Die Zeit fließt dahin wie Blei. Obwohl jeder erwartet hat, dass Rita Kimmkorn sich auf die Neuigkeit von Crouchs Tod stützen würde wie ein ausgehungerter Geier kommt kein Artikel; zumindest nicht von ihr. Tatsächlich ist es absolut still um sie geworden, doch du siehst keinen, der sich darüber beschweren würde, abgesehen von ein paar alten Tratschtanten draußen in der Welt.
Ein paar Tage nach dem Tod von Crouch sitzt du mit Harry und Ron in Wahrsagen und stützt dein Kinn mit deiner linken Hand ab, während Trelawney wild mit den Armen fuchtelt und erklärt, wie wichtig es sein, „den Horizont zu erweitern! Das Innere Auge muss sehen können, wenn wir nicht sehen!". Du versuchst dich abzulenken, indem du testest, wie lange du deinen Atem anhalten kannst. Ron kratzt an seinem Buch herum und Harry liegt geradezu auf dem Tisch. Du bist dir absolut sicher, dass er tatsächlich schläft, wofür du ihn fast schon beneidest. Durch einen kleinen Spalt des leicht geöffneten Fensters strömt Luft ins Zimmer. Es ist immer noch recht kühl, aber zumindest wird es bereits merklich wärmer. Und die frische Luft bildet einen deutlichen Kontrast zu der stickigen Luft, die im Turmzimmer vor sich hin wabert.
„Mr. Malfoy, sagen Sie mir: was sehen sie?"
Malfoy nimmt ohne jegliche Motivation die Hand von Crabbe und wirft einen kurzen Blick auf seine Handfläche.
„Ich sehe, ich sehe... zwei Kinder und ein kleines dreckiges Haus."
Mit einem Klatschen lässt Malfoy Crabbes Hand auf dessen Beine fallen, während die meisten anderen Slytherins an seinem Tisch und in seiner Umgebung leise lachten. Professor Trelawney blinzelt hinter ihren dicken Brillengläsern ein paar Mal und fingerte an ihren unzähligen Ketten.
„Haben Sie auch ihr Inneres Auge benutzt? Ja? Sehr gut, ja, das ist ganz wunderbar. Zeigen Sie mal her. Oh, ja, Sie... Sie haben Recht, ja. Hier, diese kleine Linie, eindeutig Kinder, ja."
Während sie noch ein bisschen murmelt, siehst du, wie hinter ihr bereits wieder herum gespaßt wird. Du seufzt auf und schüttelst den Kopf.

Neben dir fängt Harry an, unruhig zu atmen, doch das merkst du erst, als er mit einem lautem Stöhnen vom Stuhl fällt. Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich auf ihn. Crabbe und seine zukünftigen Kinder sind vergessen als Harry aufwacht und sich mit einem kehligen Schrei an die Stirn fasst. Seine aufgerissenen Augen huschen rastlos durchs Zimmer, so als würden sie etwas suchen. Neben dir springt Ron auf und hilft ihn hoch, doch Harry lässt ihn los und taumelt auf der Stelle.
„Mr. Potter! Was ist passiert, haben Sie... etwas gesehen? Oh ja, sie haben das Innere Auge, ich sehe es genau vor mir."
„Nein, nein, das ist es nicht. Professor Trelawney, kann ich bitte gehen?"
Professor Trelawney sieht ihn überrascht an und scheint erst jetzt zu merken, wie verstört er eigentlich aussieht. „Aber natürlich, gehen Sie am besten in den Krankenflügel. Ja, und wir werden, wir werden hier weitermachen."
Harry dreht sich zum Tisch und rafft seine Sachen zusammen, um sie in seine Tasche zu stopfen. Er scheint gar nicht wahrzunehmen, wie alle Blätter dabei zerknittern. Du siehst ihn besorgt an und willst ihn darauf ansprechen, was tatsächlich war, hältst dich aber angesichts der Zuhörer zurück. Nur kurz drückst du sein Handgelenk um ihm so zu zeigen, dass du mit euren beiden anderen Freunden auf ihn warten wirst. Hastig verlässt er den Turm und lässt euch zurück. Die meisten Gryffindor sind besorgt oder sehen zumindest so aus, die Seite der Slytherin dagegen fängt schon wieder an zu kichern und zu tuscheln. Du reibst dir über deine Augen und murmlst: „So ein Theater."

Als der Unterricht endlich vorbei ist, nimmst du deine Sachen und läufst mit Ron zusammen zum Gemeinderaum, bliebst aber auf halbem Wege stehen.
„Ich muss nochmal in die Bücherei, ich komme später nach, ja?"
Ron nickt und hebt seine Hand zum Abschied, während du bereits losläufst. Ein paar Schüler kommen dir entgegen, die du aber nicht weiter beachtest. In der Bücherei suchst du dir eine ruhige Ecke im hintersten Teil, direkt neben einem setzt dich auf einen der unbequemen Stühle und holst ein Stück Pergament raus.
Bis jetzt warst du dir noch nicht sicher und hast deswegen weitgehendst alle Gedanken daran verdrängt. Charlie. Doch als dir klar wurde, dass das so nicht funktioniert, hast du begonnen genauer darüber nachzudenken, warum du nicht an ihn denken willst. Immerhin bist du mit ihm zusammen, sollte man dann nicht eigentlich ständig an den anderen denken wollen? Sollte man nicht Herzklopfen bekommen?
Deine Hand zittert, als du das Tintenfass aufschraubst und deine Feder rein tunkst. Dir ist durchaus klar, warum das nicht so ist. Aber es sich auch einzugestehen ist schwerer als erwartet. Und es klingt so abgedroschen, so klischemäßig, dass es fast schon peinlich ist, aber es ist leider die Wahrheit.
Es sind die Umstände. Der große Altersunterschied und die Distanz zwischen euch. Du hast ihn kaum gesehen oder gesprochen. Briefe dauern ein paar Tage, und wirklich Kontakt kann man das auch nicht nennen.
Unauffällig wischt du dir die kleine Träne weg, die deine Wange runterrinnt. Du vermisst ihn, aber gleichzeitig denkst du immer seltener an ihn.

Lieber Charlie

Ich hoffe dieser Brief wird dich nicht zu sehr verbittern enttäuschen

Ich will dich nicht traurig machen

Es tut mir Leid, dir das so mitteilen zu müssen, aber ich will...

„Ach verdammt!"

Jeder einzelne, jetzt durchgestrichene Satz klingt schlimmer als der davor. Du knüllst das Papier zusammen und vergräbst deinen Kopf in deinen Händen, während die Tränen immer schneller fließen. Du versuchst nicht mehr, sie wegzuwischen, sondern lässt sie einfach weiter laufen, während du still da sitzt. Du bist heilfroh, dass keiner in deiner Nähe ist, während du bebst und weinst und alle möglichen Gedanken durcheinander wirbeln und sich verheddern bis du schließlich keine Ahnung hast ob du jemals wieder einen klaren Gedanken fassen kannst. Du hörst dein Blut in deinen Ohren rauschen und dein Herz schlagen, immer lauter und immer schneller.

Als du dich wieder soweit unter Kontrolle hast, dass du sicher bist, nicht gleich wieder zu weinen, packst du mit immer noch zitternden Händen deine Sachen in deine Tasche zurück und nimmst deinen zerknüllten Brief, den du bei der nächsten Gelegenheit wegwirfst.

Ich werde es ihm persönlich sagen, wenn wir uns wieder sehen.