Kapitel 7

Nicht einmal die Arbeit hatte Lenka ablenken können. Der Notfall war ein Unfall eines Öltankers in der Nordsee gewesen, der schon unter Kontrolle gebracht worden war, als sie eintrafen. So hatten sie nur beim Säubern der Strände helfen müssen – eine monotone Arbeit, bei der ihre Gedanken immer wieder die Möglichkeit hatten zu Wheeler abzuschweifen.

Sie verbrachte soviel Zeit, wie möglich in den Trümmern, zusammen mit den Hilfskräften, wenn die anderen sie nicht zwangen sich auszuruhen oder ihr heimlich Beruhigungsmittel verabreichten, um sie etwas ruhig zu stellen. Aber sie vermied es zu schlafen, auch wenn sie noch so müde war, denn in ihren Träumen tauchte Wheeler immer wieder auf, nur um dann wieder zu verschwinden, bevor sie ihn auch nur erreichen konnte.

Drei Tage waren mittlerweile vergangen. Drei Tage in denen weder die Suchtruppen nur die kleinste Spur gefunden hatten noch Ma-Ti ein Lebenszeichen von ihm. Sie konnte und wollte nicht glauben, dass er wirklich tot sein sollte, wovon Kwame, Gi und Ma-Ti mittlerweile überzeugt waren – sie gaben es ihr gegenüber nicht zu, aber sie konnte es in ihren Gesichtern sehen. Sie fühlte sich so sehr mit ihm verbunden – müsste sie nicht spüren, wenn er wirklich tot war? Müsste ihr Herz nicht brechen und bluten? Aber sie fühlte nur eine Leere in sich, die nur seine Rückkehr füllen konnte. Allein der Gedanke, dass er nicht mehr leben könnte war, als würde jemand sie zerreißen. Es war die schlimmste körperliche und psychische Qual, die sie je hatte durchstehen müssen.

Sie konnte nicht begreifen, wie es möglich war sich so bedingungslos in einen Menschen zu verlieben, aber es war so und welchen Sinn hatte ihr Leben noch, wenn Wheeler nicht bei ihr war? Sie konnte ohne ihn nicht mehr leben und sie wusste, dass sie daran zugrunde gehen würde, wenn sich herausstellte, dass er doch tot war.

„Lenka?" sagte Gi vorsichtig und riss ihre Freundin aus ihren Gedanken. Lenka sah nur kurz zu ihr auf, bevor sie ihren Blick wieder auf die Suchtrupps richtete.„Ich habe grade mit dem Leiter des Suchtrupps gesprochen. Er hat gesagt, dass wir uns nicht länger Hoffnungen machen sollten."

„Wollen sie die Suche abbrechen?" fragte sie erschrocken, doch Gi schüttelte den Kopf.„Dann werden sie ihn auch finden. Wheeler ist zäh, er schafft das."

„Lenka..."

„Nein Gi, er lebt. Er muss leben. Wir hatten einen Tag zusammen, eine Nacht. Das kann nicht vorbei sein", unterbrach sie ihre beste Freundin verzweifelt.„Was soll ich denn ohne ihn machen? Wie soll ich ohne ihn weiterleben?"

„Du wirst es schaffen Lenka. Wheeler würde nicht wollen, dass du so leidest. Wenn er dich so sehen könnte würde es ihn..." sie brach ihren Satz ab. Wie konnte ihr Anblick jemanden umbringen, der wahrscheinlich schon tot war?!

„Es ist meine Schuld. Wenn ich ihn nicht abgelenkt hätte, dann..."

„Dann hätte Atomar ihn sowieso geschnappt und das weißt du. Dich trifft keine Schuld."

„Wenigstens hat dieses Monster dafür mit seinem eigenen Leben bezahlt", murmelte sie arg. Atomar war aus den Trümmern gezogen worden, oder eher sein ausgebrannter Körper. Er hatte in seiner Wut all seine Energie verbraucht und sich damit selbst getötet, und Bleimann saß reuevoll im Gefängnis.

„Du solltest etwas Schlafen Lenka."

„Selbst wenn ich es wollte, ich kann nicht. Es ist zu schmerzhaft", schluchzte sie und Gi drückte ihre Freundin tröstend an sich, wie so oft in den letzten Tagen. Sie trauerten alle um Wheeler, aber Lenka hatte soviel um ihn geweint, dass sie nicht einmal mehr Tränen hatte. Ihre Freundin richtete sich selbst zugrunde in ihrer Trauer um Wheeler und so sehr sie es verstehen konnte, hoffte sie doch, dass sie bald wieder zur Vernunft kommen würde, sonst würde sie sich selbst umbringen.

Es tut mir leid Kinder, aber wir haben einen neuen Umwelt-Alarm", sagte Gaya, als sie vor ihnen erschien. Auch ihr machte Lenka Sorgen, konnte sie doch, genau wie Ma-Ti, sehen, was in ihr vorging. Es war schrecklich, was mit Wheeler passiert war, und Lenka war auf dem besten Weg an ihrem Kummer zu sterben. In den vielen Jahrhunderten hatte sie nie eine stärkere Liebe, als die von Wheeler und Lenka gesehen, was sehr zu Lenkas Nachteil war. Im Moment hielt sie noch der Gedanke, dass er noch lebte am Leben, aber was war, wenn sie ihn fanden, seine Leiche?!