Bella Honey

Bella

Edward war erneut weg. Ich stand hier in der Kälte und spürte die Sehnsucht nach ihm; wie sie immer stärker wurde, und begann, mich innerlich aufzufressen. Auch wenn er eben erst gegangen war, nichts konnte dieses Gefühl begraben. Widerwillig trat ich zurück ins Haus und bemerkte wie still es war. So ungewohnt still. Alice, die eine fröhliche Atmosphäre verschaffte, war ja nicht mehr da. Ebenso wie Emmett, dessen Scherze ich schon vermisste. Jasper und Carlisle genauso. Und Edward. Er hatte einen Teil von mir mit sich genommen, und ich würde diesen Teil erst wieder wiederbekommen, wenn er selbst da war. Es war doch lächerlich – ich wusste doch, dass er bald zurückkommen würde, dass ich mich nicht um ihn zu sorgen brauchte, aber dennoch vermisste ich ihn so sehr. Ich konnte es nicht ändern.
Doch damit musste ich mich nun mal abfinden. So schlimm wird es schon nicht werden, dachte ich. Aber wir würden uns fast ganze zwei Monate nicht sehen. Er hatte gesagt, dass er spätestens zurück sei, wenn ich aus Forks zurück sein würde. Bis dahin würde ich doch längst durchdrehen …
Ich verbrachte den Abend mit Rosalie, die mir die neuesten Trends in den Zeitschriften zeigte, und sich ausmalte, wie ich in den Markenklamotten aussehen würde. Anschließend schleppte sie mich in ihr Schlafzimmer, wo ein gigantischer Kleiderschrank stand. Zusammen probierten wir die unterschiedlichsten Sachen an, und sie schenkte mir ab und zu ein paar von ihnen, die mein Interesse geweckt hatten.
„Nein, Rose", stammelte ich. „Das kann ich nicht annehmen, echt nicht! Das ist zu viel, und vor allem viel zu teuer!", sagte ich atemlos, als sie mir ein weiteres Top verabreichen wollte.
„Ach, jetzt hab dich doch nicht so, Bella! Von diesen paar Oberteilen wirst du schon nicht sterben!", meinte sie nur, und schwupps, schon hatte ich das dunkelblaue Neckholdertop an.
Überrascht betrachtete ich mich im Spiegel, und musste zugeben, dass ich darin gar nicht mal so schlimm aussah.
„Ganz ehrlich, Bella", sagte sie schmunzelnd und ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich muss zugeben, dass ich ein klein wenig neidisch bin. Du bist hübscher, als ich gedacht habe."
Beschämt schaute ich nach unten. "Tut mir leid." Rose lachte.
„Gerade dafür entschuldigst du dich!", erwiderte sie frustriert. „Och Bella." Lächelnd schüttelte sie nur den Kopf. „Alice und ich sollten mal mit dir shoppen gehen. So ganz unter uns Mädels." Erschrocken blickte ich zu ihr auf. „Was ist?", fragte sie.
„Ähm … nun ja …" Jetzt lag es an ihr, erschrocken zu sein.
„Sag jetzt bloß nicht, dass du Angst vorm Shoppen hast!"
„Ähm … doch."
Rose kicherte. „Nicht dein Ernst, oder?" Als ich nicht antwortete, fügte sie noch hinzu: „Keine Sorge, wir werden dich schon nicht mit Gucci Taschen überhäufen."

Das Studieren schien unerträglich langweilig, seit Edward nicht mehr da war. Und das nutzte Mike aus. Sein Freund Steven Taylor hatte wohl schon eine Freundin, denn er hielt sich von mir fern, blieb aber weiterhin freundlich zu mir. Mike aber, konnte seine Annäherungsversuche kaum bremsen.
„Hey Bella, hast du heute schon was vor?", fragte er mich in der Mittagspause, als er sich zu mir an einen der Tische setzte. Seit ich ein Vampir war, konnte er seinen Blick nicht zügeln, und er wanderte anerkennend über meinen neuen Körper, und zwar so, dass es schon fast pervers war.
„Tut mir leid, heute nicht." Ich zwang mich höflich zu lächeln. Sein Blick war auf meinem Dekolletee geheftet. Oh Edward, du kannst was erleben, wenn du wieder da bist, grummelte ich in Gedanken. Wenn er wüsste, wie Mike mich gerade anstarrte … Auweia.
„Und morgen?"
„Nein, tut mir leid."
