Veränderungen …

Veränderungen …

Edward

Ich lief überall umher und suchte nach Bella. Ich musste mich beeilen, denn die Mittagspause war bald vorüber, und ich war mir nicht sicher, ob ich sie noch nach dem Unterricht abfangen konnte. Warum schockierte es Bella so sehr, als John über meine angebliche „Freundin" geredet hatte? Was empfand sie eigentlich für mich? Und wenn es das war, was mir gerade in den Sinn kam, dann … Ich spürte, wie meine Wangen anfingen zu glühen. Empfand sie vielleicht so für mich? So ein Quatsch, wir waren nur Freunde, und mehr nicht. Aber was, wenn es doch nicht so war? Ich zerbrach mir nur unnötig den Kopf. Lächerlich. Und was war mit John? Wie sollte ich Bella vor ihm beschützen, wenn ich nicht wusste wie? Doch zuerst musste ich Bella die ganze Situation erklären, aber wie sollte ich das anstellen? Noch nie fühlte ich mich so verwirrtwie in diesem Moment. Als ich um die Ecke bog, knallte ich gegen ein Mädchen, das kleiner war, als ich. Ich blickte zu ihr hinunter, und erkannte, wer es war.

„Bella!" „Edward!", riefen wir gleichzeitig, und ich verstummte, um sie als Erste reden zu lassen. Doch sie sagte nichts – anscheinend wartete sie darauf, dass ich zuerst sprach. Und so schwiegen wir beide. Ich schaute an Bella vorbei und entdeckte die Person, die ich auf jeden Fall nicht begegnen wollte.

„Hey, da biste ja!", rief John und kam auf Bella zu. Ich schaute ihn verärgert an, er ignorierte meinen Blick.

„Was willst du?", giftete ich.

„Ich wollte Bella zu unserem Date entführen. Darf ich das nicht?" Ich blickte zu Bella, die mich flehend anschaute. Ich verstand und antwortete:

„Nein, darfst du nicht. Könntest du jetzt bitte verschwinden? Wir müssen zum Unterricht." Ich wollte schon gehen, als Bella einen leisen Schrei ausstieß. Schnell drehte ich mich um, und sah, wie John sie am Handgelenk gepackt hatte.

„Ach komm schon, Süße! Schwänzen ist gut für die Gesundheit. Los, wir gehen einen trinken!" Sie wollte sich losreißen, doch er hielt sie immer noch fest. Verdammt Edward, lass dir doch was einfallen!! Herrgott noch mal, was jetzt?!

„Edward!!", schrie sie, und trat ihm ans Bein, seine Hand blieb aber an ihrem Handgelenk. Ich wusste nicht, was ich tat, aber ich ging instinktiv dazwischen, packte John am Arm, drehte ihn herum, sodass er auf seinem Rücken lag, er selbst war nach vorn gebeugt. Der Polizeihandgriff, sozusagen.

„Lass meine Freundin in Ruhe!", sprudelte es mir heraus. „Wenn du sie noch einmal anrührst, mach ich dich zur Schnecke!" Ich drehte seinen Arm nur noch weiter, und er fing an zu wimmern. Ich hätte schwören können, dass er verdutzt über meine Wortwahl war.

„Na schön, na schön! Ich lass sie in Ruhe. Lässt du mich jetzt los?"

„Ja, aber wehe, du kommst ihr noch einmal zu nahe!"

„Verdammt, ja! Jetzt lass mich los!" Ich ließ ihn los, er drehte sich zu mir herum, schenkte mir noch einen hasserfüllten Blick und stampfte davon. Erst jetzt wurde mir da überhaupt bewusst, was ich da gesagt hatte. Freundin …! Vorsichtig blickte ich zu Bella – ihre Wangen waren knallrot, das sah selbst ich.

„Ähm Edward, was hast du da grad gesagt?", fragte sie mich. Ach ich konnte es nicht verhindern; ich fing an zu stammeln.

