Rosalies neue Freunde
Edward
Alle
versammelten sich im Wohnzimmer und das Spiel nahm einen weiteren
Lauf. Mal sehen, wen Emmett auswählen würde. Hoffentlich nicht
mich! Na ja, früher oder später würde ich sowieso drankommen …
Dann lass mal schauen, was er gerade denkt.
„Alice,
Alice. Du wirst noch dafür bezahlen, dass du mich damals vor allen
gedemütigt hast! Hehe, jetzt ist ja die beste Gelegenheit dafür …
Die Aufgabe ist zwar ziemlich harmlos, aber was soll's!"
Noch
bevor er einen weiteren Gedanken fassen konnte, krümmte ich mich auf
dem Boden vor Lachen. Ich wusste nämlich ganz genau, was er meinte,
und Alice ging es wohl nicht anders. Ihr Blick war zuerst überrascht,
dann geschockt, ängstlich und schließlich … wie sollte man da
auch schon anders reagieren? Wütend. Emmett wurde einmal so richtig
von
Alice gedemütigt, und zwar vor all seinen Mitschülern. Das war noch
damals in der High School, und die „Schaden" an seinem Körper
lassen sich nicht mehr kurieren. Das sah man zwar jetzt nicht ganz so
deutlich, da seine Haut so Alabasterfarben ist, aber es hatte ihn
psychisch verstört. Seitdem benahm er sich manchmal wirklich …
mädchenhaft. Auweia. Vielleicht hatte er deshalb so eine bescheuerte
Aufgabe für Alice ausgesucht. Aber wenn man es sich doch mal recht
überlegt, dann würde es ihr ganz und gar nicht gefallen.
„Alice",
begann Emmett grinsend, sie verzog keine Miene. Im Inneren aber
konnte ich hören, wie sie geradezu vor Wut brodelte. „Du musst dir
deine Haare grün färben. Quietschgrün. Und zwar mit einem
Färbemittel, das man erst in einer Woche wieder auswaschen kann. Ich
wette, dieser Steven in deiner Klasse wird davon ganz begeistert
sein!", sagte er hocherfreut. Wenn Alice könnte, wär ihr Gesicht
rubinrot vor Zorn gewesen. Sie wollte nie
ihre
Haare umfärben. Nie. Sie hatte sie immer gehütet, wie ihren eigenen
Augapfel. Manchmal hatte ich in ihren Gedanken gehört, wie neidisch
sie auf Rose war, da sie lange Haare hatte, und sie selbst eben
nicht. Und sie würde sie auch nie bekommen. Deswegen wollte sie
wenigstens die Haarfarbe beibehalten. Wenn sie schon nicht die Länge
bestimmen konnte, so sollte auch ihre Haarfarbe nichts davon haben.
Da sie das äußerst verletzte (wer versteht schon die Frauen?), und
das wusste Emmett ganz genau, hatte er eben die Aufgabe für sie
auserwählt. Aus gutem Grund, denn bei ihm war es nicht gerade
angenehmer gewesen.
„Emmett, ich hasse dich! Nur weil ich dich
bei einem früheren Spiel gezwungen habe, dir die Arme und Beine zu
enthaaren, musst du mich doch nicht gleich mit einer neuen Haarfarbe
in die Hölle schicken! Jetzt hast du doch einen Vorteil! Du musst
dich nicht mehr rasieren! Frauen würden sich bei so etwas wirklich
freuen!" Alice hatte es auch gerade nötig …
„Alice, falls
du mal bemerkt hast, bin ich ein Mann, klar?", grummelte er.
„Du
benimmst dich aber nicht so!", rief sie.
„Ach ja?", konterte
er zurück.
„Ja! Manchmal benimmst du dich als wärst du … als
wärst du schwul!" Emmett schluckte betroffen. Schnell fing er sich
wieder und sein breites Grinsen kam wieder auf seinem Gesicht zum
Vorschein.
„Denk was du willst. Die Aufgabe besteht immer noch.
Also? Worauf wartest du?" Alice schnaubte, rückte vom Tisch ab und
stolzierte nach oben in ihr Zimmer. Ich war nicht gerade sehr
überrascht wie sie die Treppe hoch stampfte. Wenig später kam sie
wieder runter.
„Ich geh kurz zum Friseur, Färbemittel kaufen!",
rief sie schnell und schon war sie verschwunden. Belustigt schaute
ich zu Emmett herüber, der immer noch lächelte wie ein kleines
Kind.
„Da hast du es aber geschafft!", meinte ich, und stieß
ihm mit dem Ellbogen in die Rippen.
„Sie muss ja auch mal dafür
büßen, was sie mir angetan hat!", antwortete er schmollend. Bella
setzte eine argwöhnische Miene auf.
„Du musstest dir deine Arme
und Beine enthaaren?", fragte sie und zog eine Augenbraue
hoch.
„Ja, stell dir vor! Ich musste ständig bei diesem Spiel
solche Mädchensachen übernehmen, und in Röcken schlüpfen! Alles
nur, weil Miss Alice mir vor einem Spiel immer verspricht, sie würde
nichts Extremes mit mir anstellen. Aber dann macht sie es doch!"
