Truth Or Dare

Bella

„… Edward mit einem Zungenkuss zu verführen." Das hatte gesessen. Verdattert blieb ich sitzen und starrte sie an. Auch Edward blieb regungslos sitzen; er hielt den Atem an. Alice und die anderen grinsten immer noch, und ich hatte das Gefühl, als wär das alles erst der Anfang …
„Ne, oder?", stieß ich hervor, Alice nickte nur aufgeregt. Ich schluckte, dann wandte ich mich Edward zu. „Also ähm, schließ die Augen", stammelte ich und wurde rot. Emmett verkniff sich ein Lachen.
„O-ok", erwiderte Edward, dessen Stimme auch nicht gerade standfest klang. Verlegen räusperte ich mich. Meine Hände zitterten, als ich sein Gesicht festhielt, meine Lippen bebten, als sie sich seinen näherten. Mit hochrotem Gesicht fing ich an ihn zu küssen, ich spürte die stechenden Blicke der anderen in meinem Rücken. Edward umfasste meine Taille, damit ich mich halbwegs an ihm abstützen konnte. Irgendwie kamen wir nicht zu dem besagten Zungenkuss, ich fühlte mich einfach zu sehr beobachtet! Emmett fing an hysterisch zu lachen, und kullerte auf dem Boden rum, als ich endlich Mut fasste, und meinen Mund ein klein wenig öffnete.
„Ähm, Leute?", funkte Emmett dazwischen, als er sich teilweise wieder beruhigt hatte. „Ihr macht das vollkommen falsch. Der Edward muss dich hier halten, Bella." Er nahm Edwards Hand und legte sie auf meinen Hintern. Meine Augen weiteten sich, Edward schaute mich überrascht, als auch ein wenig entsetzt an. „Das erhöht die Konzentration", sagte er zu Edward. „Bella. Deine Arme gehören um seinen Nacken. Genau so", wies er mich zurecht. Konnte ein Gesicht noch röter werden, als es ohnehin schon war? Wenn ja, dann war das bei mir genau der Fall.
„Oh Mann, ihr küsst echt wie zwei Anfänger", murmelte Rosalie belustigt.
„Vielen Dank, Rose", brummte Edward an meinem Mund vorbei.
„Aber den Höhepunkt haben wir ja noch gar nicht bei euch gesehen. Also, macht hinne", sagte Emmett wieder. Jasper grinste nur blöd. Vorsichtig öffnete sich mein Mund wieder, und meine und Edwards Zunge berührten sich; sie tanzten. Irgendwie schafften wir es, den Kuss zu vertiefen. Ich nahm die Umgebung gar nicht mehr wahr. Doch dann klatschte und jubelte jemand.
„Mann, das hat aber lange gedauert, bis ihr euch mal getraut habt. Siehst du Bella? Du musst doch zugeben, dass dir dieser Kuss gefallen hat, ne?" Ich brachte kein Wort zustande, sondern starrte nur peinlich berührt auf den Boden. „Und du Ed?", fragte sie ihn. Auch er schwieg. „Ey, ihr versteht aber auch keinen Spaß!", meinte sie ärgerlich und schob ihre Unterlippe vor. „Na ja, egal. Bella, jetzt bist du dran. Wer soll dein Opfer sein?" Ach ja richtig, jetzt war ich an der Reihe. Das zu wissen, gab mir den nötigen Adrenalinstoß, den ich wirklich gut gebrauchen konnte. Alice Grinsen wurde breiter, als würde sie meine Gedanken hören – oder als hätte sie einfach nur in die Zukunft gesehen.
„Ach weißt du Alice? Ich glaube, diese Aufgabe, die ich verteilen möchte, wirkt besser in Alaska. Da gibt's mehr Publikum, wenn du verstehst was ich meine." Ich zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Alice blinzelte unauffällig zu Emmett, der zu ihren Gunsten gerade nicht ihren Blick erwiderte. Sie begriff sofort. Natürlich.
„Ja klar, Bella."
„Heißt das, das Spiel ist vorbei?", fragte Emmett enttäuscht. Da sollte er sich aber mal nicht zu früh freuen …
„Fürs Erste", erwiderte Alice und lächelte engelsgleich.

Zwei Wochen später ging es wieder zurück nach Alaska. Ich hatte schon die nächste Aufgabe parat. Ich war mir nämlich ziemlich sicher, dass Emmett Pflicht nehmen würde. Er war ja schließlich keine Memme …
Als wir allesamt im Wohnzimmer saßen (mit Ausnahme von Esme und Carlisle), warteten schon alle gespannt auf die Fortsetzung des Spiels.
„Also Bella", sagte Jasper ruhig. „Wer ist an der Reihe?" Ich grinste.
„Emmett. Wahrheit oder Pflicht?" Er lächelte selbstsicher.
„Na, Pflicht natürlich. Ich bin doch schließlich kein Feigling!"
„Ja, sicher. Natürlich nicht. Und diese Aufgabe wird dir sehr am Herzen liegen. Glaub mir." Von hier aus hörte ich wie Emmett schluckte. Mein Lächeln wurde teuflisch.
„Emmett, du musst dich als Primaballerina verkleiden, und ja, das heißt, dass du ein Tutu anziehen musst, dann musst du so ins Einkaufszentrum gehen, ‚It's Raining Men' singen, und dabei jede männliche Gestalt anflirten, die du siehst. Es kann natürlich vorkommen, dass du eventuell den Schuldirektor erwischst, der an diesem Tag mit seiner Frau ausgeht." Er war baff. Alle außer ihm krümmten sich vor Lachen; sie trauten ihren Ohren kaum.
„Was?", stieß Emmett hervor. „Das meinst du doch nicht ernst … oder?"
„Und ob ich das ernst meine. Alice hat mir erzählt, dass morgen fast unsere ganze Klasse einen Einkaufsbummel macht. Wär doch nett, wenn du auch ihnen Gesellschaft leisten würdest, meinst du nicht auch?"
„Na los!", rief Rose begeistert. „Eine Ballerina wirst du schließlich nicht von allein!" Sofort riss sie ihn vom Boden, hinauf in ihr Zimmer. Alice folgte ihr, ich aber blieb bei Edward, der aussah, als würde er vor Lachen keine Luft mehr kriegen.
„Sie ist teuflisch", meinte Jasper und lächelte mir zu.
„Allerdings", antwortete Edward und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich schloss die Augen. Als ich Emmett oben vor Entsetzen schreien hörte, verzog sich mein Mund zu einem Grinsen.

