Am Morgen der dritten Aufgabe sah Harry aus als wollte er sich übergeben. Du schmunzelst ihn aufmunternd an und schiebst ihm einen Apfel rüber. Er nimmt ihn und isst ihn langsam und offensichtlich ohne Appetit. Um euch rum gibt es die verschiedensten Reaktionen auf das Ende des Turniers. Ein paar übergingen die Tatsache ohne Kommentar, einige wünschten Harry viel Glück und einige lächelten und tuschelten und winkten einfach nur.
„Siehst du, Harry, die Leute unterstützen dich. Das wird schon."
„Du musst einfach nur aufpassen, was du machst. Vergiss nicht", Hermine beugte sich näher zu Harry und senkte ihr Stimme zu einem Flüstern, „wir wissen nicht, ob und wenn, was, dich erwischen will."
„Wie könnte ich das vergessen", erwiderte Harry trocken. Ron klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Du schaffst das schon, Mann. Du bist Harry Potter!"
„Und genau deswegen musst du aufpassen", meinst du und trinkst deinen Kürbissaft leer.
Diesmal geht ihr drei geschlossen zum Startpunkt. Harry musste mal wieder mit den andern Champions weg, aber zumindest können Ron, Hermine und du euch einen Dreiersitz besetzen.
Es ist bereits relativ voll und vorne, in der Mitte, steht die schuleigene Band und wartet auf ihren Einsatz. Doch bevor du es dir bequem machen kannst, schlingen sich von hinten zwei muskulöse Arme um deine Taille. Erschrocken zuckst du zusammen. Du drehst deinen Kopf nach links. Charlies Kopf legt sich auf deine Schulter und er sieht dich aus warmen braunen Augen an.
„Überraschung", flüstert er leise und küsst dich sanft auf die Lippen.
Du bist absolut geschockt. Damit hättest du nicht gerechnet, du bist total überrumpelt.
„Charlie, was machst du den hier?" Ron klopft seinem älteren Bruder auf den Rücken, als er dich loslässt und nur deine Hand nimmt. „Warum sagst du denn nicht Bescheid, wenn du kommst?"
„Sonst wäre es doch keine Überraschung, oder?"
„Stimmt natürlich", lacht er.
„Ist ja auch egal. Ich bin jetzt schon mal da." Charlie lächelt dich an und drückt deine Hand. Du lächelst wackelig zurück und fummelst an deiner Karobluse herum. Ron und Hermine wenden sich wieder dem Eingang des Labyrinths zu und diskutieren die Chancen der einzelnen Champions. Du siehst überall hin, nur nicht in Charlies Richtung.
„Du siehst gut aus, Caro." Charlies Daumen streicht in kleinen Kreisen über deinen Handrücken. Du nickst und schluckst hart. Deine Zunge befeuchtet deine Lippen. „Danke." Deine Stimme klingt ungewöhnlich belegt, als räusperst du doch nochmal und wiederholst etwas zuversichtlicher „danke".
Charlie scheint nichts bemerkt zu haben und setzt sich hin, deine Hand immer noch in seiner. Du setzt dich ebenso hin.
„Wie geht es dir? Du scheinst ziemlich nervös zu sein."
Du zuckst mit den Schultern. „Es ist wegen Harry, das ist alles. Ich hoffe, er schafft das."
„Natürlich schafft er das, du kennst ihn doch. Er hat schon ganz andere Sachen geschafft. Ich bin mir sicher, dass er sogar gewinnen wird."
„Ja, du hast wahrscheinlich Recht. Und ich..." Doch bevor du E reden kannst, fängt vorne die Band an zu spielen. Du machst den Mund zu und wendest dich nach vorne. Die Gespräche um euch herum verstummen langsam und dann kommen die drei Schulleiter, die Champions und ihre Familienmitglieder. Für Harry kommt Mrs. Weasley rein, ihr blaues Kleid mit kleinen Blümchen darauf weht leicht im Wind. Und da fällt dir auf, dass nicht nur Harry unwahrscheinlich aufgeregt ist; auch die anderen drei sehen sich nervös um, nesteln an ihren Trikos herum, wippen auf den Füßen vor und zurück. Selbst der sonst so zuversichtliche Krum ballt seine Hände zu Fäusten und presst seine Lippen zu einer fast nicht mehr sichtbaren Linie zusammen.
