Freundschaft oder Liebe?
Edward
Bella
schlief in meinen Armen ein, und Alice drehte sich zu mir um.
„Es
tut mir wirklich leid, Edward", entschuldigte sie sich noch einmal.
Ich zwang mich dazu, ein Lächeln aufzusetzen – es war ja nicht
ihre Schuld, dass ihre Vision etwas zu spät kam.
„Ist schon
okay" Sie schaute mich ein letztes Mal an, wandte ihren Blick dann
wieder ab. Ich seufzte. Das war wirklich knapp, dachte ich. Wären
wir zu spät gekommen – wer weiß was John dann mit Bella
angestellt hätte. Ich schüttelte mich bei dem Gedanken. Bella stieß
einen erleichterten Seufzer aus.
„Edward", hörte ich jemanden
sagen. Alice und Jasper drehten sich breit grinsend um, da die Stimme
nicht von ihnen kam. Auch ich war verdutzt und schaute auf das
Mädchen neben mir. Sie seufzte erneut und nannte nochmals meinen
Namen. Alice fing an zu kichern, und plötzlich überkam mich eine
starke Welle des Hochgefühls, das ich nicht beschreiben
konnte.
„Jasper …", sagte ich mit hochgezogenen Augenbrauen,
denn ich hoffte inständig, dass er mich nicht mit seiner Fähigkeit
beeinflusste.
„Sorry", murmelte er und verkniff sich ein
Lachen, doch das Gefühl blieb.
„Jasper!"
„Was?! Ich
mache nichts, ich schwöre! Du bist derjenige, der so fühlt, nicht
ich. Also komm mal wieder runter!" Langsam beruhigte ich mich. Als
Jasper in den Rückspiegel blickte, grinste er breit. Das konnte
nichts Gutes bedeuten …
„Sag mal, Ed, kann es sein, dass du
verliebt bist?" Das traf mich wie ein Schlag. Ich und verliebt?
Niemals! Sein Lächeln wurde nur noch breiter. Sein Blick sagte ‚Du
kannst nichts vor Jasper, dem Gefühls-Kontrolleur verbergen, Edward.
Leugnen ist zwecklos.'
„Was?! Spinnst du?! In wen denn?"
Jetzt drehte sich Alice um, und deutete mit einem Grinsen auf
Bella.
„Natürlich in sie! Sie ist ja wohl das einzige Mädchen,
dem du in den Ausschnitt guckst! Also wirklich!!", sagte sie empört
und kicherte. Ich spürte, wie ich errötete. Das stimmte doch
überhaupt nicht! Na ja, einmal vielleicht, als ich sie zum ersten
Mal gesehen hatte, aber das hatte nichts zu bedeuten. Jasper und
Emmett waren da auch nicht viel besser als ich.
„Nein! Nein!
NEIN! Ich bin nicht verliebt!!", rief ich. Mein Herz polterte, und
ich Dummkopf vergaß, dass die Zwei das ziemlich gut hören konnten.
Auch Alice bemerkte dieses kleine Detail. Sie lachte laut auf.
„Sag
mal Jasper, meinst du nicht auch, dass Edward uns ein wenig für dumm
verkauft? Er weiß genau, dass er seine körperlichen Reaktionen vor
uns nicht verheimlichen kann!" Jasper nickte, und Alice drehte sich
um und streckte ihre Zunge aus.
„Ätsch! Pech gehabt,
Eddie."
„Was bitte schön für körperliche Reaktionen?",
fragte ich und spürte, wie ich stammelte. Bildete ich mir das nur
ein, oder lächelte Bella auf einmal? Sie kuschelte sich enger an
mich und seufzte erneut. Oh Gott!
„Das ist ja wohl nicht sehr
schwer zu erraten!" Alice kramte in ihrer kleinen Handtasche rum,
und holte einen Spiegel hervor. „Du bist knallrot, Ed!" Und zum
Beweis hielt sie mir den Spiegel hin. D-das …
„Oh wie süß!
