Chapter 58
Nick stand auf, griff nach seiner Jacke und ging zur Tür. Er musste jetzt einfach hier raus, bevor er seine Fassung verlor. Gils Zusammenbruch in seinen Armen, hatte ihn unglaublich viel Kraft gekostet. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der so tief verzweifelt war wie Dr. Gil Grissom! Kopfschüttelnd ging er den Gang entlang ins Schwesternzimmer, als ihm Dr. Kennedy über den Weg lief.
„Mr. Stokes, schön sie zu sehen."
„Ja. Leider unter den falschen Umständen.", entgegnete er der Ärztin.
„Ja, da haben sie Recht. Kommen sie von Dr. Grissom?"
„Ja. Ich wollte mit ihnen über seinen Zustand reden."
„Mr. Stokes, ich darf ihnen da nichts Genaues sagen. So leid es mir tut. Aber die Vorschriften.", Dr. Kennedy hatte den Blick gesenkt.
„Hören sie zu, ich habe die letzten eineinhalb Stunden damit zugebracht, Mr. Grissom zu beruhigen und ihm zuzuhören. Er ist völlig erschöpft. Geistig und körperlich.", wurde die Stimme des CSI etwas lauter.
„Ich habe ihn aus einem Albtraum geweckt. Er ist beinahe aus dem Bett gefallen, so heftig hat er sich hin und her geworfen, und sie erzählen mir dass sie mit mir nicht über seinen Zustand reden dürfen!"
Er war ärgerlich und sauer, dass die Ärzte hier abblockten obwohl es doch so offensichtlich war, was Grissoms Zustand anging. Die Ärztin war anhand seines Tones etwas erschrocken, und bat ihn:
"Kommen sie mit in mein Büro."
„Danke, Ma´am." Mit ernstem Gesichtsausdruck folgte ihr Nick und nahm Platz. Ohne weiteres Drumherumgerede kam er sofort auf den Punkt.
„Also, wie geht's ihm?"
„Das muss aber unter uns bleiben, Mr. Stokes. Sonst komm ich in Teufels Küche."
„Keine Sorge. Es wird diesen Raum hier nicht verlassen. Sie haben mein Wort."
„Also gut. Wir haben Mr. Grissom Elekrolytinfusionen gegeben und ein Schlafmittel. Die Nacht verlief einigermaßen ruhig, von dem Albtraum von dem sie mir erzählt haben hat die Nachtschwester nichts mitbekommen. Was ist das für ein Traum?"
„Er handelt von einem Fall, der ein paar Monate zurückliegt. Er und seine Frau sind entführt und schwer verletzt wurden. Seine Frau mussten sie ins Leben zurückholen und er wurde angeschossen. Und ein paar Monate vorher, wurde Sara, damals waren sie noch nicht verheiratet, niedergestochen von einem Täter, als sie eine entführte Person rettete."
Dr. Kennedy schluckte mehrmals, während ihr Nick die Geschichte erzählte.
„Deshalb meine Bitte an sie. Könnten sie dafür sorgen, dass Mr. Grissom professionelle Hilfe erhält? Er steht ja kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Dr. Grissom und seine Frau haben zwei wahrhaft schreckliche Jahre hinter sich."
„Keine Ursache. Ich werde mich sofort darum kümmern, Mr. Stokes."
Nick sah sie dankbar an.
„Noch etwas. Wie geht's Sara und dem Baby?"
Dr. Kennedy atmete hörbar aus.
„Dem Baby soweit gut. Es hat etwas an Gewicht verloren, aber das ist bei Frühchen in den ersten Tagen normal. Das gibt sich wieder. Vor allem bei ihrem Appetit."
„Den hat sie von ihrer Mutter. Sie sollten Sara mal essen sehen.", konnte sich Nick nicht verkneifen einzuwerfen.
„Und der Zustand von Mrs. Grissom ist unverändert, aber stabil. Wir werden sie heute Nachmittag auf die Komastation verlegen. Ihre Blutwerte sind wieder besser geworden. Die Konserven haben ihr geholfen."
„Aber es war knapp, nicht wahr?", Nick musterte dabei die Ärztin mit einem wissenden Blick.
Diese nickte nur als Antwort.
„Verdammt knapp. Wir mussten sie zweimal zurück holen."
Nick schaute sie entsetzt an. Das hatte er nicht gewusst.
„Ist das ihr Ernst?"
