FÜNF - Stark

Missing Scene aus "Redwood" ("Beste Freundinnen") - fügt sich zwischen die vorletzte und letzte Szene ein.

So oft sie auch in gefährlichen Situationen war, und so sehr es auch ein Teil ihres Berufes war - Teresa Lisbon wusste, dass sie sich niemals daran gewöhnen würde. Und genauso wusste sie, dass es gut so war, denn würden die Gefahr und solche Situationen plötzlich unter "normal" verbucht werden, würde sie in eine Routine verfallen, die eigentlich nicht vorhanden war - und das wäre fatal.

Jeder gelöste Fall bedeutete große Erleichterung; es nahm ihr einen Teil der Last von ihren Schultern. Sie fühlte sich verantwortlich für die Opfer - deshalb war sie überhaupt erst Polizisten und Mitglied des CBI geworden.

Viel zu viele Menschen starben eines sinnlosen Todes, und wenn sie auch nur einige der Männer und Frauen, die sch anmaßten, über Leben und Tod einer anderen Person entscheiden zu können, fassen konnte, dann half es ihr zu glauben, dass sie wenigstens etwas getan hatte.

Sie liebte ihren Job. Doch im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen liebte sie nicht den Nervenkitzel, der mit dieser Arbeit einherging. Sie wollte nur einen Fall so schnell wie möglich abschließen, ihn schnell lösen, damit sie sich rasch dem nächsten zuwenden konnte.

"Hey, tapfere Kämpferin", hörte sie eine sanfte, leise und vertraute Stimme hinter sich. "Alles in Ordnung?"

Nicht nur hatte er ihre Gedankengänge so abrupt beendet, dass sie aus dem Konzept geriet; die Art, wie er sie angesprochen hatte, verwirrte sie noch zusätzlich, so dass sie einen Moment brauchte, um zu realisieren, dass diesen Worten eine Frage gefolgt war.

"Ja, sicherlich. Der Mistkerl ist gefasst, es könnte nicht besser sein." Nicht einmal sie glaubte sich selbst und sie wusste, dass er es ebenso nicht würde. Verflucht sei seine gute Menschenkenntnis.

"Ich bin froh, dass Ihnen nichts passiert ist", fuhr er fort - und Lisbon dachte bei sich, dass sie niemals einen ernsteren Gesichtsausdruck bei ihm gesehen hatte. Sie wusste, dass sie ihm etwas bedeutete, ebenso wie er ihr, aber das war das erste Mal, dass sie es ihm auch ansah.

"Ich auch", lächelte sie und strich mit ihrer Hand kurz über seinen Arm. "Danke."

"Soll ich Sie zurück zum Hotel bringen?"

"Ja. Das wäre sehr freundlich", antwortete sie höflich, bereits wieder verloren in Gedanken, und er sah sie kritisch an, doch entschied sich dann, vorerst nichts zu sagen. Seine Hand an ihrem Rücken führte sie zum Auto und er öffnete ihr die Tür; dann stieg er selbst in den Wagen und fuhr los.

Jeder Polizist und Fahrlehrer wäre stolz gewesen darauf, wie er diesmal fuhr. Auch wenn er sonst der "Zeit ist Geld"-Typ von Fahrer war - oder vielleicht fuhr er einfach nur gerne schnell, sie wusste es nicht -, diesmal hielt er sich streng an die Vorschrift. So streng, dass es sich fast in den Wahnsinn trieb. Aber nur fast.

Er sagte nichts, wartete darauf, dass sie das Wort ergriff, ihm signalisierte, dass sie vielleicht reden wollte. Sie schätzte das sehr. Sie schätzte, dass er wusste, wann er einfach zu warten hatte; wann es für seinen gegenüber am hilfreichsten war, einfach nur still zu deuten, dass er da war, wenn man ihn brauchte - als Freund, als jemand zum Reden. Doch im Moment würde sie dieses stille Angebot nicht annehmen. Es gab kaum etwas, worüber sie jetzt reden wollte; es war nicht etwa so, dass sie Situation sie besonders mitnahm. Doch dem möglichen Tod ins Auge zu sehen war auch niemals etwas, das man einfach abhakte und vergaß. In diesem Augenblick wünschte sie sich vor allem eine heiße Dusche und ihr warmes, weiches Bett. Sie wollte nur schlafen, den Tag hinter sich lassen, denn sie wusste, dass am nächsten Morgen wieder alles in Ordnung sein würde.

Als er mitbekam, dass sie nicht reden wollte, schwieg auch er. Sie war nicht der Typ Mensch, der das Bedürfnis verspürte, über solche Ereignisse und Vorfälle zu reden, und er respektierte das. Er würde sie nicht drängen; er kannte sie dafür einfach zu gut. Wahrscheinlich wartete sie nur darauf, eine Dusche nehmen und sich danach ins Bett verkriechen zu können, etwas zu schlafen und ihren Kopf freizubekommen. Ihm war auch klar, dass sie niemanden brauchte, der auf sie aufpasste und über sie wachte, doch er sah nichtsdestotrotz, dass es ihr gut tat, diese Versicherung zu haben; dass jemand da war, sollte sie einen solchen Jemand brauchen. Und er war bereit, dieser Jemand zu sein. Denn so stark sie auch war, er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er auch auf sie aufpassen musste. Nicht dass er ihr das jemals sagen würde.

Zwanzig schweigsame, gedankenreiche Minuten später kamen sie am Hotel an. Noch immer schweigend, begleitete er sie zu ihrer Tür und wartete, bis sie öffnen würde. Doch statt dies zu tun, wandte sie sich um und sah ihn an.

"Danke", sagte sie schlicht, doch dieses eine Wort wirkte so bedeutungsschwer, wie es Tausende nicht mehr hätten sein können. Sie wussten beide, dass sie ihm für so viel mehr dankte als nur die Fahrt zurück zum Hotel.

Jane gab ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe.

"Gern geschehen. Und wenn Sie irgendetwas brauchen - rufen Sie mich", sagte er und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

"Das werde ich. Gute Nacht - Patrick." Sein Name war nicht mehr als ein Flüstern, das ihre Lippen verließ.

"Gute Nacht, Teresa."

ENDE