Sie lauschte seinen ruhigen Atemzügen und wandte vorsichtig den Kopf, darauf bedacht, ihn nicht zu wecken. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie ihn betrachtete, wie er entspannt vor ihr lag und friedlich schlummerte. Seine ansonst so harten Gesichtszüge waren entspannt, der verächtliche Zug um seinen Mund verschwunden. Sie meinte sogar, ein sanftes Lächeln entdecken zu können. Sein Atem ging tief und regelmäßig, seine Brust hob und senkte sich im Takt seiner Atemzüge. Eine Strähne seines silberblonden Haares war ihm in die Stirn gefallen und zeichnete im Licht des Mondes einen feinen Schatten auf sein ebenmäßiges Gesicht. Sie unterdrückte den jähen Impuls, ihm liebkosend über die Wange zu streichen, denn sie wollte ihn nicht wecken. Er hatte die Ruhe und den Frieden des Schlafes verdient. Heute Nacht hatte er sich ihr geöffnet, wie er es niemals zuvor getan hatte. Er hatte seine Maske fallen lassen, die Maske des unnahbaren Erben der Malfoys, eiskalt, skrupellos, berechnend. Er hatte sie seine weiche, verletzliche, schwächliche Seite sehen lassen. Es musste ihn einiges an Überwindung gekostet haben, ihr sein wahres Gesicht zu zeigen, das vermutlich außer ihr niemand kannte. Sie geriet ins Grübeln.

Warum ausgerechnet ich? Wieso öffnet er sich mir? Er verachtet mich doch!

Sie spürte, wie sich eine einsame Träne in ihren Augenwinkel stahl und wischte sie zornig weg.

Nicht mehr. Er verachtet dich nicht mehr. Im Gegenteil: Er achtet dich mehr, als jeden anderen Menschen in seinem Leben.

Da war es wieder, das dünne Stimmchen in ihrem Inneren. Wie sehr hatte sie es doch vermisst, dieses besserwisserische kleine Biest, das doch immer wieder den Nagel auf den Kopf traf.

Niemals! Draco Malfoy wird mich niemals achten!

Oh doch. Und das tut er schon, mehr als ihm bewusst ist. Einen Menschen wie dich hat er noch niemals getroffen. Solche Herzenswärme ist ihm fremd. Bei dir erfährt er die Geborgenheit, die ihm bislang immer verwehrt geblieben war.

Als ob Draco Malfoy Wert auf Herzenswärme legen würde!

Stumm lachte sie bitter.

Jeder Mensch braucht Wärme und Geborgenheit, auch ein Draco Malfoy. Und du wirst dich damit abfinden müssen, dass er das alles bei dir findet.

Und?

Was und?

Na, was meinst du?

Das Stimmchen stellte sich ahnungslos.

Was meine ich wozu?

Hör auf, die Dumme zu spielen! Ich war für ihn doch nicht mehr wert, als seine Hauselfen! Warum soll sich das plötzlich geändert haben?

Weil du ihn bezaubert hast, ganz einfach.

Ginny schnaubte ungehalten.

Doch, er ist dir längst verfallen, mehr als ihm selbst bewusst ist. Er ist nicht der gefühlskalte Eisklotz, als der er erscheinen mag.

Aber warum ich? Ich, Ginny Weasley?

Du wiederholst dich. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Du akzeptierst ihn so, wie er ist. Dir kann er sein wahres Gesicht zeigen, seine verletzliche Seite. Dir gegenüber muss er nicht den harten Kerl mimen, der über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen.