Kapitel 6: Ein neuer Fall
Guild war außer sich vor Wut. „Wer? Wer hat das getan?!" Mit hochrotem Kopf stürmte er durch den Besprechungsraum des Sanktuariums.
„Wenn wir das wüssten wären wir nicht hier", antwortete Skulduggery gelassen.
Guild wirbelte zu ihm herum. „Warum sind Sie dann noch hier? Sollten Sie nicht am Tatort sein und nach Spuren suchen, oder was auch immer Sie so machen um einen Mord auf zu klären?"
„Nun, eigentlich hatten meine Partnerin und ich darauf gehofft, noch ein paar Informationen zu bekommen."
„Was wollen sie den noch wissen? Seine Adresse? Sein Lieblingsbuch? Welche Farbe seine Unterwäsche hatte?"
Walküre runzelte die Stirn. „Skulduggery", flüsterte sie ihrem Mentor zu, „Hat er gerade einen Witz gemacht?"
„Wahrscheinlich hat ihn die ganze Sache ziemlich mitgenommen", antwortete er, „Da soll so was ja vorkommen."
Guild ging weiterhin im Zimmer auf und ab. „Ich habe kurz vor seinem Tod noch mit ihm gesprochen, um ihn eine anzubieten ein Ältester zu werden."
„Und?"
„Was und?"
Skulduggery seufzte und ließ die Schultern hängen. „Wie hat er reagiert?"
„Nun ja, er hat sich gefreut. Wer würde das nicht?"
Walküre warf Skulduggery einen vielsagenden Blick zu.
„Hat ihn irgendjemand begleitet, als er das Gebäude verlassen hat?", fragte er weiter.
„Nicht das ich wüsste... Aber die Administratorin ist kurz nach ihm gegangen. Vielleicht hat sie etwas gesehen..."
Skulduggery nickte ihm zu und drehte sich dann um. „Sehr schön. Walküre, komm, wir gehen." Er verließ den Besprechungsraum und Walküre folgte ihm.
„Was glaubst du, wer hat ihn ermordet?", fragte Walküre, während sie neben ihm her lief.
„So rein intuitiv? Jemand, der nicht wollte, dass er Ältester wird."
„Wow... du bist wirklich unglaublich...", sagte sie trocken.
Als sie um die nächste Ecke bogen, sahen sie die Administratorin, die grade dabei war einige Zettel auf einem Korkpinwand zu sortieren. Als sie ihre Schritte hörte, drehte sie sich zu ihnen um und lächelte höflich. „Mr. Pleasant, Mrs. Unruh, wie schön Sie beide zu sehen."
Skulduggery nickte ihr zu. „Guten Tag. Haben Sie zufälliger Weise Mr. Eclipse gesehen, als er das Haus verlassen hat?"
Die Administratorin runzelte die Stirn und dachte kurz nach. „Nun, nicht direkt ihn. Ich habe nur gesehen, wie sein Auto weg gefahren ist..."
„Ist Ihnen etwas besonderes aufgefallen?"
„Gegenüber des Sanktuariums hatte ein Wagen geparkt, der ihm gefolgt ist. Es könnte natürlich auch sein, dass die beiden nur zufälliger Weise in die selbe Richtung gefahren sind."
Er legte den Kopf schief. „Ein schwarzer Wagen?"
„Ja."
„Mhmh... danke, das Sie unsere Fragen beantwortet haben."
„Immer gerne. Ich hoffe, ich konnte ihnen helfen."
Er drehte sich um. „Das konnten Sie." Skulduggery und Walküre verließen das Sanktuarium und schlenderten durch die Reihen der verstaubten Wachsfiguren. „Konnte dir die Administratorin wirklich weiter helfen?"
„Natürlich." Er ging weiter und als er bemerkte, dass Walküre stehen geblieben war und ihn erwartungsvoll ansah, drehte er sich zu ihr um. „Was?"
„Jetzt wäre wohl der Teil gekommen, in dem du mir erklärst, was genau du heraus gefunden hast..." Sie sah ihn herausfordernd an.
