Du kannst die Musik durch deine Beine in deinen Körper dringen spüren. Zusammen mit deinem Herzschlag ergibt sich ein unglaubliches Gefühl. Deine Arme in der Luft, singst du laut mit. Am Rand tanzen Hermine und Krum. Die beiden amüsieren sich so gut wie schon den ganzen Abend lang. Aus dem Augenwinkel siehst du Harry und Ron und ihre Begleiterinnen auf ein paar Stühlen rumlümmeln, aber bevor du dir Gedanken darüber machen kannst stimmen die Schicksals Schwestern dein absolutes Lieblingslied an.
Dean lacht, als er sieht, wie deine Augen das Leuchten anfangen. Du grinst ihn an. Dean nimmt deine rechte Hand und hält sie so durch, dass du dich im Kreis drehen und gleichzeitig jubeln kannst. Zusammen singt ihr mit, es grenzt eigentlich bereits am brüllen. Niemanden scheint es zu stören, der Geräuschpegel liegt bereits sehr hoch. Direkt an der Bühne kreischen ein paar Mädchen, als der Hauptsänger sich runterbeugt und ihnen zuzwinkert.
Na solange sie nicht ohnmächtig werden, kommt es dir in den Sinn. Bei dem Gedanken musst du grinsen.
Von hinten spürst du kurz einen Ellenbogen, aber als du deinen Kopf kurz drehst, ist derjenige bereits weg. Langsam wird es immer heißer zwischen all den Körpern, also zeigst du Dean, dass du kurz raus willst aus der Menschenmasse. Er nickt und zusammen schlängelt ihr euch an den Rand und lauft dann lachend zur Bar. Krum kommt euch mit zwei Gläsern entgegen, offensichtlich auf dem Weg zu Hermine. Dean steuert die Bar an und du läufst mit. Er bestellt zwei Butterbier für euch. Als der Barkeeper euch die Flaschen gibt, reicht Dean ihm ein paar Münzen, ihr nehmt die Flaschen mit und lauft in eine Ecke der Halle, die Krum angesteuert hat. Hermine scheint verstimmt zu sein, lächelt Krum aber höflich an.
„Hey! Ist da noch frei?", fragst du und beobachtest Hermine. Immerhin wollt ihr nicht stören bei was auch immer. Sie nickt. Also setzt du dich neben sie und nimmst einen Schluck aus deiner Flasche.
„Wo sind eigentlich Harry und Ron?", fragt Dean plötzlich. Du sieht über deine Schulter, und tatsächlich sind sie weg. Hermine schnauft leise.
„Die beiden Spielverderber hatten nichts besseres zu tun als die Stimmung zu vermiesen. So weit ich weiß sind sie raus."
Du nickst. Also ist es nichts zwischen Hermine und ihrem Date. Du musst schon wieder grinsen. Victor Krum. Hermines Date. Date! Der berühmte Quidditchspieler, und Hermine schleppt ihn einfach mal so ab beziehungsweise an. Ich hätte das alles vor Spannung nicht verheimlichen können.
„Ähm, also... Krum..."
„Victor", unterbricht er dich sofort. Du nickst.
„Victor. Du bist so ein Wetter bestimmt schon gewohnt, oder? In Dumstrang ist es ja nicht gerade warm habe ich gehört. Wir müssen dir ziemlich weichlich vorkommen mit unserem Gejammer über das bisschen Schnee." Du grinst ihn schief an und schimpfst dich in Gedanken selbst aus.Das Wetter. Das WETTER?! Ernsthaft Caro, da habe ich besseres erwartet. Man, da sitzt du mit einem Weltklassequidditchspieler bei nem Bier herum und du redest über Schnee.
Ach, halt doch die Klappe!, grummelst du deine innere Stimme an. Victor scheint nichts gegen das Thema zu haben, andererseits hat er auch nicht gerade die großartigste Mimik. Seine Mundwinkel zucken höchstens ein bisschen.
„Ja, das ist wirklich... lustig."
Du nickst und aus Gesprächsmangel nimmst du nochmal einen Schluck Butterbier. Das kühle, mit Kondenswasser beschlagene Glas kühlt deine hitzige Haut.
„Ich hab ja schon gruselige Sachen über Durmstrang gehört. Angeblich... werden Dunkle Künste unterrichtet. Stimmt das?" Du beugst dich leicht vor, als Dean diese Frage stellt. Ja, über diese Schule, die wahrscheinlich irgendwo in Nordskandinavien liegt, gibt es viele Gerüchte, aber es gibt eine sehr strenge Geheimhaltungsvereinbarung. Selbst den genauen Standort der Schule kann man nur schätzen, anhand des Akzents und der Pelzkleidung. Dein Blick schweift zu zwei Mädchen aus Durmstrang. Sie hatten alle dicke Mäntel an, aus Pelz und eher praktisch denn modisch angelegt, natürlich. Der Akzent ist eindeutig osteuropäisch, aber genauer geht's nicht.
