: Das erste Treffen
Die Luft in dem Bus war stickig. Durch die verschmutzte Fensterscheibe prallte die Sonne auf die ausrangierten Sitze und im hinteren Teil grölten einige gelangweilte Teenager. Im großen und ganzen, war Artemis Fowl höchst unzufrieden. Schulausflüge, stellte er fest, waren eine sehr nervenaufreibende Angelegenheit. Sollte er jemals Kinder haben, würde er sie nie zu etwas derart sinnlosen zwingen. Er seufzte. Die letzten paar Monate hatte er damit verbracht, dass geheime Volk der Elfen vor der einen oder anderen Krise zu bewahren und nun befand er ich mit seine Klasse, von der er eigentlich niemanden kannte, auf dem Weg zu einem zweitklassigen Wachsfigurenkabinett in der Hauptstadt Dublin.
Hinter dem Bus konnte er den schwarzen Bentley erkennen, in dem Butler ihnen folgte. Artemis konnte sich nicht vorstellen, was bei einem Klassenausflug großartiges passieren könnte, doch sein Leibwächter hatte darauf bestanden ihm zu folgen. Bei dem Gedanken an die Klimaanlage und das gekühlte Quellwasser im Wagen, erschienen ihm die Strahlen der Sommersonne nur noch unerträglichen. Er wusste nicht wie, aber der Bus schien so konstruirt zu sein, dass es keinen einzigen schattigen Platz gab. Er seuftzt und versuchte sich einzureden, dass sie bald da sein würden.
Eine halbe Stunde später parkten sie auf dem staubigen Parkplatz vor dem Wachsfigurenkabinett. Artemis' Laune war auf einen absoluten Tiefpunkt gesunken, gegen den Holland wahrscheinlich das reinste Gebirge war. Er folgt seiner Klasse in das Kabinett. Es roch schlecht und sah aus, als hätte seit mehreren Jahrzehnten niemand mehr Staub gewischt. Eine alte Frau kam ihnen entgegen und schüttelte seiner Klassenlehrerin übertrieben fröhlich die Hand.
'Was für eine Heuchlerin', dachte Artemis und ließ seinen Blick über die Abbilder der berühmten Sänger, Romanhelden und Schauspieler wandern.
„Auf, auf", rief seine Lehrerin enthusiastisch, „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit."
„Gott sei dank."
„Hast du etwas gesagt, Artemis?"
„Nein, nein." Gelangweilt trotte er hinter dem Rest seiner Klasse her, tiefer in das Kabinett. Bei jedem Schritt wurden kleine Staubwolken aufgewirbelt und durch das spärliche Licht konnte man die Wachsfiguren kaum erkennen. 'Was für eine idiotische Strategie. Ein Wachsfigurenkabinett ohne Licht. Noch ein oder zwei Monate und der Laden macht dicht.'
Einige unterbelichtete Idioten aus seiner Klasse versteckten sich hinter einer Statur von Elvis und spielten Doppelkopf, während die Mädchen sich laut kichernd in kleine Grüppchen aufteilten. Eine von ihnen hatte sich so hineingesteigert, dass Artemis befürchtete, dass sie gleich hyperventilieren könnte und er war nicht gewillt, ihr erste Hilfe zu leisten.
Hinter sich hörte er Schritte. 'Wahrscheinlich Butler... er sollte sich ein wenig mehr Zeit für sich nehmen, die Heilung in London hat ihn ziemlich mit genommen...' Er drehte sich um, um einen Blick auf seinen Leibwächter zu erhaschen, sah ihn jedoch nicht. Was kein Grund zu Beunruhigung war. Butler war einer der besten Bodyguards, wenn nicht sogar der beste, und Artemis zweifelte nicht daran, dass er es schaffen würde sich vor den Blicken ungewollter Beobachter zu verstecken. Was bei den gegebenen Umständen auch nicht sonderlich schwer war.
Artemis wollte sich gerade umdrehen, als ihm etwas auffiel. An einer Wand stand, eingekesselt zwischen Marilyn Monroe und Robin Hood, eine Figur, die davor hundertprozentig noch nicht da gewesen war. Er trat einen Schritt näher. Im schummrigen Licht, erkannte er ein Skelett in einem Nadelstreifenanzug. Er hatte keine Ahnung, wen das darstellen sollte, und es war auch kein angelaufenes Messingschild zu erkennen, das ihm, wie bei den anderen Abbildungen, gütiger Weise verriet, um wen es sich hier handelte. Allerdings zeichnete sie sich durch eine auffallende Abwesenheit der hier üblichen Staubschicht aus. „Interessant...", murmelte der junge Fowl und beäugte die Wachsfigur noch einen Moment, dann schlurfte er wieder zu seiner Klasse hinüber. Dort hatte seine Lehrerin grade die kartenspielenden Jungen entdeckt und machte sie zur Schnecke.
