ACHT - Süß

Spielt am Anfang von "The Thin Red Line" ("Schüsse in Zimmer 22").
Btw, ist mal jemandem aufgefallen, dass der deutsche Titel falsch ist? Die Zimmernummer war nämlich die 222, nicht die 22...

Teresa Lisbon mochte es, wenn ihre Arbeit so einfach war. Halbwegs einfach wenigstens; eine Adresse serviert auf einem Silbertablett ging aber auf jeden Fall als "einfach" durch. Und als "sehr hilfreich"; jeder von ihnen wollte Fälle so schnell wie nur möglich abschließen und alles, das dabei half, wurde freudig begrüßt.

Sie hört sich selbst "Fahren wir." zu ihrem Kollegen Patrick Jane sagen, doch der war schon längst auf dem Weg zum Auto. Manchmal fragte sie sich wirklich, warum sie ihm solche Dinge überhaupt noch sagte. Es gab nur eine Begründung, die ihr einfiel - auch wenn er ganz gut wusste, wie man Fälle löste, und darin zumeist auch die Hauptrolle spielte, musste ihm doch ein ums andere Mal gesagt werden, wie er das innerhalb der Vorschriften zu tun hatte...

Die Fahrt vom Motel zu Patrice Matigans Haus war, wie es üblich war für ihre gemeinsamen Autofahrten, ruhig und schweigsam. Doch nicht in einer unangenehmen Art und Weise; eher im Gegenteil hatte sie gelernt, diese Stille zu schätzen. Beide hingen ihren eigenen Gedanken nach, egal ob es nun welche den Fall oder etwas Privates betreffend waren. Es war gut jemanden zu haben, der nicht das Bedürfnis hatte, ständig zu reden und sich zu unterhalten, jemanden, der stattdessen einfach mal schweigen konnte. Auf der anderen Seite mochte sie aber auch die Unterhaltungen, die sie führten, und die Leichtigkeit, mit der sie über alles nur Erdenkliche reden konnten.

Und dieses Mal, so entschied sie für sich, wollte sie reden.

"Sie und das Baby... das sah wirklich sehr süß aus, wissen Sie das?" Sie grinste, als sie sah, wie es in seinem Kopf arbeitete.

"Reden Sie von mir oder dem Baby?", fragte er unschuldig nach und lächelte sie gewinnend an, während er so tat, als würde er gespannt und auch etwas unsicher ihre Antwort erwarten.

"Von Ihnen", sie machte eine dramaturgisch gut platzierte Pause, "mit dem Baby."

"Das sagte man mir auch, als meine Tochter geboren wurde", erwiderte er, und für einen Moment sah Lisbon, wie Trauer und Schmerz über sein Gesicht huschten, doch das verschwand so schnell, wie es gekommen war.

Vorsichtig, Lisbon, warnte sie eine innere Stimme, das ist gefährliches Terrain. Sie war kaum in der Lage, den Gedanken zu beenden, als er bereits hinzufügte: "Sie hätten die Kleine auch mal halten sollen. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Sie mit einem Baby aussehen würden."

"Ich? Oh, ich hab es nicht so mit Kindern. Als mein Neffe geboren wurde, verbot mir meine Schwägerin, ihn zu halten, nachdem ich es das erste Mal versucht hatte." Sie sah ihn verwirrt an, als er leise lachte. "Was ist so witzig daran?"

"Was denn? Haben Sie ihn am Fuß hochgehoben?"

"Ganz so unfähig bin ich dann doch nicht, Jane."

"Ich stell mir nur gerade vor, wie Ihre Schwägerin fuchtig geworden ist, nur weil Sie das Baby um fünf Grad im falschen Winkel gehalten haben." Sie runzelte sie Stirn und er hielt einen Moment inne; dann wurde er ernster. "Sehen Sie, Ihre Schwägerin hatte, als ihr Sohn geboren wurde, genauso wenig Erfahrung im Umgang mit Neugeborenen wie Sie. Aber werdende Mütter entwickeln diesen Mutterinstinkt. Einige Frauen haben ihn bereits vor ihrer ersten Schwangerschaft, aber die meisten wissen nicht, wie sie ein Baby halten müssen oder was es braucht, bevor sie schwanger werden oder gebären."

