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Bella

„Ich kann es dir aber immer noch nicht verzeihen, dass du ihm auf die Wange geküsst hast." Edwards Ton klang neckend. Mittlerweile saßen wir beide in seinem Volvo, nachdem wir uns bei Harry verabschiedet hatten. Edward verstand sich nun auch etwas besser mit ihm als vorher, auch wenn er mit meinen Aktionen nicht immer einverstanden war. So wie diese.
Ich sah ihn entschuldigend an. „Tut mir leid."
Er machte einen Schmollmund. „Was war ich doch nur für ein Idiot", murmelte er leise.
Ich hob eine Augenbraue. „Wieso?"
„Anstatt deine Lügen zu durchschauen, hab ich sie dir einfach abgekauft!" Schnell blickte ich zur Seite, damit er mein Grinsen nicht sah.
„Es war halt eine Notsituation. Was hätte ich denn tun sollen? Hätte ich dir verraten, was ich vorhatte, dann wär der Überraschungseffekt so gut wie verflogen." Das würde ihn wohl nicht so einfach besänftigen. Er schwieg.
„Edward, Harry hat mir wirklich sehr geholfen. Ich habe deine Reaktion gesehen, als ich mit ihm zusammen war. Aber zwischen uns ist doch nichts. Keinen Grund zur Eifersucht." Es sollte scherzhaft klingen, doch irgendwie steckte mir ein fetter Kloß im Hals fest. „Magst du dein Geschenk etwa nicht?", wollte ich wissen, um auf ein anderes Thema zu kommen, das bestimmt wesentlich einfacher zu bereden war, als diese Eifersuchtssache. Langsam neigte er seinen Kopf in meine Richtung.
„Doch, natürlich." Sein Ton war samt und er hob seine rechte Hand, um sie an meine Wange zu legen. Ich konnte nicht anders und legte mein Gesicht in seine Handfläche.
„Es ist nur so, ich kann es einfach nicht ertragen, dich mit einem anderen zu sehen. Es ist so neu für mich für eine Frau so zu empfinden, wie ich es bei dir tue. Es passiert mir zum ersten Mal. Auch wenn ich im Hintergedanken immer weiß, dass Harry nur ein guter Freund von uns beiden ist – es macht mich einfach furchtbar eifersüchtig. Und seitdem du damals in der Gasse fast … misshandelt worden wärst, fällt es mir schwer, anderen Männern zu vertrauen, die an dir Interesse haben. Die Gedanken von ihnen über dich sind meistens ziemlich ordinär, musst du wissen. Allein das macht mich rasend." Edwards Nasenlöcher bebten, als er das sagte. Er nahm seine Hand wieder zurück und legte sie aufs Lenkrad; seine Finger verkrampften. Ich dachte das ja nur zu ungern, und es passte nicht im Geringsten zu dieser Situation, aber irgendwie fand ich Edward richtig sexy, wenn er sauer war. Ich schluckte kräftig und setzte einen anderen Ton an.
„Edward, du weißt doch ganz genau, dass Harry mir nichts Schlimmes antun würde. Er würde das doch sowieso nicht schaffen!" Er lachte leise. „Du brauchst dich also deswegen nicht zu sorgen."
„Ja, ich weiß", seufzte er. „Dich zu beschützen ist halt noch eine alte Gewohnheit von mir, die ich wohl für immer behalten werde. Auch wenn du es körperlich nicht nötig hast, von mir in Schutz genommen zu werden … Ich möchte halt nicht, dass man dich innerlich zerstört. Was bei jedem ja funktioniert. Auch bei mir. Eifersucht ist doch das beste Beispiel für." Er lachte erneut, dieses Mal klang es aber düster. „Nimm es mir bitte nicht übel!", bat er mich.
„Eifersucht ist menschlich, Edward", war meine bloße Antwort, und ich fragte mich, wie oft wir das Ganze noch durchkauen mussten. „Aber eine Sache wurmt mich."
