NEUN - Berufsgeheimnis
Beliebig einsetzbar an irgendeiner Stelle in der Folge "Flame Red" ("Flammen der Rache"); würde aber auch als Episode Tag funktionieren.
"Sie wollten mich sprechen?", fragte Patrick Jane, als er seinen Kopf durch die halb geöffnete Tür zu Teresa Lisbons Büro steckte.
"Ja, kommen Sie rein, und schließen Sie bitte die Tür."
Er zog eine Augenbraue in die Höhe und grinste schief.
"Sie planen aber nichts Unanständiges, oder?"
Lisbon verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts, bevor nicht die Tür geschlossen war. Dann verließ sie ihren Platz hinter ihrem Schreibtisch und lief um diesen herum, um schließlich vor ihrem Kollegen stehen zu bleiben.
"Ich will wissen, wie es funktioniert", sagte sie und musterte ihn dabei mit eindringlichem Blick.
Er sah sie aus großen Augen an; zwar war das Grinsen noch da, doch zog er ernsthaft in Betracht, dass "unanständig" vielleicht gar nicht so falsch gewesen war.
"Wie was funktioniert?", hakte er vorsichtig nach.
"Wie dieser Trick funktioniert. Ich will es lernen." Es brauchte all seine Willenskraft, um zu verhindern, dass sich seine Kinnlade auf seinen Füßen eine neue Heimat suchte.
"Warum?"
"Weil... nun... einfach darum." Sie würde ihm nicht sagen, dass sie der Gedanke, dass er tatsächlich ihre Gedanken lesen könnte, etwas nervös machte, auch wenn sie es eigentlich nicht glauben wollte. Doch es war eine Tatsache, dass sie es nun mal glaubte. Und da es irgendwie nicht geholfen hatte, sich einen mentalen Tritt zu versetzen...
"Nicht gerade die beste Erklärung."
"Es spielt keine Rolle, warum, Jane. Ich will es einfach nur wissen."
"Es spielt eine Rolle für mich. Ich kann doch nicht einfach meine Tricks verraten. Und meine Chance aufgeben, ihre Gedanken zu lesen." Sie ignorierte seinen letzten Kommentar geflissentlich.
"Kommen Sie schon, es alles für sich selbst zu behalten ist unfair."
"Ich musste mir das alles selbst beibringen. Und Sie werden es genauso schaffen."
"Das muss ich nicht, ich habe ja Sie."
"Vielleicht haben Sie mich, aber das heißt ja nicht, dass Sie meine Tricks haben. Und meine Kräfte."
"Ich hab eine Waffe."
"Gutes Argument."
Mit einem fast schon verlegenen Räuspern stellte er zwei Stühle so hin, dass sie sich gegenüber standen.
"Setzen Sie sich."
"Sie machen es wirklich?", wunderte sich Teresa, ehrlich überrascht. Er antwortete nicht, sondern klopfte nur auf die Sitzfläche des einen Stuhls. Also setzte sie sich wortlos und grinste glücklich.
"Okay. Schließen Sie Ihre Augen." Sie tat, wie ihr geheißen - und sah so nicht das feine Lächeln, das Patricks Lippen umspielte. "Ich möchte, dass Sie sich konzentrieren. Ihr Kopf muss frei sein von allen Gedanken und sich nur noch im Hier und Jetzt befinden. Hören Sie einfach auf meine Stimme und lassen Sie sich von ihr leiten; lassen Sie die Welt hinter sich und ihre Gedanken schweben; fliegen Sie davon."
Irgendwo in ihrem Hinterkopf schlich sich die Frage ein, warum er offensichtlich versuchte, sie zu hypnotisieren, doch letztlich war es auch egal, denn sie war bereits in eine Trance gefallen. Ihr Atem wurde ruhig und gleichmäßig; obwohl sie nicht schlief und nach wie vor alles um sich herum wahrnahm, war sie doch völlig entspannt.
Auf einmal hörte sie das Rascheln von Kleidung und fühlte seinen Atem auf ihrem Gesicht. Doch konnte sie nicht reagieren - und erstaunlicherweise beunruhigte sie das in keiner Weise.
"Einige Geheimnisse sollten geheim bleiben - sonst verlieren sie ihre Magie", flüsterte er in ihr Ohr und diese Nähe ließ sie erschaudern, bescherte ihr Gänsehaut. Als sie schon dachte, dass er sich wieder entfernen würde, überraschte er sie, indem er ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange gab.
"Sie können jetzt zurückkehren", löste er dann ihre Trance mit leiser Stimme. Als sie die Augen öffnete, war er bereits gegangen. In diesem Moment realisierte sie, dass sie sich fühlte, als hätte sie mehrere Stunden geschlafen. Sie lächelte und schüttelte den Kopf, Jane im Stillen dankend.
Vielleicht sollte sie sich zumindest diesen Trick merken.
ENDE
