Kapitel 3: Home sweet home
Artemis Fowl saß mit überkreuzten Beinen auf einem roten Samtsesel, und langweilte sich. Der irische Verbrecherkönig und Erbe des fowlschen Erbes, langweilte sich zu Tode. Seit dem er letzten Monat in die Vergangenheit gereist war und danach die jüngere Ausgabe von Opal Koboi, einer diabolischen Wichtelin, daran gehindert hatte, mit Hilfe der Gehirnflüssigkeit eines Lemuren die Weltherrschaft an sich zu reißen, hatte er nichts mehr von seinen kleinen Freunden gehört. Die letzten Wochen hatte er damit verbracht, wie ein gewöhnlicher irischer Teenager zur Schule zu gehen und die Hälfte seiner Lehrer und drei Schulpsychologen in den Wahnsinn getrieben.
Er seufzte und legte den Kopf in den Nacken. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass das Leben als normaler Junge so langweilig war. Allerdings hatte er auch nicht all zu lange als normaler Junge gelebt. Scheinbar schien er ungelöste Rätsel, Abenteuer und Gefahren gradezu magisch an zu ziehen, doch dieses Talent schien ihn gerade im Stich zu lassen. Tatsächlich war er schon so tief gesunken, dass er ernsthaft überlegte dem Fall der staubfreien Wachsfigur im Wachsfigurenkabinett nach zu gehen.
Er sah aus dem Fenster in den Garten, wo Butler gerade zum x-tausendsten Mal seine Runde drehte. Obwohl er andauernd beteuerte, dass er die Ruhe genießen würde, wusste Artemis, dass sein Leibwächter die Abenteuer an der Seite von Holly, Mulch und Foaly vermisste. Genau wie Artemis hielt er ständig die Augen offen und versuchte irgendetwas zu finden, das auf die Anwesenheit einer Elfe hindeutete, sei es ein Raschel der Blätter oder ein verräterisches Schimmern der Luft. Doch sie schienen von einer vollkommen elfen-freien Zone umgeben zu sein.
Artemis setzte sich auf. 'Als doch die Wachsfigur', dachte er deprimiert.
Zu gleichen Zeit saß Skulduggery Pleasant in seinem Haus auf der Friedhofsstraße und durchforstete seine Regale noch irgendwelchen Informationen zu Michael Eclipse. Walküre hatte ihn vor ein paar Minuten angerufen und angekündigt, dass Tanith und sie gleich zu ihm fahren würden. Währenddessen versuchte er, etwas über den baldigen Ältesten heraus zu finden. Das Gespräch mit Bliss hatte ihn beunruhigt. Nicht, dass ihn sonderlich stören würde, wenn Guild gestürzt werden würde, aber er hatte genug Bürgerkriege miterlebt um zu wissen, dass das keine sonderlich angenehme Sache war. Er hatte schon einige Freunde im Verlauf der letzten Jahre verloren und wollte das nicht noch einmal erleben. Er strich mit einem behandschuhten Finger über die Rückseiten verschiedener Ordner und zog einen mit der Aufschrift 'Beförderungen im Jahr 2008' heraus.
Der Ordener wog schwer in seinen Händen, er legte ihn auf dem Tisch ab und blätterte ihn durch. Die Beförderungen von Michael Eclipse nahmen fast eine Seite ein. Bevor Guild Großmagier wurde, war er ein Angestellter in der Abteilung für kleinere Verstöße gegen das Geheimhaltungsabkommen gewesen. Ein langweiliger und zäher Job, in dem man viel arbeiten musste und wenig verdiente. Doch Guild hatte ihn innerhalb von zwei Monaten einen weitaus einfacheren und besser bezahlten Job verschafft. „Guild hat ihn nach ganz oben geholt. Aber warum?", fragte sich Skulduggery leise. Er legte den Kopf schief.
„Vielleicht damit er jemanden in einer einflussreichen Position hat, der alles was er sagt gutheißt", sagte eine Stimme hinter ihm.
Skulduggery fuhr herum. Seine Partnerin, Walküre Unruh, stand hinter ihm und grinste ihn an.
„Wie bist du hier rein gekommen?"
„Tanith und ich sind durch den Kamin geklettert."
Er legte den Kopf schief. „Du erwartest doch nicht wirklich, dass ich dir das abnehme, oder?"
Sie seufzte. „Okay, okay. Die Haustür stand offen. Woran hast du meine Lüge erkannt?"
„Nun, an der einfachen Tatsache, dass ich keinen Kamin habe."
„Oh..."
Skulduggery wandte sich wieder dem Ordner zu. „Ich habe heute Bliss getroffen."
„Ja? Was hat er gesagt?"
„Guild muss einen dritten Ältesten ernennen... Vermutlich Michael Eclipse. Bliss befürchtet, dass es zu Aufständen kommen könnte, wenn die Zauberer heraus finden, dass Guild eines seiner Schoßhündchen zum Ältesten befördert." Die Tatsache, dass Bliss ihn selbst als Ältesten vorgeschlagen hatte, verschwieg er ihr.
