Chapter 57
Nick betrat gemeinsam mit Cath die Intensivstation des Krankenhauses.
„Ist sie da drin?", Nick sah sie mit weit geöffneten Augen ängstlich an.
„Ja, Nick, Sara liegt hier."
Nick hatte sich einen grünen Kittel übergezogen und zitterte.
Nick konnte Sara jetzt einfach nicht allein lassen. Zu viele Jahre waren sie schon befreundet, so dass er nicht einfach akzeptieren konnte, dass er nicht wusste, wie es ihr ging.
Wie sieht sie aus? Wie geht es Grissom? Nach einem letzten Blick auf Nick, die versuchte ihm aufmunternd zuzuzwinkern, öffnete er die Tür und trat ein. Cath sah ihm noch hinterher, bevor sie sich auf den Rückweg zum Labor machte.
Gil saß mit dem Rücken zu ihm. Er war über Sara gebeugt und er konnte sehen, wie ihn sein Schluchzen schüttelte. Leise ging er auf Grissom zu, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er stand so eine ganze Weile stumm da. Dann ging Nick um ihn herum und setzte sich an die andere Seite an Sara's Bett. Tränen standen ihm in den Augen. Sie sieht einfach nur schlimm aus. Und so blass! Lieber Gott, bitte mach dass sie wieder gesund wird. Du darfst sie nicht sterben lassen. Gil und ich brauchen sie doch. Und vor allem braucht sie das Baby. Nick lies nun seinen Tränen freien Lauf.
Gil sah dass Nick am Boden zerstört war, wie er Sara da liegen sah. Er ging zu ihm und legte nun ihm die Hand auf die Schulter, er war froh darüber, dass Nick jetzt gerade hier war.
„Keine Angst, Nick, wir schaffen das.", versuchte er ihn zu trösten, glaubte aber selber nicht wirklich an das, was er ihm sagte.
Nicholas Stokes nickte nur stumm. Nach einer halben Ewigkeit flüsterte Nick:
"Gil?"
„Ja?"
„Ich würde gerne das Baby sehen. Schließlich ist es ja mein Patenkind.
"Ich werd die Schwester rufen damit sie dir den Weg zeigt."
„Gil?"
„Ja?"
„Ich will es aber mit dir zusammen sehen."
Bedrückt senkte er den Kopf.
„Nick, sei mir nicht böse. Aber ich würde lieber bei Sara bleiben."
„Griss, bitte. Nur kurz. Sie würde bestimmt wollen, dass du nicht nur hier sitzt. Schließlich muss sich ja jemand um die kleine Maus kümmern, solange sie es nicht kann."
Nick hat ja Recht. Aber ich kann doch meine Sara nicht einfach hier liegen lassen. Grissom kämpfte mit sich selber, aber schließlich gab er Nick nach.
„Komm. Gehen wir die kleine Vanessa besuchen."
Grissom stand auf und schob Nick zur Tür hinaus in Richtung der Frühgeborenenstation davon. Nick blieb kurz die Luft weg, als er die kleine Maus mit ihrer übergroßen Windel, an viele Schläuche und Kabel angeschlossen, in diesem Brutkasten liegen sah. Sie hatte die Augen geschlossen und war noch ganz verschrumpelt.
„Dr. Grissom, möchten sie ihre Tochter kurz halten?", fragte die Schwester ihn einfühlsam.
Grissom drehte den Kopf zu ihr herum und meinte mit sorgenvollem Blick:
"Darf ich denn?"
„Sicher. Sie schwebt ja nicht in Lebensgefahr. Setzen sie sich am besten hier in den Schaukelstuhl und ziehen sie die Jacke aus."
Gil befolgte die Anweisungen der Schwester und lies sich in den Stuhl fallen. Nick hängte seine Anzugjacke über die Lehne und beobachtete gespannt, was weiter geschah. Als die Schwester das Baby aus dem Brutkasten nahm, fingen sämtliche Geräte an Alarm zu schlagen, was Grissom in Panik versetzte.
