Draco
Das Porträt schwang schnarrend zur Seite und Ginevra kam hastig durch das Loch geklettert. Er ließ die Zeitung sinken und beobachtete sie, wobei ein feines Lächeln seine Mundwinkel umspielte, was ihm einen Ausdruck verlieh, den man nie und nimmer Draco Malfoy zuschreiben würde. Ihre langen roten Haare fielen ihr ins Gesicht, während sie ihre Roben mit beiden Händen zusammengerafft hatte und flugs durch das Porträtloch stieg. Auf der anderen Seite angekommen, richtete sie sich auf, glättete ihren Umhang und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln und kam mit strahlenden Augen auf ihn zu. Er hatte den Tagespropheten zur Seite gelegt und war aufgestanden, um sie mit weit ausgebreiteten Armen zu empfangen.
„Schön, dass du gekommen bist!", begrüßte er sie und seine sonst so kalte Stimme war voller Wärme.
Sie warf sich ihm um den Hals und gab ihm einen langen Kuss, auf den er schon sehnlichst gewartet hatte.
„Das sagst du jedes Mal, wenn ich komme!", meinte sie schmunzelnd. „Es klingt fast so, als hättest du Zweifel daran!"
Sanft strich er ihr über das seidige Haar.
„Nein, ich freue ich nur immer wieder aufs Neue, wenn du durch das Porträtloch geklettert kommst.", erwiderte er ernst.
Sie lächelte ihn an und schmiegte sich enger in seine Umarmung. Sie vergrub ihren Kopf an seiner Schulter und sog seinen Duft ein. Er drückte seine Lippen auf ihren Scheitel und schloss sie fester in seine Arme. Er spürte ihren Atem auf seiner Haut, hastige Atemzüge, als ob sie gerannt wäre. Sein Körper wurde von einer wohligen Wärme durchflutet. Am liebsten hätte er die Zeit angehalten, die Erde daran gehindert, die Sonne zu um kreisen, damit er sie ewig in seinen Armen halten konnte und dieses Gefühl der Geborgenheit, das er nur bei ihr empfand, nie verging.
Sie ließen sich auf das geräumige Sofa sinken und Ginevra kuschelte sich eng an ihn. Sanft ergriff sie seine Hand und verflocht ihre Finger mit den seinen. Er lächelte und hauchte ihr einen Kuss auf die Handfläche. Seine Finger verfingen sich in ihrem Haar und er spielte mit einer roten Strähne. Lange Zeit schwiegen sie. Dann brach sie das Schweigen.
„Draco?" Ihre Stimme klang fragend.
„Ja, Ginevra?", antwortete er.
Sie hob leicht den Kopf und sah ihn an.
„Du bist doch Todesser.", stellte sie fest.
Er nickte unbehaglich. Natürlich hatte sie sein dunkles Mal gesehen und es schweigend hingenommen. Sie hatte nie darüber geredet und er war froh, dass er in ihrer Gegenwart Voldemort und seine Familie vergessen konnte. Und seinen Auftrag. Seinen verfluchten Auftrag, den zu erfüllen er verpflichtet war.
Worauf wollte sie jetzt hinaus? Sie schien zu wissen, wie sie das Gespräch führen wollte, jedenfalls konnte er kein Zögern in ihren Augen erkennen.
„Und du triffst dich mit mir.", fuhr sie unbeirrt fort.
Wieder nickte er, diesmal nicht unbehaglich, sondern bestätigend.
„Ich gehe davon aus, dass deine Familie nichts davon weiß."
Er schüttelte geschockt den Kopf. Bei Merlins Bart, nein! Sein Vater würde ihm sämtliche schwarze Flüche auf den Hals hetzen, die er in dem tiefen Fundus seines Wissens über Schwarze Magie aufstöbern konnte, und Lucius Malfoy verfügte über einen gewaltigen Fundus! Seine Mutter würde sich wochenlang von Weinkrämpfen geschüttelt und Migräne geplagt in ihr Zimmer einschließen und sich lautstark bemitleiden, was für eine schlechte Mutter und welch unwürdige Vertreterin der Familien Black und Malfoy sie doch war.
„Ich habe nichts dagegen, wenn wir uns treffen. Mir ist auch egal, ob du das Dunkle Mal trägst, aber ich will wissen, was genau dahinter steckt. Stehst du voll und ganz auf der Seite von Du-Weißt-Schon-Wem? Bist du ihm vollkommen ergeben und hörig? Vertrittst du seine Ideale, seine Ziele? Glaubst du wirklich an die ‚Reinheit des Blutes'?"
Er ließ den Kopf in den Nacken fallen und atmete tief durch. Darum ging es ihr also. Er brauchte einige Zeit, um seine Gedanken so weit zu sammeln, dass er ihr antworten konnte.
„Ginevra, du weißt, aus welcher Familie ich komme. Du kennst meine Verwandtschaft, die Blacks. Meine Eltern, vor allem mein Vater ist ein glühender Anhänger des Dunklen Lords." Er spürte, wie Ginevra neben ihm erschauerte, als er den Titel Voldemorts aussprach. Unbeirrt fuhr er jedoch fort. „Ich bin mit seinen Idealen groß geworden. Muggel sind wertlos, ebenso wie Blutsverräter. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, ich wurde in diese Kreise hineingeboren und wurde mit diesem Gedankengut erzogen. Ich habe nie hinterfragt, sondern immer alles, was man mir erzählte, als Wahrheit angesehen und auch zu meiner Wahrheit gemacht. Schon als ich auf die Welt kam, war mir mein Weg schon vorherbestimmt. Ich würde in die Fußstapfen meiner Eltern treten und wenn es an der Zeit war, das Dunkle Mal empfangen. Und das habe ich getan. Du hast es gesehen. Du weißt auch, dass ich stolz darauf bin, ein Malfoy zu sein. Aber ich kann nicht sagen, dass ich Todesser aus Überzeugung bin. Ich weiß nicht, ob es der richtige Weg ist. Ich tue, was von mir erwartet wird, aber ich bin mir nicht sicher, ob es die richtige Sache ist."
