Kapitel 3 – Liebe

Die Liebe verleiht Flügel. Sie verlieh mir auch einmal Flügel. Jason. Cameron. Brandon. Und wie sie alle hießen. Sie alle verliehen mir Flügel. Auch ich habe ihnen Flügel verliehen. Daran glaubte ich zumindest. Ja, ich glaubte daran, bis mich einer nach dem anderen verließ. Warum? Weil sie mich nicht liebten. Ihr glaubt, das war das Schlimmste? Verlassen zu werden? Ja, es ist schlimm. Aber das Schlimmste ist, am Tag der Hochzeit sitzen gelassen zu werden. Vor dem Altar. Vor allen Hochzeitsgästen. Ja, verlassen zu werden ist schlimm. Doch was bleibt zurück, nachdem man verlassen wurde? Demütigung. Die Demütigung, an seinem Hochzeitstag von dem Mann verlassen zu werden, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen wollte. Sasuke. Er sollte mein Zukünftiger sein. Meine große Liebe. Ihr glaubt, das hört sich nach einem schlechten Hollywood Drama an? Ja, aber es ist mein Leben. Und die Demütigung, die ich erfahren habe, gehört jetzt dazu. Genauso wie das verlorene Vertrauen in die Liebe. Die Liebe verleiht Flügel, so sagt man. Aber ich habe verlernt zu fliegen."

Marron

*Flashback*: Marron – 22 Jahre, Uub – 22 Jahre, Sasuke – 23 Jahre

Marron strich sich die Strähnen ihrer Hochzeitsfrisur aus dem Gesicht, die aufgrund des Windes völlig zerstört war. Die vergossenen Tränen hinterließen schwarze Spuren ihres verlaufenen Make-ups im Gesicht. Sie flog seit Stunden. Oder vielleicht waren es doch nur Minuten. Sie wusste es nicht mehr. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Aber eigentlich war es ihr auch egal. Die Orientierung hatte sie schon längst verloren. Sie flog einfach nur weit weg. Berge, Bäume, Flüsse zogen an ihr vorbei. Vorbei. Vorbei war auch ihr Leben. Ihre Träume. Ihre Liebe. Ihre Hochzeit. Alles aus und vorbei. Mit einem Moment alles ausgelöscht. Wie konnte so etwas passieren? Wie konnte ihr so etwas passieren. Das konnte doch nicht die Realität sein. Sie musste träumen. Sie wünschte sich nichts mehr als das sie jemand aus diesem Alptraum erweckte. Aber das würde nicht geschehen, da war sie sich sicher.

Marron ließ die Szenen ihrer Hochzeit die sich vor einigen Stunden abspielten, immer und immer wieder Revue passieren. Was war nur schief gelaufen?

Sie schritt den langen Gang der Kirche entlang. Am Altar stand ihr Verlobter, bald Ehemann Sasuke. Sie hielt den Arm ihres Vaters Krillin, der sie zum Altar begleitete. Links und rechts neben dem Gang standen ihre Familie und Freunde, welche ihr zusahen, sie anlächelten, manche mit Tränen der Freude in den Augen, als sie den mit Blütenblättern bestreuten roten Teppich entlang ging. Die prunkvolle Kirche strahlte im goldenen Glanz. Der Glitzer an ihrem weiß verzierten Brautkleid reflektierte das Sonnenlicht, welches durch die bunten Fenster schien. Ihre Hochsteckfrisur schmückten links und rechts zwei Rosen, darunter war ein Schleier befestigt, der bis zum Boden reichte. Das Make-up war dezent, aber geschmackvoll.

Als sie am Altar ankamen übergab ihr Vater sie an Sasuke, der gequält lächelte. Je näher sie dem Ja-Wort kamen, desto seltsamer verhielt sich Sasuke. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und er zupfte unentwegt an seiner Krawatte, als ob sie ihm die Luft abschnürte. Marron griff nach seiner Hand um ihn zu beruhigen. Sie dachte es sei einfach die Nervosität. Auf seiner eigenen Hochzeit darf man doch nervös sein. Richtig? Doch tief im Inneren schlich sich ein ungutes Gefühl ein, welches sie versuchte beiseite zu schieben.