„Keine Angst, Sir. Das ist vollkommen normal, wenn ich das Baby bewege. Alles in Ordnung. Hier haben sie ihre Tochter."
Sie legte Grissom die Kleine auf die Brust, wobei sie darauf achtete dass die Kabel und Schläuche der Überwachungsgeräte nicht eingeklemmt wurden, und reichte ihm ein Lammfell damit er das Baby darin einwickeln konnte um es warm zu halten. Sofort griffen die winzigen Fingerchen in sein Hemd und ballten sich zu zwei kleinen Fäusten um sich daran festzuhalten, während Nick gerührt zusah.
„Sie ist wunderschön, Gil."
„Das ist sie."
Griss große, starke Hand hielt das Baby über dem Lammfell am Rücken sicher auf seinem Brustkorb, während er den Schaukelstuhl sanft hin und her zu bewegen begann. Nick streichelte Baby Grissom vorsichtig mit einem Finger über die Wange, auf der ein Sauerstoffschlauch mit einem Pflaster, das in Herzform geschnitten war, befestigt war. Er studierte ausgiebig ihre Gesichtszüge.
Auch Grissom fiel nun der Schlauch auf und er fragte die Schwester:
"Hat meine Tochter Schwierigkeiten mit dem Atmen, Ma´am?"
Diese lächelte ihm zu und antwortete dann:
"Nein. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme für die ersten Tage. Sie bekommt keinen Sauerstoff momentan. Sie atmet von ganz alleine. Sehr gleichmäßig und normal."
„Du scheinst unbedingt hier raus zu wollen, mein kleiner Schatz.", murmelte Gil sanft vor sich hin.
„Das hat sie von euch beiden. Ihr hasst doch Krankenhäuser wie die Pest, Gil."
„Ja Nick."
Gil Grissom war ganz damit beschäftigt, seine Tochter zu studieren. Er konnte es immer noch nicht richtig fassen. Zu unwirklich kam ihm alles vor.
Als die Kleine sich mit ihrer Zunge über die Lippen fuhr, geriet Nick vollkommen in Verzückung.
„Ich glaube Vanessa hat Hunger, Gil. Sie saugt so komisch."
Nick hatte sich mittlerweile auf einen Stuhl neben Grissom gesetzt und Grissom hatte seinem Baby den rechten Zeigefinger in die linke, kleine Faust geschoben, welchen Baby Grissom sofort fest umklammerte.
„Da könntest du Recht haben. Hast du Hunger, meine Kleine? Ja?"
Die Schwester hatte das Gespräch zwischen Vater und Tochter mitbekommen und ging mit einer Trinkflasche bewaffnet auf die beiden zu.
„Sir, geben sie ihr das."
Grissoms skeptischer Blick traf die Frau mit voller Wucht.
„Keine Sorge. Es ist Muttermilch von ihrer Frau. Wir haben sie abgepumpt, da sie momentan ja nicht in der Lage ist zu stillen."
Grissom nickte und lies sich von der Schwester helfen, seine Tochter in die richtige Position in seine Armbeuge zu legen. Seine Tochter strahlte ihn aus großen, eisblauen Augen an.
Dann steckte er ihr vorsichtig die Flasche in das Mündchen und sofort begann klein Vanessa gierig daran zu saugen. Grissom und Nick mussten beide lächeln.
„Den Appetit hat sie eindeutig von Sara geerbt. Und wie sie schmatzt.", lachte Nick.
„Ja, trink nur meine kleine Prinzessin. Damit du schnell groß und stark wirst und hier raus kommst. Zusammen mit deiner Mami."
Diese Worte versetzten ihm sofort wieder einen Stich ins Herz und die Tränen, die er aufgehört hatte zu weinen, begannen erneut zu fliesen. Nick ging es ebenso. Beiden rannen die Tränen in Sturzbächen über die Wangen während das Baby aus dem Fläschchen trank. Nick wischte sich als erstes die Tränen von den Wangen und deckte dann sei Patenkind, während Gil es fütterte, wieder mit dem Lammfell zu da es ständig herunterrutschte.
Irgendwann hatte die kleine Maus genug getrunken und schloss satt und zufrieden ihre eisblauen Augen.
„Ist wohl besser wenn ich sie der Schwester gebe, damit sie Vanessa wieder in ihr Bett legen kann. Ich glaube sie ist müde."
„Das wäre ich auch, Griss. Vor allem wenn ich soviel gegessen hätte wie sie."
Die Schwester, die die ganze Zeit über bei Grissom und Nick im Raum gewesen war, kam auf ihn zu und nahm Grissom vorsichtig das Baby wieder ab um es zurück in den Brutkasten zu legen. Grissom beobachtete das ganze fasziniert, aber seine Tochter nahm keine Notiz mehr von ihm. Sie war tief und fest eingeschlafen.
Gil und Nick saßen nach ihrer Rückkehr von der Frühchenstation wieder bei Sara im Zimmer, da Gil nicht dazu zu bringen war, von ihrer Seite zu weichen. Als Cal und Greg herein kamen, schossen Cal beim Anblick dieses Elends die Tränen in den Augen und sie ging auf Gil zu und nahm ihn in den Arm um ihn zu drücken. Gil wusste im ersten Moment nicht wie er reagieren sollte, er war etwas erstaunt über Cal, aber er ließ es zu, schließlich war sie mittlerweile eine seiner Freunde.
„Wie gehts ihr?", fragte Greg ihn nun.
„Nicht gut, Greg. Die Ärzte wissen nicht ob sie wieder aufwacht.", brachte er mit brüchiger Stimme hervor.
Cal stand daneben und wurde von Nick tröstend in die Arme genommen.
„Kann ich jetzt klein Vanessa sehen?", fragten Cal und Greg wie aus einem Mund.
„Sicher.", Grissom hatte den Blick gesenkt und sprach sehr leise.
Cal fasste ihn am Arm und drückte ihn kurz.
„Ich bin sicher, Nick kann uns den Weg ebenso gut zeigen wie du. Bleib du nur bei Sara."
Gils Augen signalisierten ihr ein stummes „Dankeschön".
„Komm, Patenonkel. Gehen wir mal die nächste Generation der Grissoms besuchen!"
Damit zog sie ihren Verlobten zur Tür hinaus und Greg ging hinterher.
Gil war froh, dass er nun mit Sara alleine sein konnte. Er setzte sich an ihre Bettkante, griff erneut nach ihrer Hand und streichelte liebevoll darüber. Insgeheim hoffte er, dass sie einfach die Augen aufmachen und mit ihm reden würde, aber nichts passierte. Sie lag ruhig und stumm da.
„Sara, bitte. Komm schon. Wach wieder auf. Mach die Augen auf, Specialgirl. Ich brauche dich hier. Und unsere Tochter auch. Du hattest mir doch Versprochen, mich nicht alleine zu lassen! Was soll ich denn alleine machen? Du hattest doch versprochen mich nie alleine zu lassen. Bitte Sara. Mir zuliebe. Ich kann die Kleine doch nicht alleine großziehen. Sie braucht ihre Mami.", flüsterte Gil.
Erneut liefen ihm die Tränen über die Wangen hinab.
Er wusste nicht wie lange er so da gesessen hatte, als Nick mit Cal und Greg zurück kam. Greg Sanders legte ihm seine Hand auf die Schulter und zwang ihn, sich zu ihm umzudrehen.
„Griss, bitte. Komm mit nach Hause."
„Nein, Greg. Ich muss hier bleiben. Bei Sara und dem Baby. Sie brauchen mich."