Edward hob fragend seine Augenbrauen. „Was denn genau?"
„Die Menschen reagieren in meiner Nähe nicht immer so, wie es eigentlich sein sollte. Ist irgendetwas mit mir nicht in Ordnung? Ich meine, als ich Harry einmal zum Spaß in den Arm geboxt habe – der hat's kaum wahrgenommen. Nicht eine Spur von Angst war in seinem Gesicht zu sehen!" Nachdenklich schaute ich auf meine Hände.
„Hmm", machte Edward. „Ich weiß es nicht, wie ich das erklären soll. Vielleicht ist es einfach eine Eigenschaft von dir, dass die Menschen sich in deiner Nähe so wohl fühlen. Du ziehst sie sozusagen in deinen Bann. Die Männer im Radius von zwanzig Metern oder mehr würden dir sofort entgegen laufen", meinte er lachend. Eine gewisse Schärfe lag in seiner Stimme. Ich kniff die Augen zusammen und ersparte uns beiden mein Kommentar dazu. Dass ich bei Männern beliebt sein soll, wollte immer noch nicht in meinen Kopf einrasten.
„Sieh es positiv", meinte er nach einer Weile. „So wirst du nicht von den Menschen gemieden, sie schöpfen keinen Verdacht und du kannst dich perfekt an ihnen anpassen. Sogar noch besser, als ich und die anderen in meiner Familie es tun. Du hast ja auch menschliche Eigenschaften behalten, so wie das Erröten." – Wie auf Kommando fingen meine Wangen an zu glühen. – „Du kannst sogar schlafen. Du hast eine viel bessere Chance, von Menschen nicht erkannt zu werden, als wir."
Ich atmete erleichtert auf. „Und ich dachte schon, mein Körper hätte eine Fehlprogrammierung erlitten." Edward kicherte, und küsste mich auf die Wange.
„Zurück zu dem Geschenk", flüsterte er. „Es ist eines der schönsten Dinge, die du mir gemacht hast, aber das Schönste ist, dass du mein Ein und Alles bist. Und das für immer."

* * *

Alles war wieder beim Alten. Jedenfalls teilweise. Edward hatte sich so einigermaßen im Griff, sobald mich irgendwelche Jungs ansprachen. Auch wenn es sich nur um eine Kleinigkeit handelte; es machte ihn wohl ziemlich fertig. Sein Mund zuckte dann jedes Mal, und er drehte sich meistens immer weg. Manchmal übertrieb er es ganz schön, aber einmal, und das war gar nicht mal so lange her, meinte er, dass etwas nicht stimme. Mit mir sei alles in Ordnung, aber sobald ich zu Besuch bei den Cullens war, war ich mir nicht mehr ganz so sicher. Alice verhielt sich merkwürdig. So verschlossen uns allen gegenüber. Selbst Edward konnte nicht durch ihre Gedanken erkennen, was los war, da eine Barriere sie blockierten. Alice sagte, sie wüsste nicht warum das so war, aber mein Gefühl sagte mir etwas anderes; sie wusste genau, was los war, doch sie würde es nicht so einfach preisgeben wollen. Die anderen drängten sie, sie solle es uns verraten, doch sie schwieg. Ich erinnerte mich noch an ihr verzerrtes Gesicht, dessen Augen verloren in die Gegend drein blickten. Die sonst so fröhliche und verspielte Alice hatte eine Fassade aufgesetzt, die ich noch nie bei ihr gesehen hatte.
Deswegen war Edward in letzter Zeit immer auf der Hut. Er taxierte die Umgebung, als würde gleich jemand aus dem Gebüsch springen und nach ihm schnappen. Oder nach mir. Alles sehr seltsam, aber wie sollte mir ein gewöhnlicher Student wie Mike oder Harry etwas antun? Das wäre unmöglich. Aber vielleicht hatte es ja nichts mit den Beiden zu tun. Und drei Monate später, Anfang September, sah ich auch den Grund für seine Vorsichtigkeit.