An Tagen wie diesen war Skulduggery beinahe glücklich, nicht mehr aus Fleisch und Blut zu bestehen. Eine drückende Hitze lastete seit einigen Wochen auf Dublin und der Umgebung, die die meisten Menschen in ihre kühlen Häuser bannte und es ihnen nur noch nachts erlaubte durch die Stadt zu streunern. Walküre ging gerade mit Tanith im Meer schwimmen und überließ es Skulduggery, den Großmagier nach Neuigkeiten aus der Welt der Zauberer zu befragen.
Vor dem Wachsfigurenkabinett parkte ein Reisebus. Wahrscheinlich hatte irgendeine tyrannische Lehrerin beschlossen, ihre Klasse auf einen Klassenausflug zu schleifen. Auf der anderen Straßenseite parkte ein Bentley, mattschwarz und mit verdunkelten Scheiben. „Hübsch, hübsch", murmelte Skulduggery, als er einen letzten Blick auf den Wagen warf und sich seinem Spiegelbild im Rückspiegel zudrehte. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Hut, Schal und Sonnenbrille richtig saßen, stieg er aus. Er überlegte kurz, ob er die Verkleidung nicht doch lieber im Wagen lassen sollte, so eingepackt fiel er wahrscheinlich noch mehr auf, als ohne.
Er schritt zum Eingang des Kabinetts. Die Sonne spiegelte sich in seiner Brille und ließ zwei heller Punkte über die Mauern tanzen. Ein einsamer Schmetterling flatterte auf der Suche nach einer Blume über den staubigen Platz und lies sich auf einem halb vertrockneten Löwenzahn nieder, der aus einer kniehohen Mauer spross. Skulduggery warf noch einen letzten Blick auf den Bentley auf der gegenüber liegenden Straßenseite und betrat dann das Wachfigurenmuseum.
Leise vor sich hin summend schritt er an einer Wand entlang und ließ seine Hand über sie wandern, auf der Suche nach dem Schalter, der die Tür zum Sanktuarium öffnen würden. 'Können sie ihn nicht einmal an seinem alten Platz lassen?', dachte er genervt. Im hinteren Teil des Kabinetts konnte er die Stimmen einiger Teenager hören, wahrscheinlich die Klasse zu der der Bus gehörte. 'Walküre sollte mehr Zeit mit Kindern in ihrem Alter verbringen... und vor allem mit ihrer Familie. Ich tue es nicht gerne, aber ich muss Kenspeckle in diesem Punkt zustimmen: Sie ist noch ein Kind, egal wie ich sie behandle. Ah, da ist er ja!' Er hatte grade den Schalter entdeckt, als er Schritte auf dem staubigen Boden hörte. Sofort drehte er sich um und stellte sich zwischen zwei Wachfiguren.
Ein bleicher Junge trat aus dem Schatten. Rabenschwarzes Haar umrahmte sein Gesicht und er starrte ihn aus azurblauen Augen an. Bei seinem Anblick lief es Skulduggery kalt den Rücken runter. In gewisser Weise erinnerte der Junge ihn an den Vampiren Dusk, der sich zu Zeit in den Händen des Sanktuariums befand und in irgendeiner Zelle vor sich hin schmorte. Doch er war anders: In Dusks Augen, konnte man die Wut, den Wunsch nach Rache und die Kontrolllosigkeit über sich sehen, die ihn immer begleiteten, doch bei ihm sah er nur Kälte. Einen leeren, kalten Raum mit einem messerscharfen Verstand, der bereit war alles zu tun, um das zu bekommen, was er wollte.