Nach ein paar Begrüßungsworten treffen die Champions in der Mitte mit Dumbledore zusammen und erhalten letzte Anweisungen, um dann an ihre Plätze zurückzukehren und auf den Kanonenschuss zu warten. Filch schieß noch bevor Dumbledore das Zeichen geben kann und sowohl Harry als auch Cedric gehen los. Die gewaltigen Hecken schließen sich hinter ihnen und versperren den Blick auf alles, was noch passieren wird. Nach einem kleinen Vorsprung gehen auch Fleur und Krum los. Als sie außer Sicht sind und nur noch eine massive Heckenwand zu sehen ist, hört die Kapelle auf zu spielen und die Gespräche fangen wieder an. Die Begleiter setzen sich nach vorne und die Schulleiter auf ihre Schiedsrichtertribüne.
All das ist nur an dir vorbei geglitten, wie ein Rauschen im Hintergrund. Immer wieder denkst du darüber nach, was du Charlie sagen wirst. Du dachtest, du hättest noch Zeit, dass er hier auftaucht war nicht geplant gewesen. Du bist immer noch wie gelähmt, wie er plötzlich hinter dir stand. Du könntest schwören, dass alle die Räder in deinem Kopf arbeiten hören können. Als die vier Champions dann weg sind und sich die Aufmerksamkeit der Leute wieder auf ihre Sitznachbarn verlegt, sind all die Eingangsworte, die du dir gerade noch überlegt hattest, wie weg. Du siehst, dass Charlie den Mund aufmacht um etwas zu sagen, wahrscheinlich irgendetwas total liebes und süßes, und du weißt, wenn er das erst einmal tut, wirst du nichts mehr machen können. Ein Sprichwort deiner Freundin zu Hause kommt dir in den Sinn.
„Wenn du etwas sagen willst, etwas wirklich wichtiges für die Zukunft, dann lass niemals den anderen zu erst reden. Niemals."
Also sprichst du einfach drauf los.
„Charlie, kommst du mal mit?" Ohne seine Antwort abzuwarten, stehst du auf und ziehst ihn nach rechts mit. Die Leute ziehen ihre Füße weg, sodass ihr vorbei könnt. Deine Gedanken machen die seltsamsten Sprünge. Ein kleiner Teil ganz hinten in deinem Kopf kichert vor sich hin, wie erfolgreich du verhindert hast, „wir müssen reden" zu sagen. Ein anderen bemerkt die wunderschönen blauen Schuhe einer Fünftklässlerin, die mit bronzenen Schnüren verziert sind. Doch hauptsächlich denkst du über das Gespräch nach, das du gleich führen werden wirst.
Als ihr schlussendlich ein Stück weit weg von der aufgebauten Tribüne und abseits des Weges stehen bleibt, lässt du seine Hand los und hältst einen Schritt Abstand. Deine Arme umfassen deinen Oberkörper, bilden eine kleine Schutzmauer, denn du weißt, dass er nicht mit Lachen und Glückwünschen reagieren wird.
Charlie legt seinen Kopf schräg. Eine kleine Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen.
„Charlie, ich muss dir was sagen. Und ich will", du holst stockend Luft und schaust an ihm vorbei, „ich will dass du weißt, dass es nicht deine Schuld ist. Es sind einfach nur die Umstände. Charlie, ich... ich mache Schluss. Mit dir."
Kaum sind die Worte ausgesprochen, schluckst du und siehst ihm in die Augen. Deine sind trocken, obwohl du am liebsten weinen würdest. Du willst nicht, dass er denkt, dass dir das hier einfach fällt. Aber du willst auch nicht theatralisch auf die Tränendrüse drücken.
Charlie wird mit einem Schlag bleich. Der verwirrte Ausdruck in seinen Augen verschwindet und wird stattdessen traurig und verletzt. Ein paar kleine Tränen schießen ihm in die Augen, doch er blinzelt sie weg. Du ziehst deine Arme noch enger um deinen Körper bei diesem Anblick. Doch noch immer sagt keiner von euch beiden etwas. Erst, als es dir zu unangenehm wird, flüsterst du „Charlie?".
„Warum?", ist alles, was er fragt. Du schaust nach oben und dann zur Seite und zuckst mit deinen Schultern. „Es sind wirklich nur die Umstände. Diese ständigen Briefe und dass wir uns kaum sehen. Ich halte das einfach nicht aus. Verdammt, ich hatte immer mehr Probleme, mich überhaupt an deine Stimme zu erinnern." Jetzt werden deine Augen feucht und du starrst den Boden an, nur, um ihm nicht ins Gesicht schauen zu müssen. Du siehst, wie er seine rechte Hand hebt, wahrscheinlich fährt er sich damit durch die Haare. Du hast diese Bewegung schon immer geliebt.
