Er ist etwa zwei Köpfe größer als du, schwarz, mit Muskeln und Narben im Gesicht. Du merkst, wie du weiß wirst und in dich zusammen schrumpfst. Dieser Blick kann es mit dem von McGonagall aufnehmen. Du schluckst hart, als er sich umdreht und dich mit winkt. Panisch siehst du dich nach Hagrid und Harry um, doch die sind anscheinend schon weg. Der Mann führt dich zu einem kleinen Zeltplatz auf einer Lichtung abseits der Gehege. Von hier aus ist das Brüllen viel leiser und es ist auch nicht mehr so heiß. Er schiebt die Zeltplane des größten Zeltes zur Seite und hält sie dir auf. Wie jedes Zaubererzelt ist auch dieses hier magisch vergrößert. Es gibt eine Küche, einen langen Tisch mit Bänken und einen Schreibtisch mit Stuhl. Es ist wahrscheinlich das Gemeinschaftszelt. Der Mann setzt sich an den Schreibtisch. Du bleibst solange stehen, bis er dir mit einer Handbewegung einen Stuhl zuweist. Leise setzt du dich. Er faltet seine Hände und stützt seinen Kopf auf. Als du seinem bohrenden Blick nicht mehr standhältst, blickst du nach unten. Deine Hände haben sich nervös ineinander verschlungen. Du kaust auf deiner Unterlippe herum und bereust es schon jetzt, mitgekommen zu sein. Hagrid wollte Harry sehen, und nicht dich. Warum konntest du nicht einfach in den Gemeinderaum gehen und es dir mit einem guten Buch gemütlich machen?
Innerlich schimpfst du immer weiter auf dich ein, allerdings mit der Stimme deiner Oma. Sie ist schon lange tot, seit du sieben bist, aber bis dahin warst du oft bei ihr. Sie hat dir viele Dinge beigebracht, zum Beispiel wie man sich die Schnürsenkel zumacht oder wie man Narzissen – ihre und deine Lieblingsblumen - anpflanzt. Sie hat dir schon damals Dinge gesagt, die du als kleines Kind noch nicht verstanden hast, für die du aber jetzt sehr dankbar bist. Dinge wie „Die Liebe ist etwas wunderbares. Wer sie nicht zu würdigen weiß, der weiß nicht wie man lebt".
Innerlich völlig mit der Erinnerung an deine Oma beschäftigt, bemerkst du nicht, wie die Zeit verstreicht. Und als du geistig wieder in der Gegenwart weilst, bemerkst du, dass sich die Haltung des Mannes nicht geändert hat und deine Wangen werden rot. Und dann... fängt er an zu lachen.
Völlig perplex starrst du ihn an. Was ist den jetzt los? Er wirft den Kopf in den Nacken und lacht aus vollen Hals. Sein kehliges und lautes Lachen schallt durch den Raum, während du stumm dasitzt. Immernoch traust du dich nicht, etwas zu sagen. Wer weiß, vielleicht geht das Lachen in ein lautstarkes Gebrüll über! Langsam beruhigt er sich und wischt sich über die Augen, aus denen Lachtränen fließen.
„Dein Gesichtsausdruck ist echt der Hammer, Caroline." Jetzt bist du wirklich erschrocken. Woher kennt er deinen Namen? Kennt ihr euch? Als er dein verwirrtes und erschrockenes Gesicht sieht, wird ihm klar, was er gerade gesagt hat. Er grinst breit und meint: „Charlie redet nur noch von dir. Ständig zeigt er allen ein Foto von dir. Wir kennen dein Gesicht inzwischen besser als unser eigenes."
In dem Moment kommt jemand ins Zelt.
Mit einer gewissen Vorahnung dreht du dich um du wirst nicht enttäuscht: Charlie, dein Charlie, steht da, in braunen Arbeitsklamotten und einem Brandloch in der Hose. Im Gegensatz zu dir scheint er nicht total überrascht zu sein, aber auch er stockt kurz in seiner Bewegung. Der Mann von vorhin hält sich leise und gespannt zurück.
Charlie ist der erste, der aus seiner Starre erwacht. Ein verschmitztes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht und er kommt langsam auf dich zu.
„Ich hab gerade eben schon gehört, dass Ivan ein junges, schwarzhaariges Mädchen aufgegriffen hat. Ich wusste nicht, dass du das warst."
„Charlie!", ist alles, was du rauskriegst. Du stehst schwungvoll auf, sodass der Stuhl nach hinten fliegt, und stützt dich auf ihn. Er breitet die Arme aus und fängt dich auf.
„Oh Gott, ich hab dich so vermisst!"
Dann versinkt ihr in einem alles verzehrenden Kuss.
Du lehnst deinen Kopf an Charlies Schulter und siehst mit ihm in den roten Sonnenuntergang.
„ich wusste bis vor einer Stunde noch nicht mal, dass du da bist."
„Ich wollte dich überraschen. Die Arbeit hat sich leider hingezogen – Drachen sind nicht einfach. Und da ich zweiter Gruppenführer bin, kann ich nicht einfach so gehen, um mich mit meinem Mädchen zu treffen."
„Wann bist du den angekommen?"
„Vor drei Tagen. Die Drachen müssen sich akklimatisieren. Was natürlich nicht einfach ist, der Unterschied zwischen Rumänien und Schottland ist wirklich riesig. Und dann auch noch in solchen Käfigen..." Charlie schüttelt den Kopf.
Das nächste traust du dich fast nicht zu fragen. Du sprichst so leise, dass er es nicht hätte hören können, wenn ein Windhauch geblasen hätte. „Und wann musst du wieder gehen?"
„Übermorgen." Auch er wispert die Antwort nur.
„Ich bin auf jeden Fall glücklich, dass du hier bist", murmelst du und kuschelst dich an ihn. Er legt seinen Arm um dich. Zusammen liegt ihr da, während es langsam immer dunkler wird und schließlich die Sonne weg ist.
