Verstohlen steckte Ginny den Kopf aus der Tür und schnupperte, ob die Luft rein war. Wieder einmal verwünschte sie Harry mit seiner Karte des Rumtreibers, was ihm die Sache, nachts im Schloss umherzuschleichen, erheblich einfacher machte. Sie hingegen musste sich auf ihre Sinne, ihre Instinkte und ihr Glück verlassen. Ein paar Mal hatte sie nur mit knapper Mühe entwischen können, zwei Mal wäre sie beinahe von Filch bzw. Mrs. Norris ergriffen worden, ein weiteres Mal wäre sie um ein Haar Snape in seine spinnenhaften Arme gelaufen. Doch sie hatte es jedes Mal unbehelligt in ihren Schlafsaal geschafft und die anderen Mädchen hatten ihr regelmäßiges nächtliches Verschwinden auch noch nicht bemerkt. Sie strengte Augen und Ohren an und versuchte, verdächtige Schemen oder Geräusche im schummrigen Halbdunkel, das im Flur herrschte, auszumachen. Ha, sie hätte Harry die blöde Karte doch klauen sollen! Dann wäre nun alles viel einfacher!
Sie warf einen allerletzten Blick zurück in den Raum zurück, wo Draco friedlich unter der Bettdecke zusammengerollt schlief und kletterte endlich durch das Poträtloch. Auf Zehenspizten hastete sie über die mondbeschienene Galerie und schickte ein Stoßgebet zu allen ihren Vorfahren. Aber zu ihrem Leidwesen war ihr das Glück in dieser Nacht nicht wohl gesonnen und sie stolperte der Länge nach über etwas, das sich verdächtig nach einer quer über den Flur gespannten Schnur anfühlte. Mit lautem Poltern stürzte sie zu Boden und biss überrascht die Zähne zusammen, als ein stechender Schmerz ihre Schulter dort durch fuhr, wo sie auf den kalten Fliesen aufgeschlagen war.
„Lumos.", kommandierte eine kalte Stimme und sofort flammte ein kleiner Lichtpunkt auf, der sie blendete und ihr unmöglich machte, ihr Gegenüber zu erkennen.
„Wen haben wir denn da? Ginny Weasley. Schleicht so spät nachts noch durchs Schloss. Tja, bleibt nur noch die Frage, wieso."
Die näselnde Stimme kam näher und langsam konnte sie zwei schemenhafte Füße erkennen, die vor ihr Halt machten.
Nachdem der erste Schock angeklungen war, versuchte Ginny hastig wieder auf die Beine zu kommen und ignorierte die Sterne, die vor ihren Augen tanzten, als sie ihren Oberkörper in eine vertikale Position brachte.
„Nicht so schnell, Weasley!", hielt die Stimme sie unnachgiebig zurück und sie spürte das kalte Holz eines Zauberstabes, der ihr an die Kehle gehalten wurde.
„Du denkst wohl, du kannst dich über alle Vorschriften hinwegsetzen? Weil du Potters kleine Freundin warst? Und jetzt ist der große Held weg und du angelst dir schon deinen nächsten Beschützer? Draco Malfoy. Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass es dir keinerlei Vorteil bringen wird, wenn du mit Draco vögelst? Du bedeutest ihm nichts, du kleine Blutsverräter- Schlampe, du bist für ihn nur eine willkommene Abwechslung in seinem Bett, aber er wird dich genauso fallen lassen wie alle anderen. Denn ICH bin die Einzige für ihn, das weiß er genauso gut wie ich. Also lass die Finger von ihm!"Die Stimme hatte sich zu einem schrillen Kreischen gesteigert.
Ginny stöhnte auf, als sie erkannte, wem sie da in die Arme gelaufen war.
„Parkinson!"
„Ganz genau!", giftete Pansy. „Und ich überlege mir gerade, was ich mit dir wohl so anstelle, ehe ich dich Snape übergebe!"
Das fahle Licht des Zauberstabs erhellte das Gesicht der Vertrauensschülerin geisterhaft.
Ihre Lippen waren zu einem grausamen Grinsen verzogen.
„Die gute alte Beulenpest würde dir doch ganz gut stehen- oder Zaubererpocken. Wenn dein Gesicht ganz vernarbt ist, wird Draco dich keines Blickes mehr würdigen. Wer will schon eine Hure, die entstellt ist?" Sie stieß ein schrilles Lachen aus und umklammerte ihren Zauberstab.
„Fertig, Weasley?" Ihre Stimme nahm einen aufgeregten Unterton an.
„Gib mir wenigstens 'ne faire Chance, Parkinson. Du bist zwar hinterhältig und gemein, aber so skrupellos bist du auch nicht.", erwiderte Ginny mit zusammengepressten Zähnen.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Pansy war eindeutig geistesgestört. Ihre Vernarrtheit in Draco war zur Besessenheit geworden.
Ok, Ginny, ganz ruhig, rede mit ihr. Halt sie am Reden, so lange sie redet, kann sie dir nichts tun.
Ja klar, hast du ihr vielleicht mal zugehört? Die durchgedrehte Ziege will mir die Pocken an den Hals hexen! Diese blöde eifersüchtige Schlampe, nur weil Draco nicht mehr zu ihr ins Bett steigt, soll ich mein makelloses Gesicht einbüßen! Aber nicht mit mir, Parkinson hat die Pocken mehr verdient als ich, dieses blöde Mopsfresse!
Nein, beleidige sie auf gar keinen Fall!!!!! Wer weiß, welchen Kurzschluss das bei ihr auslöst!
„Faire Chance??", kreischte Pansy los. „Faire Chance?? Wie kommst du auf die absurde Idee, dass eine kleine hinterhältige Schlampe wie du eine faire Chance verdient hat??"
Ginny grinste boshaft.
„Ganz einfach, Parkinson, weil ansonsten der Eindruck entsteht, dass du Angst vor mir hast und ich dir nur unterlegen war, weil ich mich nicht wehren konnte. Du willst doch nicht als Feigling gelten, oder? Oder vielmehr: Unterlegen in allen Bereichen deines Lebens."
Ein wütender Tritt in die Magengegend ließ sie sich schmerzvoll zusammenkrümmen.
„Scheiße, Parkinson, du bist noch ein größeres Miststück, als ich dachte!", presste sie mühsam hervor.
Merlin, kann denn niemand diese Irre stoppen? Die bringt mich ja noch um!
Beim nächsten Fußtritt, der sogleich folgte, schrie sie vor Schmerzen laut auf.
„Parkinson, du Luder!"
„Sei froh, dass ich dir nicht dein hübsches Gesichtchen zertrete, Weasley!", zischte Pansy wütend und holte erneut aus. „Aber vielleicht kommt das ja noch. So macht es nämlich viel mehr Spaß, als dir einen doofen Spruch auf den Hals zu hexen!"
„Was bei Slytherin geht hier vor?", ertönte plötzlich eine volle Stimme. „Stupor!"
Ginny, die sich in Erwartung des nächsten Fußtrittes schon schutzsuchend zusammengekrümmt hatte, hob überrascht den Kopf. Vor ihr stand eine in wallende schwarze Roben gekleidete Gestalt.
„Miss Parkinson!", donnerte diese ohne Umschweife los. „Was erlauben Sie sich? Sie sind Vertrauensschülerin, kein nichtsnutziger Muggelschläger! Was haben Sie sich dabei gedacht?"
Mit einem Schlenker seines Zauberstabes löste Severus Snape die Klammer um Pansys Sprechmuskulatur.
„Die Schlampe hat es nicht anders verdient!", spuckte diese wütend. „Sie hat sich Draco an den Hals geworfen, sie hat alles ruiniert! Wie ich sie hasse!"
Ein zorniges Schluchzen stahl sich aus ihrer Kehle.
„Sind Sie verletzt, Miss Weasley?", wandte sich Snape an Ginny.
Diese schüttelte benommen den Kopf. „Ich denke nicht.", antwortete sie stockend.
„Sie müssen auf alle Fälle zu Poppy.", bestimmte er energisch. „Und vielleicht erklären Sie mir, weshalb Miss Parkinson und Sie sich nachts eine Schlägerei in den Gängen liefern- und was Sie außerhalb ihres Schlafsaals zu suchen haben." Seine Stimme wurde drohend.
Ginny schluckte nervös.
„Naja, Pansy hatte schon ein bisschen Recht mit dem, was sie sagte.", druckste sie herum.
„Wie soll ich das verstehen?", bohrte Snape kühl nach.
„Ich hab mich mit Draco getroffen.", gab sie kleinlaut zu.
„50 Punkte Abzug für Gryffindor.", sagte Snape kalt.
Pansy verzog ihre Lippen zu einem triumphierenden Grinsen.
„Und 50 für Slytherin."
Das Lächeln erlosch schlagartig.
„Miss Weasley, ich bringe Sie jetzt auf die Krankenstation. Und Sie, Miss Parkinson, rühren sich hier nicht von der Stelle, um Sie kümmere ich mich später!"
Er warf Pansy noch einen letzten drohenden Blick zu, dann half er Ginny auf die Beine, lud sie sich mit Leichtigkeit auf seine Arme und ging mit ihr Richtung Krankenflügel.
Die Krankenstation war dunkel und verlassen. Zehn frisch bezogene unberührte Betten standen an den Wänden des großen Krankenzimmers, welches vom Mond in ein silbernes Licht getaucht wurden. Snape legte Ginny in das nächstbeste und drehte sich wortlos um.
„Professor Snape!", rief Ginny schwach und bemerkte erst jetzt, wie schwindelig ihr zumute war.
Unwillig wandte er sich zu ihr um.