„Also, ich habe die halt eine Freundin genannt. Das bist du doch, oder nicht?" Ob sie den Unterschied merkte? An welche Bedeutung dachte sie wohl?

„Ja, stimmt." War sie jetzt etwa enttäuscht? Sie blickte nach unten.

„Hey", sagte ich leise und berührte sie leicht am Arm. „Es tut mir leid, wegen vorhin. Aber ich hatte gehofft, es dir erklären zu können, aber du bist einfach abgehauen." Noch immer schaute sie mich nicht an.

„Nein, mir tut es leid." Wie bitte? Bella nahm ihren Kopf hoch und schaute mir direkt ins Gesicht.

„Alice hat es mir bereits erzählt. Es war … dumm von mir, dir nicht zuzuhören. Dir nicht zu vertrauen. Obwohl ich weiß, dass ich dir vertrauen kann", flüsterte sie.

„Sie hat es dir erzählt?" Warum hatte Alice das getan?

„Ja. Sie hat mich zur Seite genommen, und mir alles berichtet. Tut mir leid, das mit Margo, mein ich."

„Schon gut." Ich probierte zu lächeln. Wieder schwiegen wir, und wieder schauten wir uns in die Augen. Mir fiel auf, wie nahe sie war, ihr Gesicht war nur ein paar Zentimeter von meinem entfernt. Wenn ich mich jetzt hinabbeugen würde, träfen meine Lippen auf ihre …

Nein! Denk besser nicht daran. Aber ich tat es trotzdem. Ich wollte sie eigenartigerweise küssen. Ohne auch nur nachzudenken, beugte ich mich zu ihr herunter, sie wich nicht zurück, sondern schloss ihre Augen. Ich tat es ihr gleich. Mein Herz raste, und meine Wangen glühten erneut, und ich war mir sicher, dass unsere Lippen gleich aufeinander trafen, doch dann …

Die Klingel läutete und ich erschrak. Verlegen räusperte ich mich, und blickte zur Seite. War es wirklich so weit gekommen? Hätte ich sie beinahe geküsst? Ich konnte es kaum fassen. Auch Bella sah ziemlich erhitzt aus, sie richtete ihre Haare.

„Also, wir sollten dann mal los", stammelte ich und ging zum Chemiekurs. Ich spürte sie dicht hinter mir herlaufen. Mein Herz hämmerte immer noch in meinem Brustkorb, und in meinem Bauch kribbelte es merkwürdig. Ich dachte schon daran, dass Jasper sich hier irgendwo versteckt hielt und mich mit seiner Fähigkeit beeinflusste...

Bella bog eine Ecke früher ab, da sie in ihren Kurs verschwinden musste. Den ganzen Unterricht lang dachte ich daran, wie ich sie fast geküsst hätte. Aber wie ist es dazu gekommen? Die Stunde ging überraschend schnell zu Ende und ich blickte in meine Tasche, um meine Sachen für die nächste Stunde rauszuholen. Dann fiel mein Blick auf einen mittelgroßen Papierschnipsel. Ich nahm ihn in die Hand, drauf stand eine Frage.

Hey, hast du Lust, heute irgendetwas mit mir zu unternehmen?

-B.

Ich wusste, von wem er war, und war völlig überrascht, diesen Zettel zu finden. Also war sie nicht sauer auf mich? Aber Moment, wie kam der Zettel eigentlich in meine Tasche? Ah, wahrscheinlich wegen vorhin, da sie ja hinter mir herlief. Hat sie ziemlich geschickt angestellt, dachte ich mir. Ich hatte davon überhaupt nichts gemerkt. Plötzlich räusperte sich jemand neben mir und erschrocken fuhr ich herum. Bella saß auf einem der Stühle und schaute mich an. Stimmt, es war ja immer noch Pause. Anscheinend hat sie sich einfach hierhin gesetzt, ohne dass ich es gemerkt hatte.

