Am nächsten Morgen saß Draco beim Frühstück, wie immer flankiert von einem immer noch dösenden Goyle, der Schwierigkeiten hatte, zu verhindern, dass sein Gesicht Bekanntschaft mit dem Teller mit Rührei und Speck machte, der vor ihm stand, und einem schlingenden Crabbe, der, wie es schien, jeden Tag aufs Neue einen weiteren Rekord im Nahrungsmittel vertilgen aufstellen wollte. Es war sagenhaft, wie viele Mengen an Toast, Rührei mit gebratenem Speck, Tomaten, Pilzen, und gebackenen Bohnen ein Mensch in dermaßen kurzer Zeit essen konnte- wobei „essen" definitiv das falsche Wort für diese Tätigkeit war- „vernichten" traf es wohl eher. Crabbe hatte auffallende Ähnlichkeiten mit einem menschlichen Müllschlucker- nicht, dass er ein solches Gerät jemals gesehen hatte- Merlin bewahre, Feldstudien in Muggelkunde zu betreiben lag viel zu weit unter seiner Würde- doch er hatte darüber gelesen. Geziert griff er nach Messer und Gabel und begann sein Frühstück zu zerteilen. Im Gegensatz zu seinen Gorillas hatte er eine hervorragende Erziehung genossen und war durchaus in der Lage, Tischmanieren an den Tag zu legen. Er genoss den Frieden, der an diesem Morgen ausnahmsweise am Slytherintisch herrschte. Pansy war nicht erschienen, vermutlich hatte sie wieder einmal ihre Tage und war deswegen unpässlich. Jammerschade, wie würde er den Tag nur ohne ihre nörgelnde und kreischende Stimme überstehen. Nicht zu vergessen, ihre ständigen impertinenten tätlichen Angriffe auf ihn. Früher oder später musste er sich deswegen etwas einfallen lassen. Ihm sagte ja nach wie vor die Vorstellung zu, sie mit einem Klebezauber an Filchs Kerkerwand festzuhexen.
Draco ließ seinen Blick unauffällig zum Gryffindortisch schweifen, doch so sehr er sich auch Mühe gab, er konnte Ginny nirgends entdecken. Hatte sie etwa verschlafen? Irgendetwas kam ihm daran verdächtig vor. So spät war es dann doch nicht geworden und sie hatte noch nie das Frühstück nach ihren Stelldicheins versäumt. Sie war doch wohl nicht krank? Letzte Nacht hatte sie jedenfalls noch frisch und gesund gewirkt, so schnell hatte sich das doch nicht ändern können. Er überlegte, wie er es wohl am besten anstellen konnte, herauszufinden, wo sie steckte. Natürlich konnte er immer noch einem Erstklässler den Auftrag geben, Nachforschungen anzustellen, doch wie er Hogwarts kannte, würde die Gerüchteküche in kürzester Zeit kochen. Das war das letzte, was er gebrauchen konnte, nachdem es ihn solchen Aufwand gekostet hatte, das Malheur, das Wiesel nach ihrem letzten Zusammentreffen mit Peeves angezettelt hatte, aus der Welt zu schaffen. Er musste die Sache klüger angehen. Die letzte Möglichkeit war, Granger zur Rede zu stellen. Die hatte übrigens tiefe dunkle Ringe unter den Augen. Tja, war wohl wieder mal zu lange in der Bibliothek über ihren Büchern gehockt. Wenigstens prangte diesmal keine eingetrocknete Tinte auf ihrer Wange, wie vor ein paar Wochen. Bei dem Gedanken daran prustete er beinahe los. Sie hatte aber auch wirklich zu komisch ausgesehen!
Am Gryffindortisch hatte Granger tuschelnd den Kopf mit Wiesel und Potty zusammengesteckt und die drei tauschten besorgte Blicke aus. Irgendetwas stimmte da nicht. Er krallte seine Finger in die Tischdecke und zwang sich, ruhig sitzenzubleiben. Er spürte, dass es um Ginny ging. Am liebsten wäre er zum Goldenen Trio hinübergestürmt und hätte die drei zur Rede gestellt. Doch er verfügte über ein gewaltiges Ausmaß an Selbstbeherrschung und beendete in aller Ruhe sein Frühstück, ehe er sich gemeinsam mit den anderen Schülern erhob und anschickte die Große Halle zu verlassen.
