Kapitel 19: Wer ist Edward Canton?
„Bist du wach?" fragte Severus den stillen dunklen Krankenflügel.
Keine Antwort. Er hätte schwören können, dass er Bewegungen von Hermines Krankenbett gehört hatte.
„Bist du wach?" fragte er noch einmal und überraschte sich selbst mit der Dringlichkeit in seiner Stimme.
Wieder kam keine Reaktion auf seine flehende Frage. Severus wollte sich keine Sorgen um ein Geräusch machen, dass er vielleicht überhört hatte. Leise, aber mit einer Geschwindigkeit, die es Jahre zu perfektionieren gedauert hatte, stand er an Hermines Seite.
„Miss Granger?" sagte er kaum lauter als ein Flüstern. „Sind Sie wach?"
Neben ihr stand eine kleine Lampe, die, sobald eingeschaltet, eine kleine Menge Licht in den ansonsten stockfinsteren Raum warf. Hermine lag immer noch tief im Schlaf, aber ihre Farbe war ein wenig in ihre Wangen zurückgekehrt, sehr zu des Professors Freude. Aber selbst nachdem er sah, dass die junge Frau unzweifelhaft immer noch tief im Schlaf lag, konnte er nicht ignorieren, dass er in der Tat Geräusche in ihrem Abteil gehört hatte. Sein Gehör war ziemlich gut. Jahre der Spionage und des Versteckens hatten ihn mehr als nur ein wenig trainiert. Irgendetwas hatte ein Geräusch gemacht.
„Wahrscheinlich nur Peeves, der sich einen Streich erlauben wollte," dachte er, aber verwarf den Gedanken gleich wieder. „Nein, er darf nicht mal in die Nähe des Krankenflügels."
Er war kurz davor aufzugeben und sich zu überzeugen, dass er sich das Geräusch nur eingebildet hatte, als ihm etwas anderes auf dem Nachttisch ins Auge viel. Ein einzelnes Blatt Pergament lag neben der Lampe, die er gerade eingeschaltet hatte. Da hatte es noch nicht dort gelegen.
„Was?" fragte er sich. Es wurde immer später und er konnte seine Erschöpfung bis in die Knochen spüren. Sein kurzes, viel zu kurzes, Nickerchen vorhin war alles andere als entspannend gewesen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sein Körper mit ihm um den Schlaf kämpfen würde. Natürlich war es nicht ungehört, dass man Dinge hörte oder sah, die nicht existierten, wenn man so erschöpft war.
Severus rieb sich die müden Augen, um sicher zu gehen, dass er das Pergament tatsächlich sah. Er war sich sicher, dass es eben noch nicht dort gelegen hatte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er, dass das Pergament nicht länger auf dem Nachttisch, sondern auf der Decke der schlafenden Hermine Granger lag. Überzeugt, dass etwas nicht stimmte, zog er seinen Zauberstab aus dem Umhang. Es gab keine logische Erklärung für ein wanderndes Pergament. Dann erinnerte er sich, dass die magische Welt voller willkürlicher Vorkommnisse und Vorfälle war, die man nicht durch Logik erklären konnte.
Severus nahm das Pergament zögerlich vom Laken des schlafenden Mädchens. Nichts schien bösartig, aber er konnte auch nicht sagen, ob es ein normales Stück Pergament war oder nicht. Bei genauerer Begutachtung nahe dem Licht der Nachttischlampe, konnte er vier Ziffern oben auf der Seite erkennen.
„1945?" fragte er laut, für einen Moment vergessend, das er im Krankenflügel war.
Die Zahlen waren in einfachen, aber eleganter Schrift geschrieben. Sie war einfach mit geraden Linien und wenigen Kurven, aber dennoch konnte er sagen, dass sie zu jemandem mit viel Eleganz und Stolz gehörte. In seiner Zeit als Zaubertränkeprofessor hatte er viele verschiedene Schriftarten von allen möglichen Schülern zu Gesicht bekommen. Die Schrift konnte eine Menge über eine Person aussagen. Die Wahrsagung mit Kristallkugeln und Teeblättern war längst nicht so sicher wie die Wahrsagung der Hand.