Edward und ich warteten in seinem Volvo auf den Rest der Truppe. Alice kam als Erste, danach Rose, Jasper und zum Schluss … Oh – mein – Gott! Edward prustete sofort los, ich hielt mich am Türrahmen fest und schüttelte mich vor Lachen. Emmett sah einfach zu komisch aus!
„Das – ist – nicht – witzig!", zischte Emmett, der gerade in unsere Richtung blickte. Sein Gesichtsausdruck gab den Ausschlag. Und die Kleidung erst! Der großwüchsige, wie ein Bodybuilder aussehender Mann, war in ein Tutu gezwenkt. Hier und da platzten schon die Nähten. Natürlich wurden die wieder zugeflickt, allerdings nicht gerade sehr sorgfältig … Emmett trug eine pinkfarbene Strumpfhose und die traditionellen Ballettschuhe.
„Oh, halt! Wir haben doch tatsächlich etwas vergessen, Alice!" Zuerst runzelte Alice nachdenklich die Stirn, dann nickte sie zustimmend.
„Tatsächlich." Sie kramte in ihrer kleinen schwarzen Handtasche herum, und holte einen kleinen, silbernen Gegenstand heraus. Emmett flehte sie mit seinen Augen an.
„Oh bitte nicht!" Alice kümmerte sich aber nicht darum, was er sagte, sondern setzte ihm diesen Gegenstand auf dem Kopf. Ich konnte nicht wirklich erkennen was es war.
„Was ist?", fragte ich Edward, doch er schüttelte nur den Kopf und lachte weiter. Als ich das glänzende Ding näher betrachtete, musste ich kichern. Das Ding war ein kleines Diadem, das auf Emmetts braunen Wuschelkopf prangte. Ein wirklich hübsches Accessoire!
Unsere Ballerina redete kein einziges Wort, als wir zum Einkaufzentrum in die Stadt fuhren. Wir versteckten uns zwischen ein paar Müllcontainern, um den Plan erneut nachzugehen.
„Also, du wirst dort hineinrennen, und anfangen zu singen, während du dabei Männer anflirtest, alles klar?"
„Ja", sagte Emmett mürrisch.
„Und falls du unsere Klasse siehst, schmeißt du dich auch an sie ran", fügte Edward noch hinzu. Emmett funkelte ihn nur wütend an, nickte aber.
„Ok, let's go!", rief Alice als wir ins Gebäude stürmten. Sicher dachten die Leute, wir wären eine Horde lauter Brüllaffen. So wie die uns anstarrten …
Alle versteckten sich hinter den künstlichen Pflanzen, hinter denen wir unsere ersten Opfer beobachten.
„Die da!", rief Rose, und versuchte Emmett zu schubsen, er aber machte sich schwer. „Mann, für so etwas haben wir nun echt keine Zeit!", beschwerte sie sich.
„Aber ich kann das niiicht!", jammerte Emmett, seine Augen waren weit aufgerissen. Rose schnaubte.
„Bella? Könntest du mal eben nachhelfen?"
„Aber sicher." Ich trat näher heran, konzentrierte mich ein wenig, und Emmett flog im hohen Bogen direkt auf die Frau des Schuldirektors. „Ups!" Schnell rappelte Emmett sich auf und entschuldigte sich sofort bei der Frau. Ihr Ehemann allerdings, erkannte ihn natürlich sofort, und hielt ihm eine Predigt, die sich gewaschen hatte. Nachdem er zu Ende geredet hatte, musterte er ihn von oben bis unten. Lachend drehte er sich um und ging. Peinlich berührt drehte Emmett sich zu uns um.
„Was für eine interessante Stunt Einlage", jubelte Edward und klatschte anerkennend.
„Aber hey, noch ist es ja nicht vorbei!", rief Alice, und zeigte auf unsere nächsten Opfer. Unsere Klasse. „Bereit? Huch? Emmett?" Emmett sauste direkt zum Ausgang. Was für ein Feigling!
„Wir kümmern uns drum", sagten Edward und Jasper schnell, und folgten ihn. Einige Sekunden später waren sie auch schon wieder da, Emmett sträubte und wehrte sich, doch ich zwang ihn mit meinem Blick, stillzuhalten.
„Los, jetzt mach deine Aufgabe! Je früher du sie zu Ende bringst, desto schneller sind wir hier raus!", rief Rosalie, und machte eine Geste, ihn wieder, wie davor auch, mit meiner Fähigkeit in die Luft zu befördern. Das tat er dann auch. Verblüfft starrte Mike ihn an, und krümmte sich anschließend vor Lachen.
„Denk an deinen Text!", zischte Alice ihm zu. Emmett hob verzweifelt die Arme und begann zu tanzen. Ab und zu drehte er eine Pirouette und sang.

Hi - Hi! We're your Weather Girls - Ah-huh -
And have we got news for you - You better listen!
Get ready, all you lonely girls
and leave those umbrellas at home. - Alright! -

Humidity is rising - Barometer's getting low
According to all sources, the street's the place to go
Cause tonight for the first time
Just about half-past ten
For the first time in history
It's gonna start raining men.

It's Raining Men! Hallelujah! - It's Raining Men! Amen!
I'm gonna go out to run and let myself get
Absolutely soaking wet!
It's Raining Men! Hallelujah!
It's Raining Men! Every Specimen!
Tall, blonde, dark and lean
Rough and tough and strong and mean

...

Wenn Männer mal zu ihm rüberlugten, schenkte Emmett ihnen ein Zwinkern. Unser lautes Gelächter war meilenweit zu hören. Kein Wunder bei solch einer tollen Attraktion, wie eine Ballerina in männlicher Gestalt. Am Ende des Liedes versuchte Emmett ein Spagat zu machen, scheiterte aber, und verzog nur schmerzvoll sein Gesicht. Mit einem wütenden Blick kam er zu uns herüber.
„Lasst uns abhauen, bevor ich mich blamiere", sagte er grimmig.
„Das hast du schon!", antwortete ich zwischen ein paar Lachern.
„Das kriegst du eines Tages wieder zurück Bella", versprach er mir, als wir zurück zum Auto gingen.