Schau, Jasper, schau! Guck mal wie seine Ohren nun rot anlaufen!!"
Sie lachte hysterisch, und Jasper stimmte in ihr Lachen mit
ein.
„Edward", sagte er ruhig. „Es gibt doch keinen
Grund, sich zu schämen, das ist doch vollkommen normal.", redete
er beruhigend auf mich ein, und musste dabei sich selbst ziemlich
anstrengen, ernst zu klingen, damit er nicht einfach drauf loslachte.
Im Rückspiegel sah ich, wie er sich ein Grinsen verkniff.
„Das
ist doch absurd! Ich bin nicht verliebt!" Würde mir jemand
überhaupt noch zuhören?! Was hatten die alle bloß heute mit
mir?!
„Deine Reaktion hat's bestätigt, Ed. Du kannst nichts
vor uns verheimlichen.", erinnerte sie mich. Pah, dann halt ich
jetzt einfach meine Klappe, dachte ich mir. Sollen die halt denken,
was sie wollen!!
„Oooh, jetzt ist er eingeschnappt!", rief
Alice fröhlich, hüpfte dabei auf ihrem Sitz auf und ab.
„Bin
ich nicht", grummelte ich.
„Bist du wo-hol!" Aufgebracht
schaute ich zur Seite. „Wann ist die Hochzeit, Ed?", fragte sie
mich. Ich wurde erneut rot, nahm eine Flasche, die auf dem Boden lag,
und schmiss sie nach ihr.
„Mann, Alice halt die Klappe!!" Doch
mein Verstand hatte wohl einen kleinen Aussetzer, denn die Flasche
prallte an ihrem Kopf ab, und traf stattdessen mich, da ich zu sehr
ausgeholt hatte.
„Au!!"
„Selbst Schuld. Wohl nicht gut
genug überlegt, was?", sagte sie mit einem Schulterzucken, Jasper
fing an zu lachen. Das war ja wohl alles nicht wahr!
„Und? Wie
viele Kinder werdet ihr denn bekommen?", fragte Jasper so beiläufig
wie möglich, Alice kicherte. Ich stöhnte und schaute zum Fenster.
Jetzt war es nicht mehr weit bis zum Haus. Plötzlich kurbelte Alice
das Fenster runter, ein lautes „Deng" war auf dem Dach des Autos
zu hören, und Emmett steckte seinen Kopf durchs Fenster. Ich
erschrak.
„Habt ihr schon miteinander geschlafen?" Diese Frage
gab den Ausschlag und er, Alice und Jasper kriegten sich nicht mehr
ein vor Lachen. Mein Mund klappte nach unten, und ich wurde so rot,
dass Alice mich erneut damit aufzog. Wieso war ich nur von solchen
Idioten umgeben …
Als das Auto anhielt, öffnete ich die Tür,
nahm Bella, und stürzte zum Haus. Aber die Drei anderen hielten mit
Leichtigkeit Schritt.
„Los, Edward, du schaffst es!", riefen
sie im Chor. Was konnte ich denn dafür, wenn ich als Mensch so
langsam war, im Gegensatz zu ihnen? Genervt öffnete ich die Haustür.
Esme, die in der Küche stand lächelte – aber es war ein anderes
Lächeln, und etwas Spöttisches lag in ihrem Blick. Oh nein, sie
etwa auch? Und auch als Carlisle von seiner Zeitung aufschaute,
grinste er. Selbst die sonst sture Rosalie stolzierte breit lächelnd
an mir vorbei.
Das-durfte-alles-doch-nicht-wahr-sein! Ich trug
Bella hoch in mein Zimmer, und hinter mir hörte ich ein lautes
„Uuuh!!", wütend schlug ich die Tür zu. Sanft legte ich Bella
auf mein Bett, und deckte sie zu. Dann stellte ich die Musik an, ganz
leise nur, damit ich sie als Hintergrundgeräusch wahrnahm, und
setzte mich auf die Couch.