„1945?" fragte er erneut, als ob es zu wiederholen ihm helfen würde es zu verstehen.
Was geschah führte beinahe dazu, dass der unerschütterliche Professor aufsprang und den Gegenstand den er in Händen hielt fallen ließ. In derselben Schrift unter ‚1945' waren zwei Wörter ohne sichtliche Bedeutung für den Professor erschienen. Jetzt war er erst recht neugierig.
„Edward Canton," las er laut. „Wer ist Edward Canton?"
Beinahe erwartete er, dass die Antwort auf dem Pergament erscheinen würde. Zu seiner Enttäuschung war dies allerdings nicht der Fall. Es war ein Rätsel. Natürlich verstand er, dass Edward Canton und 1945 zusammen gehörte. Eine Menge war in dem Jahr passiert. Severus bemühte sich an alle Geschehnisse des Jahres 1945 zu erinnern, aber Edward Canton tauchte nicht auf. Anscheinend war er keine besonders bekannte Persönlichkeit.
Miss Granger schien friedlich zu schlafen und da er nicht erwartete, dass sie innerhalb der nächsten Stunde aufwachte, verließ der Professor den Krankenflügel. Er erinnerte sich, dass er den Bibliotheken Annex durchgestöbert hatte, als er auf der Suche nach einer Tagesprophetenausgabe für eine Schulaufgabe in seiner Jugend gewesen war. Wenn man bedachte, dass die Zaubererzeitung 1927 erstmal herausgegeben wurde, war das keine kleine Sammlung. Die Hexe, die damals Bibliothekarin gewesen war – er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern – hatte den Raum in einem tadellosen Zustand gehalten. Jede Ausgabe war an ihrem Platz. Warnpfeifen ertönten, wenn ein tollpatschiger Student eine Ausgabe inkorrekt zurück gestellt hatte. Er erinnerte sich auch an den mächtigen Index, der in der Mitte des Raumes gestanden hatte. Jedes Jahr hatte die Bibliothekarin neue Informationen hinzugefügt. Sicherlich hatte Madam Pince dies fortgeführt.
Er begegnete niemandem auf dem Weg in die Bibliothek. Dafür war er dankbar. Edward Canton und das mysteriöse Pergament lagen im schwer auf dem Gemüt. Er war auch froh, dass er den Nebenraum der Bibliothek mit Zeitungen gefüllt, genauso wie er sich erinnerte, vorfand. Der Index in der Mitte des Raumes nahm eine Menge Platz ein. Regale an jeder Wand, mindestens sieben Etagen hoch, hielten die Kopien.
Severus ging rasch zum Index hinüber. Er war nie jemand der gern Zeit verschwendete. Trotz seiner massiven Größe, war der Index recht einfach zu handhaben.
„C," sagte Severus laut.
Sofort begann das Buch Seiten umzuschlagen, bis es schließlich am Anfang der Cs offen lag. Es gab eine erstaunliche Menge an Dingen, die hier aufgelistet waren. Wieder verschwendete der Professor keine Zeit und blätterte zur Seite mit den gewünschten Einträgen.
Canton, Edward Harris
Canton, Edward Henry Peter
Canton, Edward Patrick George
Canton, Edward Smith
"Na toll," murmelte er. "Woher soll ich wissen, welcher der Richtige ist?"
Er hatte es kaum ausgesprochen, da fielen ihm die Jahreszahlen neben den Namen auf. Mit der Jahreszahl 1945 im Kopf sah er erneut nach.
Canton, Edward Harris (1754 – 1892)
Canton, Edward Henry Peter (1972 – )
Canton, Edward Patrick George 1501 – 1598)
Canton, Edward Smith (1927 – 1945)
Der letzte Name, Edward Smith Canton, war der einzige der passte. Es gab drei Artikel über den jungen Zauberer. Zwei aus dem Juni 1945, und der letzte Artikel war im September 1945 geschrieben. Severus zog seinen Zauberstab hervor, tippte jeden Artikel an und hob dann den Zauberstab über den Kopf. Drei Ausgaben des Tagespropheten flogen aus den Regalen und landeten auf dem nächsten Tisch. Er ließ sich auf dem Stuhl am Tisch nieder und zog die drei Ausgaben zu sich heran.