„Und?", fragte sie mich. Sollte ein Junge nicht normalerweise ein Mädchen fragen, ob es mit ihm was unternehmen möchte? Hier war es umgekehrt.

„Ja, klar. Was wollen wir denn machen?" So, jetzt drehte ich den Spieß wieder um, und ich war komischerweise ganz zufrieden damit. Liegt vielleicht an meinem Ego.

„Nun ja, weiß nicht genau."

„Wollen wir Eis essen gehen?" Ich mein, jeder mag doch Eis, oder? Bella nickte begeistert.

„Ja, klar, warum nicht?"

„Ok, dann. Wir treffen uns später." Die Klingel zur letzten Stunde läutete und Bella stand auf. Sie winkte mir noch kurz zu, und verschwand dann aus dem Raum. Die ganze Zeit über konnte nicht richtig stillsitzen; nervös trommelte ich mit meinem Kugelschreiber auf dem Notizblock herum, bis mich der Lehrer schließlich ermahnte und für den Rest der Stunde zum Glück mit einer Aufgabe beschäftigte. Und so zog sich die Zeit nur so dahin. Anstatt meine Aufgaben zu machen, starrte ich nur aufs Blatt Papier, das mir der Lehrer gegeben hatte, meine Gedanken waren nämlich ganz woanders. Ohne dass ich es merkte, stürmten alle aus dem Klassenzimmer, und schließlich merkte ich mit etwas Verspätung, dass es schon längst geklingelt hatte. Doch leider musste ich mir noch vom Lehrer eine Predigt anhören, da ich mit meinen „Tagträumereien" im Unterricht beschäftigt war, und nicht mit meinen Aufgaben. Dann ließ er mich endlich gehen, und Bella wartete schon im Flur auf mich; die Jacke unter ihrem Arm geklemmt, die Tasche trug sie mit dem anderen Arm. Als ich auf sie zukam, lächelte sie.

„Hey", sagte ich.

„Hey", erwiderte sie. „Wie war dein Kurs?"

„Langweilig wie immer. Der Lehrer hat mir dann noch eine schöne lange Rede gehalten."

„Kann ich mir gut vorstellen", murmelte sie. Es war wohl das Beste, erst gar nicht mit der ganzen Kuss-Geschichte anzufangen, denn damit würde ich mir wahrscheinlich so einiges ersparen Also liefen wir einfach zum Parkplatz, wo ich mein Auto geparkt hatte.

„Wie bist du eigentlich zur Schule gekommen?", fragte ich sie nun.

„Taxi.", antwortete sie ruhig.

„Ah" Ich ließ das Thema wieder fallen. „Ist dein Vater eigentlich noch hier?" Sie runzelte die Stirn.

„Scheinbar schon. Ich weiß nicht genau. Aber wenn er einfach so gegangen ist, ohne sich von mir zu verabschieden, dann …" Sie deutete eine Geste an, die zeigen soll, wie sie ihrem Vater den Hals umdrehte.

„Hat dein Vater dich etwa gestern angerufen, als er dir erzählen wollte, dass er … wieder heiratet?"

„Ja, es war kurz nach Mitternacht.", erwiderte sie grimmig. Das würde wahrscheinlich auch die dunklen Augenringe erklären. Ich warf die Taschen auf den Rücksitz und setzte mich ins Auto, während Bella zur Beifahrerseite ging, und sich ebenfalls ins Auto setzte.

„Wie, heute nicht mit dem Motorrad gekommen?", fragte sie so beiläufig wie möglich.

„Wo hast du denn heute deine Augen gehabt? Es hat geschüttet wie aus Eimern."

„Tut mir leid, ich habe im Mädchenklo festgesteckt. Da blieb mir der Blick aus dem Fenster verwehrt.", erwiderte sie unschuldig.