Marron, willst du Sasuke lieben, achten und ehren, in guten wie in schlechten Tagen, bis das der Tod euch scheidet? So antworte mit Ja.", sprach der Pfarrer und riss sie aus ihren unliebsamen Gedanken.

Ja!", antwortete sie glücklich und selbstsicher. Der Priester stellte die gleiche Frage an Sasuke und Marron konnte seine Antwort kaum abwarten. Doch sie wartete vergebens. Die erlösende Antwort sollte sie nicht erhalten. Die Antwort, welche eine glückliche Zukunft bedeuten sollte. Dieses kleine Wort, welches ein Leben veränderte. Er musste es doch nur aussprechen. Ja – war alles was sie in diesem Moment hören wollte. Doch stattdessen hörte sie nichts. Nicht einmal ein „Nein". Sie sah zu Sasuke der beschämt zu Boden blickte.

Sag es", sagte Marron mit tränenerstickter Stimme. Sasuke schluckte kräftig, als ob er einen dicken Kloß im Hals hätte. „Sag es..bitte.", flehte sie ihn an. Hinter sich hörte sie ihre Gäste tuscheln. Alle erwarteten eine Antwort. Doch noch immer fand Sasuke seine Stimme nicht. War sie ihm denn gar nichts wert? Nicht einmal ein „Nein"?

Sasuke", versuchte es Marron nochmals.

Es..es..tut mir leid.", flüsterte er. „Ich kann das einfach nicht."

Marron sah ihn ungläubig an. Um sie herum wurden die Stimmen immer lauter, welche sie allerdings kaum wahrnahm. Ihre Gedanken kreisten wild durcheinander. Kein Gedanke war klar. Ihr Kopf war voll und fühlte sich dennoch leer an. Genau wie ihr Herz. Fühlte sie Traurigkeit? Oder Enttäuschung? Oder Demütigung? Oder alles zusammen? War das gerade real? Oder war es nur ein böser Traum? Solche Dinge passierten – angeblich. Aber nicht ihr. Ihr. Marron. Nach ihr drehten sich die Männer um, steckten ihr Telefonnummern zu und pfiffen ihr nach. Und jetzt wurde ihr eine Abfuhr erteilt. Von ihrem Verlobten. Vor dem Altar!

Marron", sagte eine Stimme, die sie als ihre Freundin Bra identifizierte. Sie spürte Bras Hand auf ihrer Schulter, doch sie konnte sich nicht umdrehen. Zu groß waren die Scham und die Demütigung.

Lass uns nach Hause gehen.", versuchte es Bra nochmals. Doch sie wollte nicht nach Hause. Sie konnte nicht nach Hause. Damit sie mit niemandem darüber reden musste. Damit ihr niemand unangenehme Fragen stellte. Sie wollte nur weg. Weit weg. Weg von diesem Ort. Weg von Sasuke. Weg von ihrer Familie und ihren Freunden.

Sie rannte so schnell sie konnte los und flog aus der Kirche. Die Rufe ihrer Familie und ihrer Freunde blendete sie aus.

Marron schüttelte den Kopf, als ob sie auch die unwillkommene Erinnerung abschütteln wollte. Unglaublich, dass ihr dasvor ein paar Stunden passiert war. Es kam ihr irgendwie weit entfernt vor. Als ob es schon vor Ewigkeiten geschehen wäre. Wahrscheinlich setzte schon die Verdrängung ein.

„So ein Unsinn.", murmelte Marron zu sich selbst. Sie stoppte in der Luft und sah sich in der Umgebung um. Sie seufzte, als sie bemerkte, dass sie keine Ahnung hatte wo sie sich gerade befand. Sie überlegte ob sie in der Stadt unter sich landen sollte, entschied sich aber dagegen.

