Chapter 45
Nick und Greg gingen, hängenden Kopfes aus dem Büro. Dort waren inzwischen die Teams von Sara und Grissom versammelt. Alle sahen die beiden gespannt an als sie durch die Tür kamen. Cath war die Erste, die auf die sie zuging.
„Wie geht es Sara?"
Es hatte sich wie ein Lauffeuer herum gesprochen.
Die beiden sahen sie mit traurigen Augen an, bemüht ihre Maske aufrecht zu erhalten, auch wenn es ihnen innerlich Schmerzen bereitete.
"Sie hat Wehen bekommen. Sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus, Cath. Mehr wissen wir auch nicht. Griss ist bei ihr."
Cath griff nach der Hand ihres Mannes, Warrick. Tränen traten ihr in die Augen.
"Warrick, ich, das ist so ungerecht. Das darf doch nicht wahr sein."
"Es ist furchtbar, Cath.", er nahm sie in die Arme und drückte sie an sich.
Auch Reena, Calleigh und Sasha rangen um ihre Fassung. Ebenso Hodges und Raphael.
"Ich werde jetzt ins Krankenhaus fahren, ihr haltet hier die Stellung.", sagte Nick.
„Klar Nicky, fahr nur.", sagte Cath.
Die großen Schwingtüren in der Notaufnahme wurden hektisch aufgestoßen und die Trage mit Sara darauf hineingeschoben. Grissom hielt immer noch ihre Hand umklammert.
"Sara Grissom, schwanger in der 20. Woche. Die Wehen haben eingesetzt." Der Notarzt ratterte eine ganze Liste an Anweisungen und medizinischen Fachausdrücken herunter, bevor er Sara an den diensthabenden Gynäkologen übergab.
Dieser übernahm die Patientin und gab seine Anweisungen.
"Sir, entschuldigen sie bitte. Aber sie dürfen da nicht hinein. Warten sie bitte hier.", hielt eine Schwester Grissom zurück.
"Aber sie ist doch, ...", stammelte er noch hervor.
"Sir, bitte. Sie ist in guten Händen." Dann schlossen sich auch schon die Türen zum Behandlungszimmer und Grissom stand auf dem Krankenhausflur herum und kämpfte mit seiner Angst.
"Komm Gil. Setzen wir uns.", drang eine ihm wohlbekannte Stimme an sein Ohr.
Nick stand hinter ihm und sah ihn an. Langsam ging er neben Nick hin zu den Stühlen die an der Wand standen und setzte sich.
"Wie geht es ihr, Gil?"
Grissom antwortete ohne seinen Freund anzusehen, nach langem Zögern.
"Die Blutungen sind während der Fahrt hierher stärker geworden, aber ich konnte die Herztöne unseres Babys hören. Sara hat die ganze Zeit Wehen gehabt."
Grissom biss die Lippen zusammen und starrte auf den grauen Boden des Krankenhausflures. Es machte ihn wahnsinnig, nicht zu wissen was mit Sara und dem Baby war. Nick atmete tief durch. Reiss dich zusammen, Nick. Er braucht dich jetzt dringend, dachte er.
"Ich hol uns mal einen Kaffee.", versuchte er sich selber und Gil von ihrer Angst abzulenken.
Sara lag währenddessen im Behandlungsraum auf der Liege und war an zig verschiedene Messgeräte und Infusionen angeschlossen während sie untersucht wurde. Sie hatte Panik, wahnsinnige Schmerzen und weinte ununterbrochen.
„Mrs. Grissom, Ma´am. Ich lege ihre Kleider in diesen Beutel hier.", teilte ihr eine Schwester mit.
"Wo ist Gil, er hat doch versprochen bei mir zu bleiben. Gil, ich halt das nicht aus." Sara war nicht zu beruhigen.
Der Arzt entschloss sich daher, ihr ein Beruhigungsmittel zu geben. Das zeigte Wirkung und sie dämmerte in einen Halbschlaf hinüber. Ihre Gedanken aber kreisten um ihre kleine Familie. Der diensthabende Arzt zog nach einer Weile noch einen weiteren Gynäkologen hinzu.
"Das Baby scheint eine Kämpfernatur zu sein. Erstaunlich wie regelmäßig die Herztöne noch sind. Sie hat ja nicht wenig Blut verloren.", stellte dieser fest.
Gil nahm dankbar den Kaffeebecher von Nick entgegen und nippte daran.
"Das sind die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens. Zuerst wird Sara überfallen und kommt gerade so davon, dann werden wir entführt und Sara war schon fast tot und ich schwer verletzt, und jetzt das. Was soll denn noch alles passieren?", machte er sich Vorwürfe.
"Ich hab nicht genug auf sie aufgepasst. Sie hätte mit den Rückenschmerzen und der Übelkeit zu Hause bleiben sollen."
Nick hörte sich alles stumm an.
"Das hätte auch nichts geändert, Gil. So etwas passiert. Da ist man machtlos."
"Wenn nur endlich ein Arzt kommen würde und mir was sagen könnte."
Grissom war aufgestanden und begann nun, den Gang auf und ab zu gehen. Nick sah ihm stumm zu, während er sich selbst die größten Sorgen machte. Dann ging die Tür zum Behandlungszimmer auf und eine Schwester kam heraus.
Sofort sprang Grissom auf sie zu.
"Was ist mit meiner Frau?" Seine Augen sahen die Schwester flehend an.
"Tut mir leid, Sir. Aber dass kann ihnen nur der Arzt sagen. Ich soll sie nach dem Mutterpass fragen."
"Hier. Ich habe die Handtasche von Sara mitgebracht. Da muss alles drin sein.", antwortete Nick. Grissom nahm die schwarze Handtasche und begann mit zitterigen Fingern darin nach den Unterlagen zu suchen. Nach endlosen Sekunden hatte er den Mutterpass gefunden und gab ihn der Schwester.
"Der Doktor wird so schnell wie möglich zu ihnen kommen, Sir.", damit war die Tür wieder zu und die Schwester verschwunden.
"Ich halte das nicht aus!", rief Grissom laut aus während er wieder auf seinen Stuhl sank und seinen Kopf in seine Hände stützte.
Gil Grissom und Nick Stokes saßen wartend auf den Stühlen und schwiegen. Beide hingen ihren Gedanken nach als die Tür zum Behandlungsraum aufging und zwei Ärzte heraus kamen. Grissom sprang augenblicklich von seinem Stuhl auf und trat auf die beiden Grünkittel zu.
"Was ist mit Sara?" Er hatte seine Augen weit aufgerissen und sah die Ärzte forschend an. Er zitterte immer noch am ganzen Körper.
"Dr. Grissom? Ich bin Dr. Pierce und das ist Dr. Kennedy."
Grissom nickte nur.
"Wir konnten die Blutung stoppen."
"Was ist mit dem Baby?" Grissom schrie den letzten Satz beinahe.
Die beiden Ärzte sahen sich an.
"Wir konnten es retten. Es geht ihr soweit wir das beurteilen können, gut. Ihr Herzschlag ist regelmäßig. Wir haben ihrer Frau wehen hemmende Medikamente und ein Beruhigungsmittel verabreicht. Sie wird momentan auf Station verlegt.
"Grissom atmete erleichtert auf."
„Sir, sie hatte verdammt viel Glück, aber Sara muss ab sofort strengste Bettruhe einhalten. Sonst können wir für nichts garantieren."
Grissom nickte nur stumm. Sein Gefühlschaos war nun perfekt. Auf der einen Seite war er glücklich darüber, dass es seinem Baby gut ging, auf der anderen Seite gewann nun die zunehmende Sorge um Sara die Oberhand.
"Dr. Grissom, ihre Frau wird eine Problemschwangerschaft vor sich haben. Vermeiden sie jegliche Art von Stress und Aufregungen, in den nächsten Monaten. Sie braucht unbedingt Ruhe." Grissom hörte aufmerksam dem Arzt zu, ehe er fragte:
"Kann ich zu ihr?" Sein Blick schien Dr. Pierce regelrecht zu durchbohren.
"Kommen sie. Ich bring sie hin. Aber sie schläft momentan, wundern sie sich bitte nicht."
"Okay."
Der Arzt deutete in eine Richtung des Flures und Gil setzte sich langsam in Bewegung. Er stoppte noch mal vor Nick.
„Entschuldige mich bitte."
"Geh nur Gil. Ich werde solange die beiden Teams informieren und komm dann nach, wenn ich darf.", sagte Nick erleichtert.
"Natürlich darfst du."
Gott sei Dank, das ging noch mal gut. Eins weiß ich, Sara wird bis zur Geburt nicht mehr arbeiten, sondern nur noch das Bett hüten, dachte er sich.
Nick machte sich auf den Weg zum Empfang um dort zu telefonieren.
Gil folgte Dr. Pierce bis zur Tür zu Sara's Zimmer, als dieser ihn noch einmal zurück hielt.
"Mr. Grissom, eine Bitte. Regen sie sie nicht auf. Wir hatten Mühe, sie zu beruhigen"
"Keine Sorge. Das werd ich nicht."
"Dann gehen sie jetzt rein." Der Arzt lächelte ihn an und entfernte sich dann wieder.
Grissoms Herz war ihm in die Hose gerutscht und schlug wie wild gegen seinen Brustkorb als er die Tür öffnete und eintrat. Sara lag im Bett, an EKG und Wehenschreiber angeschlossen und verschiedene Infusionen in den Armen steckend. Sie war leichenblass und hatte die Augen geschlossen.
Gil trat näher, zog einen Stuhl heran und setzte sich. Er griff vorsichtig nach ihrer Hand und umschloss diese mit seinen Fingern bevor er sie zu seinen Lippen führte und einen seichten Kuss darauf hauchte. Ihm gingen so viele Gedanken durch den Kopf, dass er nicht fähig war irgendetwas zu sagen. Er strich ihr mit seinem Daumen über die Finger als sie die Augen aufschlug und ihn matt anlächelte.
Gil konnte sich nun nicht mehr zurückhalten. Ihm flossen die Tränen über die Wangen hinab und er versuchte diese hastig mit der freien Hand wegzuwischen. Er schämte sich, vor Sara zu weinen. Aber diese strich ihm nur zärtlich mit der anderen Hand über das Gesicht und blickte ihn direkt aus ihren matten, braunen Augen an.
"Ich sitz hier und heul wie ein Schlosshund, du solltest mich nicht so sehen, Sara. Ich will doch immer für dich stark sein.", schluchzte er kaum hörbar hervor.
Aber er konnte den Tränenfluss nicht stoppen. Von dem stolzen Dr. Gil Grissom war nur ein zusammengesunkenes Häufchen Elend übrig geblieben das am Krankenbett saß und gegen seine Tränen kämpfte.
"Ist schon in Ordnung, Gil." Es war nur ein flüstern, das Sara hervorbrachte aber es lag so viel Liebe darin, dass er sich straffte, sich über sie beugte und ihre Lippen küsste.
"Jag mir bitte nie mehr solch eine Angst ein, Sara. Versprich mir das."
"Das werd ich." Sara schloss wieder ihre Augen um sie gleich darauf erneut zu öffnen.
"Gil?"
"Ja?"
Sie hatte einen dicken Klos im Hals als sie ihn fragte.
"Was ist mit dem Baby?" In ihren Augen stand die pure Angst und sie hatte sich völlig verkrampft.
Gil sah sie entsetzt an und drückte ihre Hand fester in die seine. Sara hatte in ihrem Delirium nicht mehr viel mitbekommen und wusste nicht, ob sie das Kind verloren hatte oder nicht.
"Keine Sorge.", ihr Mann lächelte sie beruhigend an.
"Es ist noch da." Er nahm ihre Hand und legte sie ihr auf den Bauch. Sara entspannte sich wieder, als sie einen kleinen Tritt fühlte.
"Wir haben Glück gehabt."
"Ja. Verdammt viel Glück, Darling."
"Es bewegt sich."
Grissoms Gefühle fuhren nun endgültig Achterbahn als sie seine Hand auf die Stelle legte, an der zuvor ihre gelegen hatte und er es nun auch spüren konnte.
Ein zaghaftes Klopfen an der Tür unterbrach diesen magischen Moment der beiden. Sara sah auf so gut es ging und sagte leise:
"Ja bitte?" Die Tür öffnete sich und Nick kam herein.
Wie er die beiden so da sitzen sah, die Hände auf Sara's Bauch liegen und mit einem so glücklichen Gesichtsausdruck, wurde es ihm ganz warm ums Herz.
"Wie geht es dir Sar?"
Es war selten, dass Nick mit so leiser Stimme redete, die noch dazu so voller Sorge war.
"Besser, Nicky. Es wird wieder.", kam es schwach von Sara.
Nick trat näher und nahm sich den zweiten Besucherstuhl um sich ebenfalls zu setzen. Er musterte Gil mit einem aufmerksamen Blick. Grissom hatte geweint, stellte er dann fest. Das kam ja noch nie vor, dass er in Gegenwart von jemandem so offen Gefühle gezeigt hat. Zumindest habe ich es noch nie erlebt, dachte Nick.
"Danke dir Nicky."
"Schon okay, Sara. Hab ich gern getan."
Sara sah Gil an, der noch immer seine Hand auf ihrem Bauch liegen hatte und fragte ihren besten Freund leise:
"Möchtest du einmal das Baby spüren, Nicky?"
Dieser war total überrascht von dem Angebot dass ihm da gerade gemacht wurde und antwortete:
"Aber nur, wenn es dir nichts ausmacht, Sara."
Und wie um sich das Einverständnis von Grissom zu holen, schaute Nick auch ihn fragend an. Grissom zog seine Hand weg und lächelte zustimmend.
"Lege deine Hand einfach hier drauf." Sara nahm die Hand von Nick und zeigte ihm die Stelle, an der das Baby seine Turnübungen vollführte.
Nick konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, als er die Bewegung spürte.
"Ein muntere kleine Lady. Und stur noch dazu. Sie will wohl unbedingt ihre Mama und ihren Papa kennenlernen."
"Gott sei Dank ist sie so stur, Nick. Das hat sie wohl von ihrer Mutter."
Man konnte die Erleichterung in Grissom Stimme deutlich hören, die mit seinen Worten mitschwang.
Nick nahm seine Hand nach einer Weile wieder weg und meinte:
"Dann werd ich mal jetzt wieder ins CSI Labor fahren. Einer muss ja noch arbeiten. Gil, Cath übernimmt die Schicht und morgen früh sehen wir uns wieder. Mach es gut, Sara. Und vor allem, ruh dich aus."
„Versprochen Nicky.", sagte Sara leise.
Nick beugte sich zu Sara und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange und ging aus dem Zimmer.
Gil und Sara blieben alleine zurück und sahen sich stumm an. Jeder konnte in den Augen des anderen die unendliche Liebe und das Vertrauen lesen, dass sie füreinander empfanden.
"Schlaf jetzt, Sara. Du brauchst deinen Schlaf dringend."
"Hmm." Sie hatte bereits ihre Augen geschlossen und genoss das Gefühl, dass er bei ihr erzeugte während er ihre Hand streichelte. Keine drei Minuten später war sie eingeschlafen.
Kaum hatte Nick die Tür zum Aufenthaltsraum geschlossen, kamen Cath, Warrick, Calleigh, Reena und Sasha herein. Nick sah ihnen an, dass sie wissen wollten, wie es Sara ging.
"Wie geht es Sara wirklich, Nick? Cath hat gesagt, dass es ihr den Umständen entsprechend gut geht.
Nick sah Greg direkt in die Augen.
"Was hat euch Cath noch erzählt?"
"Nur dass es Sara gut geht und sie das Baby nicht verloren hat."
Exakt das, was ich Cath gebeten habe zu sagen. Auf sie ist wirklich Verlass, dachte er.
"Aber da ist noch mehr, richtig Nick?" Gregs Stimme war leise geworden.
…. TBC