„Das glaub ich dir gern." Ich ließ das Thema fallen und ließ den Motor an. Die Pfützen auf den Straßen waren durch das kalte Klima schon wieder gefroren, so dass ich ziemlich langsam fahren musste.

„Hattest du vor, vor Einbruch der Nacht in der Stadt zu sein?", fragte Bella sarkastisch. Ich ignorierte ihre Frage, und dachte daran, vor der nächsten Fahrt Schneeketten anzulegen.

Bella

Die ganze Fahrt über schwiegen wir. Wahrscheinlich gab es einfach nichts zu sagen. Ich lauschte auf die Musik im Radio und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Ich musste erstmal meine Gedanken ordnen. Die Sache mit meinem Vater … nun ja, es war schon ziemlich heftig. Aber ich musste mich nun mal damit abfinden, dass er langsam älter wird, und sich eben einsam fühlt. Ich konnte das gut verstehen, deshalb nahm ich ihm die ganze Sache nun doch nicht so übel. Obwohl er auch eine bessere Wahl hätte treffen können … Warum musste es ausgerechnet die Mutter dieser … Zicke sein? Na, das konnte ja noch lustig werden. Bestimmt hat sich Lauren auch schon über den Auserwählten ihrer Mutter aufgeregt, ich stellte mir gerade ihr Gesicht vor – zickig, halt. Aber das war ja noch harmlos, im Gegensatz zu dem, was mir danach widerfahren war. Ich dachte daran, wie ich aus dem Mädchenklo kam, und wie John mich abfing. Er begrüßte mich freundlich, was mir ein Rätsel war. Doch dann, als alle anderen vom Flur verschwunden waren, ergriff er mich am Handgelenk, und zerrte mich dorthin, wo ich am Tag zuvor mit ihm war. Ich erinnerte mich an seinen Geruch nach Alkohol und Zigaretten, und mir wurde dabei übel. Schnell kurbelte ich das Fenster runter, um die frische Luft einzuatmen. Edward schaute mich mit einem unergründlichen Ausdruck an, wandte sein Blick aber wieder ab.

John sagte, wenn ich nicht mit ihm auf ein Date gehen würde, dann würde er mich Tag und Nacht verfolgen. Was sollte ich denn darauf antworten? Also habe ich zugesagt …

Ich wusste, dass das eins meiner größten Fehler war, die ich je in meinem Leben begangen hatte. Doch was sollte ich tun? Und was sollte ich erst recht machen, wenn er mir sagte, dass wenn ich auch zu irgendeinem ein Wort davon erzählte, dass er mir dann etwas antun würde?

Erst recht, wenn ich es Edward erzählen würde. Ein eisiger Schauer durchfuhr meinen Körper, und Edward sagte, ich solle doch das Fenster zumachen, da er dachte, mir sei kalt.

Was sollte ich nur machen? Ich wusste nicht, mit welcher Strategie John mich verfolgte, wie er das anstellte. Deswegen musste ich lieber auf Nummer sichergehen und Edward nichts davon erzählen. Sosehr es mir auch schwerfiel, es war vielleicht besser so, wenn ich ihn erst gar nicht in diese Sache mit reinzog. Das Date war morgen, ich hatte noch ein wenig Zeit, mich auf das Ende meines Lebens vorzubereiten, falls er das vorhatte, mich um die Ecke zu bringen.

Natürlich könnte ich ja noch Charlie darüber informieren – er war ja Polizist, aber wenn ich das tun würde … ich weiß nicht.

Also beließ ich es dabei, und verlor darüber kein einziges Wort.

Plötzlich merkte ich, wie das Auto langsam zum stehen kam, und wie Edward den Motor ausschaltete.

„Darf ich dich was fragen?" Edward richtete seinen Blick auf mich, und wartete auf meine Antwort. Ich zuckte die Schultern.

„Klar, nur zu."

