Kapitel 1 – Einladungen
Bellas POV
Wenn mich früher jemand gefragt hätte, wie ich mich wohl in meinem Abschlussjahr der High School fühlen würde, hätte ich wahrscheinlich gesagt glücklich, gestresst durch Schulaufgaben, vielleicht etwas nervös wegen der bevorstehenden Prüfungen. Aber ich hätte niemals erwartet mich innerlich tot zu fühlen. Doch leblos war genau wie ich mich an diesem Tag fühlte, als ich vor dem kleinen Laden stand, in dem ich derzeit aushalf, und eine Zigarette rauchte. Und ja, ihr habt richtig gelesen, ich rauchte eine Zigarette. Ich konnte mich nicht mal daran erinnern wann oder wie genau ich diese meiner mindestens tausend schlechten Angewohnheiten eingeführt hatte, doch so war es nun mal.
Wenn wir schon mal von dem Laden sprechen, das klingt nicht nur nach einer von Charlies grandiosen Ideen, es war natürlich seine Idee. Als Edward mich verließ, fiel ich buchstäblich in dieses riesige schwarze Loch aus Verzweiflung, Angst und Selbstmordgedanken. Ich ging kaum noch zur Schule, denn es stellte sich schon bald heraus, dass Schule ohne Edward oder Alice ziemlich öde war. Eigentlich verließ ich auch kaum unser Haus. Im Großen und Ganzen verbrachte ich den Großteil des Tages im Bett, weigerte mich mehr als eine Kleinigkeit pro Tag zu essen und unterhielt mich nur selten mit Charlie. Natürlich fing er an sich Sorgen zu machen, wer kann's ihm verübeln. Schon bald zwang er mich wieder regelmäßig in die Schule zu gehen und zusätzlich wurde ich dazu verdonnert in diesem langweiligen Laden zu arbeiten. Allerdings war ich nicht sauer auf ihn, sowas war nun mal die Aufgabe eines Vaters.
Meiner Cousine Amber gehörte der Laden in dem ich nun schon seit 2 Wochen aushalf und ich verstand mich ziemlich gut mit ihr. Sie war 24, ziemlich klein und echt cool. Sie erinnerte mich sehr an Alice, aber ich versuchte nicht zu oft daran zu denken. Ich hatte ihr alles erzählt was zwischen mir und Edward vorgefallen war, unfreiwillig, und natürlich ohne gewisse Vampir-Details. Aber ich muss zugeben, dass es sich eigentlich ganz gut anfühlte mit jemandem darüber zu sprechen, nachdem Charlie nicht der richtige Ansprechpartner war wenn es um Edward ging. Natürlich war da noch Jacob, mit dem ich mich von Tag zu Tag besser verstand. Doch mir fiel auf, dass es ihn ebenfalls wenig begeisterte über Edward oder die Cullens im Allgemeinen zu diskutieren.
„Hey Bella, wie geht's?"
Wenn man vom Teufel spricht. Jacob betrat den Laden mit einem riesigen Lächeln auf seinem Gesicht und lehnte sich über den Ladentisch, um mir eine freundliche Umarmung zu geben. Ich konnte nicht anders als ebenfalls zu lächeln, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde.
„Hey. Wie du siehst bin ich sehr beschäftigt. Es waren bestimmt mindestens 2 Kunden hier in den letzten 3 Stunden, die total auf mein Fachwissen über Toilettenpapier angewiesen waren.", scherzte ich. Ich fühlte mich gut in Jacobs Gegenwart, denn er schaffte es immer, das Bisschen Sarkasmus hervorzubringen, das noch in mir steckte.
„Wow, ohne dich wären die sowas von aufgeschmissen gewesen.", lachte er. Plötzlich wurde sein Gesichtsausdruck ernst und ich wusste genau was nun anstand. Wir hatten diese Diskussion etwa 3- bis 5-mal pro Tag, abhängig von der Häufigkeit unserer Begegnungen.
„Du solltest wirklich wieder anfangen regelmäßig zu essen, Bella. Du siehst schrecklich aus."
Ich seufzte.
