Kapitel 8

Es war dunkel um ihn herum, als er die Augen erneut öffnete und sein erster Gedanke war wie immer Lenka. Unzählbare Male hatte er sich nun schon gefragt, ob es ihr und seinen Freunden gut ging. Waren sie Atomar entkommen oder hatte der sie doch noch geschnappt und getötet? Der feste Glaube daran, dass sie lebten erhielt ihn am Leben.

Einige Stahlträger waren zu seinem erstaunlichen Glück so gefallen, dass sie über ihm ein Gerüst bildeten, das die großen Steinbrocken von ihm abgehalten hatte. Diese Höhle war zwar so flach, dass er nur liegen und sich höchstens von einer Seite auf die andere drehen konnte und war auch nur wenig länger als er selbst, doch es gab wenigstens genug Risse und Spalten in den Trümmern, dass er sich zumindest keine Sorgen um Sauerstoff machen musste.

Seinen Hunger hatte er durch völlige Ignoranz verdrängen können. Allerdings war der Durst übermächtig und er war das erste mal glücklich über schlechtes Wetter, denn er konnte mit Hilfe des Helms ein wenig Regenwasser auffangen, dass durch die Risse tropfte. Das Wasser war dreckig und es war nicht viel, aber er teilte es sich streng ein.

Verletzt schien er nicht zu sein, außer ein paar Prellungen und Schürfwunden, aber die ständige Dunkelheit und das Knarzen des Gesteins über ihm setzten ihm schwer zu – es war ja auch kein Wunder, denn man fühlte sich lebendig begraben. Er befürchtete seit dem ersten Tag, als er im stockdunklen aufgewacht war, von der Enge verrückt zu werden und dachte ständig nach, um sich abzulenken, wenn er mal wach war, denn eine übermächtige Müdigkeit ließ ihn die meiste Zeit schlafen. Er dachte grade daran, erneut zu versuchen sich selbst auszugraben – bei seinem ersten Versuch waren kleine Steine heruntergerieselt und er hatte Angst bekommen, dass alles über ihm vollständig einstürzen würde, wenn er weiter machte - als er über sich ein Poltern und anschließend ein gedämpftes Bellen hörte. Sie haben Hunde? Was hat sie aufgehalten?, dachte er grimmig, doch das Poltern über ihm wurde lauter und es mischten sich menschliche Stimmen dazu. Ich komme endlich hier raus...Geduld Wheeler, wer weiß wie tief du begraben worden bist.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren und so schien es ihm wie eine Ewigkeit, bis das Licht immer heller wurde, als die letzten Steine über ihm entfernt wurden. Dann griffen viele Hände nach ihm und zogen ihn aus seinem schmalen Grab.

„Er lebt," rief einer seiner Retter laut.„Wie geht's dir Junge?"

„Ich fühl mich wie neugeboren, danke Leute," erwiderte er mit einem schwachen Grinsen und ließ sich aus seinem Anzug helfen, während er sich umsah.„Wo sind meine Freunde?"

„Sie mussten los. Vor einer Stunde waren sie noch hier und haben mitgeholfen, aber euer Boss hat viel Arbeit für euch, wie es scheint. Mann, die werden sich vielleicht freuen, wenn sie von dir hören. Wir hatten die Hoffnung wirklich schon aufgegeben," sagte sein Retter, der ihm nun zu einem Rettungswagen half.

„Dann bin ich nur froh, dass es nur die Hoffnung war und nicht die Suche. Wie geht's meinen Freunden, sind sie okay?"

„Naja, niedergeschmettert halt, wer wäre das nicht. Die Blonde hat's am schlimmsten erwischt, glaub ich. Deine Freundin?" fragte er und Wheeler nickte, als er sich aufs Trittbrett eines Löschwagens setzte.„Kann ich dir irgendwas anbieten?"

„Viel Wasser bitte, ich hab das Gefühl ich hab einiges aufzuholen," erwiderte er und sein Retter lachte, ehe er ihm eine Flasche Wasser in die Hand drückte und drei neben ihn legte.