„Was ist eigentlich mit dem Date, auf das du mit John gehen solltest? Ich spürte, wie ich erstarrte. Oh je, nicht das! Alles, nur das nicht! Als ich Edward erneut anschaute, traf mich sein Blick wie ein Schlag: er sah besorgt aus, fast schon traurig und Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn, seine Augen verloren an Glanz, und doch sah er in diesem Moment so schön aus, dass mir der Atem stockte. Es war das Beste für ihn, wenn ich log – ich wollte nicht, dass er sich wegen mir in irgendeine Gefahr begab.

„Ich habe abgesagt, so wie du es wolltest." Ich hoffte und betete, dass er es bei dieser Antwort beließ, doch er gab nicht nach. Innerlich verfluchte ich mich.

„Ich glaube nicht, dass er sich so leicht abwimmeln lässt. Hat du wirklich abgesagt?" Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und mein Kopf schaltete zwischen ‚Wahrheit' oder ‚Lüge'. Ich überlegte fieberhaft, welche Möglichkeit ich nehmen sollte, und entschied mich erneut für die Lüge.

„Ja, hab ich." Meine Stimme klang eher piepsig als standfest; Edward zögerte und er sah ziemlich misstrauisch aus, schüttelte nur den Kopf und ließ das Thema fallen.

„Ok, wir sind da.", sagte er nur und stieg aus. Hatte ich ihn etwa gekränkt? Wortlos stieg ich ebenfalls aus seinem Auto und ging neben ihm her. Für kurze Zeit heftete mein Blick auf seinem wunderschönen Gesicht, doch er schaute mich nicht an. Schweigend gingen wir zu einem Eiscafé, worauf er sich an einem Tisch in der hintersten Ecke setzte. Er reichte mir wortlos die Karte und bestellte, ohne mir einen Blick zu schenken. Als das Eis kam, verlief das Essen genauso still, keiner sagte etwas, und ich fühlte mich auf einmal richtig elend.

Edward legte seinen Löffel in den Eisbecher, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute mich nun endlich an. Ich war so glücklich darüber, dass ich einen erleichterten Seufzer ausstieß, doch meine Freude verschwand, als ich seinem wütenden Blick begegnete. Es war das erste Mal, dass ich ihn so von Nahem gesehen hatte. Dann aber entdeckte er irgendetwas in meinem Gesicht und es stimmte ihn traurig.

„Was ist?" Ich fragte mich, wie ich nur den Mut aufbrachte zu sprechen. Er antwortete nicht, er starrte mich einfach nur an. Als würde er mit seinen Gedanken ringen …

Schließlich sagte er einem Kellner, dass er gerne zahlen würde. Er reichte ihm das Geld, und verabschiedete sich. Ich dachte, er würde einfach so aus dem Laden stolzieren, doch er hielt mir die Tür auf. Die Fahrt verlief ohne dass jemand von uns etwas sagte. Außer das Surren des Motors und das Geräusch unseres Atems war nichts zu hören. Ich ertrug diese Stille einfach nicht, doch ich wusste nicht, wie ich sie beenden sollte.

Edward setzte mich vor meinem Haus ab, verabschiedete sich kurz, und brauste davon.

Jetzt wusste ich, wie es sich wohl für ihn anfühlen musste, als ich mich heute so benommen hatte. Als ich ihn grob am Telefon gesagt hatte, dass ich in Ruhe gelassen werden wollte. Wie ich ihn ignoriert hatte. Und das Gleiche tat er nun mit mir. Aber was war nur der Grund dafür?

Der nächste Tag in der Uni war seltsam. Edward sprach überhaupt kein Wort, ging mir aber nicht aus dem Weg, im Gegenteil: er wartete sogar auf mich, und begleitete mich zu jedem Kurs, in den ich musste. Ich hatte es schon längst aufgegeben, ein Gespräch mit ihm anzufangen, er würde mir ja eh nicht antworten. In einer der Pausen, wo Edward nicht auf mich wartete, war ich auf dem Weg zur Mädchentoilette, als ich John wieder mal begegnete.