„Schon gut. Du musst nicht gleich so böse gucken. Also: Als ich gestern das Sanktuarium besucht habe, stand auf der anderen Straßenseite ein schwarzer Bentley."
„Natürlich stand da einer. Du fährst einen schwarzen Bentley, falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte."
„Ein anderer schwarzer Bentley. Denn, stell dir vor, ich bin scheinbar nicht dir einzige Person mit einem außergewöhnlich ausgeprägtem Modebewusstsein. Um wieder auf das ursprüngliche Thema zurück zu kommen: Findest du das nicht auch ein wenig verdächtig?"
„Meinst du, dass der Fahrer des Bentleys der Mörder ist?"
„Könnte gut sein..."
Die beiden verließen Seite an Seite das Sanktuarium und traten hinaus auf den staubigen Parkplatz. Walküre hustete, als ihr eine Hitzewelle entgegen schlug. Sie schielte zu Skulduggery hinüber. „Könntest du nicht wenigstens so tun, als ob dir diese unsägliche Hitze etwas ausmachen würde?"
„Meine Familie wurde vor meinen Augen ermordet und ich bin einen langsamen, qualvollen Tod gestorben, dankst du nicht, dass das reicht?"
„Nein."
Er seufzte. „Walküre Unruh, manchmal kannst du eine unglaubliche Nervensäge sein, weißt du das? Und taktlos bist du auch. Und du hilfst mir noch nicht mal den Fall zu lösen. Und man kann mit dir nicht diskutieren."
„Ach ja? Und du stinkst!"
„Genau das meine ich. Im Übrigen bin ich ein Skelett, ich kann also gar nicht stinken." Er öffnete die Fahrertür des Bentleys.
„Wo fahren wir hin?"
„Zu einem Freund von mir, der vielleicht weiß, wem der Wagen gehört."
Artemis Fowl saß im Schneidersitz auf dem Boden seines Arbeitszimmers und dachte nach. In Gedanken fasste er noch einmal die ganze Situation zusammen: Sie hatten beobachtet, wie ein Mann aus einer, vermutlichen, Basis einer Geheimorganisation gegangen war und kurz darauf ermordet worden war. Sowohl die Mörder als auch das Opfer hatten Magie angewandt, und es gab keine weiteren Zeugen. Da die Mörder wohl nicht erzählen würden, dass sie die Mörder waren, konnte es gut sein, dass sie dafür gehalten wurden. Außerdem waren sie gesehen worden, es war also nur eine Frage der bis jemand vor den Türen von Fowl Manor aufkreuzte und versuchte sie entweder fest zu nehmen oder zu töten. Oder, um es kurz zu sagen: Sie hatten ein Problem.
Er stand auf und setzte sich an einen Computer. Er brauchte so viele Informationen über menschliche Zauberer, wie möglich. Der Computer fuhr hoch und er startete seine Recherchen. Und er gedachte nicht seine Informationen aus dem gewöhnlichen Internet zu beziehen.
Skulduggery klopfte gegen die große Eichentür. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte der Bentley und die Bäume des Phoenix Parks warfen einen kühlen Schatten über die Parkmauer. Die Blätter rauschte leise und einschläfernd. Walküre unterdrückte ein Gähnen und musterte die Schnitzereien auf der Tür.
Skulduggery klopfte erneut. Grade als er sich umdrehte und vermutlich etwas wie „Es scheint niemand da zu sein" sagen wollte, öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Zwei Augenpaare starrten sie aus der dahinter liegenden Dunkelheit an. „Ist Solomon da?" Keine Antwort. Er seufzt. „Hört zu, das ist eine sehr wichtige Angelegenheit und ich wäre euch zu größtem Dank verpflichtet, wenn ihr mir sagen könntet wo Wreath ist." Die zwei Augenpaare verschwanden kurz und sie hörten Getuschel hinter der Tür.
Walküre zupfte Skulduggery am Ärmel. „Warum willst du mit Solomon Wreath sprechen? Ich hab gedacht, du kannst ihn nicht ausstehen."
