Kapitel 5: Drowsy, bloody, crazy

Artemis saß auf der Rückbank, grinsend wie ein Honigkuchenpferd. Oder eher: Wie ein krankes Supergenie, dass grade einen neuen Weg gefunden hatte, um sich die Zeit zu vertreiben und wahrscheinlich die halbe Welt ins Chaos zu stürzen. Dieser Vergleich erschien Butler auf jeden Fall um einiges passender, als er seinen jungen Herren im Rückspiegel betrachtete. Er hatte diesen typischen Gesichtsausdruck, den er immer hatte wenn er sich einen neuen, genialen und meistens sehr riskanten Plan ausdachte, auf dem Gesicht und starrte die Rückseite des Vans an, in dem der mysteriöse Besucher das Wachsfigurenkabinett verlassen hatte.

Butler folgte ihm durch die Stadt, bis sie in ein heruntergekommenes Viertel kamen. Die Wände der Häuser waren mit Grafiti bedeckt, keines sonderlich gut, die Straßenlaternen waren entweder kaputt oder so dreckig, dass das Licht nur stark gedämpft auf die Straße fiel und die Mülleimer sahen aus, als ob sie seit Monaten nicht mehr geleert wären worden, wahrscheinlich traute sich die Müllabfuhr nicht mehr in die Gegend. Alles in allem sah das Viertel nicht so aus, als ob irgendjemand freiwillig hier wohnen würde.

Der Van parkte vor einem heruntergekommenen Haus und der Fahrer stieg aus. Butler hielt einige Meter entfernt im Schatten einer Toreinfahrt. Er hörte, wie Artemis sich vor beugte, um den Fahrer besser sehen zu können. Dieser trat einen Schritt hervor und stellte sich gütiger Weise in der Lichtkegel der einzigen Straßenlaterne die zu funktionieren schien. Er kramte in seiner Manteltasche und ein Schlüsselbund fiel heraus. In diesem Moment ertönte ein Schuss und eine Kugel riss ein Stück Putz aus der Wand hinter dem Mann.

Butlers Instinkt riet ihm, sich möglichst schnell, und unauffällig, aus dem Staub zu machen und sich und sein Prinzipal in Sicherheit zu bringen, aber dazu hätte er Artemis wahrscheinlich erst bewusstlos schlagen müssen. So blieb er wo er war und betete, dass die Angreifer, wer immer sie sein mochten, nicht auf die Idee kamen auf die Autos in der Umgebung zu schießen.

Aus den Schatten um den Lichtkreis der Laterne lösten sich einige vermummte Gestalten. Sie traten auf den Fahrer zu. Er wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Straßenlaterne. Eine der Gestalten zog ein Katana und holte aus, um dem Mann den Kopf ab zu schlagen. Der wich jedoch nicht aus, sondern ging leicht in die Knie und streckte die Arme in Richtung des Angreifers aus. Das Katana flog ihm aus der Hand und er wurde aus dem Lichtkreis gegen eine Wand geschleudert.

Im Bentley herrschte verblüfftes Schweigen. Was war das gewesen? Magie? Aber laut Foalys Aussage gab es keine menschlichen Zauberer mehr.

Derweil kämpften die Gestalten weiter. Der Mann bekam einen Schlag ab, der ihn von den Füßen riss und ihn aus dem Licht stolpern lies. Doch er blieb nicht lange im Dunkeln, denn eine Flamme entzündete sich in seiner Hand. Er stürmte auf die Angreifer zu und wollte einen von ihnen die Flamme auf die Brust drücken, doch der hob eine behandschuhten Hand und eine Welle aus Dunkelheit krachte in ihn hinein. Der Mann ging erneut zu Boden. Wankend hob er sich auf ein Knie und schaute zu ihnen hoch. Der Katana-Kämpfer kam aus den Schatten auf ihn zu. Das Schwert flog in seine Hand und er holte aus. Die Luft um die Klinge schien sich zu spalten, als das Schwert hindurch zischte.

Der Kopf des Mannes wurde sauber vom Rumpf getrennt und flog durch die Luft. Mit einem leisen, platschenden Geräusch schlug er auf dem Boden auf. Langsam, als hätte er noch nicht begriffen, dass er tot war, fiel auch der Rest des Körpers um. Das Blut strömte hinaus und schwemmte über den Bürgersteig in den Rinnstein, vermischte sich mit dem Schmutz der Straße und floss in den Abwasserkanal, wie ein kleiner Strom aus dem roten Lebenssaft. Die Umrisse der Angreifer spiegelten sich in der dunkelroten Lache, die sich zu ihren Füßen ausbreitete. Von der Klinge fiel ein einzelner Bluttropfen hinein, zog kleine Kreise und die Umrisse verschwammen wieder.

Dies alles geschah vollkommen lautlos.

Butler hatte genug gesehen. Er erkannte einen Profi, wenn er ihn sah, und diese Leute waren ihnen eindeutig überlegen. Wenn sie jetzt nicht flohen, würden sie sie entdecken und töten, so viel war sicher. Möglichst leise startete er den Motor. Keine der Gestalten drehte sich um. Er legte den Rückwärtsgang ein und rollte aus der Einfahrt hinaus, immer darauf bedacht den schützenden Schatten nicht zu verlassen. Grade als er auf der Straße war, drehte eine der Gestalten, der Katana-Kämpfer, den Kopf zu ihnen. Butler hielt instinktiv den Atem an.

'Er hat uns nicht gesehen, er hat uns nicht gesehen, er hat uns nicht gesehen', betete er leise.

Die Gestalt ging in die Knie.

'Hat uns nicht gesehen, hat uns nicht gesehen, hat uns nicht gesehen.'

Die Gestalt sprintete los.

Butler drückte das Gaspedal durch.

Im Seitenspiegel sah er ihren Verfolger mit unmenschlicher Schnelligkeit hinter ihnen her rennen, doch sie waren zu schnell. Mit quietschenden Reifen bog er um eine Ecke ab und ließ ihn in der Dunkelheit hinter sich zurück.