Doch Krum brummt nur ein „Mh. Naja...". Geheimhaltung eben.
Auch sonst kriegt ihr über Durmstrang nicht wirklich etwas raus, also gebt ihr es relativ schnell wieder auf. Langsam wird die Stille unangenehm und du willst schon das Thema auf Quidditch lenken, auch wenn du nicht weißt, ob ihm das recht wäre – angeblich wollen Sportler ja nie über ihren Sport reden – also die Schicksals Schwestern noch mehr loslegen.
Du stellst dein leeres Glas ab, stehst auf und nimmst deine Tasche. Dean macht es dir gleich. Die Gläser werden noch ein paar Hauselfen mitgenommen sobald niemand hinsah, da waren sie sehr ordentlich.
„Wir gehen wieder tanzen, ja?"
Dean und du lauft der Bühne entgegen und schmeißt euch in die Menge. Unglaublich, die Schicksals Schwestern live mit zu erleben. Du springst im Takt der Musik und merkst gar nicht, wie die Zeit vergeht.
Langsam wechselt die Musik von Rock ins gemütliche. Immer mehr Paare verlassen die Tanzfläche und verschwinden nach draußen. Dean zieht dich in seine Arme und zusammen wiegt ihr euch hin und her. Ihr seit eindeutig nicht die besten Tänzer, aber es macht unglaublich viel Spaß. Du lachst mit Dean über ein paar der Lehrer. Als es immer später wird, wirst du langsam müde. Dean merkt das und zieht dich runter von der Tanzfläche.
„Wir sollten gehen, sonst schläfst du mir noch im Stehn ein."
„Ich bin es nicht gewohnt, den ganzen Abend auf solchen Monsterschuhen herumzuhüpfen", meinst du und hebst entschuldigend deine Schultern. Deine Schuhe sind noch nicht mal so schlimm, im Vergleich zu machen sogar ziemlich komfortabel, aber du übertreibst lieber ein bisschen.
„Ach was, ich bin auch völlig fertig."
Oben im Gemeinderaum streichst du dir eine Haarsträhne hinters Ohr und lächelst Dean schüchtern an. Er erwidert das Lächeln und macht eine übertriebene Verbeugung die dich leicht kichern lässt.
„Danke Dean, das war echt ein toller Abend."
„Für mich auch."
Um eine peinliche Stille zu umgehen, grinst du ihn breit an und machst eine übertriebenen Knicks. „Bleibst du über die Ferien hier?"
Dean nickt, hört aber nicht auf dir in die Augen zu sehen. Langsam wird dir das unangenehm. Du möchtest nichts falsch machen, aber so, wie er gerade schaut, hast du eine schlimme Vorahnung. Und tatsächlich, langsam beugt sich Dean vor. Du musst hoch schaunt, denn er ist fast einen halben Kopf größer als du. Deine dunkelbraunen Augen kommen immer näher. Du weißt nicht warum, aber im ersten Moment reagierst du gar nicht. Du hältst einfach den Atem an. Du spürst schon Deans warmen Atem auf deinem Gesicht, der leicht nach Butterbier und Bowle riecht. Dann drehst du deinen Kopf weg.
„I-ich... gute Nacht, Dean." Ohne dich noch einmal umzudrehen, verschwindest du hoch in den Mädchenschlafsaal. Dort lehnst du dich gegen die Tür. Verdammt, das war total aus dem Ruder gelaufen. Dir wird klar, dass Dean nichts über Charlie weiß. Kein Wunder, dass er das gemacht hat. Du hättest das gleiche gemacht. Verdammt.
Du hämmerst deinen Kopf kurz gegen die Tür und stößt dich dann ab um ins Bad zu verschwinden. Dort ziehst du dir dein Kleid aus und suchst alles aus dem Regal, das du zum Abschminken und Zähneputzen brauchst. Als du fertig bist, nimmst du vorsichtig dein Kleid und huscht wieder in den Schlafraum. Hermine ist noch nicht da, genauso wie Lavender und Padma. Dabei hast du keine von ihnen beim tanzen gesehen. Du ziehst dir schnell deinen Pyjama an und willst dich gerade ins Bett legen, als eine vor Wut schnaubende Hermine rein kommt.
„Hey, was ist den los?"
„Harry und Ron sind los. Diese – diese Kindsköpfe! Kleinkinder! So, wie sie auf Victor rumgehackt haben könnte man meinen, er wäre ihr Feind."
„Tut mir Leid. Vielleicht sind sie sauer, weil du es ihnen nicht erzählt hast? Immerhin ist es Victor Krum, und du weißt, wie Ron da so ist, der?"
