Schatten der Vergangenheit

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Author's Note:

Unkreativer Titel, ich weiß...

Dieser Oneshot ist wesentlich kürzer und hier habe ich keine Szene aus HP ausgebaut, sondern eine neu geschrieben, die mal erwähnt wurde.

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Wahrscheinlich war es der letzte schöne Tag im Sommer gewesen. Albus Dumbledore stand am Fenster und genoss den idyllischen Anblick der verlassenen Schlossgründe. Die rosafarbenen Wölkchen spiegelten sich auf der regungslos glatten Oberfläche des Sees, aber am westlichen Horizont stand, kaum über die grünen Hügel schauend, eine drängend dunkle Wolkenwand. Als die Sonne dahinter verschwand, wurde die Landschaft augenblicklich grau und düster. Nur ein paar besonders hohe Wolken schimmerten noch im Licht.

Auch als es im Büro zunehmend finsterer wurde und draußen unter der aufziehenden Wolkendecke kaum noch etwas zu erkennen war, regte sich der alte Mann am Fenster nicht. Auf das leise Krächzen des gerade aus einem Nickerchen erwachenden Phönix hin zuckte er nicht einmal mit der Wimper.

Dann jedoch klopfte es an der Tür. Während er herumwirbelte, „Herein!" rief und gleichzeitig die Lampen anzündete, fragte sich Albus, wer der späte Besucher sein könnte.

Hagrid hatte ihn bereits für heute Abend auf einen Feuerwhiskey zu sich eingeladen. Um diese Einladung zu wiederholen, müsste er schon ganz schön besoffen sein. Und am Tag seiner Ernennung zum Lehrer von Hogwarts würde er doch wohl die Höflichkeit besitzen, sich zusammenzureißen... Alle anderen Lehrer waren im Urlaub, ebenso Irma und Poppy. Blieb also nur noch Argus, der sich über Peeves beschweren wollte.

Dumbledore, der sich seelisch und moralisch bereits auf die Schimpftirade und die unweigerlich folgende Diskussion über Toleranz gegenüber Poltergeistern vorbereitet hatte, staunte deshalb nicht schlecht, als eine große schwarze Gestalt zur Tür hereinkam, die ganz sicher nicht der Hausmeister war.

Albus war so überrascht, dass er ein paar Sekunden lang den Mund nicht aufbekam, weshalb der andere mit der Begrüßung begann: „Guten Abend, Schulleiter."

Die ausdruckslosen Augen im wie gewöhnlich leichenblassen Gesicht beobachteten, wie Dumbledore gemessen zum Schreibtisch hinüberging, sich auf dem Stuhl dahinter niederließ und seinen Besucher über zusammengelegte Fingerspitzen hinweg neugierig anblickte.

„Guten Abend, Severus. Was führt Sie denn heute schon hierher?"

„Haben Sie einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste gefunden?"

„Ja, das haben ich. Professor – jetzt noch Mr – Lupin hat zugesagt."

Weder seine Enttäuschung noch Überraschung oder Wut spiegelten sich auf Snapes Gesicht, als er diese Nachricht hörte. Einen Moment lang bleib er stumm, dann fragte er: „Remus Lupin?" und Dumbledore nickte.

„Sie denken nicht, dass das ein wenig gefährlich wäre? Sie wissen, was er ist und dass er schon einmal in einen Vorfall verwickelt war, bei dem er beinahe – jemanden umgebracht hätte?"

Severus sprach die letzten Worte nach einem kaum merklichen Zögern sehr hastig und durch zusammengebissene Zähne. Albus blickte ihn mitleidig an. „Man sollte nicht zu viel über der Vergangenheit brüten, Severus. Außerdem wird so etwas nicht noch einmal passieren, denn jetzt können Sie ihm ja den Wolfsbanntrank brauen."

„Der Trank bietet keine hundertprozentige Sicherheit", zischte Snape und sein Vorgesetzter konnte sich denken, dass es noch einen anderen, bedeutenderen Grund für die Wut in seiner Stimme gab.

„Und Lupin stellt auch von einer anderen Seite ein Risiko dar.", fuhr der Zaubertranklehrer fort. Als er nicht weitersprach, legte Dumbledore den Kopf schief und hob fragend die Augenbrauen. Der andere Mann spuckte den Namen fast aus: „Sirius Black. Lupin ist ein guter Freund von ihm. Er könnte in der Position als Lehrer in Hogwarts sehr nützlich sein. Wollen Sie, dass er Black in die Schule schleust?"

„Remus Lupin war ein Freund von Sirius Black. Er weiß seit zwölf Jahren, dass er sich – wie alle anderen auch – in ihm geirrt hat."

„Wie können Sie einem Werwolf vertrauen?"

„Genauso wie ich einem ehemaligen Todesser an dieser Schule vertraue. Es tut mir Leid, Severus, dass ich mich so drastisch ausdrücke, aber Sie sollten sich doch am besten mit unbegründeten Vorurteilen auskennen." Dumbledore hatte sich aufgerichtet und schaute sein Gegenüber streng an.

Snape kniff die Lippen zusammen. „Dann möchte ich Sie nicht weiter belästigen", sagte er noch eine Spur kälter als sonst.

„Bleiben Sie die letzten paar Tage hier?", fragte Albus ohne große Hoffnung.

„Nein", lautete die knappe Antwort.

Der Schulleiter schauderte innerlich beim Gedanken an den Ort, an den Snape für den Rest der Sommerferien zurückkehren würde, und meinte: „Na dann, einen schönen Abend, Severus. Und lassen Sie die Vergangenheit ruhen. Es ist besser so."

Ein Schatten zog über sein Gesicht, den der Zaubertranklehrer, weil er sich bereits umgewandt hatte, nicht bemerkte.

Eine ganze Weile nachdem sich die Eichenholztür hinter dem hageren, schwarzhaarigen Mann geschlossen hatte, wandte Albus endlich den Blick von derselben ab, erhob sich und trat wieder ans Fenster, das ihm nur noch den Ausblick auf sein eigenes Spiegelbild gewährte, da es draußen stockdunkel war. Ein Blitz zuckte auf.

Immerhin ist er viel zu schlau, um Remus zu vergiften, dachte der alte Mann seufzend.

Der Donner folgte, laut, aber noch einige Sekunden verzögert. Auch der Regen ließ nach wie vor auf sich warten.

Es sah ganz so aus, als sollte der Schulleiter Hagrids Einladung doch noch folgen, ehe es zu spät war.