„Viel zu auffällig.", befand sie. Marron sah sich nochmals in der Umgebung um und beschloss im nächstgelegenen Waldstück zu landen. Als sie auf der Mischung aus weichem Gras und Moos landete sah sie sich um. Sie befand sich auf einer Lichtung, eigentlich einem Felsvorsprung, von dem aus sie einen schönen Ausblick auf die Stadt hatte, an der sie vorhin vorbei geflogen war. Ringsum waren lauter Bäume, durch die sich die Sonne versuchte, ihren Weg zu bahnen.

„Ein wirklich schönes Plätzchen.", musste Marron zugeben. „Wenn ich jetzt auch noch wüsste, wo ich hier bin, wäre ich wirklich dankbar." Sie überlegte, ob sie sich auf den schmutzigen Waldboden setzen sollte, schließlich hatte sie noch ihr Brautkleid an. „Ach, was soll's.", entschied sie sich und ließ sich auf den Felsvorsprung fallen. Die sanfte Brise, die ihr übers Gesicht strich, ließ sie die Augen schließen. Sie fühlte förmlich, als die frische Waldluft ihre Lungen füllte. In diesem Moment dachte sie an nichts. Sie fühlte sich schwerelos und frei. Marron ließ sich auf ihren Rücken fallen, ihre Augen geschlossen und lauschte dem fröhlichen Zwitschern der Vögel. Die Sonne schien ihr ins Gesicht und sie fand die Atmosphäre einfach nur herrlich.

Marron hatte die Augen weiterhin geschlossen, als es schattig wurde und sich wohl eine Wolke vor die schöne, warme Sonne schob. Der Himmel war doch wolkenlos und strahlend blau, oder? Als der Schatten sich nicht verziehen wollte, öffnete Marron die Augen. Ein paar tiefschwarze Augen starrte sie an.

„AAAAHHHH!", schrie sie und sprang einen Schritt rückwärts, nicht daran denkend, dass sie sich nahe dem Abgrund befand. In ihren High Heels verlor sie das Gleichgewicht, und als sie fast den Abhang abrutschte, packte sie jemand am Arm und zog sie zurück ins weiche Gras. Marron atmete schwer, eigentlich schwachsinnig, da sie fliegen konnte. Allerdings ließ ihre Reaktion, wie man sehen konnte, zu wünschen übrig.

„Hey, du solltest echt vorsichtiger sein.", sagte der Unbekannte mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Marron riss ihren Arm los und schnauzte zurück: „Und du solltest dich nicht so anschleichen und Mädchen erschrecken." Sie musterte ihren „Retter" von oben bis unten. Ein junger Mann, etwa in ihrem Alter mit dunkler Hautfarbe und Irokesen stand ihr gegenüber. Er musste trainieren, da er gut gebaut war.

Der junge Mann lachte und kratzte sich nervös am Hinterkopf. „Tut mir leid, war nicht meine Absicht." Sie starrte ihn an und rümpfte ihre Nase. Etwas das sie öfters machte, wenn sie nachdachte. „Was ist?", fragte der junge Mann und riss Marron aus ihren Gedanken. „Ach nichts, du erinnerst mich bloß an jemanden.", antwortete sie. Dieses nervöse Kratzen am Hinterkopf kam ihr ziemlich bekannt vor. Ihre Freundin Pan neigte ebenfalls dazu sich am Hinterkopf zu kratzen und nervös zu lachen. Eigentlich ihre ganze Familie, wenn sie etwas ausgefressen hatten.

Da Marron immer noch im Gras lag, streckte ihr der junge Unbekannte seine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Sie nahm sie dankend an und zog sich auf ihre Beine. Der junge Mann legte seinen Kopf schief, und sah sie an, als würde er scharf nachdenken. „Was? Hab ich irgendetwas im Gesicht?", fragte Marron ungeduldig. „Hhmm, ich wundere mich nur.", überlegte der junge Unbekannte. „Du hast ein Brautkleid an. Solltest du nicht auf deiner Hochzeit sein?"

„Das geht dich eigentlich nichts an.", schnauzte sie zurück.

„Hast wohl kalte Füße bekommen?", lächelte er.

„Pfff.", murmelte sie nur

„Oder der Bräutigam hat kalte Füße bekommen.", überlegte der junge Mann.

„Ich sagte schon einmal, dass dich das nichts angeht.", sagte sie nochmals. Was verstand dieser Typ daran nicht. So eine Nervensäge.

„Du hast geweint.", stellte er schließlich fest. „Also schließe ich daraus, dass du sitzen gelassen wurdest.", sagte er nüchtern.

Marron traute ihren Ohren nicht. Was bildete sich dieser Typ ein. Ihr so unverblümt zu erzählen, was er dachte. Sie wusste selbst, dass sie vor dem Altar sitzen gelassen wurde. Das musste er ihr nicht noch auf die Nase binden. Unglaublich.

„Du sprichst wohl nicht oft mit Frauen.", konterte sie.

„Wie bitte?", fragte er.

„Du hast wohl wenig Erfahrung mit Frauen, sonst würdest du wissen, dass man hie und da etwas sensibler ist, und nicht unverblümt unangebrachte Dinge sagt.", sagte sie, ihre Arme an ihren Hüften.

Der junge dunkelhäutige Mann errötete leicht. „Ich, ähm, ich…", stotterte er.

„Wusste ichs doch!", grinste Marron.

„Das ist hier echt nicht das Thema.", antwortete er.

„Ach und was ist das Thema?", fragte sie und zwinkerte mit ihren Augenlidern.

„Uub.", sagte er einfach und streckte ihr die Hand hin. „Der keine Ahnung von Frauen hat und sich entschuldigt.", fügte er noch hinzu. Überrascht von seinem Sinneswandel streckte sie ihm ebenfalls die Hand hin. „Marron.", sagte sie knapp. „Die vor dem Altar sitzen gelassen wurde."

Uub lächelte mitleidig. „Tut mir echt leid für dich."

Marron seufzte und ließ sich ins Gras sinken. Uub setzte sich neben sie und eine Weile herrschte eine angenehme Stille. „Ich dachte er wäre der Richtige.", durchbrach sie die Stille und kämpfte mit den Tränen. Uub tätschelte ihr hilflos den Rücken. Wie Marron schon richtig vermutet hatte, er hatte nicht wirklich viel Erfahrung im Umgang mit Frauen. Schon gar nicht wenn sie weinten. Sie legte ihren Kopf auf ihre Knie und schluchzte. Uub legte einen Arm um sie, sagte aber nichts. Eine Weile saßen sie so da. Zu hören waren nur Marrons Geschluchzte und das wirre Vogelgezwitscher, als Marron sich in Richtung Uub drehte.

„Bitte nimm mir diesen verdammten Schleier ab.", sagte sie mit verweinten Augen. Ohne ein weiteres Wort, machte sich Uub an Marrons Haare und versuchte den Schleier aus dem verwickelten Haar zu entfernen.

„Autsch!", schrie Marron und verzog das Gesicht.

„Sorry! Aber Schleier abmachen gehört nicht unbedingt zu meinen täglichen Aufgaben.", versuchte er sich zu entschuldigen.

Als Uub nach einer Ewigkeit endlich den Schleier abmachte, fielen Marron ihre hochgesteckten, langen blonden Haare ins Gesicht und er musste zugeben, dass dieses Mädchen neben ihm wirklich hübsch war.

„Danke.", flüsterte sie und Uub nickte ihr nur zu, als Bestätigung, dass er ihren Dank annahm.

„Was machst du jetzt damit?", fragte er.

„Verbrennen.", antwortete sie, meinte es allerdings eher im Scherz.

„Ok, dann hole ich Holz zum Feuer machen.", sagte er bestimmt.

Marron sah ihn überrascht an. „Das sollte ein Scherz sein.", sagte sie und sah ihn ungläubig an.

„Wieso? Die Idee ist gut. Ein Schritt in die richtige Richtung.", befand er.

„Aber…aber ich kann doch nicht meinen Brautschleier verbrennen.", fragte sie ungläubig.

„Wieso nicht? Es ist nur ein Schleier. Nicht mehr und nicht weniger. Nur ein Stück Stoff.", versuchte er sie zu überzeugen.

Marron dachte nach und kam zu dem Entschluss, dass Uub recht hatte. Sie gab ihm zu verstehen, dass sie einverstanden war.

