„Also Carolina... dein Vater und ich wollten dir etwas sagen", fängt deine Mutter das Gespräch an.
„OK", nuschelst du, während du dir bereits die nächste Portion Nudeln mit einer Tomatensoße nach einem geheimen Familienrezept auf den Teller tust.
„Wir haben uns überlegt, morgen an den See zu fahren. Du kannst deine Freundin mitnehmen. Wir wissen doch, wie gerne ihr da seit."
„Echt? Man, das wäre echt toll! Ich lauf schnell zu ihr und frag sie."
Du hechtest schnell in dein Zimmer und freust dich riesig darauf, deine beste Freundin wieder zu sehen. In eine kleine Handtasche packst du die wichtigsten Sachen – deinen Geldbeutel mit Muggelgeld, Handy, Schlüssel, Kaugummis und eine Digicam – und machst dich auf den Weg zu deiner besten Freundin. Die wohnt zum Glück nur zwei Straßen weiter in einem blauen Haus mit einem wunderschönen Garten, dem ganzen Stolz ihrer Mutter. Deine Freundin Anastasia ist genauso alt wie du, ist blond und hat blaue Augen, also eine typisch russische Schönheit, auch wenn sie ziemlich klein ist und zwei linke Füße hat. Sie ist total kreativ und hat bereits eine kleine Ausstellung mit ihren Bildern gemacht. Immer noch breit grinsend klingelst du an der Tür und wartest. Deine Freundin macht die Tür auf und erstarrt wie eine Salzsäule.

„Caro? CARO!" Schreiend fällt sie dir um den Hals. Ihr hüpft strahlend und lachend auf und runter und braucht ein paar Minuten, um euch zu beruhigen.
„Ana! Du siehst gut aus! Ich muss die unbedingt etwas erzählen."
„Komm schon rein, man. Du bist genauso langsam wie immer!"
„Ich bin schneller als du!"
„Du weißt schon, was ich meine. Du schreibst nie! Was ist das den für ein Internat, wenn der Postbote nicht zu kommen scheint."
Du hast ihr nichts von deiner Welt erzählt, immerhin wurde es dir verboten, aber regelmäßig lässt du ihr einen Brief über deine Eltern bringen. Zusammen setzt ihr euch in ihr Zimmer auf den Boden. Die Wände sind lavendelfarbig und überall sind Sachen verstreut. So, wie bei dir, wenn du erstmal zu Hause bist. In der Ecke steht eine kleine Leinwand und an den Wänden hängen verschiedene Bilder und Fotografien.
„Also, was ist los? Du siehst aus, als wolltest du platzen!"
„Also zu erst mal: Willst du mit uns morgen an den See fahren?"
„Klar! Das sind vielleicht Fragen. Weiter., erwidert sie kopfschüttelnd.
„OK, also: ich war ja bis jetzt bei meinem besten Freund aus dem Internat zu Hause, oder? Und... da hab ich jemanden getroffen.."
„OH! Ein Junge?! Du strahlst ja richtig."
„Ja. Er ist total süß und nett und muskulös... hm... Er heißt Charlie und arbeitet in Rumänien und ist 21 und..."
„Was? 21? Das sind sieben Jahre! Ist das nicht ein bisschen viel?", besorgt runzelt sie die Stirn und sieht dich durchdringend an.
„Nein. Er hatte noch nie eine Freundin oder so, also ist das jicht so schlimm. Du solltest ihn kennen lernen. Er ist echt wundervoll."
„Dich hat es ja erwischt. Alles OK?", grinst sie belustigt. „Du klingst, als wärst du in einer Werbung."
„Man, Ana, sei doch mal ernst! Das ist mir echt wichtig. ER ist mir wichtig."
„Tut mir Leid, aber ich kenn ihn nicht. Ich weiß nicht, wie ich ihn einschätzen soll. Außerdem wohnt er in einem anderen Land und ist echt um einiges älter als du. Ich will nur nicht, dass er dir wehtut."
Wird er nicht. Versprochen."
„Wenn du es sagst. Hast du vielleicht ein Bild von ihm?"
„Nein. Aber er ist etwas größer als ich , hat rote Haare, die ihm leicht ins Gesicht fallen und total die Muskeln. Wenn du wüsstest, wie es ist, wenn er dich in die Arme nimmt! Hach...", träumst du vor dich hin.
„Und habt ihr schon... du weiß schon..."
„Was? Oh, nein. Ich kenn ihn doch erst seit Anfang Juli. Und wir sind ja nicht schon zusammen, seit wir uns das erste Mal gesehen haben."
Sie nickt und sieht dir in die Augen.
„Du musst dringend ein Bild von ihm machen. Vielleicht hat er ja einen heißen Cousin, den er mir vorstellen könnte." Sie zwinkert dich schelmisch an und kichert leise.
„Na warte, du...!"
Du wirfst dich auf sie und verwuschelst ihre Haare. Kreischend drückt sie dich weg und rennt davon, du hinterher. Erst, als ihr beide aus der Puste seit und eine imaginäre Friedensflagge hisst, setzt ihr euch wieder auf die selbe Stelle. Ihr redet noch etwas über die ganzen „gehirnamputierten Sportsocken", wie Anastasia die Jungs in eurem Alter so gerne nennt. Als du wieder gehst, umarmt ihr euch herzlich.

Die Sonnenstrahlen kitzeln deine Nase und leuchten durch deine Lider. Brummelnd drehst du dich auf die andere Seite und versuchst, weiter zu schlafen. Nach einer halben Stunde musste du einsehen, dass das nicht möglich ist und quälst dich auf. Zuerst einmal wäscht du dein Gesicht und schlüpfst in eine Hotpants und ein weißes Top mit aufgemalten Ketten. Am Frühstückstisch sitzen bereits deine Eltern und unterhalten sich über die Arbeit. Dein Vater ist in der Buchhaltung irgendeiner Firma für Maschinen tätig und deine Mutter arbeitet als eigenständige Hochzeitsplanerin. Du nimmst dir einen Pfirsich und hörst mit einem Ohr zu.
„Carolina? Bist du da?"
„Hä?" Verwirrt schaust du deinen Vater an, der mit deiner Hand vor deinen Gesicht rumfuchtelt.
„Ich sagte, dass wir in einer halben Stunde fahren. An den See, weißt du noch?"
Du nickst und schlürfst nach oben. Schnell sind alle wichtigen Sachen in eine Strandtasche gepackt. Du ziehst bereits jetzt deinen roten Bikini an und gehst dann wieder nach unten. Auf der untersten Treppe sitzt deine besten Freundin.
„Ana! Du bist schon hier?"
„Klaro."
Als auch deine Eltern fertig sind steigt ihr in das Auto und fahrt los. Nach ein paar Minuten, vielleicht einer viertel Stunde, sucht ihr einen schattigen Parkplatz und werdet schnell fündig. Inzwischen ist es zehn Uhr und eindeutig zu früh zum aufstehen. Würdet ihr nicht an deinen Lieblingssee fahren wärst du gar nicht erst aufgestanden.

Ihr lauft eine Weile und breitet euch auf eurem Lieblingsplatz aus; unter einer Linde, sodass ihr sowohl im Schatten als auch unter der Sonne liegt, und ganz in der Nähe des Vollyballfeldes. Anastasia zieht sich ihr Sommerkleid aus und zum Vorschein kommt ein blauer Bikini mit silbernen Verzierungen. Zuerst reibt ihr euch gegenseitig den Rücken mit Sonnenmilch ein und legt euch dann etwas in die Sonne. Noch ist es nicht erdrückend heiß, das wollt ihr ausnutzen. Erst, als ihr euch vorkommt wie ein paar Hähnchen auf dem Grill, springt ihr kreischend in das kalte Nass. Zum Glück bist du nicht so schrecklich empfindlich, den der Unterschied ist erschreckend.

Der Tag wir allerdings noch besser, als die wahrscheinlich einzigen vernünftigen Jungs aus deiner Gegend mit einem Grill ankommen. Ihr grillt Würstchen, Steaks und Gemüse – du bist Vegetarierin – und habt eine Menge Spaß. Einer der Jungs wirft Anastasia ins Wasser und ihr rennt alle hinterher. Du wünscht dir, dass dieser Tag nie enden würde. Nur Charlie vermisst du etwas. Gegen fünfzehn Uhr verabschiedet ihr euch und packt wieder zusammen. Ihr tragt alles zum Auto und rollt auf die Straße. In der Hitze scheint alles zu flimmern und zu kochen. Lachend unterhaltet ihr euch über die Nachbarn, den Tag und die Schule – du bist heilfroh, dass du auf Hogwarts gehst. Die 'normalen' Schulen sind deiner Meinung nach echt langweilig.
Danach sitzt ihr in Garten und redet immer weiter. Gemeinsam lackiert ihr euch die Nägel in einen strahlenden Orange und trinkt Limonade. Abends geht deine Freundin wieder nach Hause und du setzt dich in dein eigenes Sofa. Wieso kann es nicht immer so sein? Du ließt etwas und legst dich dann schlafen. Der Tag war echt anstrengend.