SIEBEN - Stiller Dank

Schließt genau an "Seeing Red" ("Stimmen aus dem Jenseits") an; obwohl ich es nicht wirklich als Episode Tag bezeichnen würde.
Der Songtext gehört zu dem Titel "
This House" von Alison Moyet. Irgendwie finde ich, dass der Song bzw. der Text gut zu Jane und seinem Leben passt.

Vor fünf Jahren hatten ihm seine eigene Arroganz und Dummheit das Herz zerrissen. Als er seine Frau und seine Tochter verloren hatte, die beiden Menschen, die er mehr als alles andere auf der Welt geliebt hatte, war ihm auch sein eigenes Leben entglitten. Der Sinn seines Lebens bestand nur noch darin, den Mann zu finden, der das getan und noch so viele andere Frauen getötet hatte. Er lebte für die Rache, und für die Gerechtigkeit. Er wollte, dass dieser Mann litt, er wollte, dass er seinem Tod ins Auge sehen musste; dass ihm bewusst werden würde, dass sein Ende gekommen war, bevor er sein Leben ließ.

Doch was auch immer geschah - Patrick Jane war klar, dass nichts von alledem ihm seine Familie zurückbringen würde.

Er wusste nicht, ob er den Worten dieser Wahrsagerin vertrauen konnte. Er wusste nicht, ob er es sollte - oder wollte. Ihre Worte hatten sein Herz sich zusammenkrampfen lassen, und dennoch auf eine gewisse Art und Weise dieses Tosen, das ihm innewohnte, beruhigt - das Tosen aus Schuld und Schmerz. Zu wissen, dass seine Tochter möglicherweise nicht mitbekommen hatte, was ihr geschah, dass sie diesen Schrecken nicht sehen musste, bevor sie ihn erfuhr, machte es nicht leichter; und doch tat es das irgendwie.

Jahrelang war er wie betäubt gewesen vor Trauer und Schmerz; jahrelang war er nicht in der Lage gewesen zu weinen, nicht einmal auf der Beerdigung. Jahrelang hatte er nur immer und immer wieder dieses rote Gesicht aus Blut an der Wand seines früheren Schlafzimmers angesehen, diese hämisch grinsende Fratze, die ihn auszulachen schien, und die Nächte auf einer einfachen Matratze auf dem Boden verbracht. Und waren seine Gedanken nicht gerast, alles wieder und wieder abspielend, dann war sein Kopf leer gewesen, und er zu keinem Gedanken fähig. Genauso, wie er unfähig war zu schlafen. Oder zu weinen. Der rasenden Wut und Trauer in ihm Ausdruck zu verleihen, seine Faust in die Wand zu schlagen, seinen Schmerz herauszuschreien. So wie es die meisten Menschen tun würden.

Danach, seine Gefühle durch toben und schreien herauszulassen, war ihm noch immer nicht - doch wenigstens fühlte er endlich Tränen in seinen Augen und über seine Wangen rollen. Und auf eine seltsame Art und Weise fühlte er sich lebendig. Das erste Mal in fünf Jahren fühlte er sich wieder lebendig. Sein Herz war zum zweiten Mal in seinem Leben zerbrochen, doch, so makaber es auch erschien, immerhin war es etwas, das er fühlte; er fühlte sich selbst. Endlich fühlte er sich nicht mehr wie eine leere, leblose Hülle. Es war, als würden die Tränen sein Herz und seine Seele von dieser Kette, die sie schon so lange umklammert und fast zerdrückt hatte, befreien.

Und so weinte er. Weinte um seine Frau und seine Tochter das erste Mal seit ihrem Tod. Und er fühlte, wie sein Herz, wenn auch kaum merklich, ein wenig heilte.

((Here stands an empty house
That used to be full of life...
It's cold in here
Cover me))

Who can take your place?
I can't face another day
And who will shelter me?