Er nickte. „Kann ich auch nicht. Und es gibt eine Menge Sachen die ich lieber tun würde als IHN um Hilfe zu fragen, aber ich fürchte uns bleibt nichts anderes übrig."
„Warum sollte er etwas über Autos wissen? Er ist Nekromant, kein Automechaniker."
„Und Detektiv."
„Was?"
„Solomon Wreath arbeitet als Detektiv. Schließlich wird man für's Nekromanten-Dasein nicht bezahlt. Und so wie ich ihn kenne hat dieser Einfaltspinsel kenne -"
„Einfaltspinsel?", Walküre sah ihn aus den Augenwinkeln an und lächelte amüsiert, „Hast du Solomon Wreath grade einen Einfaltspinsel genannt?"
„Ähm, ja." Skulduggery schien verwirrt. „Warum nicht?"
„Na ja... ist ein Einfaltspinsel nicht eher jemand der naiv oder... geistig beschränkt ist? Und ich würde Wreath nicht grade als naiv oder dumm bezeichnen."
Er seufzte genervt. „Okay, was soll ich den sonst sagen?"
„Mh, vielleicht... Störenfried oder so..."
„Störenfried? Ist jetzt auch egal, auf jeden fall glaube ich, dass ER bereits von dem Fall erfahren hat und schon gründlich rumgeschnüffelt hat."
„Und du hoffst darauf, dass er bereits heraus gefunden hat und dir sagen kann, wem das Auto gehört?"
„Genau."
Die Haustür knarzte erneut und die zwei Augenpaare erschienen erneut in der Dunkelheit. Skulduggery drehte sich um. „Und, habt ihr euch doch nocht entschieden uns zu sagen wo Solomon ist?" Die Augenpaare wackelten auf und ab, was man wohl als Nicken werten konnte. Es klickte leise und die Tür schwang auf. Um die Augenpaare begannen sich im Licht der Mittagssonne die Umrisse zweier Gestalten ab. Die eine, ein junger Mann mit langem dunkelrotem Haar und aristokratisch anmutenden Geschichtszügen, verneigte sich leicht und bedeutete ihnen mit einem leichten Winken ein zu treten. „Master Wreath wartet im Wohnzimmer, wenn Sie mir bitte folgen würden?"
Walküre starrte ihn an. Der Typ sah aus als wäre er ein paar Jahrhunderte zu früh geboren. Skulduggery knuffte sie in die Seite. „Tsss, Walküre." Sie zuckte zusammen.
„W-Was ist?" Sie blinzelte.
„Du starrst ihn grade ziemlich offensichtlich an. Und dein Mund steht offen."
„Tut mir Leid, es ist nur. Findest du nicht auch, dass er... komisch aussieht?"
Skulduggery legte den Kopf schief und blickte ihn von der Seite an. Was bei ihm eindeutig unauffälliger war. „Nein, eigentlich nicht. Er erinnert mich an einem Typ den ich 1847 getroffen habe, während der Hungersnot. Netter Kerl, wir hatten eine schöne Zeit zusammen."
„Aha." Der Rotschopf räusperte sich. „Entschuldigen Sie?" Er nickte mit dem Kopf in Richtung Innenteil des Hauses. Skulduggery und Walküre folgten ihm und der zweiten Gestalt, einem Mädchen mit blondem Pagenschnitt, ins Haus.
Solomon Wreath saß mit übereinander geschlagenen Beinen in einem roten Armsessel und trank Tee. Aus den großen Fenstern hatte man einen fantastischen Blick auf eine Waldlichtung des Parks, auf der grade ein paar Rehe grasten. Das Pagenmädchen klopfte an den Türrahmen. „Besuch, Wreath", rief sie, klopfte erneut und verließ den Raum. Der Rotschopf stellte sich in eine Ecke und wartete. Solomon drehte sich um.