"Und...?" Sie verstand nicht, worauf er hinaus wollte.

"Und... ich bin sicher, dass Sie eine wundervolle, liebevolle und sorgende Mutter wären."

"Klar. Kaum zu Hause, ständig mein Leben riskierend und mich selbst in Gefahr bringend... ich wäre eine großartige Mutter, da haben Sie Recht", gab sie grummelnd zurück. Er lächelte nur - etwas, das sie als furchtbare Angewohnheit verbuchte, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße zuwandte.

Nach ein paar Minuten des Grübelns, das im Auto förmlich spürbar war, setzte er erneut zum Sprechen an.

"Manche Frauen brauchen am Anfang Anleitung dazu, wie sie ein Baby am besten halten, wie sie es zu füttern haben, zu wickeln, und solche Dinge. Nicht weil sie es nicht wissen, sondern einfach, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Schwestern und Hebammen bringen ihnen das Grundlegende bei, und dass ein Baby kein zerbrechliches Stück Glas ist. Meine Frau erhielt nie diese Art von Anleitung, als meine Tochter geboren wurde; sie wusste einfach, was zu tun war. Ich kann nicht behaupten, dass ich wüsste, wie es sich anfühlt, aber ich weiß, dass Frauen so etwas spüren, dass sie instinktiv wissen, wie sie mit einem Baby umgehen müssen."

Sie war überrascht, wie offen er über dieses Thema, über seine Frau und Tochter, sprach. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass er ihr etwas mit alledem sagen wollte; aber sie bekam schlichtweg nicht heraus, was es war oder sein konnte. Zugegeben, sie hatte damit angefangen; sie hatte über ihn und die Kleine gesprochen.

"Wissen Sie, ich habe Ihre Reaktion auf das Baby gesehen. Wie zärtlich Sie sie angesehen haben. Aber ich sah auch, wie... ängstlich Sie waren, sich ihr zu nähern. Doch es gibt nichts, wovor Sie Angst haben müssten. Besonders nicht davor zuzugeben, dass Sie Kinder mögen. Und dass Sie gerne eigene hätten."

Zweimal öffnete sie den Mund, um etwas zu sagen - doch beide Male schloss sie ihn gleich wieder, ohne auch nur ein Wort herausgebracht zu haben. Sie konnte darauf nur schwer etwas erwidern; sie wusste, dass er Recht hatte, aber sie zog es vor, dass er das nicht erfuhr. Es würde nur dazu führen, dass sie über das Thema, über ihren Wunsch nach einem eigenen Kind, wirklich nachdenken würde - und darüber, dass dieser Wunsch momentan unerfüllbar war. Aus verschiedenen Gründen.

Er schien ihre Zurückhaltung zu akzeptieren; er merkte, dass sie nicht über das Thema sprechen wollte, wenigstens nicht jetzt. Ihm war klar, dass dies kein einfaches Thema war - für keinen von ihnen beiden. Ihre Leben warteten mit Eventualitäten auf, die es ihnen einfach nicht erlaubten, sie mit eigenen Familien zu verbringen. Der einzige Unterschied war, dass er wusste, wie es war, eine Familie zu haben. Und ohne sie zu leben, nachdem man sie verloren hatte.

Sie verfielen wieder in Schweigen, bis sie ankamen. Lisbon wollte bereits zum Bungalow vorgehen, doch als sie seine Stimme hörte, blieb sie stehen.

"Äh, Lisbon?"

"Ja?" Mit einem Winken deutete er ihr, dass sie zu ihm kommen sollte, und sie leistete seiner wortlosen Bitte Folge, obgleich auf ihrem Gesicht Skepsis lesbar war.

"Ich hoffe wirklich, dass ich Sie eines Tages ein Baby im Arm halten sehen werde", sagte er ihr und sein Tonfall verlieh seinen Worten eine gewisse Bedeutungsschwere. Dann legte er zwei Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht etwas an, bevor er einen Kuss direkt über ihrem Mundwinkel hinterließ.

ENDE