Der Junge kam einen Schritt auf ihn zu. Sein stechender Blick musterte ihn. 'Ja, lass dir ruhig Zeit. Es ist ja nicht so, dass ich heute noch etwas vor hätte oder so.' Wenn Skulduggery noch aus Fleisch und Blut bestehen würde, würde er jetzt wahrscheinlich mit den Augen rollen, wie seine Partnerin es zu tun pflegt, wenn er mal wieder unnötig lang brauchte, um ihr etwas zu erklären. So blieb ihm allerdings nichts anderes übrig, als den Jungen ebenfalls an zu starren und darauf zu warten, dass er endlich zu dem Rest seiner lärmenden Klasse zurück ging. „Interessant...", murmelte der Junge, bevor er sich umdrehte und wieder in die Schatten zurück trottete, aus denen er gekommen war.
Skulduggery wartete noch einen Moment, um sicher zu gehen, dass der Junge auch hundertprozentig verschwunden war, dann drückte er den Schalter. Die Wand wackelte kurz und eine kleine Tür öffnete sich. Als er durch die Tür schritt, warf er noch einen Blick über die Schulter, doch niemand war zu sehen. Fackeln flammten an seiner Seit auf und er begann die schmale Wendeltreppe hinunter zu steigen, die in das Sanktuarium hinunter führte. Die Sensenträger standen regungslos an dem Durchgang, der in die Eingangshalle führte. In ihren verspiegelten Helmen sah er sein Spiegelbild, das durch einen spiegelverkehrten Korridor ging. 'Spiegelbilder... Walküre sollte ihres nicht mehr so oft benutzen...' In der Eingangshalle wartete ein großer, glatzköpfiger Mann auf ihn.
„Mr. Bliss. Ich hatte Sie nicht hier erwartet", sagte Skulduggery überrascht, „Sollten Sie sich nicht mit einem Gesandten aus Finnland treffen?"
„Ich bin hergekommen, weil ich mit Ihnen sprechen muss, Mr. Pleasant."
„Wieso?"
Bliss blickte ihn mit einer unergründlichen Miene an. 'Warum treffe ich heute nur solche Gefühlzobies? Kann mir nicht mal jemand nettes über den Weg laufen? Ein paar kleine Pfandfindermädchen, die Kekse für einen Guten Zweck verkaufen vielleicht, oder irgendjemand, der wenigstens so aussieht als ob er fühlen könnte. Aber nein, zuerste treffe ich diesen Vampir-Jungen und dann Mr. Bliss. Das ist nicht nett.'
Bliss seufzte und schüttelte den Kopf. „Guild wird einen dritten Ältesten ernennen müssen."
„Aha. Wie schön für ihn. Was hat das mit mir zu tun?"
„Nun, ich habe Sie als neuen Ältesten vorgeschlagen."
Skulduggery traute seinen (nicht vorhandenen) Ohren nicht. „Was?"
„Natürlich hat Guild dem nicht zugestimmt, das hatte ich niemals erwartet."
„Warum haben Sie mich dann vorgeschlagen? Und wie kommen Sie auf die Idee, dass ich ein Ältester sein will?"
„Mr. Pleasant, manchmal geht es nicht darum, was wir wollen, sondern darum, was wir müssen."
„Mit Verlaub, aber: Ich muss garnichts."
„Nun, Guild hat sie ja nicht ernannt, sondern einen Angestellten des Sanktuariums namens Michael Eclipse. Das heißt, er wird ihn noch ernennen."
„Wer ist dieser Michael Eclipse? Ich habe noch nie von ihm gehört..."
„Er ist für den Bereicht der Geheimhaltung der Magischen Gemeinschaften zuständig", erklärte Bliss, „Und hat Thurid Guild den größten Teil seiner Karriere zu verdanken. Bevor er an die Macht kam, war er ein Nichts. Guild kann sich also seiner Stimme bei jeglichen Abstimmungen sicher sein."
„Womit Sie immer überstimmt wären, und praktisch kein Mitspracherecht mehr hätten."
„Genau. Deswegen befürchte ich, dass es zu Aufständen kommen könnte. Die Zauberer sind nicht so naiv, wie Guild denkt."
„Und warum erzählen Sie mir das? Ich meine, es ist nicht so, dass es mich nicht interessieren würde, aber..."
„Ich habe so das Gefühl, dass das der Anfang von etwas ganz großem ist. Etwas wird passieren, und ich bin mir relativ sicher, dass Sie ,Mr. Pleasant, darin noch eine große Rolle spielen werden." Mit diesen Worten drehte Bliss sich um und verschwand in einem Seitenkorridor.
Skulduggery legte den Kopf schief. „Der Anfang von etwas ganz großem..."