„Ja. Selbstverständlich hat Dr. Grissom davon keine Ahnung. Dr. Pierce und ich hatten anhand seines Zustandes, den er damals schon hatte, beschlossen es vorläufig für uns zu behalten. Wir wollten ihn nicht noch mehr belasten."
Nick wurde nun auch klar, warum es im OP so lange gedauert hatte. Das musste jetzt auch er erst einmal verdauen.
„Mrs. Sara Grissom macht sich. Sie kämpft. Sonst wären ihre Werte nicht so stabil. Sie wird ja nicht einmal beatmet. Sie ist auf einem guten Weg."
„Was schätzen sie wie lange es dauert bis sie aufwacht?"
Die Ärztin lehnte sich in ihren Ledersessel zurück. Sie wusste nicht warum, aber irgendwie mochte sie diesen CSI, der da vor ihr saß.
„Das kann ich ihnen nicht sagen, Mr. Stokes. Das Problem bei Komapatienten ist, dass man keine genauen Prognosen abgeben kann. Wir wissen nicht einmal, ob sie überhaupt noch einmal aufwacht. Die Chancen stehen 50:50."
„Dann ist das Einzige was wir tun können, hoffen und beten."
Wieder nickte Dr. Kennedy nur. Sie blickte ihn dabei direkt an.
„Aber sie wissen ja, Mr. Stokes. Die Hoffnung stirbt zuletzt."
„Da haben sie Recht. Danke, dass sie mich ins Bild gesetzt haben, über die drei."
„Keine Ursache, Mr. Stokes. Und seien sie beruhigt, ich werde Dr. Grissom einen wirklich sehr guten Psychologen zur Seite stellen. Mein Kollege, Professor Watson, ist führend auf dem Gebiet der Traumata nach Entführungen und ähnlichem. Ich werde ihn gleich anrufen."
„Sie haben einen gut bei mir, Ma´am.", meinte Nick als er sich erhob.
„Ich werde bei Gelegenheit darauf zurück kommen."
„Schönen Tag noch, Dr. Kennedy."
„Ihnen auch, Mr. Stokes." Als die Tür geschlossen war, lies sich die Ärztin leicht verwirrt in ihren Sessel sinken, bevor sie zum Telefon griff um Professor Watson anzurufen und ihm den Fall Grissom zu schildern.
Nick betrat völlig in Gedanken das Labor. Bei seinem Anblick, wurde es augenblicklich still.
Er schien mit irgendetwas völlig beschäftigt zu sein, und es gab nur eine Frage, die jedem auf der Seele brannte, weil er auch so spät kam. Was ist passiert? Hatte er schlechte Nachrichten? Sie alle wussten, dass er im Krankenhaus gewesen war. Warrick und Reena warfen sich einen wissenden Blick zu. Sie beide hatten noch ein Gespräch mit Ecklie vor sich, was wahrscheinlich kein Zuckerschlecken werden würde.
Nick, saß bei seiner Verlobten im Büro, und erzählte ihr von dem Zusammenbruch von Grissom. Sasha, der an der Bürotür erschien, kam herein, da diese offen stand und bekam mit, was Nick erzählte. Sasha Damien verstand jetzt die Welt nicht mehr. Er vergaß was er im Büro von Cal wollte und fragte dazwischen:
"Grissom ist ohnmächtig geworden, Nick?" Der Blick von Nick hatte einen kurzen Moment einen gequälten Ausdruck angenommen.
„Setz dich. Ja, Sasha. Er ist gestern Abend neben dem Bett seiner Frau zusammengebrochen. Sie haben ihn über Nacht da behalten. Die Ärzte sagen er leidet unter totaler Erschöpfung."
Für mindestens zwei Wochen wird er nicht zum Dienst erscheinen. Er ist krank geschrieben."
Sasha konnte es nicht glauben, er wusste nicht, was er sagen sollte. Die Stimmung im Büro war erdrückend.
„Ich habe auch schon mit Cath gesprochen, sie wird weiterhin die Vertretung für Grissom übernehmen.", Nick sah nun Cal an.
Jetzt kamen ebenfalls Hodges und Raph ins Büro geschlichen. Da sie von draußen den Wortwechsel mitbekommen hatten.
„Wie geht es Sara?", wollten nun beide wissen.
Die gespannte Ruhe, die in dem Büro herrschte, unterbrach Nick schließlich nach einer Weile, indem er antwortete:
"Ihr Zustand ist stabil. Sie wird auf die Komastation verlegt werden."