In den ersten beiden Stunden stand Verwandlung an. Als hätte es nicht besser kommen können. Darauf hatte er im Moment entschieden am wenigsten Lust. Diese alte Schreckschraube MacGonnagal! In Zaubertränke konnte er sich wenigstens noch die Zeit vertreiben, indem er den Gryffindors das Leben schwer machte. Aber nein, jetzt lagen zwei lange, öde, grauenvolle Stunden vor ihm, die er mit Semitalenten und Klugscheißern in ein und denselben Raum eingesperrt verbringen musste, nich dazu, wenn seine Gedanken ständig um Ginny kreisten. Das Leben war definitiv nicht gerecht! Viel lieber würde er jetzt Quidditch trainieren. Oder noch besser, sich mit Ginny ein Duell in der Luft zu liefern. Er hatte sie bei den letzten Spielen beobachtet und er war überrascht, wie gut sie spielte. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass sie ein würdiger Gegner für ihn war- und um Welten besser als Potter.
Im Klassenzimmer saßen seine drei Lieblings- Gryffindors bereits auf ihren Plätzen und bedachten ihn mit finsteren Blicken.
Seine Lippen formten ein lautloses „Was?", das er verächtlich in ihre Richtung schleuderte. Angriffslustig reckte er sein makelloses Kinn nach vorne und untermalte all das mit einem vernichtenden Blick aus seinen eiskalten grauen Augen. Grangers Lippen verschmälerten sich zu einem dünnen weißen Strich, während Weasley wütend die Fäuste ballte, sodass sein Fingerknöchel Glasperlen gleich aus seinem Handrücken hervortraten. Potter starrte ihn nur hasserfüllt an und bewegte seine Lippen in unverständlichem Gestammel. Er glaubte, ein „Wart nur ab, Malfoy!" zu lesen und nickte knapp. Das stumme Duell wurde durch MacGonnagals Eintreten unterbrochen, die sie alle rüde auf ihre Plätze schickte und energisch um Ruhe bat.
„Mr. Malfoy, setzen Sie sich endlich, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!"
Er verdrehte genervt die Augen und ließ sich auf den Stuhl fallen. Lässig schlug er seine langen Beine über einander und heuchelte Aufmerksamkeit. Die Lehrerin begann mit dem Unterricht und wie nicht anders zu erwarten, hatte Granger ihren Arm prinzipiell hektisch fuchtelnd in die Luft gereckt. Das Mädchen sparte sich auf alle Fälle das Training mit den Hanteln. Er fragte sich, ob ihr Arm irgendwann mal abfallen und kraftlos neben ihr auf dem Boden liegen würde. Gesund konnte das auf Dauer doch nicht sein. Bei der Vorstellung zogen sich seine Mundwinkel amüsiert in die Höhe. Ob sie dann wohl einfach unhöflich hinausrufen würde, wenn sie sich nicht mehr durch wildes Gehampel bemerkbar machen konnte? Bei ihrem Drang, sich in Szene zu setzen, schien ihm dies gar nicht ausgeschlossen zu sein.
Er griff nach seiner Feder und notierte ohne sonderliches Interesse, was MacGonnagal so von sich gab. Er bezweifelte, dass er später aus seinen Notizen schlau werden würde, doch wie so häufig in letzter Zeit, würde er sich einfach Grangers Notizen „leihen". Das war der einzige Vorteil daran, mit dieser Nervensäge zwangsweise in einer Wohnung einquartiert zu sein. Er hatte schnell herausgefunden, wie er Zugang zu ihrer Tasche bekam, ohne dass sie es bemerkte.
Nach dem Ende der Stunde warf er sich elegant den Riemen seiner Tasche über die Schulter und bahnte sich seinen Weg nach draußen. Auf Flur wurde er bereits von dem schrecklichen Trio erwartet. Sie empfingen ihn mit mörderischen Mienen.
„Malfoy.", begrüßte ihn Hermine kalt.
„Granger. Was verschafft mir die Ehre?" Mit einer spöttischen Geste wischte er sich ein paar blonde Strähnen aus der Stirn.
Weasley trat mit geballten Fäusten auf ihn zu und kam seinem Gesicht gefährlich nahe.