„Gut möglich. Es wird ihnen gar nicht gefallen, wenn sie erfahren, dass Bliss nichts mehr zu sagen hat. Er ist ziemlich beliebt. Aber was geht uns das an?"
„Nun ja, falls du es vergessen haben solltest: Wir haben sowohl Serpine, als auch Vengeous und das Groteskerium gestoppt. Das heißt, dass wir jetzt die Leute sind, die dafür sorgen, dass es keine Probleme gibt."
Walküre schnaubte und ließ sich auf das Sofa fallen. „Keine einfache Aufgabe..."
„Deswegen übernehmen wir sie ja auch."
„Butler!", Artemis ging auf seinen Leibwächter zu, der gerade in einem leichten Anflug von Verzweiflung anfing, die Blätter an der Trauerweide am Teich zu zählen.
„Was ist los, Artemis?"
„Ich möchte, dass wir das Wachsfigurenkabinett beobachten."
Butler schwieg kurz. „Wieso?"
Artemis zögerte kurz. „Weil auf der einen Figur kein Staub war."
Er sah ihn zweifelnd an. „Artemis, kann es sein, dass Sie etwas zu lange in der Sonne waren?", fragte er mit besorgtem Blick.
„Nein, es geht mir gut. Aber finden Sie das nicht auch merkwürdig, alter Freund? Alle anderen Figuren waren total zugestaubt, nur diese nicht... außerdem hatte sie kein Schild, auf dem stand, wen sie darstellen sollte, und ich bin mir relativ sicher, dass sie noch nicht da war, als ich das Kabinett betreten habe."
„Könnte es nicht einfach sein, dass die Figur neu war?"
Artemis warf in einen Blick zu, mit dem man normalerweise ein kleines Kind bedenkt, das einem erklärt, dass der Mond aus Käse wäre. „Natürlich... Das Wachsfigurenkabinett war in einem so schlechten Zustand, dass sie sich wahrscheinlich noch nicht einmal ein paar neue Glühbirnen leisten könnten... obwohl das dringend nötig wäre."
„Und deswegen wollen Sie, dass wir das Kabinett beobachten?"
„Ja." Artemis wusste wie unglaublich abgedreht diese Idee klang aber immerhin hatte sein Vorschlag eine Elfe zu entführen sich zuerst auch nicht sonderlich überzeugend angehört.
„Wenn Sie meinen... Ich packe die Sachen ein."
„Sehr schön, wir fahren nach Sonnenuntergang los."
„Warum erst nach Sonnenuntergang?"
„Wollen Sie wirklich bei dieser Hitze in einem schwarzen Auto in der Gegend rumsitzen? Ich jedenfalls nicht, Klimaanlage hin oder her."
Nachdem die Sonne glühend am Horizont versunken war, machten sich Artemis und Butler auf den Weg. Glücklicher Weise machten Artemis senior, seine Frau Angeline und die Zwillinge gerade Urlaub auf Sylt und so mussten sie sich keine fadenscheinige Ausrede einfallen lassen, um ihren nächtlichen Ausflug zu erklären. Um neun Uhr parkten sie vor dem Wachsfigurenkabinett, das natürlich schon längst geschlossen hatte. Artemis lehnte sich in seinem Sitz zurück und wartete. Und wartete. Und wartete. Und wartete.
Zwei Stunden später war er sich nicht mehr ganz so sicher, ob eine staubfreie Wachsfigur es wert war, sich die halbe Nacht um die Ohren zu schlagen. Sein rechtes Bein war eingeschlafen und die gesamte Situation erinnerte ihn ein wenig an das warten auf eine ZUP-Elfe, einige Jahre zuvor, nur das er hier nicht wusste, worauf er wartete.
Grade als er beschlossen hatte, dass die ganze Idee vollkommen schwachsinnig war, parkte ein dunkelblauer Van vor dem Kabinett. Ein dürrer Mann mit Hornbrille und zerstrubbeltem dunkelbraunen Haar stieg aus, sah sich hastig um, und eilte dann zur Hintertür des Kabinetts. Er klopfte und die Tür öffnete sich. „Na also...", murmelte Artemis zufrieden und setzte sich auf, „Endlich passiert etwas." Nach einer Viertelstunde gespanntem Wartens verließ der Mann das Gebäude wieder, ein breites Lächeln auf den Lippen und einen Ordner in der Hand. Er stieg wieder in den Van, ließ den Motor an und fuhr los. Butler schaute zu seinem Prinzipal hinüber. „Sollen wir ihm folgen?"
„Natürlich", antwortete er, mit einem Lächeln, das jeden verrückten Wissenschaftler vor Neid hätte erblassen lassen, „Sie glauben doch nicht etwa, dass ich zwei Stunden warte, nur um dann zu beschließen, dass mich die ganze Sache doch nicht interessiert."
Butler seufzte. 'Das kann ja heiter werden', dachte er und schaltete den Wagen an.