Grissom hatte das in so einem bestimmten Tonfall gesagt, dass Greg wusste, dass es keinen Zweck hatte weiter auf ihn einzureden.
„Deine Tochter ist übrigens wunderschön."
Cal hatte sich kaum von dem Anblick Vanessas lösen können, als sie gemeinsam mit Nick und Greg vor dem Brutkasten gestanden hatte.
„Wir gehen dann jetzt mal nach Hause, Nick nehmen wir mit."
„Danke, dass ihr hier wart."
Die drei verliesen das Zimmer. Cal rannen erneut die Tränen über die Wangen hinab und sie schmiegte sich an ihren Verlobten, dem es aber keinen Deut besser ging.
„Kommt ihr beiden. Gehen wir.", versuchte Greg seine beiden Freunde aus dem Krankenhaus zu lotsen.
Drei Tage später öffnete sich leise die Tür zu Sara Grissoms Zimmer. Den beiden eintretenden Personen bot sich ein Anblick, wie sie ihn noch niemals zuvor gesehen hatten. Gil Grissom saß völlig in sich zusammengesunken, nur in Hemd und Hose auf einem Stuhl am Bett seiner Frau und hielt ihre Hand. Die Überwachungsgeräte piepten regelmäßig und zeigten an, dass alles soweit in Ordnung war. Die beiden Gestalten gingen langsam auf ihn zu. Ihr Herz klopfte ihnen bis zum Hals. So hatten sie ihren Freund noch nie gesehen. Vorsichtig legte ihm Reena eine ihrer Hände auf die Schulter, während Warrick ihn leise fragte:
"Alles okay, Gil?" Doch es kam keine Antwort.
„Gil?", versuchte es Warrick erneut und schüttelte ihn dabei vorsichtig an der Schulter. Plötzlich kippte Gil Grissom zur Seite, so dass ihn Warrick gerade noch auffangen konnte.
„Reena, hole einen Arzt. Schnell!"
„Mach ich.", die rothaarige Frau stürmte zur Tür der Intensivstation hinaus, während Warrick seinen Freund auf den Boden gleiten lies und ihm das völlig zerknitterte Hemd öffnete, das er trug.
Keine zwei Minuten später öffnete sich die Tür erneut und Reena kam mit Dr. Pierce, welcher gerade Dienst gehabt hatte und eigentlich nach Sara hatte sehen wollen, und einer Schwester zurück.
„Was ist passiert, Mr. Brown?", war die erste Frage des Arztes, dem Reena zuvor schon den Namen von Warrick gesagt hatte.
„Ich wollte ihn fragen, ob alles in Ordnung ist, aber er hat nicht reagiert. Also habe ich ihn leicht an der Schulter gerüttelt und da ist er mir einfach so zur Seite gekippt."
„Kein Wunder. Mr. Grissom ist ja auch schon seit drei Tagen ununterbrochen hier, entweder bei seiner Frau oder seinem Baby.", begann Dr. Pierce zu berichten.
„Er hat kaum was gegessen, von Schlaf ganz zu schweigen. Ich hatte so etwas schon befürchtet. Es war nur eine Frage der Zeit."
Reena und Warrick tauschten einen wissenden Blick. Das war typisch Grissom, er konnte einfach nicht die, die er liebte alleine lassen. Dr. Pierce führte unterdessen die notwendigen Untersuchungen durch, was Grissom alles gar nicht mitbekam. Er war immer noch weggetreten.
Erst als ihm der Arzt eine Elektrolytinfusion legte, kam er durch den Einstich für die Infusionsnadel in seine Haut wieder zu sich. Gil wollte sofort wieder aufstehen, wurde aber von Dr. Pierce zurück gehalten.
„Willkommen zurück, Mr. Grissom, schön liegen bleiben."
„Was ist passiert?", fragte er mit leiser Stimme.