„Wie wärs mit übermorgen?" So langsam gingen mir die Ideen aus.
„Nein." Das klang nicht mehr so freundlich, und er schien es zu bemerken; er war beleidigt.
„Wartest du etwa auf deinen Klein-Eddie?", fragte er mürrisch.
„Verdammt Mike, wenn du jemanden nerven willst, dann such dir doch jemand anderen!", konterte ich zurück. Seine Miene wirkte amüsiert.
„Ach was. Ich bleib zu gern bei dir." Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und machte keine Anstalten wegzugehen. Super, jetzt hatte ich auch noch einen Milchbubi am Hals …
„Wenn du nicht gehen willst, dann tu ich es!" Ich stand auf und stapfte zu einem anderen leeren Tisch; er folgte mir prompt. Ich war vollkommen entnervt.
„Mike, was willst du?", fragte ich ihn, er grinste über beide Ohren. Am liebsten hätte ich ihm sein Lächeln aus dem Gesicht geprügelt, doch ich hielt mich zurück. Das hob ich mir lieber für später auf – falls es vielleicht noch ein Später für ihn gab.
„Ein Date", beantwortete er meine Frage – und grinste immer noch. Das machte mich rasend.
Nur dir Ruhe bewahren, Bella, ermahnte ich mich. Du wirst dich doch nicht jetzt von einem Milchgesicht wie ihm beeinflussen lassen, O Nein.
„Mann, frag doch irgendeine andere Tussi!", rief ich verärgert und ballte meine Hände zu Fäusten. „Zum Beispiel diese eine da, aus deinem Kurs. Wie hieß die noch gleich? Jessica?"
Jetzt war er erneut beleidigt. „Mit der will ich aber nichts zu tun haben!"
„Ach, und warum nicht?", fragte ich und hob eine Augenbraue. „Hat sie dich etwa abblitzen lassen?" Oho, in letzter Zeit wurde ich mit meinen Worten immer aggressiver …
„Ähm …", machte er nur und schwieg. Ich warf mein Essen in den Mülleimer und ging von ihm weg. Soll er doch machen was er will! Aber auf ein Date mit ihm? Niemals!
Im Klassenzimmer war die Langweile wieder zurück, und ich kramte meinen Hefter hervor und kritzelte darauf herum. Für kurze Zeit wünschte ich mir, wieder mit Mike streiten zu können, doch das schlug ich mir mal lieber schnell wieder aus dem Kopf. So wie ich ihn bis jetzt kannte, würde er das falsch verstehen, und denken, dass ich mit ihm flirten wollte. Besser nicht. Also blieb ich hier an meinem Platz, stützte meinen Kopf auf meinem Arm und kritzelte weiter. Meine Handschrift hatte sich noch nicht einmal seit meiner Verwandlung verbessert. Wie demütigend. Ein paar Minuten später begann auch schon der Unterricht. Nachdem dieser endlich zu Ende war, rannte ich in Vampirgeschwindigkeit, und außerhalb der Sicht von anderen, zurück zum Haus der Cullens. Wieder verbrachte ich die Abende mit Rose und Esme. Wir schauten uns die unterschiedlichsten Filme an. Solche Mädchenabende konnten doch wirklich überraschend witzig sein. Es war, so glaubte ich, mein erster.
Drei Wochen waren mittlerweile vergangen, und immer wieder hatten diese Tage dieselbe Routine. Mike konnte sich immer noch nicht damit abfinden, dass ich mit Edward zusammen war, und er würde wohl auch nicht aufgeben wollen. Wie auch immer, ich hatte nicht vor, mit ihm auf ein Date zu gehen. Ab und zu ging ich in die Stadt, natürlich nur dann, wenn die Sonne nicht schien, und spazierte durch die verschiedensten Läden. Allein. Rose hatte wohl eigene Beschäftigungen, und Esme musste ihre eigenen Pflichten nachgehen. Aber vielleicht tat es doch ganz gut, allein zu sein. So musste man nicht auf alles achten, nicht lächeln, nicht lachen, sondern man konnte ruhig eine deprimierte Miene aufsetzen.
Hoffentlich ist Edward bald zurück, wiederholte ich in Gedanken.

Seit Edward weg war, hatte Rose mich in sein Zimmer einquartiert. Es war angenehm, auf seinem Bett zu liegen, das mit seinem Duft durchtränkt war. Es gab mir ein Gefühl, als läge er neben mir. Als ich mich bettfertig gemacht hatte, legte ich mich auf eine Seite des Bettes und schloss die Augen. Ich hoffte nicht gerade darauf, schlafen zu können, aber man durfte sich doch einfach ausruhen, oder?