Das stimmte doch gar nicht! Ich war
nicht verliebt! Langsam richtete ich meinen Blick auf Bella, und
spürte, wie ich erneut rot anlief. Nein, sagte ich mir, das hatte
nichts zu bedeuten.
Bella
Langsam öffnete ich
meine Augen. Nanu? Wo war ich denn? Ich setzte mich im Bett auf, und
das Erste was ich sah war Edward. Er saß auf der schwarzen Couch und
beobachtete mich.
„Edward?" Er schenkte mir mein allerliebstes
schiefes Lächeln und zwinkerte.
„Hi."
„Was mache ich
denn bei dir zu Hause?" Sofort wurde er wieder ernst.
„Ich
habe dich hierher gebracht, da du einfach eingeschlafen bist, nachdem
du …" Er schwieg. Ah, das war es also. Ich verstand.
„Aber,
heute ist doch Schule!", rief ich, und wollte mich schon aus seinem
Bett springen, doch er fiel mir ins Wort.
„Ich habe dich
krankschreiben lassen, da ich mir dachte, dass du dich vielleicht
nach so einem Zwischenfall erstmal erholen solltest." Ich
nickte, und stellte die nächste Frage, die mir in den Sinn kam. Es
kostete mich Kraft, sie überhaupt auszusprechen.
„Was ist mit
ihm passiert?", flüsterte ich, seine Miene wurde wachsam.
„Dein
Vater hatte ihn festgenommen, und anschließend ins Gefängnis
geschickt. Ich weiß zwar nicht genau, wie lange er dort bleiben
wird, aber er wird es lange genug. Zum Einen, da man endlich Margos
Mörder, also ihn, gefasst hatte. Belästigen wird er dich nicht
mehr. Er wird außerdem zum Psychiater geschickt, ich denke, dass hat
er auch bitter nötig." Er runzelte die Stirn. Dann schien er sich
an etwas anderes zu erinnern, sein Blick wurde wütend. Diesen
Ausdruck in seinen Augen würde ich niemals vergessen können –
sowie damals im Eiscafé, als ich ihn so zum ersten Mal von Nahem
gesehen hatte.
„Warum hast du mich angelogen?", fragte er.
Seine Stimme klang düster, und sogar ein wenig bedrohlich. Ich
musste schlucken.
„Wieso hast du das gemacht, Bella? Du weißt,
wie gefährlich er ist. Du hättest mich informieren können! Und was
machst du?! Gehst mit ihm auf ein Date!" Seine Nasenlöcher bebten;
deswegen war er so sauer gewesen. Aber ich wollte ihn doch nicht
kränken! Ich tat es nur zu seinem Besten, damit ihm nichts passiert.
„Das war absolut waghalsig und idiotisch, Bella! Du
kannst doch nicht einfach so ohne nachzudenken mit ihm auf ein Date
gehen!" Er schüttelte den Kopf. Ich spürte, wie sich Tränen in
meinen Augen ansammelten. Ich versuchte sie zurückzuhalten, aber es
ging nicht. Sie liefen über meine Wange, und dann auf die Bettdecke.
Als Edward wieder aufschaute, war sein Blick entsetzt.
„Was hast
du dir bloß gedacht?", sagte er etwas ruhiger, doch es reichte
nicht, um mich zu besänftigen. Weitere Tränen wanderten herab, und
bald war die Decke ganz durchtränkt vom salzigen Wasser. Langsam
stand ich auf, und ging zur Tür.