Wheeler hatte grade die zweite Flasche geleert, als Gaya erschien.

„Du glaubst gar nicht wie froh ich bin, dich lebend wiederzusehen Wheeler. Wie fühlst du dich?" fragte sie ihn glücklich.

„Etwas ausgetrocknet, aber sonst ganz gut. Ich könnte Bäume ausreißen, wenn's nicht gegen unsere Prinzipien wäre," erwiderte er grinsend und Gaya lächelte kurz.

„Das trifft sich gut. Lenka ist in Schwierigkeiten. Big Match hat sie gefangen und will ihr etwas antun, die anderen sind aber mit dem Brand einer Giftmüll-Lagerhalle beschäftigt. Ich kann dich direkt zu ihr schicken, bist du bereit?"

„Mach schon Gaya," erwiderte er ernst und fand sich im nächsten Moment in einem Hafen wieder. Er sah zu einer Halle auf, die lichterloh brannte, seine Freunde versuchten verzweifelt den Brand zu löschen, und als er sich umwandte, sah er wie Big Match die mit schweren Stahlketten gefesselte Lenka ins Hafenbecken warf.

„Nein! Lenka!" schrie er und rannte auf Big Match zu, der sich verwirrt zu ihm umdrehte. Mit einem gezielten Kinnhaken setzte er ihn außer Gefecht und sprang ins Wasser.

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Lenka ließ sich von den schweren Ketten auf den Grund ziehen. Sie konnte ja doch nicht entkommen. Alles war schief gegangen und nun fügte sie sich in ihr Schicksal. Wheeler war tot - es konnte nicht anders sein, nach drei Tagen ohne Lebenszeichen von ihm.

Big Match hatte sie in eine Falle gelockt und die Lagerhalle voller Giftmüll angezündet. Sie waren zwar daraus entkommen, aber während die anderen das Feuer bekämpften, hatte sie Big Match entdeckt und ihn stellen wollen. Dabei hatte er sie geschnappt und sie kurzentschlossen in Ketten gelegt und ins Becken geworfen.

Sie hatte noch Luft schnappen können, doch in etwas mehr als einer Minute würde es vorbei sein. Sie dachte grade daran die Luft auszuatmen, um sich nicht unnötig zu quälen und so schneller wieder mit Wheeler vereint zu sein, als sie etwas an ihren Ketten spielen spürte. Sie sah auf und erblickte Wheeler, der dabei war die Kette durchzubrennen. Jetzt sehe ich ihn sogar schon, wenn ich wach bin, dachte sie, als sie spürte, dass ihr die Luft ausging und Wheeler wieder nach oben verschwand.

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Frustriert tauchte Wheeler auf und schwamm zu einem kleinen Boot, in dem er beim Sprung ins Wasser noch etwas gelbes ausgemacht hatte. Lenka würde jeden Moment die Luft ausgehen und die Kette war zu stark. Um sie durchzubrennen würde er Minuten brauchen, die sie nicht hatte.

Zu seiner Freude hatte er richtig gesehen, schnappte sich die Luftflasche und tauchte wieder. Er erreichte Lenka, als sie ihre letzte Luft verließ. Sofort drehte er die Flasche auf und steckte ihr das Mundstück in den Mund. Er sah voller Glück, wie sie überrascht Luft holte und ihn ansah, als wäre er ein Gespenst, was ihn zum Grinsen brachte, während er die Flasche auf den Rücken zog und sich wieder der Kette widmete.

Er hatte ein Glied halb durch gebrannt, als ihm selbst die Luft ausging. Schnell gab er Lenka ein Zeichen und sie nickte wissend und hielt die Luft an, während Wheeler kurz Luft schnappte und ihr dann das Atemgerät wieder überließ.

Sie spürte, wie die Kette sich lockerte und schließlich von ihr abfiel. Im nächsten Moment packte Wheeler sie und zog sie nach oben. Sie schwammen zum Rand des Hafenbeckens und kletterten erschöpft einige Stufen der Treppe in der Mauer hoch.