Der erste Artikel war die gewöhnliche Ansage, die der Prophet jedes Jahr zur selben Zeit herausbrachte.
„Hogwarts, Stolz Britanniens, beendet ein weiteres Jahr"
Hogwarts Schule für Zauberei und Hexerei feiert das Ende eines weiteren Schuljahres, das 945. der Schule, nächste Woche. Abschlussprüfungen, inklusive der O.W.L.s der fünften uns die N.E.W.T.s der siebten Klassen, wurden gestern beendet. Die Schüler, dankbar für die Sommerpause, werden eine weitere Woche im Schloss verbleiben, bevor sie für die Ferien nach Hause fahren.
Schulleiter Armando Dippet: „Eine weitere brillante Menge an jungen Zauberern und Hexen haben ihr ihre Schulzeit erfolgreich beendet. Wir, der Lehrkörper, freuen uns auf die großen Errungenschaften, die von unseren neuesten Graduierten zu erwarten sind." Einhundertvierundzwanzig voll ausgebildete Hexen und Zauberer haben dieses Jahr ihre Abschlussprüfungen abgelegt, ein Rekord in der Geschichte der Schule.
Severus überflog den Rest bis zum Abschnitt, in dem jeder Schüler einzeln aufgeführt wurde. Er hatte erwartet nach Canton unter den Cs zu suchen, hielt aber bei den Fotos von Schulsprecher und Sprecherin inne. Prunella Faun, Schulsprecherin, war eine Bekannte von ihm. Sie waren sich einige Male auf einer von Dumbledores schrecklichen Dinner Partys begegnet. Er hatte Glück gehabt ihrer Aufmerksamkeit an dem Abend entkommen zu sein. Sie hatte nach dem Abschluss angefangen im Ministerium zu arbeiten.
Die Schulsprecherin des Jahres 1945 war nicht die Person die Severus sofort ins Auge gesprungen war. Seine Aufmerksamkeit wurde sofort vom Foto des Schulsprechers angezogen. Es war, als würde er eines seiner alten Schulfotos ansehen. Der junge Mann hatte definitiv eine große Ähnlichkeit zu Severus. In dem Bild lachte der junge Mann, anders als Severus Snape. Einfach nur das Bild zu betrachten, gab einem das Gefühl, dass dieser junge Mann die Zielstrebigkeit und die Fähigkeiten hatte es weit zu bringen im Leben.
„Schulsprecher… Mr. Edward Smith Canton," las Severus laut in den leeren Raum. Obwohl er die Worte laut aussprach und sie auf dem Papier geschrieben sah, fand er sich schockiert und skeptisch.
Mr. Edward Smith Canton
Schulsprecher – Gryffindor Haus
„Gryffindor?" Das Wort lag ihm ebenso säuerlich auf der Zunge wie Gift.
Er wird sein Training als Auror beginnen sobald das Schuljahr vorbei ist. Plant sich in Hertfordshire niederzulassen.
Es stand nichts weiter über Edward Canton in dieser Ausgabe, also nahm Severus die nächste Juniausgabe vom Stapel. Es war eine Ausgabe, die er bereits persönlich gesehen hatte. Ein Foto auf dem Titelblatt und eine blinkende Schlagzeile fing die Aufmerksamkeit des Lesers sofort.
Spezialausgabe: Grindelwald besiegt!!
Ein Foto eines grinsenden Dumbledore neben einem Foto eines düster dreinblickenden Grindelwald nahm einen großen Teil der Frontseite ein. Severus überflog den Artikel, den er schon einmal gelesen hatte als er noch zur Schule ging. Der Artikel war so wie er ihn in Erinnerung hatte, aber ein paar Zeilen sprangen ihm diesmal entgegen.