„Wo willst du hin?" Ich
drehte mich nicht um. „Denk über meine Worte nach.", sagte er
nur und schwieg. Das reichte. Ich hatte mir sehr wohl Gedanken
darüber gemacht, und versucht, ihn vor diesem Irren zu beschützen,
und was machte er? Er machte mir Vorwürfe! Vorwürfe, für die ich
nichts konnte! Ich wandte mich halb zu ihm um, und schrie:
„Sei
still, Edward! Hast du überhaupt eine Ahnung, wie sehr ich mir den
Kopf zerbrochen habe? Verstehst du denn nicht?! Ich wollte dich vor
diesem Psychopath beschützen, weil ich es nicht ertragen konnte,
dass er dir etwas antut, wenn ich ihm nicht gehorche! Er hat mich
erpresst, mich belästigt, mich betatscht, und du machst mir solche
Vorwürfe! Weißt du, wie sehr mich das verletzt? Ich wollte ja
nicht, dass es so weit kommt, aber mir blieb keine andere Wahl! Aber
was rede ich eigentlich da, du würdest es ja eh nie verstehen!"
Ich
achtete erst gar nicht auf sein Gesicht, sondern machte kehrt.
Schnell rannte ich die Treppe hinunter, wo der Rest der Cullens im
Wohnzimmer saß. Anscheinend hatten sie unsere kleine Vorführung
oben mitgekriegt, denn sie schwiegen.
„Bella, magst du nichts
essen?", fragte Esme zögernd.
„Nein, danke. Ich gehe wohl
besser. Auf Wiedersehen." Meine Stimme brach an einigen Stellen,
doch das war mir egal. Ich wollte einfach nur weg von hier. Weg von
ihm. Dass er mir solche Vorwürfe machte, hatte mich verletzt, aber
dass er so auf mich einstürmte, das verletzte mich noch mehr. Ich
spürte die vielen unerträglichen Stiche in meiner Brust und wie mir
schlecht wurde. Schon immer war ich ein kleines, zerbrechliches
Mädchen gewesen, und allein sowas brachte mich zum Weinen.
Wie
armselig.
Ich ging an mein Haus vorbei, und lief die Landstraße
hinauf, irgendwohin, Hauptsache ich hatte meine
Ruhe.
Rosalie
Wütend stampfte ich in Edwards
Zimmer.
„Sag mal, Edward, hast du deinen Verstand verloren?!
Was sollte das? Hast du keine Augen mehr im Kopf, bist du blind
geworden?!" Ich spürte, wie Emmett mir seine Hand auf die
Schultern legte.
„Rose", versuchte er mich zu besänftigen,
doch ich schüttelte seine Hand ab.
„Mann, Edward, sie hat
geweint! Beweg deinen Arsch, verdammt noch mal, und geh zu
ihr! Nur du kannst das wieder gerade biegen!" Er saß da auf der
Couch, und rührte sich nicht. Auch Emmett war überrascht von meinem
Wutausbruch.
„Ich dachte, du magst sie nicht, Rose.", sagte
Edward ausdruckslos.
„Doch! Natürlich mag ich sie! Sie ist ein
Mensch, na und? Ich wollte zwar nicht so enden" – mit einer
Handbewegung deutete ich auf mein Antlitz als Vampir. – „aber du
bist doch auch ein Mensch. Und ich liebe dich wie einen Bruder. Und
sie wie eine Schwester. Deswegen ertrag ich es nicht, dass du sie so
dermaßen verletzt! Jasper hatte nämlich auch seine Portion
abbekommen." Ich hörte ihn unten vor Schmerzen aufstöhnen.
„Ich
verlange deshalb von dir, dass du deinen Arsch zu ihr hin bewegst und
dich bei ihr entschuldigst! Hast du mich verstanden?!"
Wortlos
stieg er vom Sofa und ging zur Tür.
„Danke, Rose. Ich dachte
schon, ich komme gar nicht mehr zur Vernunft.", sagte er und war
verschwunden.
„Wow", murmelte Emmett erstaunt. „So einen
Wutausbruch habe ich ja noch nie erlebt. Wird das noch öfter
passieren?" Ich verdrehte die Augen.
„Ja, vielleicht, wenn
klein Eddie sich nicht zusammenreißt, dann schon.", erwiderte ich
und stolzierte zur Tür raus. Emmett mir hinterher.
