Bist du glücklich, Charlie?
Bella
Als
ich aus dem Fenster schaute, war der Himmel bewölkt; von der Sonne
war weit und breit nichts zu sehen. Meine Tasche war schon seit
langem gepackt, ich selbst war umgezogen, und alles stand zur Abreise
bereit. Ich wartete nur noch darauf, endlich im Flugzeug sitzen zu
dürfen. Nur mein Herz zog sich jedes Mal zusammen, weil es sich nach
Edward und zugleich nach meinen Eltern sehnte. Noch nie hatte ich
solch einen Drang verspürt, sie sehen zu wollen. Erst jetzt, nachdem
ich zu einem Vampir wurde, hatte ich bemerkt, wie sehr sie mir doch
am Herzen liegen – und ich bereute es, so viele Jahre mit ihnen
versäumt zu haben. Ich hatte einfach nicht die Zeit genutzt, sondern
wollte meinen High School Abschluss so schnell wie möglich hinter
mich bringen, anstatt etwas mit meinem Vater, geschweige denn, meiner
Mutter zu unternehmen. All die vielen Jahre lang ging das so … Was
war ich nur für eine Tochter …
Ich bekam den Gedanken einfach
nicht los, dass es Charlie nicht gut ging, dass er von dem wusste,
was ich nun war. Es bereitete mir komischerweise ein schlechtes
Gewissen.
Unsinn,
dachte ich. Darüber konnte ich mich auch später noch aufregen.
Jetzt zählte nur noch, dass ich meine Eltern sehen konnte, ein
letztes Mal, bevor ich mich endgültig vor ihnen zurückziehen würde.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich wusste, dass es ihnen
wohl das Herz brechen würde. Charlie hatte mir versprochen, dass wir
uns noch sehen würden, aber das würde nicht geschehen. Und Renée …
Ich stellte mir vor, wie sie weinend in Phils Armen liegt, wenn ich
mich nie bei ihr melden würde.
Sie
kommt um vor Sorge, Bella!,
rief ich mir ins Gewissen.
Ich
weiß!,
schrie ich zurück. Aber was sollte ich denn schon Großartiges
machen? Gerade meine Mutter würde meine Veränderung auffallen, und
was sollte ich ihr dann erzählen?
Ja,
Mom. In Alaska ist es so kalt, dass ich noch blasser werde. Ach ja,
und das mit meiner Augenfarbe … Das ist der neueste Trend, weißt
du? Farbige Kontaktlinsen.
Mein Gott, das würde sie mir doch nie und nimmer abkaufen! Das klang
einfach lächerlich.
Ein schwerer Seufzer entfuhr aus meinem Mund,
und ich nahm meine Tasche und stapfte hinunter ins Wohnzimmer, wo
Esme und Rosalie bereits auf mich warteten. Ein Lächeln zauberte
sich auf ihren Gesichtern als sie mich erblickten.
„Hey Bella,
wie geht's?", begrüßte Rose mich und drückte mir einen
flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Gut, danke." Oh ja, ich
mochte Rose sehr. Sie war eine gute Freundin zu mir, und wenn ich mit
ihr zusammen war, dann benahmen wir uns, als wären wir Geschwister.
Wir zankten uns auch schon mal – aber nur aus Spaß. Es gab nie
wirklich Krisen zwischen uns. Eigentlich gar nicht, um ehrlich zu
sein. Ich hatte sie in mein Herz geschlossen, trotz ihrer Sturheit
und dem Tick, andauernd wie ihre Schwester Alice, shoppen zu
gehen.
Esme war so liebreizend wie immer. Auch sie war eine
Person, eine warmherzige Person, die ich sehr mochte. Ihr hatte ich
so einiges zu verdanken – sie spendete mir Trost, sobald ich mal
deprimiert aus dem Fenster gestarrt, und an Edward gedacht hatte. Ja,
die Sehnsucht nach ihm war so stark, dass ich mich manchmal dafür
schämte.
Er
ist doch nicht weit weg,
dachte ich dann immer. Aber ohne ihn war nur Leere hier, die er
zurückließ. Esme hatte natürlich Verständnis dafür. Ihr Carlisle
fehlte ihr genauso viel, wie Edward mir.
"Kein
Grund sich deswegen zu schämen, Bella.",
hatte sie gesagt, und ich war dankbar dafür.
Ich folgte ihnen zum
Auto, und verstaute meine Tasche im Kofferraum und setzte mich
anschließend auf dem Rücksitz. Rose fuhr wie immer rasend schnell
durch die Straßen, wie man es nur bei Rennautos kannte, vielleicht
fuhr sie sogar noch
schneller.
Der Tacho sagte alles, und ich wandte schnell den Blick ab. Ich war
es noch nicht wirklich gewohnt, schnell zu fahren, aber Rose
versicherte mir, dass das noch kommen würde.
Nach dem Check In
auf dem Flughafen, verabschiedeten sich die Zwei von mir, doch im
Flugzeug sah ich, wie sie auf dem Dach des Gebäudes standen; sie
winkten mir zu.
Der Flug würde nicht besonders lange dauern. Ich
kramte meinen Mp3-Player hervor, den ich mir neulich besorgt hatte,
und versank geradezu in meinen Tagträumen.
Plötzlich riss mich
eine Durchsage aus meinen Gedanken. Bald würde das Flugzeug in
Seattle landen. Die Stewardess prüfte noch, ob alle angeschnallt
waren, dann sank der Flieger Stück für Stück, landete, und parkte
auf dem riesigen Flugplatz. Ich schnappte mir meine Sachen und stieg
aus. Die Luft war schwül und es regnete. Gut. So war ich nicht dazu
gezwungen, mich unsichtbar zu machen. Ich ging direkt zum Ausgang; da
ich nur eine schmale Tasche mit meinen Kleidungsstücken dabei hatte,
hatte ich es nicht auch noch nötig an der Gepäckausgabe meine Zeit
zu verschwenden. Im grünen Dickicht, von dem es hier in Seattle ja
genug gab, fern von den Blicken anderer, machte ich mich unsichtbar
und rannte so nach Forks. Mit dem Auto würde es ca. eine Stunde
dauern, ich aber brauchte vielleicht nur zwanzig Minuten. Ich bog in
die Straße ein, dort wo Charlie wohnte. Der Weg war mir so vertraut,
und es fühlte sich an, als würde ich gerade von der Schule nach
Hause kommen. Mein Atem stockte, als ich meinen vertrauten
Transporter sah, mit dem ich ständig durch die Gegend gedüst war,
anstatt mit Charlies Polizeiwagen. Alles war so schrecklich vertraut,
mit dem Unterschied, dass ich mir fremd war. Ich war schließlich
nicht mehr dieselbe, nur die Umgebung in der ich mich gerade
aufhielt, hatte sich nicht verändert. Da. Da stand Charlies Wagen,
bedeckt von den vielen Schlammspritzern, die er erst gar nicht
abwaschen wollte. Es gab ihm ein Gefühl von … ja, was eigentlich?
Kennst du deinen Vater etwa schon so schlecht, Bella?
Ich
schritt weiter, immer noch eine Tasche in der Hand haltend und vergaß
völlig dabei, dass mein Gepäck nicht unsichtbar war, so wie ich.
Das
muss ja seltsam ausgesehen haben,
dachte ich mir. Bestimmt waren den Leuten an denen ich vorbei gerannt
war, fast die Augen ausgefallen, als sie eine schwebende Tasche an
ihnen vorbeisausen sahen. Ich verkniff mir ein Grinsen, warf meine
Tasche auf eine hohe Tanne, die in der Nähe des Hauses stand, und
schlich mich weiter heran. Prüfend betrachtete ich nochmals meine
Hände, bevor ich mich ans Küchenfenster stellte. Ich sah, wie eine
Frau in der Küche rumhantierte, und sah, wie sie dabei summte. All
meine Erinnerungen kamen wieder zurück. Damals stand ich immer in
der Küche und bereitete das Essen für Charlie zu, da seine
Kochkünste nicht über Spiegeleier mit Speck hinausgingen. Es
ärgerte ihn, wenn sich jemand anderes um ihn kümmerte; er wollte
sich ja immer beweisen, dass er auf sich selbst aufpassen konnte. Ach
ja, all diese Erinnerungen … Ein Lächeln umspielte meinen Mund,
als ich die Bilder vor meinen Augen sah. Wie gebannt klebten meine
Augen auf dieser Frau. Sylvia, so war, glaub ich, ihr Name. Der
Geruch von Steak und Bratkartoffeln stieg mir in die Nase; es war
neben ein hausgemachtes Gericht, von Oma persönlich, Charlies
Lieblingsessen. Oh Mann, wie sehr ich es vermisste für ihn zu
kochen, so wie in den alten Zeiten. Mein Blick fiel auf die Wanduhr;
Charlie würde bald Nachhause kommen. Und da kam er auch schon,
diesmal kam er im Wagen eines Kollegen. Wahrscheinlich war sein
eigenes Auto kaputt, wie so oft.
Charlie schritt an mir vorbei
ohne mich zu bemerken. Sieh
mich an!,
dachte ich. Aber er blickte nur stur geradeaus. Na ja, wie sollte er
mich sehen, wenn ich doch unsichtbar war? Trotzdem war das Gefühl
von ihm ignoriert zu werden, unerträglich.
„Ich
bin zu Hause",
hörte ich ihn drinnen rufen. „Und,
was gibt's heute?"
„Steak
mit Bratkartoffeln",
antwortete Sylvia. Sie hatte eine dunkle Stimme. Charlie umarmte sie
von hinten und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Wie automatisiert
verzog ich das Gesicht. So etwas kannte ich ja nicht von mir, dass
ich so reagieren würde.
„Wie
geht es Lauren?",
fragte Charlie sie. Es juckte in meiner Nase; ich konnte diesen Namen
immer noch nicht ausstehen, sosehr ich es auch versuche. Sylvia
wendete gerade das Steak und tat es auf einen Teller. Dann das
nächste. Ich folgte ihre Bewegungen mit meinen Augen.
„Ja,
ihr geht es gut. Sie ist auf ein College in Phoenix gegangen."
Phoenix. Ich lies mir die Worte auf meiner Zunge schmecken, und sie
hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Warum ausgerechnet da?
Konnte sich dieses … Mädchen nicht einen anderen Ort
aussuchen?!
Charlie nickte und setzte sich auf eines der alten
Küchenstühle. Ich erinnerte mich noch, wie ich mit ihm an diesem
Tisch gesessen, und mein Frühstück vertilgt hatte. Er hatte immer
Zeitung gelesen, ich meine Bücher. Wir waren nie besonders
gesprächig gewesen.
„Wie
geht es Bella?",
fragte sie. Charlies Kopf schoss hoch.
„Ich
denke, ihr geht es gut. Ich habe allerdings lange nichts mehr von ihr
gehört, obwohl ich so oft bei ihr Zuhause anrufe." Er
schwieg, dann fügte er noch hinzu. „Ich
vermisse sie richtig. Ich weiß, dass wir nicht sonderlich viel
miteinander geredet haben, aber als ihre Mutter mich verlassen hat"
– Sylvia verzog fast unmerklich den Mund, als er das sagte – „war
Bella die Einzige, die mir noch geblieben war. Und nachdem sie fast
in einer Gasse misshandelt worden wäre … Ich dachte, ich würde
sie verlieren. Seitdem sorge ich mich ständig um sie, ihr würde das
vielleicht noch mal passieren. Und, als ich mich von ihr
verabschiedet hatte, sah sie so verändert aus. Aber ich habe nichts
gesagt, aus Angst, es würde sie kränken." Wie
verloren er vor sich hinstarrte. Diese Seite von ihm hatte ich noch
nie zu Gesicht bekommen. Vor Sprachlosigkeit blieb mir ein Kloß im
Hals stecken, und ich konnte mich gar nicht mehr rühren. Und ich
verlor die Kontrolle über mich selbst.
Charlies Blick huschte zum
Fenster, vor dem ich gerade stand. Meine Augen weiteten sich vor
Schreck, und ich machte einen Satz zur Seite.
„Hey,
hast du das gesehen? Jemand stand vorm Fenster. Das Mädchen sah
Bella zum verwechseln ähnlich."
Das Mädchen war Bella, Dad …
Charlies Stuhl scharrte über dem
Boden und seine Schritte kamen immer näher. Er machte die Tür
auf.
„Bella? Bist du hier?" Ich drückte mich weiter an die
Hauswand und machte mich vor ihm unsichtbar.Charlie
blickte noch eine Weile in die Nacht, als er dann doch die Tür
schloss.
„War
vielleicht nur Einbildung",
meinte Sylvia, als Charlie wieder in die Küche trat.
„Ja,
wahrscheinlich hast du Recht."
Seine verzweifelten Wörter hingen immer noch in der Luft. Er machte
sie tatsächlich Sorgen um mich … Was würde er denken, wenn ich
mich nie wieder bei ihm melden würde? Würde er denken, ich sei tot?
Ein eisiger Schauer durchfuhr meinen Körper. Ich schnappte meine
Tasche und rannte. Ich rannte zurück nach Seattle, wo ich mir in
einem Hotel ein Zimmer mietete. Charlies Worte gingen mir einfach
nicht mehr aus dem Kopf. Und sie verstärkten nur noch mein
schlechtes Gewissen. Bis tief in die Nacht hinein.
Ich
besuchte Charlie wieder am nächsten Abend, nachdem ich mir in der
Nacht zuvor den Kopf zerbrochen hatte. Diesmal waren die Zwei im
Wohnzimmer, als ich ankam. Sylvia sah überglücklich aus, und ein
merkwürdiges Gefühl nistete sich in meinen Bauch ein.
„Charlie",
flüsterte sie aufgeregt. „Du
wirst es nicht glauben."
Sie zog ihn aufs Sofa. „Ich
bin schwanger. Wir Zwei bekommen ein Baby!" Mein
Körper gefror von oben bis unten. Der Schock stand mir auf der Stirn
geschrieben, mein Atem stockte. Charlie lächelte. Statt zu antworten
stand er auf, nahm Sylvia in die Arme und wirbelte sie lachend
herum.
„Unfassbar",
murmelte er atemlos. Er küsste sie auf dem Mund. Ich versuchte, den
Würgereiz im Zaun zu halten, aber das war gar nicht so einfach. Ein
Baby. Ein weiteres Kind. Ich bekam einen Bruder oder eine Schwester,
oder beides. Wie angewurzelt blieb ich vor dem Wohnzimmerfenster
stehen.
Nein!
Nein! Neeeiiin! Das darf nicht sein!,
schrie ich in Gedanken.
Warum?,
fragte meine andere innerliche Seite. Du
solltest dich für Charlie freuen. Darauf
konnte meine wenig heldenhaftere Seite nichts antworten. Stattdessen
drehte sie sich um, und hüpfte auf einen Baum. Stunde für Stunde
blieb sie dort sitzen, und wagte es nicht, dem Gespräch zu lauschen,
das der Vater gerade führte. Wie in Trance blieb ich, das
Vampirmädchen, dort oben, bis es Mitternacht wurde, und Charlie und
seine neue Ehefrau schlafen gingen. Jetzt erst traute ich mich wieder
nach unten. Mit langsamen, vorsichtigen Schritten ging ich auf die
Haustür zu und nahm den Schlüssel, der unterm Dachvorsprung lag,
und schloss die Tür auf. Lautlos stieg ich die Treppe hinauf, in
Charlies Schlafzimmer. Da lag er, den Arm fest um die Taille der Frau
geschlossen. Ein leises Schnarchen entfuhr aus seinem Mund. Ich trat
näher heran und legte meine Verkleidung, die mich vor den Augen
anderer verschwinden ließ, ab. Meine kalten Finger fuhren über sein
friedlich aussehendes Gesicht.
„Werde glücklich, Dad",
murmelte ich, so leise, dass es eigentlich niemand hätte hören
sollen. Doch Sylvia schlug mit einem Mal die Augen auf, und starrte
mich erschrocken an.
„Ein Geist", flüsterte sie, und ihr
Blick blieb wie gebannt auf mir haften. Das Mondlicht, das durch das
Fenster auf mich schien, ließ mich wie eine blasse, geisterhafte
Gestalt aussehen, da gab ich ihr Recht. Schnell legte ich meine
Verkleidung wieder an, und flüchtete.
Als ich erneut durch den
dunklen Wald rannte, hinterließen bittere Tränen eine Spur der
Traurigkeit und der Verzweiflung.
„Es tut mir leid Mom",
schluchzte ich. „Ich schaffe es einfach nicht, dich auch noch zu
sehen. Nicht nachdem, was ich heute erfahren habe. Ich kann nicht.
Außerdem weiß ich, dass du in Sicherheit bist. Verzeih mir."
Mein
Weg bahnte sich durch die Dunkelheit, die mich einfach nicht wieder
freigeben wollte. Doch bald stieß ich auf das Licht der Stadt, das
mich einigermaßen wieder besänftigte. Ich rannte ins Hotel, nahm
meine Sachen, und stürmte zum Flughafen, wo ich die Spätmaschine
nahm. Ich wollte nur noch nach Hause. Zurück nach Alaska. Zurück zu
Edward und seiner Familie.
„Miss?" Ein Mann reichte mir ein
Taschentuch. Ich nahm sie dankend an, und wischte mir die Tränen vom
Gesicht.
Alles
wird gut, Bella. Wein nicht. Deine Eltern werden schon glücklich.
Auch ohne dich.
Ja,
das hoffte ich. Das hoffte ich nur zu gern. Es dauerte nicht mehr
lange, und das Flugzeug landete.
Mit hängenden Schultern schritt
ich zur Empfangshalle, wo mich seine starken Arme festhielten. Ich
vergrub mein Gesicht in Edwards Hemd, während er mich zu seinem
Wagen begleitete. Seine Familie sagte nichts, offenbar wussten sie
bereits schon von Alice, was passiert war. Die Traurigkeit
verschwand, als Edward mir einen leidenschaftlichen Kuss schenkte.