Als Beweis zeigte er seine enthaarten Körperstellen. Tatsächlich,
es sah ziemlich … Mädchenhaft aus. Aber bei seiner Hautfarbe würde
das von weitem schon nicht auffallen. Bella prustete los.
„Tut
mir leid!", sagte sie hastig, als Emmett ihr einen bösen Blick
zuwarf. „Ich werd mich beherrschen." Trotzdem schaute sie ihn
weiterhin amüsiert an; ein Grinsen konnte sie sich dabei nicht
verkneifen.
Nach ca. zwanzig Minuten kam Alice wieder ins Haus
gestürmt, mit einer Tüte in der Hand, wo das besagte Färbemittel
drin war. Irgendwie tat sie mir jetzt schon leid. Ich hatte es noch
nie ausprobiert, meine Haarfarbe zu ändern, was ich wahrscheinlich
auch niemals tun würde. Ich wusste schließlich, wie sehr Bella
meine Haare mochte. Sie meinte, es sei deswegen, weil sie so viel
menschlicher aussahen, als der Rest meines Körpers. Und da hatte sie
wirklich Recht. Das hörte sich bestimmt ein wenig komisch aus dem
Munde eines Vampirs an.
Als Alice wieder ins Wohnzimmer kam,
erkannte ich sie gar nicht mehr wieder (ich dachte, da kam grad mal
ein Baum aus unserem Garten zu uns gehüpft). Ihre Haare waren
hellgrün, fast neonfarben. Damit würde sie einen ziemlichen
Blickfang in einer Disko abgeben.
Wütend schaute sie an die
Decke. Ihre Laune war absolut nachvollziehbar. Verlegen räusperte
sie sich und nahm anschließend wieder Platz. Ihr Blick an Emmett
sagte mehr als tausend Worte; am liebsten würde sie ihn für seine
Unverschämtheit gleich noch einmal drannehmen, und ihn in Grund und
Boden stampfen. Da es die Spielregeln aber nicht erlauben, huschte
ihr Blick weiter zu Rosalie. Wenn Alice erst mal schlecht drauf war,
munterte sie keiner wieder so schnell auf. Nicht mal eine Shopping
Tour durch ganz Europa, nein, sie musste sich erstmal so richtig
austoben, indem sie ihre Wut an einem anderen ausließ. Dies
passierte eigentlich
recht
selten, aber dank Emmett konnte man nur noch hoffen, dass einem
nichts Schlimmes widerfuhr. Auch Rose wusste das. Schweigend saß sie
da und rührte sich keinen Zentimeter.
„Rose", murmelte Alice
ruhig. Sie klang auf einmal ganz gelassen. Wahrscheinlich, weil sie
mal wieder eine ganz tolle Idee ausheckte; das verschlagene Funkeln
in ihren Augen sagte alles. „Verkleide dich" – Rose lächelte
erleichtert. – „in eine sexy Raubkatze." Das Lächeln
verschwand so schnell wie es gekommen war. „Und wenn du das getan
hast, darfst du damit durch die Straßen ziehen, und Männer auf
einer Baustelle anmachen." Diese Idee gefiel ihr genauso wenig wie
Emmett, das wusste ich bereits.
Bella
Du
meine Güte! Bei solchen Spielen geht es ja ganz schön zur Sache.
Aber Alice sah wirklich seltsam mit ihrer neuen Haarfarbe aus. Ich
musste mich ziemlich zusammenreißen, damit ich nicht gleich
loslachte.
Rose' Blick war geschockt. Vielleicht mehr, als nur
das. Sie fürchtete sich sehr vor der Aufgabe, andererseits genoss
sie es doch, im Rampenlicht zu stehen. Jetzt ekelte sie sich eher
davor, und das sah man ihr auch an. Männer auf einer Baustelle im
Katzenkostüm anmachen ... Auf solche Ideen kommt wirklich nur Alice.
Mit zitternden Knien stand Rose auf und taumelte hoch in ihr Zimmer.
Alice folgte ihr; mit einem verschlagenen Grinsen im Gesicht. Bei dem
Anblick saß mir ein fetter Kloß im Hals. Edward tätschelte mir
beruhigend den Arm.
„Keine Sorge. Es wird schon lustig
werden."
Ich funkelte ihn an. „Dann bin ich ja mal gespannt,
was die anderen sich für dich ausdenken werden!" Edwards
Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Daran hatte er sicher
noch nicht gedacht.
„Neeeiiin!!",
schrie Rosalie. „Wehe
du malst mir ins Gesicht, Alice!!"
„Das
gehört zu deiner Aufgabe, Rose", antwortete Alice ruhig. „Also
setz dich hin, und halt still, klar?"
„Du
machst das nicht!!",
schrie Rose weiter. „Wenn
du es wagst, dann …!"
Klatsch.
„Da
musst du mich doch nicht gleich schlagen!" Das war Alice.
„Und
ob! Ich hasse es, wenn man mir ins Gesicht kritzelt! Vor allem wenn
man keine Ahnung von so etwas hat, so wie du!"
„Hey,
jetzt komm mal wieder runter, ja? Immerhin ist es nicht so schlimm
wie bei Emmett! Bei dem kann man das
nämlich
nicht wieder kurieren! Jetzt stell dich nicht so an! Ein bisschen
abstrakte Kunst wird dir schon nicht schaden!" Emmett verzog nur
das Gesicht.
„Das nennst du abstrakte Kunst?! Ich nenn das
Geschmiere aus dem Kindergarten!" Zum Glück hatte sich Rosalie
wieder ein wenig beruhigt.
„Mann, Rose, jetzt hab dich nicht so!
Du siehst … voll … niedlich aus."
Rosalie schnaubte.
„Pah!"
Beide kamen die Treppe hinunter gepoltert.
„Man
hat euch bis nach unten gehört. Ihr solltet euch nicht gleich so–"
„Jasper, halt die Klappe!", riefen Rosalie und Alice
gleichzeitig. Beide klangen ziemlich entnervt. Ohne ein einziges Wort
stiegen wir alle in Edwards Auto und machten uns erneut auf den Weg
in die Innenstadt, wo wir gleich mehrere Baustellen fanden. Mein
Blick fiel auf einer dieser Klos, wo „Toi Toi" drauf stand. Ich
erinnerte mich, dass jemand aus meiner Klasse in der Grundschule sich
in eines dieser Toi Tois verliebt hat. Natürlich nur Scherzweise.
Trotzdem war es urkomisch, dem Typ dabei zuzusehen, wie er das
Klogehäuse angehimmelt hat. Wie hieß er noch mal? Ah, genau!
Rafael. Ich lachte laut auf, als ich ihn in meinen Erinnerungen sah.
Edward musterte mich und runzelte dabei die Stirn.
„Darf ich
erfahren, warum du lachst? Mir fällt es nämlich immer noch schwer,
deine Gedanken nicht zu kennen."
„Das Gleiche könnte ich auch
von dir behaupten." Ich lachte weiter und ignorierte Edwards Miene.
Er schmollte.
„Bitte, Bella", hauchte er.
Ich schüttelte
widerstrebend den Kopf. „Ein andermal."
Beleidigt drehte er
sich weg.
Erzähler
Alice
sah sich nach einer besonders geeigneten Baustelle um, auf der viele
Bauarbeiter rumwuselten. Sie signalisierte Jasper, er solle Halt
machen, und alle stiegen aus.
„Es ist wie abgemacht. Rose, du
flirtest mit ihnen. Aber nicht so ein Anfängerflirt wie damals in
der High School, nein, du sollst die Männer da hinten so richtig ins
Schwitzen bringen."
Emmett und Rosalie verzogen angewidert das
Gesicht. Noch bevor sie beide etwas sagen konnten, schubste Alice
Rose in Richtung Baustelle.
Alle anderen versteckten sich im
Gebüsch, während Rose verkleidet als Raubkatze auf einen der Männer
zuschritt. Ihre Bewegungen waren elegant und doch verführerisch; sie
zog die Blicke anderer auf sich. Das schien ihr wohl zu gefallen. Mit
selbstsicherem Lächeln schritt sie weiter auf die Männer zu. Viele
von ihnen pfiffen in ihre Richtung, doch niemand traute sich
wirklich, auf sie zuzugehen, was wahrscheinlich daran lag, dass deren
Fluchtinstinkt aktiviert war, und sie sich nicht in die Nähe eines
Vampirs trauten. Rosalie streckte ihren Arm aus und berührte das
unrasierte Gesicht eines dicken Mannes, dessen Hemd verdreckt und
verschwitzt war.
„Ich steck Rose unter die Dusche, sobald wir
wieder Zuhause sind", murmelte Emmett und ballte seine Hände zu
Fäusten. Als Rose zu schnurren anfing, konnten sich Jasper und
Edward nicht mehr zurückhalten; sie fingen beide an lauthals zu
lachen.
Natürlich kam das Sahnehäubchen immer zum Schluss: Rose
setzte sich auf den Schoß eines Mannes und küsste ihn flüchtig auf
den Mund. Emmett kochte über vor Wut und Eifersucht, und raste
förmlich auf die beiden zu.
„Hast du den Verstand verloren,
Rose?!", schrie er.
Rose schrie zurück. „Entschuldige mal!
Vielleicht war es in dem Spiel so abgemacht?! Ich mache nur das, was
mir erteilt wurde!"
Der Mann, den Rosalie geküsst hatte,
gaffte sie an. „War das etwa nicht ernst gemeint, mit uns zwei?",
fragte er verwirrt.
„Natürlich
nicht, du Idiot!!",
riefen Emmett und Rose im Chor und trampelten zurück zu den
restlichen Vampir-Teenangern, die sich vor Lachen nicht mehr auf den
Beinen halten konnten.
„Gehen wir", murrte Rosalie und wischte
sich mit einer Hand die Schminke vom Gesicht ab. Allesamt fuhren also
wieder nach Hause, wo schon die nächste Runde des Spiels auf sie
wartete.