Hogwarts Schulsprecher Edward Canton war ausschlaggebend in seiner Hilfe für Albus Dumbledore, vor kurzem mit dem Orden des Merlin erster Klasse versehen, im Kampf gegen Grindelwald und seine Anhänger. Nach der Schlacht verschwand Canton. Auroren des Zaubereiministeriums führen die Suche nach dem jungen Zauberer fort.
Professor Snape schob die zweite Juniausgabe beiseite und nahm die letzte der drei Ausgaben hoch. Er war, auch wenn er es nicht zugeben wollte, noch interessierter an Edward Canton seit er herausgefunden hatte, dass er sein Doppelgänger war. Seine hand hielt immer noch das mysteriöse Pergament fest. Es war Jahre her, dass ihm etwas annähernd Ähnliches begegnet war. Natürlich hatte die Karte der Rumtreiber es irgendwie geschafft seinen Weg in die Hände seines ungeliebtesten Schülers zu finden. Er wusste, dass dieses Pergament ein Geheimnis hielt, das er lösen musste. Das hier war etwas Persönliches. Der letzte Artikel war kurz und auf den Punkt gebracht.
Mr. Edward Canton, ehemaliger Hogwarts Schulsprecher wurde gestern von einem Muggel Schäfer (ein Mann, der auf Schafe aufpasst) gefunden. Leider war der kürzliche Rezipient eines Ordens des Merlin zweiter Klasse für seine Mitwirkung am Sieg über Grindelwald bereits tot. Ein Sprecher von St. Mungos setzte den Todeszeitpunkt auf kurz nach dem Fall des dunklen Zauberers. Monatelang war die Suche nach dem jungen Mann eine Priorität des Ministeriums gewesen. Er wurde seinen Muggeleltern übergeben, um in der Familiengruft seine letzte Ruhestätte zu finden.
Die Artikel, die im Index aufgelistet gewesen waren, waren alle gelesen, aber Severus fühlte sich einem Verständnis des Pergamentes kein Stück näher. Er hatte definitiv nicht das Gefühl, dass die Sache abgeschlossen war. In Gedanken überflog er alles was er an diesem Abend gelernt hatte. So viel war in den letzten zwölf Stunden geschehen, dass es schwierig war alles in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Stunden kamen ihm wie Tage vor. Zuerst hatte es den schrecklichen Unfall im Zaubertränkelabor gegeben, von dem er sich immer noch nicht erholt hatte. Ihm wäre vorher nie der Gedanke gekommen, dass er in der Tat so viel für Miss Granger empfand wie er tat. Dann das unendliche Warten an ihrem Krankenbett. Albus hatte immer noch nicht erklärt, warum er warten sollte, bis sie aus ihrem Medikamenten- und Schmerzbedingten Schlaf erwachte. Nach seinen beunruhigenden Träumen nachdem er versehentlich den falschen Schlaftrunk zu sich genommen hatte, war er bereit gewesen das alles hinter sich zu lassen. Jetzt, nach diesem mysteriösen Pergament, das ihm magische Nachrichten übermittelte und der Entdeckung seines 1940er Doubles, war er bestens auf die Sommerferien eingerichtet.
Die Artikel waren gelesen und er war kein Stück näher an des Rätsels Lösung. Mit einem tiefen Seufzer sank er in seinem Stuhl zusammen. Sein Kopf fing an mit den Schmerzen der Frustration und Erschöpfung zu hämmern. Nichts Simples, Normales oder Direktes schien je in seinem Leben zu geschehen. Die meisten anderen, Muggel oder Magisch, hatten langweilige, monotone Leben im Vergleich zu seinem.
„Und ich war naiv genug zu glauben dieser Tag würde wie jeder andere vergehen," sagte er in den leeren Raum. „Frühstück, Unterricht, Abendessen, Schlafen… ist das zu viel verlangt?"
