papiere, wie ich das in Forks kannte. Da lief mein erster Tag in der High School nämlich genauso ab. Wahrscheinlich würde ich Edwards Geschwister hier treffen. Schnell stopfte ich die Unterlagen in meine Tasche und folgte Edward, der zu seiner ersten Stunde ging. Er drehte sich zu mir um. „Was hast du jetzt?", fragte er mich.

„Äh" Ich schaute auf meinem Stundenplan. „Politik bei Mrs. Cramer." Er kam zu mir hinüber und betrachte den Stundenplan.

„Hey, es scheint so als wären wir in der gleichen Klasse!", sagte er begeistert.

„Echt jetzt?"

„Ja."

„Super, dann sollten wir uns vielleicht besser beeilen, bevor wir noch zu spät kommen." Wir rannten zu unserer ersten Stunde. Es war erstaunlich, dass ich kein einziges Mal hinflog. Was für eine Erleichterung! Die Lehrerin begrüßte mich ebenfalls, trotz meiner leichten Verspätung, und wies mir einen Platz in der hintersten Reihe zu. Edward aber, hielt sie eine Predigt. Anscheinend war es nicht das erste Mal, dass er zu spät kam …

Er saß neben mir und so ließen wir uns die Stunde über uns ergehen. Natürlich nicht, ohne uns gegenseitig Zettelchen zu schreiben …