„Skulduggery! Walküre! Was verschafft mir die Ehre?" Er wies auf ein Sofa, das ihm gegenüber stand. „Setzt euch doch." Walküre ließ sich auf den roten Samtbezug fallen. Der Stoff fühlte sich angenehm an, die Polster waren weich und es war angenehm kühl.
„Tee?", fragte Solomon an sie gewandt, „Grün, Schwarz? Mit Milch oder Honig? Und vielleicht ein paar Scones?"
„N-Nein Danken..."
Solomon tippte mit seinem Gehstock auf den Teppichläufer. „Nun denn, warum seit ihr hier?" Er lehnte sich ein Stück nach vorne. „Hat das etwas mit dem frühzeitigen Ableben eines gewissen Sanktuariumsangestellten zu tun?"
Sulduggery setzte sich neben sie. „Gut kombiniert, Watson. Hör zu, du weist, dass es mich sehr, sehr viel Überwindung gekostet hat hier her zu kommen, also reiz das bitte nicht zu sehr aus."
„Schon gut, schon gut, ich bin schließlich kein Unmensch. Also, was genau wollt ihr wissen?"
„Der Bentley."
„Aaaaaah, der Bentley." Er winkte dem jungen Mann in der Ecke zu. „Ordner." Der Mann verschwand kurz und kehrte wenige Augenblicke später mit einem Ordner zurück. „Lass mal sehen..." Er blätterte ein wenig umher, während sich der Rotschopf wieder in seine Ecke zurückzog. „Tja, in der Tat, ich habe etwas herausgefunden. Der Wagen gehört einem gewissen Artemis Fowl. Senior. Er wohnt zusammen mit seiner Familie in Fowl Manor, in der Nähe von Dublin. Die Fowls sind schon seit Jahrhunderten Verbrecher. Allerdings war er zur Tatzeit in Sylt."
„Mit der ganzen Familie?"
„Nein. Nur mit seiner Frau. Der Junior und sein Leibwächter waren da."
„Leibwächter?"
„Genau." Solomon winkte noch einmal. „Ordner." Der junge Mann reichte ihm erneut einen Ordner. „Mh mh mhhh..." Solomon schien auf etwas sehr interessantes gestoßen zu sein und summte leise vor sich hin. Nach zwei Minute räusperte sich Skulduggery. „Solomon, hättest du die Güte uns mit zu teilen, was da steht?"
Er blickte auf. „Mh? Natürlich. Im Falle der Fowls trifft das Sprichwort 'Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm' wohl voll und ganz zu. Allerdings stellt sich Artemis junior-"
„Er hat seinen Sohn genau so wie sich genannt? Wie fantasievoll..."
„- weit aus klüger an. Er hat das Familienvermögen innerhalb von zwei Jahren verdreifacht."
„Und der Leibwächter?", fragte Skulduggery mit leichtem Unbehagen in der Stimme, „Ist er... gut?"
Er blätterte erneut in dem Ordner umher. So langsam bekam Walküre das Gefühl, dass er das nur tat um sie ein wenig zappeln zu lassen. „In der Tat. Allerdings weiß ich nicht all zu viel über ihn. Sein Name ist Butler und-"
„Er ist ein Zauberer?"
Solomon sah vom Ordner auf. „Nein? Wie kommst du darauf?"
„Naja, ich meine, er ist ein Butler und sein Name ist Butler. So heißt doch kein normaler Mensch."
„Eigentlich arbeitet die Butlerfamilie schon seit Jahren für die Fowls. Obwohl ich keine der beiden Familien als normal bezeichnen würde." Er sah mit leerem Blick in die Ferne. Was in diesem Fall die gegenüberliegende Wand war. „Nicht normal..." Er begann wieder leise vor sich hin zu summen.
Walküre stupste Skulduggery an. „Können wir jetzt gehen? Er fängt an mir Angst zu machen", flüsterte sie mit einem Blick in Richtung Solomon. Skulduggery nickte.
„Wir verschwinden wieder", sagte er an den summenden Nekromanten gewandt. Solomon nickte geistesabwesend und bedeutete dem Rotschopf sie zur Tür zu geleiten.
