SECHS - (Un)Verschlossen

Eine kleine Ergänzung zu "Red Handed" ("Tisch 43") - ordnet sich nach der Szene, in der Jane den anderen die Geschenke gibt, und bevor sie zum Abendessen aufbrechen, ein. Der Rest der Folge wäre dementsprechend auch minimal abgeändert; zumindest gibts hier gleich noch einen Episode Tag dazu ;)

"Ich komme gleich nach", rief Lisbon dem Team nach, und verschwand rasch in ihrem Büro. Sie hatte ihr Handy auf dem Schreibtisch liegen lassen - und sie wollte den Schmuck anlegen. Nachdem sie die Geschenkschachtel auf dem Tisch abgelegt hatte, griff sie nach dem Mobiltelefon und verstaute es in ihrer Tasche; dann öffnete sie die Schatulle. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass Jane das wirklich getan hatte. Es war gegen die Regeln. Doch andererseits - was war eigentlich falsch oder verboten daran, dass er ihnen Geschenke machte? Es war immerhin nicht so, dass er damit ihre Aufmerksamkeit oder Zuneigung erkaufen wollte; er hatte ihnen damit einfach nur eine Freude machen wollen. Das war nicht das, was sie als Bestechung bezeichnen würde. Das war eben... Patrick Jane. Der Mann, der sich nicht um Vorschriften scherte. Und der Mann, der ihnen mit seinen unkonventionellen Methoden half - auf vielerlei Art und Weise.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie aufschauen, und bevor sie auch nur reagieren konnte, stand er, der gerade noch in ihren Gedanken gewesen war, bereits in ihrem Büro und schloss die Tür hinter sich.

"Eine Frau sollte sich solchen Schmuck nicht alleine anlegen müssen."

"Ist schon okay, Jane. Ich komme klar, danke. Vielleicht braucht ja Van Pelt Hilfe."

"Keine Sorge, sie hat Hilfe. Rigsby war da sehr zuvorkommend."

Sie verdrehte die Augen. "Natürlich."

Sie sahen einander für einen Moment an. Es war nicht schlimm, wenn man sich in der Gegenwart des anderen mal nicht wohl fühlte, aber es war weniger gut, wenn man nicht wusste, warum das so war, dachte Lisbon bei sich. Es war irgendwie eine seltsame Situation; seit wann war ihr bloß seine Anwesenheit so unangenehm, und, was viel entscheidender war - seit wann fühlte er sich denn in der Gegenwart überhaupt irgendeines Menschen unwohl? Und es war offensichtlich, dass ihm irgendetwas in diesem Moment unangenehm war.

Eine seltsame Situation, eindeutig.

"Also... darf ich?", fragte er plötzlich und deutete auf die Schatulle.

"Wenn Sie darauf bestehen", seufzte sie, lächelte aber doch, als sie ihm den kleinen, weißen Kasten gab, den er dankbar entgegen nahm. Während er vorsichtig das Collier in die Hände nahm und sich mit Verschluss vertraut machte, kümmerte sie sich um die Ohrringe, die kurz darauf rechts und links von ihrem Gesicht glitzerten. Schließlich legte Jane ihr das Collier um.

"Ich wusste, dass es zu Ihren Augen passen würde!", rief er fröhlich aus und für einen Moment war sie verwirrt, als er so plötzlich sein Verhalten änderte. Als er ihren irritierten Blick bemerkte, erklärte er: "Ich hatte gehofft, dass die Farbe perfekt zu ihrer Augenfarbe passen würde - und das ist tatsächlich der Fall. Grün steht Ihnen wirklich phantastisch."

Seine Worte ließen sie etwas erröten, und sie räusperte sich, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Mit Verbrechen und Mördern konnte sie umgehen - bei Komplimenten sah das schon ganz anders aus. Und dass er jetzt so dicht vor ihr stand, mit seinen Händen in ihrem Nacken sich im den Verschluss kümmernd, während seine Augen in ihren offensichtlich wie in einem offenen Buch lasen, war wenig hilfreich.

Mit jeder Sekunde kam sein Gesicht dem ihren näher, und ihre Gedanken rasten. Sollte sie zurückweichen? Sollte sie sich eines Tricks bedienen, zum Beispiel vorgeben, dass sie etwas im Auge hätte? Sollte sie es einfach geschehen lassen? Würde überhaupt etwas passieren? Was würde sich verändern... oh nein, sie konnte es nicht zulassen. Das würde eine Menge Dinge mit Sicherheit sehr kompl...

"Fertig!" Sie schreckte bei seinen Worten auf und sah sich, völlig durcheinander, um.

"Was?"

"Es sollte jetzt fest sein. Ich... ich werde unten warten", erklärte er ihr und war schon aus der Tür, bevor sie überhaupt Luft für eine Antwort holen konnte.

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Es war ein langer Tag gewesen, und obgleich er sehr angenehm geendet hatte, so war Teresa Lisbon doch froh, endlich zu Hause zu sein. Ins Bett fallen und schlafen klang für sie nach einer großartigen Idee. Sie gähnte, zog Jackett und T-Shirt aus und ließ beides achtlos fallen. Normalerweise war sie recht ordentlich veranlagt, doch in dieser Nacht ignorierte sie diesen Ordnungsdrang einfach. Sie würde sich am Morgen darum kümmern.