„Sie sind umgekippt. Zu wenig Essen, zu wenig Schlaf. Wie ich es ihnen gestern prophezeit habe. Ich werde sie jetzt auf Station bringen und ihnen ein Schlafmittel geben. Und protestieren bringt nichts, also lassen sie es bleiben."
Auf ein Zeichen des Arztes hin wurde Gil von zwei Pflegern, die mittlerweile auch hinzu gekommen waren, auf eine Trage gehoben und diese aufgeklappt. Erst jetzt fiel der Blick von Warrick und Reena auf Sara und beide erschraken zutiefst. Reena begann zu weinen, so dass Warrick sie umarmte.
„Sie sieht so zerbrechlich aus. Das ist nicht die Sara, die wir kennen."
„Ich weiß, Reena. Ich weiß.", beruhigend streichelte er ihr über den Rücken.
Nach einer Weile hatte sich Reena wieder beruhigt.
"Wir müssen Ecklie über Gils Zustand Bescheid sagen."
„Du hast Recht. Ich bin dann mal so mutig und übernehme Ecklie. Er wird uns sicher den Kopf abreißen, weil wir entgegen seines Befehls hierher gekommen sind."
„Das vielleicht nicht, Warrick. Aber ein Donnerwetter wird es bestimmt geben. Obwohl wir Gott sei Dank da waren. Wer weiß wie lange Gil bereits ohnmächtig war, bevor er vom Stuhl gekippt ist."
„Stimmt auch wieder. Also, dann such ich mir mal ein Telefon. Kommst du Reena?"
„Ja. Einen kleinen Moment noch." Reena trat leise an Saras Krankenbett, nahm ihre Hand und legte diese behutsam zurück auf die Decke, da sie aus dem Bett hing.
„Sara, bitte. Wach wieder auf, Gil, und vor allem deiner Tochter zuliebe."
Mit einem letzten Blick auf Sara drehte sich Reena um und verlies gemeinsam mit Warrick Brown das Zimmer.
Ecklie saß mit seiner Frau und seiner Tochter beim Abendessen, als sein Telefon klingelte.
Grummelig über die Störung stand er auf und hob ab.
„Ecklie"
„Sir, Warrick Brown hier."
„Mr. Brown, was gibt es dass sie hier so spät noch anrufen?"
Ecklie war neugierig geworden.
„Sir, ich habe schlechte Nachrichten."
„Raus damit, Brown."
Ecklie konnte hören, wie Warrick am anderen Ende der Leitung schluckte bevor er fortfuhr:
"Sir, ich bin im Krankenhaus."
Ich hatte doch gestern, als ich aus dem Krankenhaus kam, erst angeordnet, dass niemand Sara Grissom besuchen sollte, schoss es Ecklie durch den Kopf.
„Was ist passiert, Mr. Brown?"
Sara wird doch nicht.....nein, das darf nicht sein! Ecklie wurde es immer mulmiger zumute.
„Conrad, Gil ist am Bett von seiner Frau zusammengebrochen. Die Ärzte wollen ihn über Nacht hier behalten und haben ihn auf ein Zimmer gebracht."
Es herrschte nun absolute Stille in der Telefonleitung. Nicht auch noch Gil. Aber ich hab es kommen sehen. Er war ja nicht von ihrem Bett beziehungsweise dem des Babys weg zu bekommen. Egal was ich versucht habe.
„Danke, Warrick, für ihren Anruf. Ich werde mich gleich mit Nick Stokes in Verbindung setzen."
„Nicht nötig, Sir. Miss. Procter telefoniert gerade mit ihm."
Natürlich Procter. Wie könnte es auch anders sein. Der Besuch ist nicht alleine auf Browns Mist gewachsen.
„In Ordnung. Kommen sie beide bitte morgen früh unverzüglich in mein Büro."
„Ja, Sir."
Damit legte Warrick auf und versuchte gleich seine Frau anzurufen. Er erzählte ihr das gleiche, was er zuvor Conrad Ecklie gebeichtet hatte.