Severus zog den Juniartikel mit der Kundgebung des Endes des Schuljahres von Hogwarts zu sich. Erneut betrachtete er das Gesicht des jungen Edward Canton. Die physische Ähnlichkeit war erstaunlich. Obwohl Mr. Canton ein breites Grinsen im Gesicht trug – ohne Zweifel aufgrund des Endes seiner Schulzeit – schob er ab und zu ein scherzhaftes Stirnrunzeln ein. Es war dieser Blick, der Severus so sehr an sich selbst erinnerte. Er lachte selten. Es gab wenig in seiner Vergangenheit, das ihm Freude brachte. Selbst sein Leben nach Voldemort gab ihm wenig Anlass zum Lachen. Der fröhliche Mann von achtzehn Jahren, dem die ganze Welt offen stand mit einer Zukunft voller Möglichkeiten – das war der Mann der er hätte sein sollen. Der junge Mann in dem Foto ließ ihn trauriger und einsamer fühlen, als Severus es sich je erlaubt hatte.
„Gefühle sind Schwächen."
Er erinnerte sich nur allzu gut an die Worte seines Vaters.
„Gefühle sind für schwache Muggel und Schlammblüter… und für Frauen," hatte der ältere Snape oft zu seinem Sohn gesagt. „Bist du eines davon?"
„Nein," hatte er immer herausgequetscht. Seine größte Angst waren nicht die bösem Zauberer, Werwölfe oder diese Furcht erregenden Muggel Flugzeuge, die immer zu dicht über dem Familienanwesen hinweg flogen. Nein, seine größte Angst war sein eigener Vater.
„Natürlich nicht," würde sein Vater immer antworten. „Du bist ein Snape. Wir zeigen und wir fühlen keine Emotionen. Warum ist das so, Sohn?"
„Weil unsere Feinde immer nach Schwächen suchen. Sie werden unsere Gefühle als Waffe gegen uns einsetzen. Gefühle können uns umbringen."
Diese Lehre, Salanzo Snapes liebste, war an den Sohn weitergegeben worden als er fünf Jahre alt war. Weitere Lehren folgten. Weitere Anweisungen wie ein Snape sich zu verhalten hatte. Severus hatte gelernt passiv, kühl, distanziert und emotionslos zu sein seit er ein Junge war. Es hatte bei seiner Schwester viel länger gedauert, bis sie gelernt hatte was erwartet wurde. Er konnte noch immer ihre Schreie um Gnade hören, an einen Vater dem das Wort fremd war.
Seine Gedanken wandten sich kurz seiner geliebten Schwester Senga zu. Er hatte schon seit Jahren nicht mehr an sie gedacht. Sie war drei Jahre jünger als er. Als Kinder waren sie sich nahe gewesen. Ihr großer Bruder war ihr Beschützer. Leider war sein Vater derjenige, vor dem er sie am häufigsten beschützen musste. Nach sieben Jahren als durchschnittliche Hogwartsschülerin, eine Tatsache, die sie niemals vergessen durfte, hatte Senga die britische Zaubererwelt verlassen. Beinahe zwanzig Jahre waren vergangen, ohne das er irgendetwas von seiner schönen Schwester gesehen oder gehört hatte. Ein Bekannter hatte ihm einmal erzählt, dass er sie auf seinen Reisen auf den fernen Inseln von Vanuatu gesehen hatte, wo sie die alte Magie der Urvölker studierte. Er hatte im Gefühl, dass sie erst zu rückkehren würde, wenn ihr Vater endlich gestorben war. Da er aber erst siebzig Jahre alt war, also mittleren Alters für einen Zauberer, und er immer eine robuste Gesundheit gehabt hatte, würde Salanzo Snape in nächster Zeit sicherlich nirgendwo hingehen.
Entschlossen solche deprimierenden Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben, untersuchte Severus das Pergament nun bestimmt zum hundertsten Mal. Er dachte, es oft genug anzuschauen würde ihm vielleicht die Antworten bringen, die er suchte.
„Was zum…?"
Seine Augen weiteten sich, als er sich den Ursprung des Rätsels ansah. Die Schrift, die Edward Cantons Namen und das Jahr, in dem sein Leben so tragisch beendet wurde, geschrieben hatte, begann sich aufzulösen. Er drehte das Blatt um, um sicher zu gehen, dass er nicht einfach nur auf die falsche Seite schaute. Als er das Papier zurückdrehte, begannen Linien auf der Seite zu erscheinen. Schritt für Schritt bildeten die Linien eine…
„Eine Karte." Er begutachtete sie genau.