„Bist du in Ordnung, Babe?" fragte er keuchend und drehte sich zu ihr. Sie sah ihn immer noch an, als wäre er ein Geist oder ein Traum. Zögernd hob sie die Hand, verharrte damit aber vor seinem Gesicht, hatte Angst aufzuwachen, wenn sie ihn berührte und wieder allein zu sein. Wheeler lächelte mild, als er ihre Hand ergriff und sie an seine Wange legte, sah wie sie ungläubig nach Luft schnappte als er sie berührte. Doch dann ließ sie ihre Hand an seinem Hals hinunter gleiten, über seine Schulter und seine Seite, während Tränen in ihre Augen stiegen.

„Du bist es. Du bist es wirklich", wisperte sie mit tränenerstickter Stimme.

Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er sich zu ihr beugte und ihr Gesicht in seine Hände nahm, aber auch seine Augen wurden feucht.„Und ich werde dich nie wieder verlassen," sagte er und küsste sie. Sofort schlang sie die Arme um ihn und presste sich an ihn. Er war wirklich wieder bei ihr, lebte; und sie würde ihn nie wieder gehen lassen.„Du weißt gar nicht wie sehr ich dich vermisst habe. Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr," wisperte er ihr dann ins Ohr, als er sie fest an sich drückte.

„Ich lass dich nie wieder fort, ich liebe dich Jayden." Sie küsste ihn erneut, doch ein Knall unterbrach sie und sie blickten zur Lagerhalle auf, in der etwas explodiert war. Sofort sprangen sie auf und kamen ihren Freunden zu Hilfe.

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Der Captain hatte das Feuer schnell im Griff und nach einer ausgiebigen Begrüßung waren sie zur Hoffnungsinsel zurückgeflogen.

Während Wheeler seinen Wasserhaushalt auf Fordermann brachte und mit Lenka in seinen Armen auf der Couch im Gemeinschaftsraum lag, erzählten Gi, Kwame und Mati ihm von ihren Einsätzen der letzten Tage und auch, dass Atomar sich vollkommen ausgebrannt und so umgebracht hatte, ehe Wheeler von seinem Eindruck seiner Gefangenschaft und seiner Rettung erzählte.

„Es ist erstaunlich wie viel Wasser du in dich hineinschüttest," sagte Gi nun grinsend, als er die fünfte Flasche geleert hatte.

„Ich hab drei Tage nur ein paar Schlucke schales Brackwasser getrunken. Was erwartest du?"

„Ich verstehe nicht, warum ich dich nicht finden konnte, wenn du doch nicht ununterbrochen bewusstlos warst", sagte Ma-Ti nun nachdenklich.

„Gaya sagte, dass die Radiaktivität sie behindern würde, vielleicht war es bei dir genauso", erwiderte Gi ihm.

„Wir sind nur froh, dass du wieder da bist. Ich hab wirklich nicht geglaubt, dass du Atomars Angriff und den Einsturz überlebt haben könntest," sagte Kwame zu Wheeler.

„Ja, wir haben alle nach und nach die Hoffnung verloren, außer Lenka," fügte Mati hinzu und Wheeler strich ihr zärtlich übers Haar, während sie sich anlächelten.

„Als ich im Wasser war schon. Ich dachte du wärest nur eine Halluzination."

„Ja, ich hab gesehen, wie du mich angesehen hast. War echt lustig," erwiderte er kichernd und Lenka verpasste ihm einen Klaps.

„Wie kannst du dich über mich lustig machen, nachdem wir alle dachten du wärest tot?!" zischte sie böse.

„Hey Babe, ich wusste genauso wenig, ob Atomar euch vielleicht gekriegt hat. Was meinst du, was man sich alles ausmalt, wenn man nur rumliegt und sich mit nichts vom Denken abhalten kann."

Sie sah ihm in die Augen und sah jetzt erst die Angst, die er in den letzten Tagen ausgestanden und bisher unter seinem Optimismus und Humor verborgen hatte. Sie gab ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen, ehe sie sich wieder an ihn kuschelte.