Als er wieder nichts sagt holst du nochmal tief Luft und schaust hoch. Charlie hat sein Gesicht weißt nicht, was du sagen oder tun sollst. Du beißt dir auf die Lippe und siehst dir nochmal sein Profil an, sein markantes Kinn und die kleine Brandnarbe an seinem Oberarm. Und dann fängst du an, dich langsam wieder in Richtung Tribüne zu bewegen. Als du an ihm vorbei gelaufen bist und er immer noch nichts gesagt hat, beschleunigst du deine Schritte etwas und lässt ihn zurück.
Zurück an deinem Platz drängelst du dich an Ron und Hermine vorbei und fragst, ob sie einen Sitz aufrutschen könnten. Ron protestiert und will sofort wissen, was los ist, während er sich den Rest seines Schokofrosches in den Mund stopft. Du schüttest den Kopf um ihm zu zeigen, dass du jetzt im Moment nicht reden willst. Hermine scheint das zu verstehen und schiebt Ron einfach weiter, sodass du dich setzen kannst. Leise faucht sie ihn an, gefälligst nichts so gemein und neugierig zu sein. Du spürst, dass auch Hermine dir neugierige Blicke zuwirft, doch sie ist so höflich, mit der Befragung bis später zu warten.
Es dauert etwas, bis auch Charlie wiederkommt. Er registriert, dass jetzt deine zwei Freunde zwischen euch sitzen, reagiert aber nicht darauf und setzt sich einfach hin. Ron will ihn fragen, was passiert ist, doch Hermine stößt ihn unauffällig in die Rippen und bringt ihn zum schweigen.
Abgesehen davon hat er sowieso keine Gelegenheit mehr, etwas zu erfahren. Es ist inzwischen dunkel und die Menge immer ausgelassener geworden, die Anwesenden singen Lieder und die Wetten steigen. Als Charlie und du weg waren, wurde Fleur angegriffen und ist ausgeschieden, kurz nachdem du zurück warst wurde auf Krum geholt. Es ist also klar, dass der Sieger ein Schüler Hogwarts' seinen muss. Und jetzt kommen die zwei letzten Champions zurück, zusammen mit dem Pokal landen sie auf der Erde. Und die Menge fängt an zu jubeln.
Obwohl dir nicht nach feiern zu Mute ist, wirklich nicht, jaulst du los und springst auf, als du siehst, dass Harry derjenige ist, der den wunderschönen Pokal in seinen Händen hält. Der Trimagische Pokal leuchtet leicht bläulich. Harry liegt über Cedric gebeugt, schwer atmend. Du umarmst Hermine. Um euch herum in der Harry-Fankurve ist es eindeutig am lautesten, manche freuen sich über ihren Gewinn beim Wetten. Vor dir sitzt Seamus Finnigan, der immer wieder auf und ab hüpft und seinen Gryffindorschal durch die Luft wedelt.
Mitten im Fest dringt ein greller Schrei von vorne, nur sehr kurz, aber erschreckend. Das Jubeln schlägt in ein Murmeln um, wie eine Welle im Meer dringt der Umschwung von vorne nach hinten. Alle stehen still und starr da und versuchen zu sehen, was falsch ist. Jetzt erst kann man Harrys Wimmern halbwegs entziffern.
„Er ist zurück... er ist zurück.. Lord Voldemort ist zurück."
Ihr seit alle wie gelähmt, als Cedrics Vater sich nach vorne drängelt und dabei schreit und weint. „Mein Sohn! Lasst mich durch, das ist mein Sohn!"
Cedric liegt da, starrt in den Himmel, sein Gesicht ist voller Schmutz. Seine Augen, seine toten, starren Augen schauen hoch in die Sterne, ohne zu blinzeln. Harry klammert sich an ihn wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring. Doch erst, als Cedrics Vater zu ihm durchgedrungen ist und neben ihm kniend weint und schluchzt und schreit, wird allen klar, was los seinem muss. Du schlägst dir deine Hand vor den Mund und versuchst, nicht zu weinen. Mr. Diggorys Schreie dringen durch die Totenstille und erschüttern euch noch mehr als der Anblick von Cedrics totem Körper, seiner Leiche. Die verzweifelten Schreie eines Vaters, der seinen einzigen Sohn verloren hat. Was gibt es schrecklicheres auf dieser Welt?
Jeder, egal welcher Nationalität, aus welcher Schule, welchem Haus und egal, wie alt, jeder ist zutiefst berührt. Jeder ist still, jeder ist geschockt. Und wirklich jeder weint.
Und alle anderen Probleme werden ganz klein.
