Betrübt lässt du dich auf das rote Sofa vor dem Kamin fallen. Mitte November, und es ist so kalt und windig, dass es keinen Spaß mehr macht, raus zu gehen. Wehleidig seufzt du auf und schließt die Augen.
Charlie meldet sich jetzt schon seit über zwei Wochen nicht. So langsam wirst du ungeduldig, und auch ein klein wenig sauer. Was ist so wichtig, dass er sich nicht mal kurz hinsetzten und einen Brief an seine Freundin schicken kann?!
Obwohl, kannst du es ihm wirklich nachtragen? Du weißt auch nicht, worüber du schreiben sollst, abgesehen von „ich vermiss dich" und ähnlichem. Du kannst ihm ja schlecht eine Liste deiner aktuellen Noten zusammenstellen. Das würde ihn wahrscheinlich nicht mal interessieren.
„Fernbeziehungen nerven", murmelst du und seufzt noch mal auf. Plötzlich setzt sich jemand vorsichtig neben dich. Du machst deine Augen ein Stück weit auf und siehst Hermines Wuschelkopf.
„Was ist den?", brummst du genervt und verschränkst die Arme.
„Nun ja, du bist doch momentan etwas schlecht gelaunt", fängt sie vorsichtig an. Deine Augen verengen sich zu Schlitzen, du verkneifst dir aber einen Kommentar.
„Und da dachte ich, dass wir nach Hogsmeade könnten."
„Hogsmeade?" Ihr wart doch erst vor etwa zweieinhalb Wochen dort.
„McGonagall hat noch einen Termin angesetzt für alle, die noch kein Kleid oder Festumhang für den Weihnachtsball haben."
Jetzt geht dir ein Licht auf. Stimmt, du brauchst noch ein Kleid! Und Schuhe! Und Schmuck! Und...
„Oh Merlin, stimmt! Wann wollen wir los?"
„McGonagall hat heute und morgen die Nachmittage für Hogsmeade bereitgestellt. Und da wir morgen Nachmittag Unterricht haben, müssen wir heute."
Du nickst und stehst auf.
„Ich hol schnell meine Sachen von oben."
Zusammen mit Hermine läufst du den Weg nach Hogsmead. Ron hat seinen Festumhang schon und Harry anscheinend auch. Mitte November liegt nicht mal in Schottland Schnee, kalt ist es aber trotzdem. Du hast dir deinen Gryffindorschal um den Hals geschlungen, einen knallgelben Regenschirm in der Hand und versuchst, den Pfützen auszuweichen und nicht auf dem glitschigen Laub auszurutschen. Ihr redet über den Ball und wie es wohl wird und wie aufgeregt ihr seid. Ihr habt von zwei Fünftklässlerinnen einen Tipp bekommen, wo man in Hogsmead Kleider kaufen kann, anscheinend ist das der einzige in Hogsmeade. Schließlich ist Hogsmeade ja auch nur ein Dorf.
Unbehaglich steht ihr vor der blassblau gestrichenen Tür. Ihr könnt bereits ein paar andere Schüler in dem Kleiderladen sehen, trotzdem steht ihr bereits seit ein paar Minuten da.
„Also irgendwann müssen wir rein gehen."
„Müssen wir?"
„Müssen wir."
Du atmest tief ein und aus und gehst entschlossenen Schrittes auf die Tür zu. Bei Aufmachen ertönt ein helles Glockenspiel. Hermine folgt dir zögernd.
Eine magere Frau Anfang vierzig kommt euch entgegen, die rot gefärbten Haare zu einem eleganten Knoten nach hinten frisiert und die Lippen in einem knalligen rot geschminkt.
„Hallo meine Lieben, was kann ich für euch tun?"
„Wir, ähm..."
„Bestimmt ein Kleid! Lang oder kurz?" Sie verschwindet nach links und kommt mit fünf absolut verschiedenen Kleidern auf den Armen zurück. Du machst den Mund auf um etwas zu sagen, doch sie redet immer weiter.
„Natürlich haben wir auch Schuhe und Accessoires da. Elegant, zurückhaltend, extravagant."
In einer seltenen Atempause schreitest du schnell ein.
„Wir wollen uns erst einmal umsehen."
Die Frau nickt enttäuscht, trägt euch ihre Auswahl an Kleidern zu zwei Kabinen und hängt sie hinein.
„Diese hier könnt ihr benutzen. Wenn ihr mich entschuldigt?", und schon flitzt sie den nächsten drei Schülern entgegen, Ravenclaws soweit du weißt.
„Puh", meinst du und siehst dir die Kleider an, die bereits da sind.
„Vielleicht sollten wir die mal anprobieren. Wer weiß, vielleicht sind sie ja sogar gut."
„Auf gar keinen Fall", sagst du, noch bevor du aus der Kabine kommst. „Ich sehe aus als wäre ich schwanger."
Du trittst raus und zeigst dich Hermine, die auf einem mit rotem Samt bezogenen Hocker sitzt. Sie fängt das Kichern, an als sie dich sieht, und schüttelt den Kopf. Du drehst dich um und ziehst dir wieder deine Sachen an.