„Vergiss nicht, heute.", sagte er nur, und verschwand um die Ecke. Heute war meine Verabredung mit ihm. Ich hielt es nicht mehr länger aus; mir wurde so übel, dass ich aufs Klo rannte und mich übergab. Nach der Schule verabschiedete ich mich schnell von Edward, der wieder auf mich gewartet hatte, sein Blick war unergründlich. Wortlos winkte er mir noch ein letztes Mal zu, ehe er in seinen Volvo stieg und fortfuhr.

John stand schon da, und wartete auf mich.

„Auf geht's!", rief er fröhlich, legte einen Arm um meine Schulter, zur nächsten Kneipe.

Hurra, jubelte es in meinem Kopf und ich verdrehte genervt die Augen. Wie konnte es nur soweit kommen?, dachte ich mir.

John bestellte für mich einen Tequila Sunrise und schwatzte auf mich ein. Doch da ich mit meinen Gedanken nur bei Edward war, nahm er mein Kinn, und zwang mich, ihn anzusehen. Mir war das äußerst unangenehm, und ich wollte schon seine Hand wegschlagen, doch ich riss mich zusammen. Es würde alles wahrscheinlich nur noch verschlimmern. Also verhielt ich mich ganz brav, und ließ mich auf seine Berührungen ein, doch alles nicht ohne vor mich hin zu schluchzen, und daran zu denken, dass Edward einfach kommen und mich von meinem Elend erlösen würde.

Es ging immer so weiter, und John bestellte immer wieder alkoholische Getränke für mich. Er redete auf mich ein, ich solle zu ihm nach Hause kommen, damit wir ne Party schmeißen konnten, so sagte er das, und er fügte noch hinzu, falls ich nicht mitkäme, dass er mich dann verfolgen, und Fotos von mir schießen würde – Nacktfotos, und die würde er dann auch noch ins Internet stellen. Er sagte, er würde dafür sorgen, dass ich meinen Abschluss in der Uni vermassele, indem er dem Lehrer sagte, dass ich so Manches verbrochen hatte. Jetzt zeigte er mir auch noch sein Taschenmesser, und er nahm eins meiner Finger, fuhr mit ihm über die scharfe Klinge, und ich spürte, wie sie mir in den Finger schnitt. Hellrotes Blut lief dann an meinem Arm herunter, bis zur Armbeuge. Der war doch einfach nur krank!, dachte ich mir. Keiner in der Bar schaute zu uns herüber, sie waren alle betrunken, und schenkten uns keine Aufmerksamkeit, was John natürlich nicht entging. Er nahm seine Hand und streichelte meinen Oberschenkel, ich zuckte vor Angst zusammen. Dann fuhr er manchmal über mein Schlüsselbein, an meinem Hals entlang und dann zur Wange. Er hielt inne, dann umfuhr er mit seinem Zeigefinger meine Lippen. Ich erstarrte und rührte mich nicht vor Angst.

„Gehört dir Kleine dir?", fragte der Barkeeper, der sicher dachte, dass mir Johns Berührungen gefielen.

„Ja", sagte er und lachte ungehemmt. Der Mann hinter der Theke stimmte in sein Lachen mit ein.

Als wie am Ende die Bar verließen, war ich schon ziemlich angetrunken, John war sturzbesoffen. Er stützte sich auf mich ab, und humpelte so neben mir her, und als wir dann an einer Gasse vorbeikamen, schubste er mich dort hinein. Angst überkam mich, als er auf mich zusteuerte, mit so einem hässlichen Grinsen im Gesicht, dass ich meine Augen schloss.

