Get Over It
Edward
Wie lange dauerte die Stunde denn noch? Ich würde sonst noch wahnsinnig werden! Na endlich, nur noch vier Sekunden … fünf … vier … drei … zwei … eins! Die Klingel läutete und ich stürmte aus dem Klassenzimmer. Der erste Raum, in dem ich anfing Bella zu suchen, war die Cafeteria. Auf dem Weg dorthin fragte ich ein anderes Mädchen, das gerade vom Mädchenklo kam.
„Ist Bella Swan dort drin?"
„Kenn ich die?" Hmpf. Ach ja, Bella war ja gerade mal einen Tag hier an dieser Schule. Dass hätte ich mir ja auch ruhig früher einfallen können. Bevor die Tür ins Schloss fiel, lugte ich nur kurz hinein, um mich zu vergewissern, dass sie nicht doch noch hier versteckt hatte.
„Aaah! Was machst du denn hier?! schrie ein anderes Mädchen, das sich grad die Lippen rot anmalte. Widerlich. Stand der sowieso nicht. „Raus hier! Du Spanner!" Ganz locker, Mann!
„Oh, ähm. Verzeihung." murmelte ich, und schloss die Tür. Mist. Bestimmt würde die das nachher überall herumerzählen. Ach egal. Bella war jetzt wichtiger, also machte ich mich auf dem Weg zur Kantine. Meine Augen schweiften durch den Raum, und ich sah sie. Erleichtert ging ich in ihre Richtung. Aber was machte sie denn da? Sie schleppte dutzend Tafeln Schokolade und andere Süßigkeiten mit sich herum. Was sollte das? War heute irgendeine Spendeaktion? Bella ging zu den hintersten Tischen im Raum und setzte sich hin. Dann fing sie an, nach und nach die vielen Verpackungen aufzureißen und all diese Zuckerbomben in
sich … hineinzustopfen? Autsch, das musste wehtun … Oder zumindest müsste sie sich nachher beschweren, was die einzelnen Kilogramme anging … Frauensache – damit hatte ich ja nun wirklich nichts am Hut. Aber sie hatte Frust, und das sah man. Und damit hatte ich sicher etwas zu tun. Zumindest glaubte ich das.
Schnell lief ich zu ihrem Platz und setzte mich zu ihr. Ohne auch nur aufzublicken aß sie weiter. Plötzlich fing sie an zu weinen.
„Hey, was ist den los? Ist es wegen John?"
„Nein", schluchzte sie. „Ich meine, ja, auch." Ich betrachtete das viele süße Zeug und mir wurde schlecht. Dass Frauen immer so viel Süßes essen konnten, ohne es danach wieder auszuspucken, war mir ein Rätsel.
„Was ist denn los?" fragte ich und rieb ihren Rücken, um sie zu beruhigen.
„Mein Vater." Sofort wurde ich hellhörig.
„Dein Vater? Was ist mit ihm? Ist etwas Schlimmes mit ihm passiert?"
„Er … er…" Bella blickte auf und sah mich aus ihren verweinten Augen an. Sie hatte überall um ihren Mund lauter Schokoflecken. Ich wischte sie mit meinem Zeigefinger weg. Verdattert sah sie mich an, ehe sie wieder zu Wort kommen konnte.
„Mein Vater heiratet wieder." sagte sie und ihr Kopf lag in ihren Händen.
„Aber das ist doch nicht so schlimm, Bella."
„Wenn du wüsstest!! schnaubte sie.
„Kenn ich diese Person?" Sie dachte nach.
„Warst du mal in Forks?" Jetzt war ich verwirrt.
„Ja, ich war dort auf der High School. Wieso?" Das schien sie nicht zu überraschen.
„Und – kennst du Lauren? Lauren Mallory?" Diese Oberzicke würde ich nie in meinem ganzen Leben vergessen …
„Ja", antwortete ich grimmig.
„Schön. Dann weißt du wahrscheinlich auch, was mich erwartet. Mein Vater heiratet ihre Mutter, und die ist nicht gerade besser, als ihr vermaledeite Tochter!" Ein fetter Kloß blieb in meinem Hals stecken. Oh Mann.
„Du … hast es echt nicht leicht." war das einzige, was ich noch aus meinem Mund bekam, aus Angst, ich würde Bella mit den falschen Worten verletzen. Sie nickte nur, und starrte erbost zum Fenster.
„Und das ist der Grund, wegen all diesem Süßkram?"
„Was würdest du denn machen, wenn du in so einer Lage stecken würdest? Na ja, ok. Ihr Jungs seid halt anders. Ihr würdet alles zugrunde prügeln, um euren Stress abzubauen."
„Stimmt." Ich runzelte die Stirn. „Na ja, vielleicht nicht alle Jungs."
Mein Tonfall brachte sie zum Lachen, und das freute mich. Wenigstens weinte sie nicht mehr.
„Und was ist mit John?" Doch ich freute mich zu früh – ihre Tränen kamen wieder.