Das Pergament war langsam zu einer Karte von Hogwarts geworden, jeder Korridor und Klassenraum klar abgegrenzt. Er kannte das Schloss besser als die meisten Lehrer und alle bis auf ein paar Schüler. Irgendwie fand Harry Potter immer einen Weg aus Schwierigkeiten heraus. Sicherlich kannte er die Myriaden von Geheimgängen und –türen. Er hatte es schließlich auch geschafft die Kammer des Schreckens zu finden, obwohl alle die danach gesucht hatten erfolglos gewesen waren. Ja, Harry Potter und diese verfluchten Weasley-Zwillinge kannten das Schloss so gut wie er. Es gab wenig auf dieser Karte, das er noch nicht kannte.
Erst als die Karte sich schließlich vervollständigt hatte, bemerkte er etwas Besonderes. Ein winziger Punkt in der obersten linken Ecke fing an zu blinken. Severus musste sich vorlehnen, seine Nase beinahe auf dem Pergament, bis er sah was die Karte ihm zeigen wollte.
„Fünfter Stock, Muggelstudien…" las er die winzige Schrift ab.
Severus stand von seinem Stuhl auf und schob in mit etwas zu viel Schwung unter den Tisch. Das Geräusch klang fremd in dem ansonsten stillen Raum. Mit der neuen Karte von Hogwarts in der einen Hand und seinem Zauberstab in der anderen, bannte er die Ausgaben des Tagespropheten zurück an ihre angemessenen Orte in den Regalen. Die Korridore waren schwarz und ruhig, als er die Bibliothek verließ, genau so wie sie waren, bevor er die Bibliothek betreten hatte. Es würden noch Stunden vergehen, bis die Sonne aufgehen würde und das Leben in das Schloss zurück kroch. Zum Glück wurde samstags kein Unterricht gehalten. Er könnte so lange schlafen wie er wollte. Vorausgesetzt natürlich, dass diese ganze Situation mit Hermine Granger und Albus bestehen auf seine Anwesenheit, wenn sie aufwachte, sich endlich geklärt hatte.
Er erklomm die Treppen bis zum fünften Stock. Selten kam er in die Nähe der Klassenzimmer für Muggelstudien. Er fand sich, nicht überraschenderweise, wohler in den Kerkern. Es gab wenig Schüler dort unten, die dort nicht sein mussten. Die Korridore waren viel ruhiger. In anderen teilen des Schlosses musste er sich ständig ermahnen die Schüler nicht zu verhexen. Sie gingen ihm auf die Nerven wenn er ihnen zu lang ausgesetzt war. Vielleicht hatte sein Vater doch Recht. Bildung war nicht die beste Berufswahl für einen Zauberer mit seinem Temperament.
„Genug von dem Mann," schalt er sich selbst. Er war auf einer Mission dieses Rätsel zu lösen. Es war vielleicht ein Segen, dass er etwas Interessantes zu tun hatte, anstatt seine zeit im Krankenflügel mit herumsitzen zu verbringen.
Als Severus sich der Muggelstudienetage näherte, begann die Karte in sich hinein zu zoomen. Anstelle des winzigen blinkenden Punktes von der Größe eines Nadelpieksers, blinkte nur ein bereich in Größe eines Knuts. Er trat von der Treppe auf die fünfte Etage. Es gab in diesem Flügel nur drei Türen. Alle waren auf der rechten Seite des Korridors. Der blinkende Punkt wies auf einen Bereich zu seiner Linken. Aber dort gab es keine Türen oder Bücherregale. Er wusste nicht wonach er suchen sollte, aber als er vor der angezeigten Stelle stand, entstand eine kleine Schrift neben dem Punkt. Ein einzelnes Wort.
„Celo," las er.
In dem Moment in dem er das Wort aussprach, erschien eine kleine Tür in der ansonsten glatten wand und öffnete sich. Er nahm seinen Zauberstab, immer bereit für Gefahren, aus der Tasche und trat ein. Die Tür schloss sich sofort hinter ihm. Eine reihe von Fackeln säumte die Wand und er entzündete sie mit einer Handbewegung.