Und bevor noch jemand sich nach dem Baby erkundigen konnte, gab er auch darüber Auskunft.
„Und Vanessa geht's blendend. Sie isst gut, hat zwar etwas Gewicht verloren, aber das ist normal bei Frühchen. Sie ist soweit über den Berg."
„Wenigstens eine gute Nachricht, Nick.", kommentierte Hodges die Worte von Nick während sich die anderen ein Schmunzeln nicht verkneifen konnten.
„Ja, das ist es. Das wäre dann alles."
Alle waren aufgestanden und wandten sich ihrer Arbeit wieder zu.
Gil Grissom lag immer noch in seinem Krankenbett, und döste leicht vor sich hin. Die Gespräche mit Nick heute Morgen und mit Professor Watson am Nachmittag, hatten ihn sehr viel Kraft gekostet. Aber er spürte selber, dass es ihm half das aufzuarbeiten, was er tief in sich vergraben hatte. Die Ärzte hatten ihn genötigt, noch eine Nacht länger hier zu bleiben, damit sie ein Auge auf ihn haben konnten.
„Gil? Bist du wach?"
Es war Cath, die den Kopf zur Tür des Zimmers hereinstreckte und ihn ängstlich ansah. Sofort riss er seine Augen auf und schenkte ihr ein erschöpftes Lächeln.
„Ja."
„Gil, was machst du denn für Sachen?"
„Ich weiß. Das war nicht gerade eine Glanzleistung von mir."
„Nein, das war es wirklich nicht.", gab Cath gepresst hervor.
„Sara und du, ihr könnt doch nicht beide schlapp machen. Ich brauch euch doch."
Das mit dem Schlapp machen ist leider nicht so einfach, Cath, dachte sich Gil. Er spürte an der Art, wie Cath ihn zur Begrüßung umarmte, dass es ihr ebenfalls nicht sonderlich gut ging.
Ein erneutes Klopfen an der Tür unterbrach Gils Gedanken.
„Ja bitte?"
Herein kam Nick.
„Hey Nick."
„Hey Gil"
Cath löste die Umarmung zu Gil und blickte Nick mit verweinten Augen an.
„Cath, ich hab gedacht du wolltest dein kleines Patenkind besuchen. Dr. Kennedy wartet draußen auf dich. Sie wird dich zu ihr bringen.", versuchte Nick sie aus dem Zimmer zu lotsen da er alleine mit Grissom reden wollte.
Nachdem die beiden Männer alleine waren, zog Nick einen der Besucherstühle an Grissoms Bett, setzte sich und begann:
"Hast du noch etwas geschlafen, nachdem ich heute Morgen gegangen bin?"
„Ja. Es geht mir auch schon besser.", Gil blickte Nick aus müden, glanzlosen Augen an.
„Ich habe den ganzen Nachmittag über mit dem Professor geredet." Gil schloss seine Augen einen Moment lang, um dann mit leiser Stimme fortzufahren:" Ich hätte damals, nach der Entführung, schon den Rat annehmen und mir professionelle Hilfe suchen sollen. Dann wäre vieles einfacher gewesen, Nick."
Grissom hatte den Kopf dabei ganz in sein Kissen zurück gelegt und blickte zur Decke.
„Das wäre es mit Sicherheit geworden."
In der Stimme von Nick aber lag keinerlei Vorwurf. Es war eine reine Feststellung gewesen.
„Aber du bist auf dem richtigen Weg. Es wird zwar etwas dauern, aber das wird wieder. Glaube mir."
„Das Gefühl habe ich auch, Nick."
Nick bemerkte, wie müde Grissom war und meinte nur:
"Griss, ich werde jetzt gehen damit du schlafen kannst. Ich werde noch kurz bei Sara vorbeischauen und dann Cath bei deiner Tochter abholen und sie nach Hause bringen. Morgen besuche ich sie wieder. Schlaf gut."
Nick stand auf und wandte sich zum gehen, als ihm Grissom hinterher rief:
"Danke, Nick."
Nick drehte sich noch mal um.
„Danke? Wofür?"
„Dafür, dass du mir zugehört hast heute Morgen."
„Keine Ursache Gil.
Weißt du, als Freunde tut man das einfach. Oder hast du lange nachgedacht, als du mich damals Poncho genannt hast um mich zu beruhigen. Außerdem dafür sind Freunde da, egal wie schlimm es ist!", grinste Nick und verlies das Zimmer.