„So, liebe Mitschüler", begann Mr Banner und sah uns alle nacheinander in die Augen, „unsere ehemalige Studentin Lucia Sovereign ist nun wieder im Bunde. Sie war mehrere Wochen im Ausland, da sie auf eine andere Universität gehen wollte, doch sie ist der Meinung, dass es ihr hier besser gefiele. So ist es doch, oder?", fragte er sie lächelnd.
„Ja Sir, allerdings", antwortete sie ihm mit zuckersüßer Stimme. „Hier habe ich doch sehr viele Freunde gefunden. Es wäre doch sehr schade, diese Freundschaft einfach links liegen zu lassen!" Nun trafen ihre Augen Edwards verwirrten und erschütternden Blick; er erstarrte. Mich hatte es auch erwischt, auch ich verharrte regungslos auf meinem Stuhl.
„Na dann, setzen Sie sich doch bitte auf eines der Plätze. Oh, neben Miss Swan ist noch ein Platz frei. Begeben Sie sich doch bitte dorthin."
„Sicher Sir", entgegnete sie ihm höflich, drehte sich von ihm weg, und marschierte mit verschlagenem, geradezu bösartigem Grinsen zu mir herüber. Galant nahm sie neben mir Platz.
„Schön dich nach so langer Zeit wieder zu sehen!", zischte sie mir ins Ohr; ein eiskalter Schauer durchfuhr meinen Körper und setzte ihn außer Gefecht. Edward neben mir rührte sich keinen Zentimeter. „Wie ich sehe, hast du dich verändert. Und dein süßer Freund auch!" Sie blickte ihn an, geradezu ein wenig verträumt. „Ich wusste, dass er jetzt viel, viel besser aussieht, als vorher." Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Das Wort besser beschrieb ihn keineswegs.
„Auch du siehst ein wenig hübscher aus. Natürlich kannst du mir nicht im Geringsten das Wasser reichen." Lucia lachte hämisch. „Schade, dass Edward jemanden liebt der so, ich weiß nicht, wie ich dich definieren soll, na ja, jemanden, der einfach nichts Besonderes ist." Diese Worte waren wie messerscharfe Klingen, die sich durch meine Seele bohrten. Aus Schock konnte ich noch kaum etwas erwidern. Erst jetzt erwachte Edward aus seiner Trance; sein Gesicht zuckte vor spürbarer Wut, ich spürte, wie er innerlich bebte. So wie ich ihn kannte, wollte er nur eins: Lucia in Stücke fetzen, doch er hielt sich zurück. Es wunderte mich, wie er bei ihrer eisernen Kraft noch standhalten konnte. Einer Kraft, jeden und alles zu kontrollieren, einer Kraft, die bei mir keine Wirkung zeigte. Aus welchem Grund auch immer. Aber vielleicht war es mein Drang, Edward vor dieser Begabung zu schützen. Vielleicht hatte sie ihn im Moment auch einfach noch nicht unter Kontrolle gesetzt. Wer wusste das schon? Natürlich niemand außer ihr selbst. Sie stellte jedem eine Probe, und jedem eine Falle, der diese Probe zu meistern versuchte.

* * *

„Was fällt dir ein?!" Edward war rasend vor Wut, packte Lucia am Kragen ihrer Bluse, und konnte sie gerade noch so an die Außenmauer des Campus schleudern, bevor sie ihn mit ihrer Fähigkeit unter Kontrolle brachte. Sein Körper stand reglos da, nur den Kopf konnte er noch bewegen, damit er mitbekam, was Lucia ihm sagte.