Er schwieg und starrte lange Zeit ins Leere. Er spürte, wie Ginny sich fester an ihn drückte und registrierte, wie sie nach seiner Hand griff und sie festhielt.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll.", sagte er plötzlich tonlos. „Wie soll ich den Anforderungen meiner Eltern Folge leisten, wenn ich nicht sagen kann, dass ich mich mit dieser Rolle identifizieren kann? Wie kann ich für etwas eintreten, wenn ich nicht voll und ganz dahinter stehe? Ich kann meine Eltern enttäuschen, aber ich kann dem Dunklen Lord niemals entkommen. Ich bin an ihn gekettet, Ginevra. Es gibt kein Entkommen."
Seine Stimme zitterte. Er merkte es, entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, bemühte er sich nun aber nicht im Geringsten, es durch Forschheit zu überspielen. Er öffnete sich Ginevra ganz und gar, ließ sie tief in seine Seele blicken, was er zuvor noch niemals jemandem gestattet hatte. Sie erlebte ihn in seinem schwächsten Moment und er erlaubte ihr, seine Schwäche zu sehen. Sie legte ihre Arme um ihn und zog ihn an sich. Dankbar bettete er seinen Kopf an ihre Brust und lauschte dem ruhigen Schlag ihres Herzens. Beruhigend strichen ihre Hände über seinen Rücken. Er bemerkte, wie er sich entspannte. Dies war seine Zuflucht vor der Welt, vor der Realität, seine Oase, sein kleines Stückchen Paradies auf Erden. Hier, in ihrem Armen, konnte er alle seine Sorgen vergessen, den Dunklen Lord, seine Familie, seinen Auftrag, er konnte sein wahres Gesicht zeigen, hatte jemandem, mit dem er seine Ängste teilen konnte, der ihn verstand und tröstete. Er hielt sie fest umklammert, seinen rettenden Felsen in der Brandung, die ihn mit sich fortreißen wollte. Sie sagte nichts, sondern fuhr stumm fort, ihn sanft zu liebkosen. Ihr Herz schlug ruhig und kraftvoll. Er schloss die Augen und ließ sich von der Geborgenheit umschließen. Lange Zeit verharrten sie so, still und dem anderen so nahe, wie sie sich noch zuvor gewesen waren.
Als er später aus der Starre erwachte, wusste er nicht, wie viel Zeit vergangen war. Scheu lächelte er sie an. „Danke.", sagte er mit rauer Stimme.
Ginevra erwiderte sein Lächeln mit einer Herzlichkeit, die ihm noch niemals widerfahren war. In diesem Augenblick erschien sie ihm unendlich weise und mit der Lebenserfahrung einer Hundertjährigen. Wieder einmal stellte er verwundert fest, wie reif sie doch für ihr Alter war. Sie besaß einen Weitblick, den einige Menschen niemals erlangten, so lange sie auch leben mochten. Und sie war voller Wärme und vermochte es, ihm die Geborgenheit zu schenken, die er in seinem Leben immer vermisst hatte.
„Nichts zu danken.", erwiderte sie leise und hauchte ihm einen zaghaften Kuss auf die Lippen. „Ich bin froh, dass du dich mir geöffnet hast."
Ein breites Lächeln überzog sein Gesicht und seine Augen strahlten. Sanft begann er, sie zu küssen und wurde immer stürmischer, bis sie vom Sofa auf den Boden rollten. Sie liebten sich, als gäbe es kein Morgen. Schwer atmend lagen sie schließlich nebeneinander. Er ließ seine Hand ihre Seite entlang wandern und sie schmiegte sich eng an ihn. Er genoss ihre Nähe und sog begierig ihren Duft ein. Seine Hände spielten mit ihren Haaren, verfingen sich in ihren im Mondlicht wie Rubine schimmernden Strähnen. Lächelnd schloss er die Augen und schlummerte ein. Er erwachte, als sie sich neben ihm vorsichtig zu bewegen begann. Sie hatte sich schon halb von ihrem Lager erhoben, als er sich aufrichtete und leise fragte: „Willst du heute Nacht nicht bei mir bleiben?"
Ertappt wandte sie sich zu ihm um. Offen blickte er sie an. „Bitte bleib bei mir, Ginevra! Ich brauche dich heute Nacht!", setzte er beinahe flehend hinzu.
„Lass mich nicht allein!" Seine Stimme war ein heiseres Flüstern, als er spürte, dass sie kaum merklich zögerte und hin und her gerissen war zwischen Verstand und Gefühl.
Sie ließ sich zurücksinken und glitt wieder unter die Decken. Stumm schloss sie ihn in ihre Arme und küsste ihn liebevoll. Sie sprach kein einziges Wort, aber ihre Körpersprache war eindeutig. Eng umschlungen schliefen sie schließlich ein.