„Ja, Miss Weasley?", fragte er kurz angebunden.
„Danke.", murmelte sie undeutlich.
„Es war doch selbstverständlich. Es gehört zu meinen Pflichten für das Wohl und die Sicherheit meiner Schüler zu sorgen, selbst wenn es sich um Gryffindors handelt."
Autsch. Der Seitenhieb hatte gesessen. Verunsichert ließ sie sich in die Kissen zurück sinken. Schweigend beobachtete sie, wie ihr Lehrer wortlos das Krankenzimmer verließ.
Snape war und blieb eben doch ein Ekel. Bestimmt bereute er es, rechtzeitig hinzugekommen zu sein, ehe Parkinson ihr tatsächlich die Pocken an den Hals hexen oder sie zu Matsch zertrampeln
hatte können. Welch ein Jammer aber auch für ihn! Sie fühlte ja direkt Mitleid mit ihm! Pah, Severus Snape gehörte doch zu den widerlichsten Menschen, die hier auf Erden wandelten. Sollte der alte Misanthrop sich doch in sein Labor im Kerker verkriechen, sehen wollte ihn doch ohnehin keiner!
Ginny verzog schmerzhaft die Lippen und fasste sich an den Bauch. Ihr tat jede Rippe einzeln weh und sie ging jede Wette ein, dass sie eine ganz schöne Sammlung von Fußabdrücken auf ihrer Haut prangen hatte.
Parkinson, diese blöde Ziege! Dieses von Eifersucht zerfressene Monster! Ach, hoffentlich brummte ihr Snape eine schöne Strafe auf! Filchs Ketten poliereren oder so. Diese Strafarbeit wäre aber wirklich zu schön um wahr zu sein. Ein paar Stunden mit dem alten Widerling in seinem Büro verbringen, sich seine dummen Sprüche anhören zu müssen, das würde dem Mopsgesicht eine Lehre sein.
Ginny seufzte traurig auf. Doch Snape behandelte sie bestimmt mit Nachgiebigkeit, immerhin handelte es sich um eine Schülerin seines Hauses. Als sie über Bestrafungen nach grübelte, fiel ihr plötzlich siedend heiß ein, dass sie bestimmt nicht unbescholten bleiben würde. Die alte Fledermaus ließ es sich bestimmt nicht entgehen, ihr ein paar Abende oder Wochenenden mit Strafarbeiten zu versauen. Hm, vielleicht konnte Draco ja ein gutes Wort für sie einlegen? Quatsch, wieso sollte er denn? Er hatte doch überhaupt keinen Grund dazu.
Mit ihren Gedanken um Draco dämmerte sie schließlich in einen halbwachen Zustand hinüber, aus dem sie kurze Zeit später erregte Stimmen weckten.
„Severus, wo ist das arme Mädchen? Wieso hast du mich nicht sofort geholt?Merlin, wenn sich schon Mädchen krankenflügelreif prügeln, dann steht die Welt aber wirklich nicht mehr lange! Und ausgerechnet Miss Weasley!" Poppy Pomfrey war anscheinend furchtbar aufgelöst.
„Poppy, es handelte sich allem Anschein nach um ein kleines Eifersuchtsdrama.", beschwichtigte Snape sie.
„Ein kleines Eifersuchtsdrama, so nennst du es, wenn du eine Schülerin danach in den Krankenflügel bringen musst? Merlin sei Dank, dass du die beiden rechtzeitig gefunden hast, wer weiß, was sonst noch passiert wäre!", fuhr die Heilerin ihren Kollegen an.
„Lumos!", kommandierte sie energisch und schlagartig war die gesamte Station in ein sanftes Licht getaucht, das wider Erwarten nicht in Ginnys Augen schmerzte.
Komisch, alles schien in Wattebäusche verpackt zu sein. Und sie hatte das Gefühl, als sei sie gar nicht hier, als wäre sie in Watte verpackt oder so.
„Miss Weasley?", drang eine besorgte Stimme an ihr Ohr.
Sie wandte apathisch den Kopf und musste sich anstrengen, um die schemenhaften Umrisse in den hellen Wolken zu erkennen.
„Können Sie mich hören?"
Sie nickte mit Anstrengung.
„Sagen Sie mir doch, wo es Ihnen weh tut, ja?"
Ihre Hand fuhr sofort an ihre Seite.
„Meine Rippen...", sagte sie unweigerlich. „Ich glaube fast, ich habe mir alle gebrochen. Und mein Kopf... alles ist so neblig und verschwommen."
Madam Pomfrey nickte verständnisvoll.
„Sie haben höchstwahrscheinlich eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen. Ich sehe mir auch gleich ihre Seite an."
Während die Medihexe sie untersuchte, dämmerte Ginny wieder weg. Sie wachte noch einmal kurz auf, als diese ihr verschiedene Tränke zum schlucken gab, dann fiel sie in einen tiefen und traumlosen Schlaf.