Er schaute nur kurz bei Sara vorbei, um die Blumen, die er ihr mitgebracht hatte, in einer Vase auf den Nachttisch zu stellen.
„Komm nur schnell wieder zu dir, Sara. Deine Familie braucht dich.", flüsterte Nick ihr zu und drückte kurz Saras Hand, bevor er wieder ging und die Türe zu Saras Zimmer wieder schloss um nun endlich auf die Frühchenstation zu gehen.
Nick trat hinter Cath an den Brutkasten, in welchem Gil und Saras Baby lag.
„Na? Was macht sie", erkundigte sich Nick bei ihr.
„Baby Grissom hat gegessen, ordentlich die Windel gefüllt, anschließend gebrüllt und jetzt strampelt sie vor sich hin."
Fasziniert beobachteten die zwei CSIs, wie sich die kleine Maus Bewegung verschaffte.
Sie ist Sara wie aus dem Gesicht geschnitten! Nur die Augen hat sie von ihrem Vater, fiel ihnen auf, als Vanessa sie scheinbar interessiert anschaute. Nach einer Weile öffnete sich der kleine Mund zu einem herzhaftem Gähnen, was Cath und Nick liebevoll grinsen lies.
„Schau mal, ich habe vorhin ein Paar Bilder, mit der Sofortbildkamera von Baby Grissom gemacht. Ich will sie nur schnell Gil bringen, dann können wir los.", sagte sie.
„Cath die sind ja wirklich süß, ich denke Gil, wird sich freuen.", sagte er.
Cath brachte Gil schnell die Fotos. Er hatte Tränen in den Augen, als er sie anschaute. Die halbe Nacht, musste er immer wieder auf die Bilder seiner Tochter starren, weil er vor Sorge um Sara nicht einschlafen konnte. Hoffentlich wird alles gut und sie wacht bald wieder auf, unsere kleine Prinzessin braucht sie, dachte er.
Grissom saß, bereits in Jeans und Hemd, auf seinem Krankenbett und war am nachdenken, ob er auf eigene Faust Sara und das Baby besuchen sollte oder ob er hier warten sollte, bis Nick kam um ihn abzuholen. Diese Entscheidung aber wurde ihm abgenommen, als sich die Tür nach einem Klopfen öffnete und Nick mit Horatio reinkam.
„Horatio, was machst du denn hier?", fragte Gil völlig verwundert nach.
„Ich bin doch furchtbar neugierig auf deine kleine Tochter. Ich kenn sie ja bisher nur aus den Erzählungen von Cath."
Grissom musste lächeln.
„Wie geht's dir, Gil?", fragte Ltd. Caine vorsichtig nach, als er vor Grissom stehen blieb und ihn von oben bis unten musterte.
Auch ihm fielen die Augenringe und der müde Gesamteindruck auf, den Gil machte. Es muss wirklich schlimm sein, so wie er aussieht.
„Mir geht's soweit wieder gut, Horatio. Du kennst ja mein Verhältnis zu Krankenhäusern."
„Oh ja, das kenn ich."
Das war jetzt aber die Übertreibung des Jahrhunderts, Gil. Dass es dir noch nicht wieder ganz gut geht, sieht doch ein Blinder mit Krückstock, dachte sich Horatio. Nick, der die ganze Zeit als stummer Beobachter am Fußende des Krankenbettes gestanden hatte, mischte sich nun auch in das Gespräch ein.
„Komm Gil. Wenn du noch kurz bei Sara und deiner Tochter vorbei willst, müssen wir uns jetzt ranhalten. Sonst schläft sie wieder."
Horatio und Gil sahen Nick mit einem Blick an, der Nick kurz grinsen lies. Er hob die Hände und stellte dann fest:
"Ich weiß ich weiß. Ich führ mich auf wie ein Vater. Cal sagt das auch immer."
Dieser Spruch brachte Grissom kurz zum Lachen, was die beiden CSI's einen erleichterten Blick wechseln lies.
„Auf geht's, Gil. Ich will doch die nächste Generation der Grissoms auch mal zu Gesicht kriegen!"
„Sicher, Horatio. Gehen wir."
Mit einem Satz war Grissom von dem Bett herunter gesprungen und wollte sich seine Tasche schnappen die ihm Cath gebracht hatte, als er zu schwanken begann.
Mit einem Satz waren Nick und Horatio bei ihm und griffen Grissom links und rechts stützend unter die Arme.