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Er brauchte eine halbe Ewigkeit, um seine Sinne zu reaktivieren und sich in der Lage zu fühlen, in die Welt außerhalb seiner Gedanken - und Probleme - zurückkehren und wieder der Patrick Jane sein zu können, den alle kannten - der charmante, immer lächelnde Mann. Auch wenn er wusste, dass es ihm diesmal kaum gelingen würde vorzugeben, dass alles in Ordnung war. Er war froh, dass es schon spät war und die meisten bereits nach Hause gegangen waren; vielleicht würde er niemanden mehr antreffen müssen. Doch als er aus dem Raum, in dem er gesessen hatte, trat und zurück in das nun leere und nur schwach beleuchtete Teambüro lief, prallte er beinahe mit seiner Chefin zusammen.

"Hey", sagte sie leise und sah ihn eindringlich an.

"Hey." Teresa Lisbon war es nicht gewohnt, dass er so sparsam mit Worten war; doch kommentierte sie es nicht. Sicherlich gab es einen Grund für die Bemerkung, die Van Pelt ihr gegenüber zuvor gemacht hatte - dass er möglicherweise etwas Aufheiterung brauchen könnte. Und Lisbon hätte blind sein müssen, um nicht die Spuren der Tränen und seine geröteten Augen zu bemerken.

Sekunden um Minuten der Stille breiteten sich zwischen ihnen aus und sie dachte bei sich, dass dies das erste Mal war, dass das normalerweise angenehme Schweigen zwischen ihnen irgendwie unheimlich war. Sie ahnte nicht, dass er dieses Gefühl teilte - auch wenn es eher deshalb war, weil er wusste, dass sie sehen würde, dass er geweint hatte, und er einfach nur weg von ihr und aus dem CBI Gebäude raus wollte - er wollte einfach nur nach Hause fahren.

"Haben Sie schon Pläne für heute Abend?", fragte sie und lächelte ihm aufmunternd zu. Doch das sah er nicht; sein Blick hatte sich irgendwo im Raum verloren. Er antwortete auch nicht, sondern schüttelte lediglich den Kopf. So schnell allerdings wollte sie nicht aufgeben. "Wie wäre es mit einem Drink?", versuchte sie es nochmals. Endlich sah er sie an, und sie erkannte sofort die Traurigkeit hinter dem Lächeln, das seine Lippen zu formen versuchten. "Sie sehen aus, als könnten Sie ein wenig Aufmunterung gebrauchen", fügte sie noch hinzu, hätte sich aber im gleichen Moment am liebsten einen Tritt versetzt. Allerdings, so stellte sie fest, erreichte das Lächeln nun auch seine Augen - auch wenn es immer noch ein eher trauriges Lächeln war.

"Das ist sehr lieb von Ihnen, Teresa." Dass er ihren Vornamen nutzte, warf sie für einen Augenblick etwas aus der Bahn. Doch noch bevor sie sich fangen und eine Antwort geben konnte, fuhr er schon fort: "Aber ich fürchte, dass ich das Angebot ablehnen muss. Ich würde gerne darauf zurückkommen, aber nicht heute. Heute... möchte ich nur alleine sein." Es gab keinen Grund, ihr nicht die Wahrheit zu sagen; sie war zu clever, als dass er etwas Anderes versucht hätte.

Sie nickte und deutete ihm, dass sie verstand. "Aber... Sie wissen... wenn Sie das Bedürfnis nach etwas Gesellschaft verspüren sollten..."

"Dann habe ich Ihre Nummer. Und Sie werden die erste Person sein, die ich anrufe."

Lisbon schenkte ihm ein sanftes Lächeln. Das erste Mal konnte sie für ihn da sein. Es war gut zu wissen, dass er offensichtlich Vertrauen zu ihr hatte. Es war wie eine Art, ihre Art, ihm zu helfen. Und es fühlte sie an wie Freundschaft.

Sie sah ihn fragend an, als er seine eigenen Fingerspitzen küsste und dann ihre Hand nahm und diese vorsichtig drückte - und ihr damit den Kuss in einer Geste des stillen Danks gab. Mit einem letzten, traurigen Lächeln ging er.

Und als sie ihm hinterher sah, hoffte sie, dass sie dieses traurige Lächeln nie wieder würde sehen müssen.

ENDE

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Entschuldigt... ich hab damals beim Schluss dieser Folge geweint; Patrick tat mit so unendlich Leid, daher konnte ich mich nicht überwinden, was Fröhliches für diese Folge zu schreiben.