Doch als sie sich auf den Weg ins Bad machte, wurde sie von einem Klopfen an ihrer Appartementtür aufgehalten. Sie stutzte. Sie erwartete niemanden - und sie war außerdem nicht gerade in der Stimmung für Besuch. Unglücklicherweise jedoch gab ihr unbekannter Besucher nicht so schnell auf - ein zweites Klopfen hallte durch ihre Wohnung. Ergeben seufzte sie so und tappte barfuss zu ihrer Eingangstuer, um durch den Spion zu sehen.

Sie war überrascht, Patrick Jane zu sehen - so überrascht, dass sie aus Reflex die Tür augenblicklich öffnete, völlig vergessend, dass sie am Oberkörper nicht mehr als ihren BH trug. Erst sein schelmisches Grinsen und dass er dann demonstrativ wegsah ließen sie realisieren, dass etwas so sein musste, wie er es nicht erwartet hatte, und sie brauchte kaum eine weitere Sekunde, um zu begreifen, was genau das betraf.

Entsetzt warf sie die Tür wieder zu und suchte verzweifelt nach ihren Shirt, das aber scheinbar vom Boden verschlungen worden war, denn es war einfach nicht mehr auffindbar. So griff sie schließlich einfach nach ihrem Jackett hüllte sich darin ein, bevor sie die Tür abermals öffnete.

Er grinste noch immer. Sie verdrehte die Augen. Manchmal konnte er so ein unglaubliches Kind sein, dass es sie aufregte.

"Gibt es etwas, das ich für Sie tun kann?"

"Ja, da gibt es tatsächlich etwas." Jane hielt die ihr wohl bekannte Schachtel hoch - die mit ihrem Schmuck. Sie wollte schon protestieren, doch er ließ sie erst gar nicht zu Wort kommen. Stattdessen fuhr er fort: "Bitte. Ich werde es zurückgeben, das verspreche ich. Aber ich... wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann würde ich Sie bitten, es ein letztes Mal anzulegen und... mich vielleicht ein Foto davon machen zu lassen." Er klang schon fast zögernd und schüchtern.

Kopfschüttelnd ließ sie ihn herein. "Sie haben zehn Minuten", sagte sie, doch das Zucken ihrer Mundwinkel strafte ihren strengen Tonfall Lügen.

"Gut", bestätigte Jane ihre Worte lapidar und nutzte ein paar Sekunden seiner zehn Minuten, um rasch den Raum, in dem sie standen, zu betrachten. Dann ging er einen Schritt auf sie zu und reichte ihr den Schmuck, von dem sie die Ohrringe nahm; um die Kette würde, wie zuvor im Büro, er sich kümmern. Und wie erwartet widmete er sich der Kette und legte sie um ihren Hals. Es war die gleiche Prozedur wie einige Stunden vorher. Nun - fast.

"Vorhin ist das irgendwie einfacher gewesen", murmelte er nach einer Minute, um dann entschuldigend hinzuzufügen: "Ich muss den Verschluss jetzt doch sehen." Sie nickte und hob ihre Haare, die ihr auf die Schultern fielen, hoch, als er um sie herum lief und hinter sie trat. Vorsichtig schob er ein wenig den Kragen ihres Jacketts beiseite, der seinen Händen und seinen Verschließversuchen im Weg war, und wurde von Lisbon überrascht, als sie das Kleidungsstück etwas nach unten zog, so dass es ihre Schultern freigab und der Kragen nun um ihre Oberarme lag.

Jane brauchte einige Momente, um das sture Ding, wie er es das, was eine Art Sicherheitsverschluss sein musste, zu bändigen, und sie bemühte sich, möglichst still zu halten, während er arbeitete - denn jedes Mal, wenn seine Fingerspitzen die empfindsame Haut in ihrem Nacken berührten, verursachten sie ein Kribbeln, das ihre Knie weich werden ließ. So konzentriert auf das Gefühl - oder eher das Ignorieren desselben -, bemerkte sie beinahe nicht, wie er ihr einen Kuss auf die Schulter gab. Ein zarter, kaum merklicher Kuss, der nichts Erotisches an sich hatte, und doch hatte er ihn dort hinterlassen, wo sie nur von einem Liebhaber einen Kuss erwarten würde.

Als er wieder vor ihr erschien, trafen sich ihre Blicke. Er zeigte keine noch so kleine Regung, und er machte auch keine Anstalten, etwas zu tun, irgendetwas. Er stand einfach da, dicht vor ihr. Und es brachte sie beinahe um den Verstand. Wahrscheinlich war es das, was man ein Déjà vu nannte.

"Ich... dachte, Sie wollten ein Foto machen?", durchbrach sie die Stille. Er lächelte nur.

"Das habe ich schon." Er tippte an seinen Kopf. "Längst fertig." Für einen Moment bedachte er sie mit einem intensiven Blick und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen, bevor er hinzufügte: "Die Smaragde sehen wirklich wunderschön zu Ihren Augen aus. Sie sehen wunderschön aus", sagte er leise und sie errötete ob seiner Worte.

Ein kleiner Teil von ihr stellte fest, dass er sie in letzter Zeit ziemlich oft dazu brachte, rot zu werden - ein wenig zu oft. Doch in diesem Augeblick kümmerte sie das nicht. So war es nun mal, wenn man Patrick Jane ständig um sich hatte.

ENDE