„Super! Warte hier, ich hole Holz und bin gleich wieder zurück.", freute sich Uub.

Es dämmerte bereits, als Uub das Feuer entzündete. Beide standen still vor dem lodernden Lagerfeuer. Es hatte fast etwas Romantisches an sich. Marron atmete tief durch. Sollte sie das wirklich tun? Ihren Brautschleier verbrennen? War sie bereit das zu tun? Alles hinter sich zu lassen?

„Na los, tu es.", ermutigte Uub sie. Doch Marron zögerte. „Hey, es ist ja nicht so, als würdest du dein Brautkleid verbrennen. Es ist nur der Schleier. Du weißt doch Marron, es ist nur ein Stück Stoff. Danach wird es dir besser gehen. Versprochen.", versuchte er es nochmals. Ohne ein weiteres Mal zu zögern überließ sie ihren Schleier dem Feuer, und sah dabei zu wie er den Flammen zum Opfer fiel.

„Ich kann nicht fassen, dass ich das getan habe.", sagte sie ungläubig.

„Ist es sehr schlimm?", fragte Uub besorgt.

„Nein…es ist irgendwie befreiend.", antwortete sie, als sie weiter in die Flammen starrte.

„Hab ich doch gesagt.", lachte Uub.

„Trotzdem ist es irgendwie seltsam. Ich hab so etwas noch nie gemacht", sagte sie.

„Na dann war es auch mal höchste Zeit. Es gibt Dinge im Leben, die man einfach tun muss, egal was andere davon halten.", antwortet er und lächelte sie an. Sie lächelte zurück und sagte nichts mehr. Dieser Junge, mit seiner positiven Einstellung war wirklich etwas Besonderes. Er hatte es geschafft, dass sie sich besser fühlte. Jetzt hatte sie das Gefühl, sie konnte nach Hause gehen und ihren Eltern, Freunden und Sasuke gegenübertreten. Die Demütigung, und das Mitleid, das sie erwarteten – sie würde es aushalten. Aus den Augenwinkeln sah sie wie Uub im Feuer herumstocherte und sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn schon mal gesehen hatte. Schon die ganze Zeit über kam er ihr bekannt vor, aber sie konnte ihn nicht zuordnen.

„Du solltest langsam nach Hause gehen. Es wird dunkel und deine Familie macht sich bestimmt Sorgen.", unterbrach Uub die Stille.

„Ja, wenn ich wüsste wie ich wieder nach Hause komme. Als ich aus der Kirche gestürmt bin, bin ich einfach drauf los gefl…, gerannt ohne zu sehen wo ich eigentlich hinlaufe.", erklärte sie ihm.

„Bist du aus der Stadt dort unten?", fragte er und deutete auf die Stadt, auf die man von dem Felsvorsprung herabsehen konnte.

„Nein, ich muss Richtung West City (Anm. d. Autors: Ich hab einfach irgendetwas genommen ;) ). Dort war die Trauung und dort in der Nähe wohne ich.", antwortete sie.

Uub hob eine Augenbraue und sah sie misstrauisch an. „Du bist den ganzen Weg von West City bis hier her gelaufen? Das ist unmöglich. Und den Berg hier bist du auch hinaufgelaufen?", sah er sie ungläubig an.

„Ich…Nein, natürlich nicht. Ich habe eine Capsule (Anm. des Autors: keine Ahnung, ob die im Deutschen auch so heißen.) mit einem Kleinflugzeug.", log sie.

„Hast du diese Dinge immer dabei? Ich meine, an seinem Hochzeitstag hat man eigentlich kein Flugzeug dabei, außer man will flüchten.", sagte er ruhig und starrte dabei zum Himmel.

„Es ist…Ich habe das immer dabei. Hier siehst du?", fragte sie und fuchtelte ihm mit einer Capsule vor dem Gesicht herum. Natürlich befand sich darin kein Flugzeug, sondern jede Menge Schminkzeug, ein Kamm, Nähzeug und vieles mehr, alles gedacht für die Hochzeit, ein Notfallspaket quasi. Aber das musste Uub ja nicht wissen.

