Die Miss Nancy und weitere Überraschungen
Edward
„Oh Mann, ist das heute mal wieder langweilig!", gähnte Emmett und streckte sich erstmal auf dem Sofa aus. „Irgendwelche besonderen Pläne für heute?", fragte er die anderen müde, die grad murrend die Köpfe schüttelten.
„Wie wär's mit shoppen?!" Das konnte niemand anderes sein als Alice.
„Musst du immer an Shoppen denken? Du bist auch für nichts anderes mehr zu begeistern!", brummelte Emmett leicht genervt. Alice sah so aus, als könnte sie jeden Moment heulen, wenn sie könnte.
„Hey! Sei doch nicht gleich so fies, es war doch nur ein Vorschlag!"
„Den hast du auch schon vor drei Minuten gemacht!", konterte er zurück.
„Vor fünf!", rief sie laut. Jasper guckte zwischen ihnen hin und her, als würde er ein Ping Pong Spiel mit seinen Augen verfolgen.
„Mein Gott! Dann eben fünf! Trotzdem kannst du an nichts denken als an Shoppen, was mir ziemlich auf den Wecker geht! Ich meine, alle paar Wochen muss Carlisle deinen Kleiderschrank umbauen lassen!"
„Jungs gehen auch Shoppen", meinte Alice selbstsicher. Darauf wusste Emmett nicht wirklich was er sagen sollte.
„Das stimmt nicht!", antwortete er nur. Alice sah, dass sie eine empfindliche Stelle bei ihm getroffen hatte und grinste breit.
„Ach ja? Und wer war neulich im Einkaufscenter und hat gleich seine Nase in jede Parfumflasche reingesteckt, hm?"
Alle beäugten Emmett skeptisch, und ich und Bella konnten uns nicht mehr zurückhalten; wir beide fingen an lauthals loszulachen. Rosalie war ganz empört.
„Du warst in einer Parfumerie?", fragte sie geschockt. „Was hast gerade du dort zu suchen?"
„Na ja, ich wollte dir halt ein Geschenk kaufen!", lautete seine Ausrede. Rose schien leicht gerührt, als Alice auf einmal die Treppe herunter gerannt kam.
„Aha, und was soll das hier?" Sie hielt mehrere Frauenkleider vor Emmetts Nase. Jasper, ich und Bella kullerten uns auf dem Boden vor Lachen. Natürlich wusste ich genau, um was es ging, deswegen war Emmett so ein toller Frauenversteher (A.N.: Ja, ja, werdet ihr noch sehen! XD)! Emmett druckste ein wenig herum, Rosalie allerdings war ganz aus dem Häuschen.
„Was hat das zu bedeuten, Em?!", rief sie fassungslos, ihre Augen waren weit aufgerissen. Alice schritt auf einmal nach hinten und kramte ein Stück Papier hervor.
„Das wird euch alle umhauen … Hehe!", dachte sie, als sie eine Zeitung auf den Tisch knallte. Es war die Schülerzeitung.
„Was soll das?", fragte Jasper überrascht. Alice grinste nur und zur Antwort deutete sie auf eine Textstelle. Emmett war kreidebleich. Wäre er ein Mensch, wäre er jetzt knallrot gewesen. Jasper las laut vor.
„Liebe Miss Nancy, ich brauche deinen Rat. Mein Freund hat mich vorgestern verlassen, und ich weiß nicht, was ich nun tun soll. Ich weiß nicht, was sein Grund dafür war! Ich bin wirklich verzweifelt." – Jessica, 22.
„Na und? Soweit ich weiß, gibt es nur eine Jessica. Wahrscheinlich hat Mike sie wieder verlassen. Aber was hat Emmett damit zu tun?", fragte Bella verwirrt.
„Warts nur ab, es kommt noch besser. Die Zeitung ist noch ganz frisch. Die ist erst heute rausgekommen. Nächste Woche Montag, sobald alle diesen Artikel gelesen haben … Oh Emmett, du tust mir jetzt schon leid." Sie klang so, als täte es ihr kein bisschen leid. Stattdessen deutete sie auf die nächste Seite auf ein Foto, wo Em…
„Ahahahahaha! Emmett, was machst du denn auf dem Jungenklo in einem Kleid?!", brüllten Jasper und ich drauf los. Bella kicherte, Rose war … nun ja, und Emmett sah so aus, als würde er gleich jeden Moment sterben wollen. Alice grinste nur breit.
„Ähm", stammelte er. Alice las den Rest vor.
„Am Donnerstag, dem 14 Juni 2008 um zwanzig Minuten nach Unterrichtsschluss, wurde Emmett Cullen von unserem Paparazzo Ben im Jungenklo entdeckt, wie er sich ein Frauenkleid anzog. Anschließend wurde er weiterhin bis zum Computerraum verfolgt, worauf er sich seinem Online-Kummerkasten zuwendete. Jetzt ist es raus! Emmett Cullen ist die sogenannte ‚Miss Nancy', die den Studenten mit Rat und Tat zur Seite steht…"
„Ich fass es nicht", rief Rose und schnappte nach Luft. „Sag mal, wie kommst du eigentlich auf die Idee, den Kummerkasten zu spielen? Und was soll dieses dämliche Kleid! Das passt doch überhaupt nicht zu deinem Teint!"