„Langsam, Gil. Du bist jetzt zwei Tage gelegen. Du darfst nicht so schnell aufstehen.", redete Horatio auf ihn ein. Grissom hatte die Augen geschlossen und versuchte, die Karussellfahrt in seinem Kopf zu stoppen.
„Komm, Horatio. Setzen wir ihn noch mal aufs Bett."
„Ja. Ist wohl das Beste."
Behutsam ließen die beiden Gil zurück auf die Bettkante sinken, um nach ein paar Minuten des Ausruhens einen erneuten Versuch des Aufstehens zu unternehmen.
Diesmal klappte es. Gil war zwar noch etwas wackelig auf den Beinen, aber es funktionierte. Langsam gingen sie den langen Gang entlang in Richtung der Aufzüge davon. Die beiden CSI's hatten die ganze Zeit über ein wachsames Auge auf Grissom gerichtet. Als die drei Männer vor Saras Zimmer auf der Komastation angekommen waren, fühlte Grissom wieder diese Angst in sich aufsteigen, die er immer hatte seit Sara hier eingeliefert worden war. Es war die Angst sie zu verlieren. Panisch blickte er von seinem Trauzeugen zu dem Paten seiner Tochter, bevor er tief Luft holte und die Tür öffnete.
Saras Anblick trieb ihm erneut die Tränen in die Augen, aber er wollte nicht schon wieder vor Nick los heulen. Nick und Horatio, bemerkten beide den Kampf, den Gil mit sich ausfocht als ihm Horatio die Hand auf die Schulter legte.
„Ist schon okay, Grissom. Lass es zu. Es hilft dir."
Grissom nickte nur, während ihm nun seine Tränen über die Wangen flossen. Er ging auf das Bett zu, in welchem Sara lag, griff nach ihrer Hand auf der Decke ehe er sich über sie beugte und ihr einen zärtlichen Kuss auf die aufgesprungenen Lippen hauchte.
„He, Specialgirl. Ich bins. Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst, aber ich war selber die letzten beiden Tage außer Gefecht gesetzt. Tut mir leid, dass ich mich nicht um dich kümmern konnte.", begann er Sara flüsternd zu erzählen.
Horatio und Nick hielten sich dezent im Hintergrund und beobachteten Gil und Sara mit klammem Herzen während jeder von ihnen seinen eigenen Gedanken nachhing.
So standen sie da, bestimmt eine halbe Stunde lang, und blickten das Paar an. Beiden tat es in der Seele weh, Grissom und Sara so zu sehen. Als Gil Sara alles erzählt hatte, was ihm so eingefallen war, verabschiedete er sich von ihr. Er küsste sie zum Abschied noch mal auf die Lippen, deckte sie gut zu und verlies dann mit den beiden anderen das Zimmer, obwohl er am liebsten da geblieben wäre. Aber Nick hatte ihm am Morgen klar gemacht, dass er das nicht zulassen würde. Und zwar unter keinen Umständen. Grissom hatte sich gefügt und zugestimmt.
Als die drei Männer auf der Frühchenstation ankamen, wurden sie von lautem Gebrüll empfangen.
„Offensichtlich scheint ihr irgendetwas nicht zu passen, Mr. Grissom.", stellte Dr. Kennedy fest, die gerade nach dem Rechten hatte sehen wollen als Grissom mit den beiden Anderen hereingekommen war.
Ltd. Horatio Caine war derweil neben Grissom getreten und blickte neugierig in den Brutkasten, in welchem Vanessa Catherine Nicholas Grissom lag und sich die Seele aus dem Leib schrie. „Kann ich sie auf den Arm nehmen, Dr. Kennedy?", fragte Gil beinahe schüchtern nach.
Er musste das bisschen Mensch in dem Glaskasten jetzt einfach halten und trösten.
„Natürlich Dr. Grissom. Setzen sie sich, ich gebe sie ihnen."
„Danke."
Mit einem Lächeln lies sich Gil in den Schaukelstuhl neben dem Brutkasten fallen und öffnete die obersten Knöpfe seines Hemdes. Als Dr. Kennedy die Kleine heraus nahm und die Überwachungsgeräte sofort damit begannen, Alarm zu schlagen, schreckte Horatio zusammen und auch Gil zuckte kurz panisch zusammen, obwohl er den Ablauf mittlerweile kannte und es jedesmal so war.
„Keine Sorge, Horatio. Das ist immer so, wenn Vanessa von Dr. Kennedy oder die Schwester heraus geholt wird."
„Wenn du das sagst, Nick dann will ich dir das mal glauben."