„Kannst du mir jetzt vielleicht sagen wie ich nach West City komme?", fragte sie ihn. Uub drehte sich zu ihr und erklärte ihr den Weg. „Eigentlich musst du immer nur geradeaus fliegen, dann kommst du automatisch nach West City." Er pausierte kurz als er noch hinzufügte: „Komisch, und ich dachte, dass die heutigen Flugzeuge so etwas wie Navigationssysteme haben."

Marron hüpfte leicht neben ihm und fühlte sich ertappt. Daran hatte sie natürlich nicht gedacht. Sie versuchte die Situation zu überspielen und sprang auf.

„Ich muss jetzt echt los.", sagte sie ohne näher auf seinen vorigen Kommentar einzugehen.

Uub stand ebenfalls auf und reichte ihr die Hand. „War schön dich kennen zu lernen Marron."

„Ja, gleichfalls.", antwortet sie. „Und danke.", flüsterte sie noch und lächelte ihn an.

„Kein Problem. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.", antwortete er ihr und lächelte zurück. „Und du bist sicher, dass du alleine nach Hause findest?", fragte er nochmals.

„Ja danke Uub. Ich finde den Weg schon.", erklärte sie ihm.

„Ok, dann vielleicht bis bald mal.", sagte er und ging in Richtung des Waldes. Kurz bevor er zwischen den Bäumen verschwand, drehte er sich noch zu Marron um und fügte lächelnd hinzu: „Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Denk vielleicht ab und zu daran."

„Seltsamer Kerl.", murmelte Marron zu sich. „Aber wirklich liebenswert.", schmunzelte sie. Aber Moment Mal. Wie kam Uub eigentlich hier her? Schließlich waren sie auf einem Berg. Weit und breit nur Wald und Wiesen. Um die Stadt darunter zu erreichen, ist mit Sicherheit eine mehrtätige Wanderung notwendig. Marron kam sich vor wie ein Idiot. Sie hatte sich eine Notlüge zusammengesponnen, damit er ihr glaubte, dass sie mit dem Flugzeug hier hoch gekommen sei. Und was bitteschön ist seine Ausrede? Er hatte nichts dabei, was auf eine mehrtägige Wanderung hindeuten konnte.

„Geschickt eingefädelt, Uub.", sagte sie zu sich selbst. Sie war eigentlich die ganze Zeit so mit sich selbst beschäftigt, aufgrund dieses ganzen verdammten Tages, dass ihr gar nicht in den Sinn kam, wie es möglich war, dass Uub es auf den Berg schaffte. Eigentlich wusste sie gar nichts von ihm, außer seinen Namen. Und als sie daran dachte, fühlte sie sich etwas mies. Sie kannte Uub nicht, und er hatte ihr zugehört, sie getröstet und ihr geholfen. Und sie wusste nichts über ihn. Sie hatte ihm nicht eine Frage gestellt. War sie wirklich so ignorant? Oder war es einfach aufgrund des heutigen Tages? Sie wusste es nicht, aber sie machte sich eine gedankliche Notiz, dass zu ändern, falls sie im Alltag tatsächlich so ignorant wäre, und nicht auf ihre Mitmenschen achtete.

Als sie am Abgrund stand, drehte sie sich nochmal in Richtung Wald um und flüsterte: „Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Danke Uub, für alles." Dann hoben sich ihre Füße vom Boden ab und sie flog davon, bereit sich ihrem Schicksal zu stellen, ohne zu bemerken, dass sie ein junger Mann mit dem Namen Uub, aus den dichten Baumwipfeln beobachtete und schmunzelte: „Wusste ich doch, dass die Geschichte mit dem Flugzeug gelogen war." Auch er erhob sich aus den Baumwipfeln und flüsterte in die Richtung, an der Marron vor Kurzem noch gestanden hatte: „Alles Gute, Marron. Ich hoffe du findest dein Glück." Danach drehte er sich um und flog in die entgegengesetzte Richtung.

Ich glaubte an die Liebe, doch was ist, wenn die Liebe eine einzige Enttäuschung darstellt?"