„Es ist schon spät, ich geh ins Bett," sagte Mati dann und auch Kwame und Gi verabschiedeten sich ebenfalls.

„Komm, Yankee, wir gehen auch ins Bett," sagte Lenka nun, als sie aufstand und das Fernsehen abstellte.

„Babe, ich hab drei Tage fast nur geschlafen."

„Ans Schlafen hatte ich eigentlich auch nicht gedacht," erwiderte sie lächelnd und er folgte ihr grinsend.

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Wheeler lag in seinem Grab und Steine bröckelten auf ihn nieder. Um ihn herum knarrte und ächzte das Geröll, während er durch einen Spalt im Gestein sah, wie Atomar Lenka packte und mit einem Atomstrahl tötete, gleichzeitig stürzte seine Höhle ein und begrub ihn.

„Nein!" schrie er auf, als er aufschrak und sofort saß Lenka ebenfalls strack neben ihm.

„Wheeler?" fragte sie und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie schrak zusammen, als er sich umwandte und sie die Angst in seinem Blick sah und im nächsten Moment drückte er sie fest an sich.„Es war nur ein Traum Jayden," sagte sie dann sanft.

„Nein, es war drei Tage lang eine mögliche Wahrheit für mich. Ich hatte solche Angst dort rauszukommen und festzustellen, dass du nicht mehr da bist oder dort begraben zu sterben und dich nie wieder zu sehen."

„Es ist alles gut ausgegangen Yankee und in Zukunft werden wir viel vorsichtiger sein, damit so etwas nie wieder passiert. Wir hätten nie aufhören dürfen bei der Suche nach dir zu helfen. Du hättest schon viel früher dort heraus sein können."

„Nein, die Notfälle haben vorrang. Die Umwelt war in Gefahr und ich hätte wirklich tot sein können. Für eine Leiche riskiert man nicht unzählige Leben."

„Kwame sagte, das du so denkst," erwiderte sie lächelnd und zog ihn mit sich zurück auf die Matratze, um sich wieder an ihn zu kuscheln.„Soll ich dich morgen zum Arzt bringen, damit er dich durchchecken kann?"

„Mir geht's wirklich gut, Babe, wegen ein paar Kratzern muss ich nicht zum Arzt", murmelte er. Sie nahm es so hin und sah ihm in die Augen. Es war so wundervoll zu sehen und zu spüren, dass er lebte und bei ihr war. Niemals wieder würde sie es zulassen, dass ihn ihr jemand wegnahm.„Du lächelst. Ein Königreich für deine Gedanken Babe", stellte er fest und strich ihr eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Ich bin nur überglücklich, dass du wieder bei mir bist."

„Und du wirst mich nie wieder los", sagte er lächelnd, während er ihre Wange streichelte.

„Wirklich niemals wieder? Versprichst du es?" fragte sie an seiner Brust.

„Bei allem, was mir heilig ist", murmelte er in ihr Haar, bevor er sich aufrichtete und auf sie runter sah.„Babe, ich liebe dich und ich meine es ernst, dass ich dich niemals verlassen will. Ich kann und will ohne dich nicht mehr leben. Du bedeutest mir einfach alles, ich brauche dich. Willst du meine Frau werden Lenka?" sagte er und sah nervös, dass ihr erneut Tränen in die Augen traten.„Ich wollte dich eigentlich nicht so überrumpeln...es tut mir leid...ich..." Sie legte einen Finger an seine Lippen und brachte ihn so zum Schweigen.

„Ja, Jayden. Nichts würde ich lieber wollen. Du bist mein," sagte sie lächelnd, und erleichtert und voller Freude küsste er sie.

„Morgen werden wir einen Ring aussuchen gehen. Es tut mir leid, dass ich keinen habe. Ich war einfach wieder zu impulsiv."

„Ich liebe es, wenn du so impulsiv bist", sagte sie und küsste ihn.„Ich liebe dich," wisperte sie glücklich, zog ihn auf sich und küsste ihn wieder.