Hermine schnauft nur und verschwindet ins Bad. Du streckst dich unter deiner Bettdecke. Dein Wecker zeigt bereits drei Uhr an. Du legst deinen Kopf auf dein weiches Kissen und schließt die Augen.
Charlie taucht vor deinem inneren Auge auf. Du vermisst ihn. Und trotzdem hast du heute Abend eigentlich gar nicht an ihn gedacht. Du hattest Spaß und hast nicht einen Gedanken an ihn verschwendet. Die Schuldgefühle kochen in dir hoch wie heiße Lava. Was bin ich für eine Freundin? Besonders heute hätte ich an ihn denken müssen!
Du ziehst dir deine Decke über den Kopf und kneifst die Augen zusammen um so die Stimme in deinem Kopf zu ersticken. Doch dieses nagende Gefühl kannst du nicht verbannen. Dir ist klar, dass ihr euch nicht geküsst habt, und selbst wenn, dass es nicht von dir ausgegangen wäre. Trotzdem fühlst du dich schuldig. Du hast ihm nicht gesagt, dass du einen Freund hast, also ist es deine Schuld, dass er dich küssen wollte.
Die Müdigkeit überwältigt dich und langsam gleitest du in einen unruhigen Schlaf.
Charlie steht vor dir. Du lächelst ihn an und läufst auf ihn zu. Er macht nichts, doch als du deine Arme nach ihm ausstreckst weicht er zurück, geschmeidig wie eine Katze. Verwirrt bleibst du stehen und läufst dann weiter auf ihn zu. Doch immer, wenn du ihn schon fast berühren kannst, hüpft er leichtfüßig nach hinten, also würde die Luft selbst ihn tragen. Du wirst immer trauriger und fängst schon bald an zu rennen. Plötzlich ist Charlie weg. Du siehst dich um, er steht hinter dir. Du willst ihn fragen, was los ist, doch dir kommt kein Wort über die Lippen. Er sieht dich unglaublich traurig an und obwohl er seine Lippen nicht bewegt, hörst du seine Stimme.
Du hast es ihm nicht gesagt, Caro. Warum hast du es ihm nicht gesagt?
Du willst dich entschuldigen, aber es geht einfach nicht.
Du hast alles kaputt gemacht, Caro. Warum? Warum hast du das gemacht?
Dir laufen Tränen übers Gesicht, während du deinen Kopf schüttelst. Langsam verblasst Charlie bis du ganz allein dastehst. Stumm weinend stehst du da.
Keuchend wachst du auf. Mit zittrigen Händen greifst du dir an die Brust, wo du dein Herz hämmern spüren kannst. Du schluckst die Tränen hinunter und lässt dich wieder auf dein Kopfkissen fallen. Dein schlechtes Gewissen macht dir ganz schön zu schaffen, sogar im Schlaf.
Für den Rest der Nacht wälzt du dich hin und her ohne Schlaf zu finden.
Am nächsten Morgen stehst du auf. Dein Schädel grummelt vom Weinen und wahrscheinlich auf noch von gestern Abend. Du ziehst dir ein paar kuschelige warme Klamotten an und schlürfst ins Bad. Im Spiegel blickt dir ein blassen Mädchen mit Augenringen entgegen. Schnell spritzt du dir kaltes Wasser ins Gesicht und verschwindest wieder.
In der Großen Halle, die zwar immer noch weihnachtlich geschmückt ist, aber nicht mehr so kitschig wie gestern Abend, nimmst du dir ein traditionelles englisches Frühstück. Sowas hilft immer, wenn man mal einen Kater hat oder – wie in deinem Fall – einfach mal was deftiges braucht. Als du Dean am selben Tisch ein bisschen weiter weg sieht, starrst du stur auf deinen Teller und verhältst dich möglichst unauffällig. Erst, als er sich plötzlich neben dich setzt, siehst du ihm ins Gesicht. „Hey." Er lächelt dich schüchtern an und nimmt sich etwas Orangensaft.
„Hey." Du isst langsam weiter.
„Du, wegen..."
„Ich habe einen Freund", platzt du völlig unbedacht raus. Dann beobachtest du seine Reaktion. Er scheint nicht übermäßig traurig oder sauer zu sein, aber man weiß ja nie. Höchstens ein wenig überrascht über deinen Ausbruch.
„Ähm ja also, das hat Ron auch erwähnt. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass es mir Leid tut, ja?" Du nickst ihm zu und lächelst schüchtern. Innerlich jedoch atmest du aus, als wärst du Titan, der das Gewicht von Himmel und Erde endlich von seinen Schultern losgeworden ist.
„Ist doch kein Problem. Noch ein schönes Weihnachten!" Dean grinst dich freundschaftlich an und verschwindet dann mit Seamus. Und da sagen alle, sowas sei kompliziert zu klären.