Kaum lag das Baby auf Gils nackter Brust, wie immer von einem Lammfell bedeckt damit es nicht auskühlte, beruhigte sich Vanessa augenblicklich und das Gebrüll verstummte.
„Du hast deinen Daddy vermisst, stimmts Prinzessin? Und deine Mami fehlt dir auch. Genauso wie mir.", begann Grissom in zärtlichem Ton mit seiner Tochter zu reden, während die sich mit ihren kleinen Fäustchen an das geöffnete Hemd ihres Vaters klammerte und sich ganz eng an ihn kuschelte.
Nick und Horatio wurde in diesem Moment klar, dass Gil für die Kleine alles tun würde um sie zu beschützen. Genau so wie er es für Sara bereit war zu tun.
„Einfach süß die zwei.", bemerkte Dr. Kennedy.
„Nick, komm her! Schau dir das an. Diese winzigen Füßchen, wie sie sich gegen Gils Bauch stemmen!"
Horatio war total hin und weg von Vanessa.
„Du hast doch selber einen Sohn? Mich wundert es, dass du dann noch in Verzückung gerätst", lachte Nick, der herangetreten war.
„Na ja Tim ist ja jetzt auch schon 4 Jahre alt, und ich kann mich kaum daran erinnern, wie es war, als er so klein war. Ich weiß nur, dass Sam oft vor Entzücken nicht den Blick von ihm wenden konnte.", sagte er lachend.
„Horatio, wie geht es eigentlich Sam und Tim? Habe Sam, das letzte Mal in unseren Flitterwochen in Miami gesehen.", sagte Grissom.
„Sam ist auch hier mit mir in Vegas, wir konnten uns beide von der Arbeit losreisen. Sie ist bei Cal im Labor. Sie wird Sara und Vanessa auch noch besuchen kommen. Wir dachten es wäre etwas viel für euch, wenn wir alles Auftauchen. Ecklie hat mich gebeten in der Spätschicht zu helfen, einen Fall, der mal wieder unser Territorium Miami mit reinfällt.
Tim, ist zu Hause, Eric wird so lange auf ihn aufpassen, er hat momentan Urlaub", sagte er und grinste, wenn er daran dachte wie Eric wohl die Zeit überstehen würde.
„Sage Samantha bitte liebe Grüße von mir. Würde mich freuen, wenn ihr die Tage mal bei mir zu Hause vorbeikommt.", gab Grissom zurück.
„Sicher Gil, werden wir machen", gab der Ltd. als Antwort.
Er hatte sich schon wieder seiner Tochter zugewendet, die gerade eingeschlafen war.
Gil Grissom betrat leicht nervös das CSI-Labor. Er war jetzt sechs Tage zu Hause gewesen und hatte sich etwas von seinem Zusammenbruch erholt. Die Sorgen um Sara waren immer noch da, aber zum Glück ging es Vanessa immer besser und auch ihm selber halfen die täglichen Gespräche mit Professor Watson im Krankenhaus. Er hatte sich in diesen Tagen von vielem befreien können, was ihm auf der Seele lag. Grissom hatte am Anfang zwar Angst gehabt, und es war ihm auch furchtbar schwer gefallen, sich zu öffnen, aber er hatte es getan. Und der Professor hatte ihm zugehört und ihn erzählen lassen.
Er war geduldig gewesen wenn Gil mal wieder in Tränen ausgebrochen war und seinen Redefluss hatte unterbrechen müssen, bis er sich wieder soweit gefasst hatte. Er hatte ihn zu nichts gedrängt, und Grissom hatte nun kein Problem mehr, mit ihm über sich zu reden. Er war Professor Watson zutiefst dankbar, dass er ihm half. Als sein Erscheinen im Labor bemerkt wurde, wurde es mucksmäuschenstill. Jeder musterte ihn von oben bis unten und war gespannt wie ein Flitzebogen, da die Gerüchteküche kräftig am brodeln war.
Cal und Cath hatten als Supervisorinnen zwar jede weitere Spekulation über die Grissoms ausdrücklich verboten, als sie vor zwei Tagen eine Standpauke losgelassen hatten, aber sie hatten damit nicht wirklich Erfolg gehabt. Das beharrliche Schweigen dass die Freunde von Sara an den Tag legten, wenn sie jemand danach fragte was Grissom hatte oder wie es Sara und der Kleinen ging, hatte sein übriges zur Gerüchteküche beigetragen.
… TBC