„OK, sehen wir uns um."
Ihr lauft durch den Laden und schaut euch verschiedene Kleider auf den Kleiderständern an, bis ihr mit einer kleinen Auswahl zu euren Kabinen zurückkehrt.
„Also ich weiß noch nicht mal, ob ich ein kurzes oder ein langes Kleid will", meinst du frustriert.
Als du mit dem erstens Kleid raus kommst, scheint Hermine begeistert zu sein.
„Das sieht echt toll aus, Caro!"
„Also ich weiß nicht. Lang und rot ist ein bisschen langweilig, oder? Vor allem, da ich in Gryffindor bin."
„Dann eben das nächste."
Das nächste ist türkis, trägerlos und hat falsche Diamantenverziehrungen an der Brust. Ihr seid beide begeistert, trotzdem versuchst du noch das letzte aus.
Und das nächste wirft dich völlig aus der Bahn. Als du aus der Kabine kommst, strahlst du wie ein Honigkuchenpferd.
„Wow, Caro, du siehst klasse aus." Auch Hermines Augen glänzen. Du lachst und drehst dich einmal um dich selbst. Dein Kleid ist bodenlang, hat nur einen drapierten Schulterriemen und zwei Blumenverzierungen ungefähr auf Hüfthöhe und ist in einem wunderbaren Farbton irgendwo zwischen Minze und Immergrün gehalten.
„Das nehme ich, keine Frage", sagst du und ziehst dich schnell wieder um.
„Und jetzt du, Hermine."
Hermine nickt und verschwindet in ihrer Kabine, während du die anderen Kleider wegbringst. Der erste Versuch ist ein langes, gelbes Kleid, das sie aussehen lässt, als wollte die kotzen. Du nickst vehement den Kopf.
„Mit wem gehst du eigentlich zum Ball?", fragst du sie, während sie sich in der Kabine umzieht.
„Äh, also weißt du...", stottert sie vor sich hin, „das ist nicht so spannend."
„Ach komm, jetzt sag schon! Ich sag es auch nicht weiter."
„Mit wem gehst du den hin?" Du verdrehst nur die Augen bei ihrem schwachen Versuch, das Thema zu wechseln, machst aber mit.
„Naja, eigentlich wollte ich mit Charlie, aber er schafft es wohl nicht. Außerdem... schreibt er nicht."
„Was? Wieso den?", fragt sie, als sie gerade zur Tür rauskommt.
Das zweite ist lila und vorne kürzer als hinten, und zwar gewaltig. Du schüttelst den Kopf und schickst sie zurück.
„Ich weiß es ja auch nicht. Der letzte Brief kam vor über zwei Wochen. Und normal dauert es gerade mal zwei Tage, bis die Eule hier ist."
„Vielleicht hat er Ärger bei der Arbeit. Oder ein neues Tier. Ich glaube nicht, dass das was zu bedeuten hat."
„Und wenn er mir nur nicht schreiben will?"
„Caro, überleg doch mal. Wieso sollte er nicht wollen? Du bist doch manchmal auch zu faul, ihm zu schreiben."
„Ja, aber ich mache es trotzdem."
Hermine wirft ein kurzes, orangenes Kleid über die Tür, bevor sie überhaupt damit raus kommt.
„Was glaubst du den, warum er das macht?"
„Ich weiß es doch nicht, Hermine", seufzt du frustriert auf.
„Schau mal, ihr versteht euch super, oder? Und wenn du nichts geschrieben hast, was ihn verletzten könnte, würde ich davon ausgehen, dass er momentan einfach nicht die Laune oder Zeit dazu hat, dir zu schreiben."
Du nickst, bis dir einfällt, dass sie dich durch die Tür nicht sehen kann. „Ja."
„Und mit wem gehst du dann?"
„Wahrscheinlich Dean Thomas. Ich meine, wir haben ja bereits getanzt, er ist größer als ich, ebenfalls in Gryffindor und wir verstehen uns gut. Aber wie es aussieht, muss ich ihn fragen. Typisch Jungs würde ich sagen. Und du? Mit wem gehst du?"
Doch Hermine bleibt still und kommt aus der Kabine raus.
Erst das sechste Kleid sieht wirklich unglaublich aus. Als sie raus kommt, bist du sprachlos und hältst nur beide Daumen nach oben. Ihr Kleid ist rosa, wird aber Schicht um Schicht, die ihr Unterteil weiter nach unten geht, dunkler. Es hat nur zwei sehr dünne Träger, an denen hauchdünner Stoff angenäht ist.
Bevor ihr bezahlt, schaut ihr euch noch nach passenden Schuhen um. Ihr beide kauft euch silberne Schuhe. Schmuck habt ihr, von daher geht ihr gleich zur Kasse. Die schrullige Verkäuferin kommt auf euch zu gehastet und schreibt sich auf, was ihr gekauft habt. Dann reichst du ihr 14 Galleonen und 11 Sickel*.
Mit vollgepackten Taschen lauft ihr schnurstracks auf das Schloss zurück.
...
*in etwa 80 Euro