Tatsächlich dachte ich, Edward wäre hier, aber als meine Hand nach ihm tastete, fühlte es nur die kühle Seide, aus dem die Bettwäsche bestand. Langsam drehte ich mich herum, so dass ich auf dem Rücken lag, und wandte meinen Kopf zum Fenster. Der Himmel war pechschwarz und sternenlos. Graue Wolken bedeckten den Mond, dessen Strahlen dennoch durch das Fenster dringen konnten. Ich seufzte schwer, und ließ mein Kopf in das Kissen sinken und schloss erneut die Augen. Meine Hand wanderte hinauf zu Edwards Kopfkissen, das hieß, es hätte dort sein müssen, stattdessen spürte ich die warme Haut seines Gesichts.
„Bella", flüsterte Edward, und zog mich an seinen Körper. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören; er war einfach aus dem Nichts aufgetaucht, so lautlos, als wäre er schon die ganze Zeit hier gewesen. Doch das war egal. Hauptsache, er war hier. Er hielt mich in seinen Armen umschlossen, so fest, als würde er mich das ganze Leben lang halten wollen. Dieses Gefühl genoss ich sehr, es war so unbeschreiblich schön.
„Seid ihr alle wieder da?", flüsterte ich und erstarrte, als er seine Lippen an meine Kehle drückte. Sie waren so schön warm und weich. Mein ganzer Körper zitterte.
Ich spürte, wie er mit dem Kopf schüttelte. „Nein, ich bin als Einziger hier." Meine gute Laune steigerte sich extrem, als ich das hörte.
„Heißt das, dass du nun … resistent genug bist?", fragte ich ihn. Er antwortete nicht gleich, und wieder schüttelte er fast unmerklich den Kopf. Meine gute Laune verflog so schnell, wie sie gekommen war.
„Ich bin hierher gekommen, um dich zu sehen. Du ahnst ja gar nicht, wie unerträglich es für mich ist, wenn du nicht bei mir bist. Ich werde dich nie mehr loslassen", flüsterte er in mein Ohr; sein Atem kitzelte.
„Und für mich erst", antwortete ich. „Ich bin ganz schön sauer auf dich, weißt du das?", murmelte ich, seine Lippen waren ganz nah an meine. Zuerst wirkte er überrascht, küsste mich aber trotzdem.
„Warum?", fragte er leise und küsste mich ein weiteres Mal. Seine rechte Hand strich über meine Taille. Mein Atem stockte.
„Du hättest sehen müssen, wie Mike mich in den letzten Wochen angegafft hat", stammelte ich und versuchte Luft zu holen. Vergebens. Seine Berührungen machten es mir jedes Mal unmöglich.
„Da hast du wohl recht", murmelte er sanft. „Noch ein weiterer Grund, dich nicht loszulassen." Er lachte leise. Der Klang seiner Stimme war so hinreißend, dass ich mir jedes Mal wie in einem Traum vorkam. Er war zu schön um wahr zu sein. „Ist sonst noch etwas passiert, was mich eigentlich hätte aufregen müssen?", fragte er.
„Vielleicht", erwiderte ich nur. „Aber lass uns das doch einfach vergessen. Schließlich bleibst du ja nicht ewig hier." Edward hörte die tiefe Sehnsucht in meiner Stimme und zog mich noch fester an sich.
„Keine Sorge", sagte er leise. „Sobald ich mein Training überwunden habe, bleibe ich bei dir. Solange du willst", fügte er noch hinzu.
„Das hört sich wirklich verlockend an." Ich legte meinen Kopf auf seine Brust.
„Mhm", machte er nur, und schmiegte seine Wange in mein Haar. „Du bist auch sehr verlockend, Bella." Ich musste lächeln. Edward summte auf einmal eine fremde Melodie. Ich erkannte sie, er hatte sie mir einmal auf dem Klavier vorgespielt, verflochten mit den Tönen von Esmes Lieblingsstück. Es klang wie ein Schlaflied. Zu schade, dass ich nicht einschlafen konnte. Trotzdem war es einfach nur angenehm, ihm zuzuhören, wie er das Lied summte, und wie er mich in seinen Armen hielt. Bis zum Morgengrauen.