Auch Reena hatte Nick erreicht, der ebenfalls in voller Sorge war.
CSI Nicholas Stokes betrat kurz vor 08.00 Uhr morgens leise das Zimmer in dem Grissom lag. Sein Anblick erschreckte ihn zutiefst. Die Wangen waren eingefallen, unter den geschlossenen Augen hatte er tiefschwarze Ringe, und er war schweißgebadet, da er sich im Schlaf von einer Seite auf die andere warf und immer wieder unverständliche Worte schrie. Er hatte offensichtlich einen Alptraum. Und zwar einen schlimmen. Einen sehr schlimmen. Plötzlich begann er auch noch mit den Armen zu rudern und lief ernsthaft Gefahr, aus dem Bett zu fallen.
Nick wurde das nun doch zuviel. Er warf seine Winterjacke auf einen der Besucherstühle, ging schnurstracks zum Bett und fasste Gil mit beiden Händen an die Schultern um ihn sanft zu schütteln.
„Gil, beruhige dich. Es ist alles in Ordnung. Wach auf! Gil, hey!"
Nur ganz langsam wurden Grissoms wilde Bewegungen ruhiger und schließlich öffnete er seine Augen um seinen Freund und Kollegen erschöpft anzusehen.
„Alles in Ordnung, Gil. Es war nur ein Traum. Hörst Du, es war nur ein Traum."
Nick ahnte, von was er geträumt hatte. Grissom hatte ihm einige wenige Male von seinen Alpträumen der Entführung berichtet. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass Grissom wieder von diesem Alptraum, heimgesucht worden war. Ganz langsam realisierte Grissom, wo er war und dass das Nick war, der ihn da geweckt hatte. Er senkte den Kopf.
„Tut mir leid, Nick. Aber ich dachte, ich wäre drüber hinweg."
Bingo, Nick.! Er hat wieder von der Entführung geträumt, dachte er sich.
„Hast du den Traum schon länger wieder?"
Grissom schüttelte nur den Kopf, ehe er kaum verständlich antwortete:
"Das war das erste Mal seit Monaten, dass er wieder kam. Wie geht's Sara? Ist sie aufgewacht?"
In den Augen von Gil Grissom blitzte ein Funken Hoffnung auf.
Aber Nick schüttelte nur mit dem Kopf.
„Nein. Sie ist immer noch im Koma."
Grissom sank bei den Worten von seinem Freund wieder in sich zusammen.
„Hör mir zu, Gil.", Nick hatte ihn immer noch an den Schultern gefasst.
„Du brauchst Hilfe. Du schaffst das nicht alleine. Tu mir den Gefallen, und rede mit einem Psychologen."
„Das geht schon, Nick. Ich komme klar."
„Nein, das tust du nicht. Sieh mich an." Aber Grissom starrte nur auf seine Decke.
„Gil, sieh mich an.", wiederholte er sich nun in etwas bestimmteren Tonfall.
Und Grissom zwang sich, aufzusehen. In seinen Augen spiegelten sich sein ganzer Schmerz und seine ganzen Sorgen wieder. Nick lief es bei diesem Blick eiskalt den Rücken runter. Sanft und freundschaftlich fuhr er fort:
"Ich habe es dir schon einmal gesagt. Wenn es nicht mehr geht, lass dir um Gottes Willen helfen. Mir hat es auch geholfen, damals. Es braucht hier niemanden den Helden spielen, nach solchen Erlebnissen. Von mir wird keiner etwas erfahren, hörst du?"
„Einverstanden.", Gil machte eine Pause. „Vielleicht hast du Recht, Nick. Vielleicht sollte ich wirklich mit einem Psychologen reden."
Und dann gab er etwas zu, mit dem Nick nie und nimmer gerechnet hätte.
„Die Sache mit Sara, ich, Nick, ich kann nicht mehr. Das ist zuviel. Und um Vanessa sollte ich mich eigentlich auch kümmern. Aber ich kann nicht. Mir geht es hundeelend."
Grissom begann nun auch noch hemmungslos zu weinen. Er hatte zwar in den letzten drei Tagen viel geweint, aber nicht so wie jetzt. Es war, als ob er sich alles von der Seele waschen wollte.
Nick wusste nicht so richtig, was er nun machen sollte. Er setzte sich auf die Bettkante und legte dem völlig aufgelösten Grissom beschützend einen Arm um die Schulter. Genauso, wie er es bereits vor dem Operationssaal gemacht hatte.
„Ist ja gut. Lass alles raus. Tränen sind die Waschmaschine der Seele."
Eigentlich hätte Nick schon lange im CSI-Labor sein sollen, aber das hier war momentan definitiv wichtiger als alle Fälle die sich beim CSI auftaten.
Grissom tat ihm den Gefallen. Er erzählte Nick, während er hemmungslos weinte, alles was ihn bedrückte. Dieser hörte ihm stumm zu, lies ihn dabei aber keine Sekunde aus seinem Griff entweichen.
Himmel noch mal, dass es ihn so mitnimmt, hätte ich nie und nimmer auch nur geahnt. Was für eine Angst muss er die letzten Monate gehabt haben? Und keiner hat etwas bemerkt. Nicht einmal Sara. Warum habe ich nicht besser auf die Zeichen geachtet? Seine ständige Müdigkeit, die Unaufmerksamkeit und das oftmals gedanklich Abwesende, fiel es Nick wie Schuppen von den Augen.
Er hätte sich in diesem Moment selber ohrfeigen können, dass er nicht früher eingegriffen hatte. So saßen die beiden CSI's da. Nur ganz langsam beruhigte sich Gil wieder. Sein Schluchzen lies nach und er hörte auf zu Zittern wie Espenlaub. Seine Umklammerung von Nick, lies ebenfalls nach, kraftlos sanken seine Arme auf die Decke zurück. Es war, als ob aus Gil alle Kraft gewichen wäre. Auch Nick lockerte nun seinen Griff und lies ihn behutsam zurück ins Kissen gleiten. Grissom hatte die Augen geschlossen. Aber nur einen Moment lang, dann öffnete er sie wieder und fixierte seinen Freund und Kollegen.
„Es tut mir leid, Nick. Das, ich, das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass ich dich....", aber weiter kam er nicht.
„Gil! Jetzt mach aber mal einen Punkt. Wieso sollte ich sauer sein?", Nick lies ihn nicht aus den Augen.
„Ich glaube wir beide haben schon viele Männer gesehen, die seelisch zusammengebrochen sind, beim CSI. Und viele davon waren nicht so stark wie du. Jeder kommt einmal an den Punkt, an dem es nicht mehr geht."
Grissom nickte nur leicht. Es war ihm furchtbar peinlich, dass er sich hatte von seinem Kollegen trösten lassen wie ein kleines Kind. Beschämt senkte er seinen Blick.
„Ich kann wahrscheinlich nicht nachvollziehen, wie es dir geht. Aber ich kann nachvollziehen, dass du erschöpft bist. Und zwar körperlich und auch seelisch. Ich werde jetzt hinaus gehen, und dafür sorgen dass du einen anständigen Seelenklempner bekommst. Und tue mir bitte um alles in der Welt den Gefallen, und versuche noch etwas zu schlafen. Ich werde heute Abend noch einmal nach dir, Sara und Vanessa sehen.", dabei umspielte ein brummiges Lächeln die Lippen von Nick.
Er hatte die Kleine vom ersten Augenblick an in sein Herz geschlossen gehabt und war kaum vom Brutkasten wegzubekommen, wenn er sie besuchte, was die Ärzte und Schwestern jedes Mal grinsen lies.
„Okay, Nick.", kam es leise von Grissom.
„Gut. Dann werde ich jetzt gehen. Wir sehen uns heute Abend."
... TBC