Edward hatte sich nach Unterrichtsschluss auf die Lauer gelegt, um sie zur Rede stellen zu können. Ihm passte ihr Ton mir gegenüber ganz und gar nicht, und das wollte er schleunigst ändern. Leider aber hatte er vergessen, dass sie deutlich mehr im Vorteil war als er und somit keine Chance hatte, ihr auch nur ein Haar zu krümmen, was ihn frustrierte und ihm das Gefühl gab, nutzlos zu sein. Ich sah es an seinem Gesicht; er wollte mich beschützen, mich vor jeder Gefahr bewahren, alles was mich verletzte machte ihn äußerst wütend und brachte ihn in Rage.
Lucia hatte mich noch mit allen möglichen Schimpfwörtern, und andere Beleidigungen überhäuft, die mich nur noch pessimistischer machten. Drei Tage lang.
Natürlich konnte ich mich noch mit ihr anlegen, aber diese Worte taten einfach nur weh. Sie waren wie Betäubungsmittel für mich; ich war unfähig, mich zu bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich sie beide an, Edward und Lucia, die sich gegenseitig anfunkelten. Schließlich nach einer Weile, zauberte sich ein zuckersüßes Lächeln auf ihr Gesicht, das gleichzeitig bedrohlich wirkte.
„Ha!", machte sie. „Als ob du mir auch nur irgendetwas zu sagen hättest! Du hast nicht mal die geringste Chance!" Ihre Mundwinkel gingen nach unten. „Ich kann tun und lassen, was ich will, ob es dir oder deiner kleinen Freundin passt oder nicht." Sie fuhr mit ihrem Finger über seine Wange. Mein Körper bebte.
„Wir werden uns schon bald wieder sehen!" Sie schenkte mir noch einen letzten feindseligen Blick, dann war sie fort.
Edward sackte zu Boden.
„Was macht sie hier?", fragte er müde, mehr zu sich selbst. „Was hat sie vor?" Ich kniete mich hin und umarmte ihn.
„Edward", murmelte ich leise und drückte ihn fester. „Bitte lass uns nach Hause gehen." Er nickte stumm, und half mir hoch.
Schweigend rannten wir zurück zum Haus der Cullens. Wir hatten uns im Moment einfach nichts zu sagen.
Lucia. Sie war wieder da. Etwas Schlimmeres hätte ich mir nicht vorstellen können. Es gab nichts Schlimmeres als sie. Doch was hatte sie vor? Wollte sie mich und Edward etwa auseinander bringen? Oder wollte sie einfach nur ihren Spaß haben? Und was bezweckte sie damit?
Ich hatte wirklich keine Ahnung, was auf uns alle zukommen würde, und es machte mich fertig. Ich musste dahinter kommen, was sie vorhatte. Und zwar möglichst bald, denn sonst könnte es wohl zu spät sein.
Und wenn ich versagte? Wer würde dann auf seine Kosten kommen? Wen hatte sie auf dem Gewissen? Die Angst, jemanden zu verlieren übermannte mich und ich sank weinend zu Boden. Alles schien aussichtslos. Alles. Und das wegen nur einer Person. Es war zwar nur eine, aber sie war imstande, alles in Grund und Boden versinken zu lassen, was sich andere mühsam erkämpft hatten.
Edward schien meine Gefühlslage zu spüren, ihm war wohl genauso zumute.
Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn noch tun sollte.
Edward. Er war meine zweite Hälfte. Mein Seelenverbündeter. Er und seine Familie, nein, unsere Familie – sie war mein Ein und Alles. Und ich würde alles dafür tun, damit sie am Leben blieb. Ich musste um sie kämpfen, so gut es ging.
Edward gab mir die nötige Kraft dafür, und ich fühlte mich bereits stark genug, um es mit Lucia aufnehmen zu können. Ich war anscheinend die Einzige, die ihrer Macht standhalten konnte, das musste ich ausnutzen, um sie nun endgültig auszuschalten.
Nun war ich diejenige, die die andere beschützen sollte. Und ich würde nicht versagen – nicht, solange das Leben derjenigen, die ich liebte auf dem Spiel stand.