Bitte, bitte, lass das alles schnell vorbei gehen! John drängte mich weiter in die Gasse, ich war die ganze Zeit über still. Als ich dann die kalte, harte Mauer hinter mir spürte, merkte ich, dass es eine Sackgasse war – und ich saß in der Falle. Ich bereitete mich darauf vor, zu schreien, doch John hielt mir mit seiner Hand den Mund zu, sodass mein Schrei gedämpft rüberkam. Schweißperlen sammelten sich auf meiner Stirn, und meine Augen schmerzten schon vom vielen Weinen. Langsam glitten seine Finger über mein Schlüsselbein, und dann zum Reißverschluss meiner Jacke, die er öffnete. Er packte mich mit beiden Armen, und warf mich zu Boden. Oh Gott! Ich fing an zu wimmern, und zu schluchzen, doch er hörte nicht auf.

Er wollte mich nun hier in dieser schmutzigen Gasse vergewaltigen, und dann? Würde er mich dann so auf dem eiskalten Boden liegen lassen, und fortgehen? Oder würde er mich anschließend umbringen? Ich hoffte auf Möglichkeit Nummer eins, aber sicher konnte ich mir nicht sein. Ich versuchte, ihn zu treten, ihn zu schlagen, doch er wehrte meine Angriffe mit links ab. Ich wollte erneut schreien, und um Hilfe rufen, doch er erkannte meine Absicht, und hielt mir den Mund zu. Meine Kraft verschwand, und ich hatte keine Kraft mehr, mich zu wehren.

John war schon dabei, mein Oberteil auszuziehen, als ein Auto hinter uns quietschend Halt machte. Ich hörte, wie sich die Tür des Autos schloss, und wie eine Person sich mit schnellen Schritten näherte. Da John stark betrunken war, merkte er nicht, dass Jemand im Anmarsch war. Warme, und vertraute Hände schlangen sich um meinen Körper und zogen mich unter John fort. Jetzt konnte ich es nicht verhindern, und ich begann lauthals zu weinen.

„Schhh, Bella." Ich erkannte diese Stimme, und umarmte Edward so fest, dass meine nach und nach Angst verschwand. Edward hielt mich schützend in seinen Armen, und John schlief vor Erschöpfung in der Gasse ein. Jetzt hörte ich mehrere Autos heranfahren.

„Bella!!", brüllte eine andere Stimme. „Oh mein Gott, Schatz, ist alles okay mit dir?!" Es war mein Vater. Ich nickte stumm, und verbarg mein Gesicht an Edwards Schulter; sein Hemd hielt ich fest umklammert.

„Bringt ihn von hier fort!", rief Edward den Polizeibeamten entgegen, die John mit schnellen Handgriffen fest nahmen und zum Streifenwagen schleppten. Ich konnte nur noch sehen, wie das Auto in dem John saß, wegfuhr.

„Gib sie mir", sagte Charlie leise, damit er mich nicht erschreckte. Edward wollte mich an ihm übergeben, doch ich hielt mich hartnäckig an seinem Hemd fest.

Plötzlich ertönte Charlies Walkie-Talkie, und am anderen Ende war ein Polizeibeamter, der sagte, dass Charlie nun woanders dringend gebraucht wurde. Da Charlie ja jetzt wusste, dass ich nun in Sicherheit war, verabschiedete er sich nun von mir und Edward, sagte noch, dass er sich bei mir melden würde und gab mir noch einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, ehe er verschwand.

Mit einem tiefen Seufzer nahm Edward mich hoch, und trug mich zu seinem Volvo. Anstatt mich auf der Beifahrerseite abzusetzen, setzte er sich mit mir zusammen auf die Rückbank. Verdutzt schaute ich nach vorn, Jasper saß am Steuer, und Alice neben ihm.

„Bella, bist du okay?", flüsterte Alice besorgt. Ich nickte. Dann richtete sie ihren Blick auf Edward und sagte: „Es tut mir leid." Wieso sagte sie das? Doch ehe ich mir noch weiter Gedanken darüber machen konnte, gab Jasper auch schon Gas, und ich wurde so müde, dass ich an Edwards Schulter sank und einschlief. Das Letzte, was ich spürte war, wie er seine Arme um mich legte.