„Was hast du mit meiner Schwester gemacht, du widerliches Stück Dreck?", zischte er bedrohlich leise.
Mit einem Schlag gefror Dracos Grinsen.
„Ich?", fragte er verdutzt. „Was soll ich schon gemacht haben? Nichts."
Nun meldete sich Potter zu Wort. Geschmeidig trat er auf ihn zu.
„Lahmer Einfall, Malfoy, wirklich. Wir wissen, dass du dich mit ihr triffst. Und heute Morgen war sie nicht in ihrem Schlafsaal."
„Und jetzt soll ich daran schuld sein, oder? Was glaubt ihr? Dass ich sie verschwinden habe lassen? Also bitte, ich hab doch Besseres zu tun, als mir eure hirnlosen Anschuldigungen anzuhören!"
„Nicht, Ron!" Granger war Weasley in den Arm gefallen. „Er ist es nicht wert.", flüsterte sie ihm zu und warf Draco einen tödlichen Blick zu. „Er will doch nur, dass du ihn schlägst. Dann kann er wieder mal eine seiner mitleidheischenden Geschichten erzählen."
Sie hatte beide Arme besänftigend um den Karottenkopf gelegt.
„Du widerst mich an, Malfoy!", spie sie ihm entgegen. „Glaub nicht, dass du auf Dauer mit dieser Tour davon kommst! Irgendwann wirst du davor bezahlen müssen- und an diesem Tag werde ich lächelnd auf dich herabsehen!"
„Oh, soll das etwa eine Drohung sein, Granger?", höhnte er.
Sie wirbelte herum und packte ihn am Kragen.
„Genau das, Frettchen.", fauchte sie. Dann stieß sie ihn angeekelt von sich.
„Kriech zurück in deinen Kerker und verrotte dort! Und halt dich bloß von ihr fern!"
Mit diesen Worten zog sie mit Weasley und Potter im Schlepptau von dannen, nicht ohne lautstark Verwünschungen auszustoßen.
Erst jetzt nahm er das aufgeregte Getuschel der anderen Schüler wahr. Ungehalten erwischte er einen Erstklässler, der vor ihm stand, und herrschte ihn an: „Was, Kleiner? Hast du mir irgendetwas zu sagen?"
Der Kleine wand sich verzweifelt und starrte ihn aus großen Augen an.
„Mr. Malfoy, lassen Sie sofort den Jungen los! Und Sie anderen gehen sofort in Ihre Klassenzimmer!", ertönte MacGonnagals Stimme.
Der Flur leerte sich in Windeseile und wenige Augenblicke später befand er sich alleine in dem langen Korridor mit der Hauslehrerin von Gryffindor.
„Mr. Malfoy, ich bin entsetzt! Was hatte das zu bedeuten? Ich bin ja einiges von Ihnen gewohnt, aber dass Sie derart unverfroren Ihren Launen freien Lauf lassen, ist sogar mir neu. 50 Punkte Abzug für Slytherin! Sie sind bis auf weiteres vom Unterricht suspendiert. Nutzen Sie die Zeit und denken Sie einmal über Ihr Verhalten nach. Und gehen Sie nun in den Krankenflügel, Miss Weasley hat bereits nach Ihnen gefragt."
Seine Augen weiteten sich entsetzt.
„Krankenflügel?", brachte er stammelnd hervor.
„Nun, Miss Weasley hatte gestern ein unangenehmes Zusammentreffen mit Miss Parkinson- wohl ein Eifersuchtsdrama. Keine Sorge, es geht ihr gut, Poppy hat ihr ein paar Tage Bettruhe verordnet und dann ist sie wieder auf den Beinen. Und nun gehen Sie schon!", antwortet die Lehrerin und der Anflug eines Lächelns minderte ihre gestrenge Miene etwas.
„Nachdem Miss Weasley derart vehement nach Ihnen gefragt hat, will ich sie nicht länger warten lassen. Ich fürchte, sonst setzt sich Miss Weasley über Poppys Anweisungen hinweg und macht sich auf die Suche nach Ihnen."
Verwirrt murmelte er ein Danke und stürmte sogleich besorgt davon. Was war nur passiert? Seine Gedanken rasten und er rannte so schnell er konnte, ungeachtet der erstaunten Blicke, die ihm folgten, als er an seinen Mitschülern vorbeihastete.