„Wenn ich ein Kleid trage, kann ich die ganzen Leute besser beraten!" Tolle Ausrede, wirklich. Auch Rose schien das nicht wirklich zu überzeugen. Plötzlich meinte Bella unschuldig:
„Bist du vielleicht schwul, oder so?" Jasper und ich fielen vom Sofa und konnten uns nicht mehr einkriegen vor Lachen. Auch Alice konnte sich kein Kichern unterdrücken.
„Sei doch nicht so gemein, Bella", meinte sie.
„Gemein? Gemein?! Du hast doch überhaupt damit angefangen!?" Emmett war völlig außer sich. Er klang jetzt fast wie ein Mann. Wie gesagt – fast. Wenn seine Stimme nicht immer zwischen hoch und tief hin und her rattern würde, würde man ihn noch als männlich bezeichnen.
„Emmett, komm. Wir haben eine kleine Diskussion miteinander durchzuführen. Ich lad dich in eine Parfumerie ein!", rief Rose und drehte sich halb zu uns um und machte eine Geste die aussehen sollte, als würde sie uns alle so bald wie möglich umbringen, wenn dazu nur die Gelegenheit kam.
„Okay", schniefte Emmett, als er die Haustür hinter sich schloss. Sobald die Tür zu war, brüllten wir alle auf und lachten uns schlapp, so dass die Wände anfingen zu wackeln.
„Ich höre euch!!", rief Rose zornig als sie die Haustreppe empor gestampft kam. „Wagt es nicht, euch hinter meinem Rücken über uns zu lustig zu machen, sonst seid ihr dran!"
„Ganz locker!", wandte ich ein. „Wir hören ja schon auf!"
Rose schnaubte wütend, dann machte sie kehrt.
„Ich verkleide mich nie wieder als Miss Nancy!", jammerte Emmett.
„Glaub mir, das wäre eine sehr gute Idee", bestätigte Rose.
Bella
Oh je, der arme Emmett. Er tat mir richtig leid. Er war doch eigentlich ein sehr netter Typ. Zwar ein bisschen daneben, was sein Verhalten anging, aber er war okay. Bestimmt war er bald wieder normal. Aber so war Emmett halt.
Mein Blick fiel auf den Kalender an der Wand in Edwards Zimmer, und mit einem Mal machte es Klick!
Heute war der 15. Juli! In fünf Tagen hatte Edward Geburtstag – und ich hatte noch kein Geschenk. Himmel! Was war ich doch blöd!
„Ist alles okay, Sweety?" Seit kurzem überhäufte er mich manchmal mit Kosenamen. Er tat es wohl eher unbewusst, aber ich merkte bestimmt, dass es mir schmeichelte. Immer noch geschockt über die Tatsache, dass mein liebster Vampirfreund in wenigen Tagen ein Jahr älter werden würde ließ mich erstarren. Er bemerkte meine Abwesenheit und trat hinter mich, um seine Arme um mich schlingen zu können.
„Was ist los?", säuselte er in mein Ohr.
„Nichts", antwortete ich und fieberte die ganze Zeit über, was ich ihm nun schenken sollte! Fünf Tage waren definitiv zu wenig!
„Du bist so eine miserable Lügnerin Bella", flüstere er und fuhr mit seinem Mund langsam meinen Hals hinunter und legte seinen Kopf sanft auf meine Schulter. Ich schauderte bei seiner Berührung und aus meinem Mund entfuhr ein kleiner Seufzer. Edward lächelte; er brauchte mich nicht zu fragen, um zu wissen, ob es mir gefiel, dass er mich berührte. Es stand mir glasklar auf meinem Gesicht geschrieben.
„I-Ich hatte nur an gestern gedacht, weißt du?" Der Tag, wo wir allesamt getanzt hatten, und er mich vor der ganzen Uni geküsst hatte.
„Mhm", machte er nur. „Ich weiß ganz genau, dass du mich gestern in der Umkleide beobachtet hast", raunte er mit einem breiten Grinsen. Sofort wurde ich rot.
„Du hast keine Beweise", entgegnete ich ihm.
„Ach ja?"
„J-Ja." Er atmete den Duft meiner Haut ein.
„Ich bin mir ziemlich sicher."
Ich drehte mich zu ihm um, und steckte die Zunge raus, so kindisch wie ich nun mal war. Er grinste breiter, beugte sich zu mir hinunter und küsste mich – auf die Art und Weise, die verboten sein sollte. Ich legte meine Stirn an seine, um nach Luft zu holen. Auch er schien atemlos zu sein. Als ich mich aus seiner Umarmung befreien wollte, um zu Alice zu gelangen, damit ich mit ihr das Geburtstagsgeschenk für Edward besprechen konnte, flüsterte er mir noch ins Ohr:
„Glaub mir, ich würde meinen Blick auch nicht von dir abwenden können."
Es war ja wohl klar, was er damit meinte. Hochrot im Gesicht stolperte ich auf die Treppe zu. Ich hörte, wie er leise in sich hineinlachte.
Wenn er so weiter macht, sterbe ich noch vor Glück…