Der kleine Raum war nichts Besonderes. Nichts Besonderes außer, dass er versteckt war. Zwei Stühle und ein Ofen waren die einzigen Möbel. Es gab kein Fenster oder einen anderen Ausgang als die Tür, durch die er herein gekommen war. Er blickte erneut auf das Pergament, um einen Hinweis zu finden, was er tun sollte. Ein geheimer Raum in einem Schloss so groß und alt wie Hogwarts war nicht gerade ein Grund für besonderes Interesse. Es war das, was möglicherweise hier drinnen gefunden werden könnte, das interessant war.
Siehe… schrieb das Pergament. Alle Hinweise auf eine Karte verschwanden. Ostwand, dritter Stein von links.
Er wusste es besser, als fragen zu stellen, also tat Severus wie ihm gesagt wurde… er konnte nicht glauben, was er hier tat und schwor sich, dass nur wenige, wenn nicht niemand von seiner nächtlichen Erkundungstour erfahren würden. Severus schob seine Scham beiseite, fand die Ostwand und sah sich den dritten Stein an. Er konnte nichts Außergewöhnliches erkennen. Er fühlte sich noch alberner als ohnehin schon, als er die Hand ausstreckte, um den Stein an zufassen. Es war als wäre der Stein nie da gewesen. Er verschwand sobald er ihn berührte.
Dahinter lag ein Buch… ein Buch? Er konnte nicht glauben, dass all diese Mühe für ein Buch gewesen war. Unwillig zog er das Buch aus dem Versteck. Der Einband war extrem alt; er fiel ab, sobald er es hochhob. Er griff danach um zu sehen was es für ein Buch war, aber die Schrift war zu verblichen. Nachdem er ein paar Seiten geblättert hatte zog er den Schluss, dass es einfach nur ein altes Zauberbuch war. Einige der Flüche und Zauber waren veraltet. Einfachere und effektivere Zauber waren längst entwickelt worden.
„Großartig." Mit einem frustrierten Seufzer schlug er das Buch wieder zu. "All das für ein unbrauchbares Zauberbuch in einem geheimen staubigen Raum.
Als er das Buch wieder in sein Versteck zurückwerfen wollte, fiel etwas zwischen den Seiten hervor. Er beugte sich herunter um den Gegenstand aufzuheben.
„Was?"
Er konnte nicht glauben was er sah. Es war ein altes Foto. Zwei Teenager lachten und winkten ihm zu. Einer der beiden war ohne Zweifel Edward Canton. Er erkannte ihn aus dem Bild im Tagespropheten. Der andere war eine junge Frau. Severus musste genauer hinsehen um zu glauben, was er da tatsächlich sah. Die junge Frau sah genauso aus wie Miss Hermine Granger. Das ergab überhaupt keinen Sinn. Er glaubte, es musste ein schlechter Scherz sein.
„Das ist kein bisschen amüsant," sagte er scharf in den leeren Raum.
Ein weiteres Foto steckte zwischen den Seiten des Buches. Es war ein größeres Bild der jungen Frau, die so sehr wie Miss Granger aussah. Sie lächelte und warf Küsse in die Kamera. Severus fühlte sich unwohl… fast so, als ob er etwas ansah, was er nicht sehen sollte. Er drehte das Foto um.
Mariah Dumbledore
Juni 1945
„Dumbledore?"
Er steckte beide Fotos zurück zwischen die Seiten und schritt zur Tür, durch die er hereingekommen war. Ohne das Passwort sagen zu müssen erschien die Tür. Sobald er aus dem Korridor für Muggelstudien heraus war, wandte er sich den Treppen zu. Er hatte einige Fragen an Professor Albus Dumbledore und nichts würde ihn davon abhalten, die Antworten zu bekommen, die er wollte.
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A/N: Im nächsten Kapitel stellt Severus Dumbledore zur Rede! :)
Habe das Kapitel bereits fertig und es wird online sein, sobald ff wieder richtig funktioniert.. momentan kann ichs nämlich nicht hochladen.. :(