„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll!" jammerte sie und griff nach einer weiteren Tafel Schokolade, riss sie auf, betrachtete sie, und legte sie angewidert wieder hin. Ich gluckste zufrieden.
„Er … will ein Date." Oh.
„Dann sag doch ab." Sie schaute mich grimmig an.
„Was meinst du denn, was ich versuchthabe?! Aber schließlich kennst du ihn doch länger als ich!"
Plötzlich lachte jemand hinter meinem Rücken. Ich drehte mich um, und sah John, der mich breit angrinste.
„Hey, Edward! Wie geht's denn deiner Freundin Margo?" Ich erstarrte. Langsam blickte ich zurück zu Bella die mich geschockt anschaute. Oh scheiße! Langsam stand sie auf, und ich sah, wie sie zitterte.
„Nein, Bella, es ist nicht so, wie du denkst! Ich kann das erklären!"
„Vergiss es! Erspar dir deine Geschichten!" rief sie und wich vor mir zurück.
„N-nein, nein! Wirklich, lass mich das bitte erklären!"
„Hast du dich doch nur über mich lustig gemacht?" fragte sie. Mit einem Mal wurde ihr Blick traurig.
„Och Edward, jetzt tu nicht so! Ich weiß doch, dass du Margo mehr magst, als diese Bella da hinten." Bella zuckte zusammen.
„John, halt's Maul!" brüllte ich und ich musste mir in Erinnerung rufen, dass wir uns in einer gut befüllten Cafeteria befanden. Alle in diesem Raum sahen wie gebannt zu, als wäre das Ganze hier ein Theaterstück. Bella schüttelte nur ihren Kopf – Tränen sammelten sich in ihren Augen, doch bevor sie hinabwanderten, drehte sie sich um und lief fort. Dieser John …! Konnte er nicht einmal, wenigstens einmal sein Mundwerk halten?!
„Du hast es wirklich geschafft." Ich drehte mich zu ihm um. „Du hast es geschafft, Bella fortzujagen. War das etwa dein Ziel gewesen?" Jetzt grinste er verschlagen.
„Na ja, nicht ganz. Ich habe dir ja gesagt, dass die Kleine mir gehört! Das hast du nun davon." lachte er und ging zur Tür hinaus. Ich blickte mich um, und alle Blicke waren neugierig auf mich gerichtet. Das Blut schoss mir ins Gesicht und ich fing an zu schreien.
„Was glotzt ihr alle denn so? Hier gibt's nichts mehr zu sehen!" Und mit diesen Worten ging auch ich aus der Cafeteria raus, um Bella zu suchen.
Bella
Ich glaubte das alles einfach nicht! Was fiel dem eigentlich ein?! Er hatte sich also doch nur über mich lustig gemacht … Wusst ich's doch.
Er hatte eine Freundin …
Ein seltsamer Stich durchfuhr meine Brust, doch es war ein ganz anderer. Dieser fühlte sich schmerzvoll und unerträglich an. Ich konnte jedem Moment einfach an die Wand sacken und zusammenbrechen, mir würde das nichts ausmachen. Ich wusste nicht, wo ich mich befand; gedankenverloren lief ich den Flur auf und ab ohne zu bemerken, wohin ich ging. Waren seine ganzen … Annäherungsversuche etwa nur ein Scherz gewesen?
Nein! Jetzt im Ernst! Du bist äußerst attraktiv!
Ich war wirklich besorgt, sie würden über dich herfallen, verstehst du?
Ich würde dich immer beschützen wollen, Hauptsache, dir passiert nichts.
Pah. Das konnte er doch nicht wirklich ernst meinen. Es war unmöglich! Er hatte doch eine andere … Ich wusste es. Er konnte einfach jede haben; kein Wunder, dass er sich über meine Durchschnittlichkeit lustig gemacht hatte.
Du bist äußerst attraktiv!
Neeeiiin! Verschwinde aus meinem Kopf! Aber es ging nicht. Er blieb einfach in meinen Gedanken, ich konnte ihn nicht loswerden. Es war zu schwer. Aber wieso kümmerte mich das Ganze überhaupt? Wir waren doch nur Freunde, oder? Waren wir das nicht einfach?
Ja. Und warum zerbrach ich mir dann den Kopf, nur wegen ihm? War er mir etwa so wichtig? Ja. Als Freund. Aber es war noch etwas anderes, das ihn so wertvoll für machte. War es nicht so?
Ja. Es war so. Aber was sollte ich denn jetzt nur tun? Mir blieb wohl keine andere Wahl, als seine Freundin zu akzeptieren. Mir war unsere Freundschaft eben wichtiger! Plötzlich schlangen sich eiskalte Arme um mich und ich erstarrte. Ich fuhr herum und blickte in das wunderschöne Gesicht von Alice.
„Alice?" Ich schnappte nach Luft; sie war von einem exquisiten Duft umgeben, der mich einnebelte. Es roch nicht nach Parfum, dennoch war dieser femininer Duft sehr deutlich zu riechen. Alice nickte und führte mich zu einer schmalen Couch – wir befanden uns in der Schulbibliothek. Oh. So weit war ich etwa gelaufen?
„Bella", sagte Alice und seufzte. „Ich glaube, ich muss da was klarstellen." Sie richtete ihre topasfarbenen Augen auf mich, und plötzlich sah ich Edward mit derselben Augenfarbe, und wie seine Augen wieder grün wurden. Was sollte das?
„Bella. Edward hat keine Freundin." Ach, versuchte Edward mich jetzt etwa umzustellen?
„Ich fall nicht auf diesen Trick rein, Alice, das kannst du Edward ruhig sagen." Jetzt schaute sie mich zornig an, ich zuckte zurück.
„Ich lüge nicht, Bella. Er hat keine. Die Person namens Margo, von der John vorhin gesprochen hatte, ist bereits tot. Verstehst du?" D-das wusste ich nicht. Ich schämte mich dafür. Ich machte mir da irgendwelche Gedanken, dass Edward eine Freundin haben könnte, und sie hätte ich beinahe dafür verwünscht, aber ich wusste ja nicht …
„E-es tut mir leid, Alice. Ich dachte …"
„Schon gut. Weißt du, warum sie gestorben ist?" Ich schüttelte nur den Kopf. Alice räusperte sich, schaute mir tief in die Augen und anscheinend suchte sie nach etwas. Plötzlich schien sie in ihnen etwas gefunden zu haben, was sie ermutigte, um weiter zu sprechen.
„Sie musste sterben, weil ein Mann sie umgebracht hatte. Sie ging mit ihm auf ein Date, und wurde anschließend einfach misshandelt und ermordet. Zuvor machte sich dieser Mann an sie ran, belästigte und … verfolgte sie." Sie holte tief Luft. „Und jetzt rate mal, wer dieser Mann war." Sie schaute mich erwartungsvoll an, und auf einmal machte es ‚Klick!' und ich erstarrte.
„Doch nicht etwa …"
„Ja. Es war er. John war ihr Mörder." Ich bekam es mit der Angst zu tun. War John etwa ein Stalker? Das war doch einfach nur … krank.
„Aber warum ich?" fragte ich sie nun. Sie wusste, auf was ich hinauswollte.
„Er sieht sich als Stalker, Bella. Es macht ihm Spaß, Mädchen in die Enge zu treiben und sie, na ja, nach seinem Gefallen zu misshandeln. Margo war nicht die Einzige, bei der er so was veranstaltet hat. Aber niemals hätte ich mir wirklich vorstellen können, dass er sie umbringen würde!" Sie schüttelte sich.
„Meinst du, mir würde er so was auch antun?" Für einen Moment war sie ganz still. Als sie weiter sprach, klang ihre Stimme entschlossen.
„Nein. Soweit würde es nicht kommen." Ein Lächeln, ein freundliches Lächeln, huschte über ihr Gesicht.
„Sicher?"
„Absolut. Du kannst mir vertrauen." Ihr wollte ich nur zu gerne vertrauen. Alice kam mir manchmal ziemlich hibbelig vor, so war meine Vorstellung von ihr. Aber trotzdem hatte sie hatte immer ein gutes Gespür ihrer Umgebung. Wie ich nur darauf kam, war eine andere Sache.
„Ich glaube, ich muss mich wohl bei Edward entschuldigen. Glaubst du, er wird mir für mein Benehmen von vorhin vergeben?"
„Ganz sicher." Jetzt grinste sie.
„Und?"
„Was und?"
„Magst du meinen Bruder?" Oh nein, nicht so eine Frage! Wieder einmal wurde ich knallrot. Das interpretierte sie wohl als ein Ja. „Magst du ihn sehr?" Ich nickte stumm. Sie hatte wohl genug davon, dass ich dazu nichts sagte; so schnell gab sie nicht auf.
„Wie sehr magst du ihn?" fragte sie neugierig.
„Viel zu sehr. Und langsam glaube ich, dass ich jetzt lieber verschwinden sollte, sonst kann ich Edward nicht mehr vor dem Kurs erwischen."
„Dann störe ich dich wohl lieber nicht dabei." sagte sie und grinste süffisant. „Eins kann ich dir sagen: so ganz unerwidert bleiben deine Gefühle für ihn nicht!"
Das traf mich wie ein Schlag, als machte ich mich so schnell wie möglich aus dem Staub.
Alice
Bella war weg, und Jasper kam aus seinem Versteck hinter einer Topfpflanze.
„Gut gemacht", lobte ich ihn. „So hat sie wenigstens verstanden, was für Gefühle sie für ihn empfindet, unserem kleinen Eddie." Jasper lachte.
„Hoffen wir mal, dass sie zueinander finden."
„Das haben sie schon. Sie wissen es nur nicht. Hey, machst du mit?"
„Beim Verkuppeln?" fragte er grinsend.
„Ja, klar, bei was denn sonst?"
„Hundert pro! Ich wette, Emmett hätte da auch seinen Spaß!" sagte er, hielt mir seine Hand hin, und ich schlug ein.