„Mach ich, Dad. Also, was treibt dich eigentlich hierher? Wolltest du einfach nur sehen ob ich mich schon von einer Klippe gestürzt habe, oder hast du einen besonderen Grund um mich zu besuchen?"
Seine Lippen verzogen sich wieder zu einem brillanten Lächeln und ich wusste sofort, dass er irgendwas im Schilde führte. Allerdings hatte ich sofort das Gefühl, dass es mir nicht besonders gefallen würde.
„Naja…du musst mir zuerst versprechen ‚Ja' zu sagen, bevor ich es dir erzähle."
Ich überdrehte die Augen.
„Du bist so ein kleines Kind."
„Versprochen?", wiederholte er.
„Nein."
Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. Er tat das Gleiche und setzte einen Schmollmund auf. Erneut musste ich mit den Augen rollen, denn mir wurde klar, dass ich gegen diesen Schmollmund wohl nicht ankam.
„Na gut. Ich verspreche ‚Ja' zu sagen."
„Juhu.", rief er erfreut. „Okay, hier sind die Fakten. Wir, das heißt das Rudel, Emily, Leah und Seth, halten heute Abend ein kleines Treffen bei Sam. Deine Anwesenheit ist sowieso Pflicht, also glaub nicht dass es das ist, wozu du ‚Ja' sagen wirst. Doch heute Abend besprechen wir das, was nächsten Samstag stattfinden wird. Und DAZU wirst du ‚Ja' sagen. Und ja, du hast richtig geraten, es ist eine riesige, phänomenale Party!"
Er konnte nicht anders als ein bisschen auf und ab zu springen, während er begeistert mit den Händen klatschte; er war so aufgeregt. Ich war so außer mir vor Freude, dass ich mich fast übergeben musste.
Nur so nebenbei, Jacob und sein sogenanntes „Rudel" waren Werwölfe. Richtig, als ob Vampire in meinem Leben nicht genug wären. Er hat mir erzählt, dass das Werwolf-Gen schon seit Generationen in seinem Blut war, doch der aktuelle Grund für seine Aktivierung und die darauffolgende Verwandlung waren die Cullens. Vampire sind ihre natürlichen Feinde und da die Cullens sich in der Nähe ihres Landes niedergelassen hatten, hatten sie keine andere Wahl als zu akzeptieren was sie eigentlich waren und ihr Land zu verteidigen, falls notwendig. Seit die Cullens weggezogen waren befinden sie sich in einer Art Ruhestand, zumindest bis ihnen neue Vampire zu nahe kommen. Aber fragt mich nicht, ich habe es eigentlich nie wirklich verstanden.
„Nun, da ich sowieso schon versprochen habe zu dieser Party zu gehen, bringt es jetzt wohl nicht mehr viel darüber zu diskutieren. Aber ich kann dir nicht versprechen besonders gute Gesellschaft zu sein.", sagte ich trotzig. Ich war ein wenig sauer über die Art, wie Jacob mich ausgetrickst hatte.
„Es wird lustig, du wirst schon sehen." Er zwinkerte mir zu und nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr setzte er fort: „Okay, dann werde ich dich mal wieder zurück an die Arbeit lassen, denn ich muss los. Sehen wir uns bei Sam, so gegen 8?"
Ich nickte nur und er umarmte mich noch einmal zum Abschied. Als Jacob ging, ging auch meine gute Laune und ich fiel wieder in meine übliche Depression. Amber war an diesem Tag nicht im Laden, also konnte ich mir ungestört vorstellen, in einen Abgrund zu stürzen oder von einem Zug überrollt zu werden.
Meine Gedanken schweiften zu dem bevorstehenden Zusammentreffen mit all den Leuten von La Push. Eigentlich hatte ich es immer genossen mit ihnen zusammen zu sein, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Nämlich wenn alle bemerkten, in welch schrecklichem Zustand ich mich derzeit befand, und anschließend anfingen ausgelassen darüber zu schimpfen, wie sehr sie die Cullens doch hassten und wie glücklich ich mich schätzen konnte, dass ich nicht mehr in unter ihrem Bann stand. Ich war mir nur nicht sicher wie viel ich davon ertragen konnte, ohne zusammenzubrechen.
Dieser Abend würde nicht gut enden, davon war ich überzeugt.
